01.03.2014

HEILIGEDas Wasserzeichen Gottes

Johannes Paul II. wird im April heiliggesprochen. Das dafür erforderliche Wunder soll sich an einer Frau aus Costa Rica vollzogen haben. Wurde sie vom toten Papst geheilt? Eine Spurensuche.
In Rom gibt es einen Ort, wo Wunder gesammelt und gesichtet werden, geprüft und gefiltert, gereinigt von aller Ruhmsucht oder heidnischem Aberglauben. Es ist die "Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse".
Die Außenstelle des Vatikans im Lateranpalast liegt an der Piazza Giovanni Paolo II. Der marmornen Straßentafel ist anzusehen, dass sie jüngeren Datums ist. Bald wird sie wieder umgeschrieben werden müssen, der Steinmetz wird das Wort "San" in die Tafel hämmern, spätestens am 27. April: Dann wird Karol Wojtyla alias Giovanni Paolo II in Rom zum Heiligen erklärt werden. Nur neun Jahre nach seinem Tod. Selten hat es eine solche Eile bei einer Kanonisation gegeben. Johannes Paul II. war ein globaler Papst, und jetzt soll er der Heilige des 21. Jahrhunderts werden, der Welt-Heilige.
Selig ist er bereits. Doch um das zweite Level der Gottgefälligkeit zu erreichen, die Heiligkeit, ist, neben vielem Aufwand, auch ein weiteres Mirakel, ein amtlich geprüftes, wissenschaftlich unerklärbares Wunder vorgeschrieben.
Dafür gibt es das Amt an der Piazza Giovanni Paolo II; Slawomir Oder, 53, ist der "Postulator" der "Causa Ioannis Pauli". Er erledigt den Behördenkram in der Heiligsprechung, wirkt als Ermittler zwischen Himmel und Erde, bei dem alle Indizien, Zeugenaussagen, Mirakelberichte zusammenlaufen. So haben seine Leute sämtliche Schriften des Karol Wojtyla gesichtet, vom frühen Theaterstück "Der Laden des Goldschmieds" bis zur letzten, kaum noch hörbaren Ansprache.
Der Monsignore ist ein Vertreter des neuen Polen, vielsprachig, effizient, seit kurzem mit gepflegtem Stromberg-Bart. Er könnte auch ein Start-up leiten. Sein Büro im vierten Stock des Lateranpalastes ist mit Akten, Papstbildern, Reisesouvenirs gefüllt. Gleich neben dem Eingang steht eine Vitrine. Ein weißes Käppchen, ein Federmäppchen. Monsignore Oder hat nur auf die Frage gewartet: "Ja, das sind Originale." Er zeigt auf ein rundes Reliquiar, darin ein Stück Stoff mit grauen Flecken: "Die sind vom Tag des Attentats", dem 13. Mai 1981. Sein wertvollstes Stück.
Das Sekretariat von Monsignore Oder ist auch für die Reliquienverwaltung zuständig. Es gibt sie in drei Gütegraden, je nachdem, ob es sich um einen Körperteil Johannes Pauls handelt, also meist Haare oder Blut, oder um eine "Berührungsreliquie", nachweislich getragene Kleidungsstücke oder Accessoires. Oder aber um Dinge, die mit einer Berührungsreliquie in Berührung gekommen sind.
Körperreliquien sind derzeit etwa 400 in Umlauf. Zweitgradige ungefähr 40 000, fast ausschließlich sind das neun Quadratmillimeter große Schnipsel eines Messgewands des Papstes.
Die Zahl der Reliquien dritten Grades ist potentiell unendlich, denn es gilt das homöopathische Prinzip, wonach Substanz auch in größter Verdünnung wirkt. Allerdings, so wird gleich eingeschränkt: "Nicht als Talisman!" Eine Reliquie sei kein Hufeisen, sondern Meditationsobjekt und Fenster zum Glauben: "Nehmen Sie sich ein paar", sagt Monsignore.
Im Safe liegt die "Positio", das abschließende Gutachten. Ein Exemplar hat Papst Franziskus bekommen, das andere bleibt hier bei Monsignore Oder. Die Akte des Karol Wojtyla wiegt etwa drei Kilogramm und besteht aus vier in apostolisches Eierschalenweiß gebundenen Bänden von zusammen 2709 Seiten: "Positio super vita, virtutibus et fama sanctitatis" - "Bericht über das Leben, die Tugend und den Ruf der Heiligkeit". Darin steht die Zeugenaussage eines Dr. Helmut Kohl ebenso wie diejenige des Dalai Lama und etwa hundert anderer Zeitgenossen. Oder hat sie alle besucht in den letzten Jahren. Jeder Vernommene, sofern katholisch, musste bei seinem Seelenheil schwören, die Wahrheit zu sagen.
Im "Positio" steht auch eine lange, wundersame Geschichte, die sich vor drei Jahren zehntausend Kilometer entfernt zugetragen hat, genauer: im rechten Temporallappen des Hirns von Floribeth Mora Díaz.
Das Haus der Familie von Mora liegt an einer abschüssigen Straße am Stadtrand von San José, dort, wo sich die Hauptstadt Costa Ricas langsam in Regenwald auflöst. Floribeth Mora ist eine neunfache Großmutter von 50 Jahren, gezwängt in eine rote Stretchjeans. Auf ihrer Veranda hat sie einen Altar aufgebaut, ein buntflirrendes Privatheiligtum mit Gipsputten, Herzjesu-Kerzen, ausgedruckten Gebeten für Johannes Paul II., demnächst Sankt Johannes Paul II. "Mein Heiliger", sagt Floribeth Mora, und damit hat sie zweifellos recht.
Am 13. April 2011 kam Señora Mora zu der Überzeugung, ihr Kopf würde gleich platzen. Außerdem spürte sie ihr linkes Bein nicht mehr und musste sich immer wieder übergeben. "Migräne", hatte der Hausarzt gesagt, aber das glaubte sie nicht.
Edwin Arce, ihr Mann, fuhr sie in die Notaufnahme des Hospital La Católica von San José. Es sollte das beste der Hauptstadt für Floribeth sein, und La Católica war das beste, auch wenn immer wieder Patienten in Handschellen hereingeführt wurden, weil das Gefängnis gleich um die Ecke liegt.
Der Neurologe war Dr. Alejandro Vargas, er hätte in einer Telenovela mitspielen können, so jung, so schön, so klug. Bevor Vargas einen Kopf öffnet, pflegt er zu sagen: "Mit Gottes Hilfe, vamos ..." Floribeth Mora beschloss, das als gutes Zeichen zu verstehen.
"Mein Kopf war wie angeschwollen. Ich traute mich nicht zu niesen. Der Doktor gab mir ein Kontrastmittel und machte seine Untersuchung. Danach sagte er, ich hätte ein Aneurysma." Eine Arterien-Erweiterung. Nichts Ungewöhnliches bei Menschen über fünfzig, vor allem, wenn sie etwas übergewichtig sind und unter Hypertonie leiden.
"Ihr Blutdruck war sehr hoch. Sie litt an einem spindelförmigen Aneurysma", wird Dr. Vargas später zu Protokoll geben. "Man hätte es abklemmen können. Nur, dazu haben wir nicht die Technologie. Das Risiko einer Operation war zu groß."
Das Aneurysma von Floribeth Mora lag offenbar in einer schwer zugänglichen Hirnregion und war für die Chirurgen nicht zu erreichen. "Dr. Vargas sagte, er könne das Gefäß nicht abklemmen. Er sagte, bei einer Operation könnte ich ins Koma fallen oder für immer gelähmt sein. Er könne nichts tun."
Floribeth Mora erinnert sich, wie ein Priester zur letzten Ölung gekommen sei. Dr. Alejandro Vargas erinnert sich, er habe nur gesagt, auf seiner Station nichts unternehmen zu können: "In Mexiko oder den USA wird so ein Fall durchaus operiert. Ich habe der Señora blutdrucksenkende Mittel verschrieben und etwas zur Beruhigung. Das Aneurysma war ja nicht geplatzt. Es gab Hoffnung."
Nicht für Floribeth Mora. Sie hatte ein Problem im Kopf, und Costa Ricas bester Arzt konnte es nicht lösen. Als ihr Mann Edwin sie zurück nach Tres Ríos fuhr, weinte sie während der ganzen Fahrt. "Ich rief meine Brüder an, damit sie die Familie zusammenrufen. Ich wollte ihr sagen, dass sie immer zusammenbleiben soll, auch ohne mich. Eure Mama hat nur noch einen Monat zu leben." Floribeth Mora weinte drei Tage lang und nahm die Tabletten von Dr. Vargas. Sie betete. Und weinte weiter.
Manchmal kam eines ihrer Kinder herein und stupste sie an, weil unklar war, ob sie noch lebte. Sie war zum Sterben nach Hause geschickt worden. Und das würde sie später auch allen Priestern und dem Erzbischof und überhaupt urbi et orbi sagen.
Rein dogmatisch gesehen ist es der Kirche nicht ganz wohl mit den Wundern. Gott braucht keinen Tätigkeitsnachweis in Form von nachwachsenden Gliedmaßen. Das einzig wahre Wunder ist die Wiederauferstehung Christi.
Benedikt XVI. waren Berichte von Bauern, die über den Dorfteich wandeln, ebenso suspekt wie der Kult um Padre Pio oder die Erscheinungen von Medjugorje, wohin die Lahmen und Siechen sich schleppen. Heiligenverehrung ist kein Ersatz für eine Krankenversicherung.
Aber Menschen wollen Wunder. Eine Welt ohne die Möglichkeit des Unmöglichen wäre wie eine Lottoziehung ohne Hauptgewinn. Eine leere Welt, eine Welt ohne Gott. Deswegen wollen Menschen auch Heilige. Das ist wie Gott zum Anfassen und mit Gebrauchswert.
"Santo subito!", drängelte deswegen das fromme Volk, kaum war Karol Wojtyla gestorben. Schon am Todestag "spürten wir den Duft seiner Heiligkeit ausströmen, und das Volk Gottes brachte auf vielfältige Art seine Verehrung für ihn zum Ausdruck". Sagte Benedikt XVI. und sprach seinen Vorgänger im Galopp selig, nach nur sechs Jahren des Prüfens.
Das war am 1. Mai 2011. Anderthalb Millionen Pilger waren zur Seligsprechung nach Rom gekommen. Die Zeitungen brachten weltweit Sonderausgaben, auch "La Nación" in San José, Costa Rica.
Doch selig ist nicht heilig. Nur ein regelrechter Sankt Sowieso hat seinen eigenen Feiertag, nur seine Reliquien können überall verehrt werden, und egal, was für Akten noch auftauchen: Nur ein Heiliger bleibt unwiderruflich heilig bis zum Jüngsten Tag und auch danach.
Allerdings reicht zum Heiligsein kein "Duft", und sei er noch so stark. Die Regeln sind im päpstlichen Erlass "Divinus perfectionis Magister" nachzulesen. Demnach genügt es nicht, ein unbefleckt tugendhaftes Leben geführt oder den Kommunismus niedergerungen zu haben. Dem Heiligen muss außerdem ein bestätigtes Wunder nachgewiesen werden.
Dass er dazu in der Lage ist, wurde Johannes Paul II. schon im Zuge seiner Seligsprechung bescheinigt. Jedenfalls gab die Nonne Marie Simon-Pierre aus Puyricard in der Provence an, im Jahr 2005 durch bloßes Anrufen des Verstorbenen von ihrer Parkinson-Erkrankung geheilt worden zu sein.
Für eine Seligsprechung würde laut Reglement notfalls auch ein einfaches Martyrium ausreichen, ein Tod durch Attentat etwa. Für eine Heiligsprechung dagegen ist das Wunder Pflicht, sofern der Papst kein Auge zudrückt. Und das Mirakel muss nach der Seligsprechung stattgefunden haben. Im Falle von Johannes Paul II. also frühestens am 2. Mai 2011.
Floribeth Mora hatte in dieser Nacht nicht schlafen können und ferngesehen. Auf dem Fernseher lag die Sonderausgabe der "Nación", mit einem Foto des segnenden Papstes in Schwarzweiß.
"Am Morgen schaute ich auf sein Bild in der Zeitung. Ich hörte eine Stimme. Ja, eine männliche Stimme. Ja, auf Spanisch. Sie sagte: ,Steh auf und habe keine Angst.' Seine beiden Hände kamen aus dem Foto heraus." Floribeth Mora hat diese Geschichte schon oft erzählt. Aber weinen muss sie immer noch dabei.
Sie ist eine hübsche Frau, ernst, aber ohne jenes penetrante Strahlen, das oft nach Jenseitskontakten zurückbleibt. Ihr Mann Edwin hat erst Autoteile verkauft, jetzt betreibt er mit seinen Söhnen einen Sicherheitsdienst. Der jüngste sieht aus wie ein Punkrocker und bringt in Bananenblättern gebackenen Maiskuchen.
"Ich stand auf und sagte: 'Sí, Señor.' Ich konnte in die Küche gehen. Es ging mir etwas besser. Ich spürte eine innere Wärme. Ich war sicher, gesund zu sein, auch wenn mein Körper das Gegenteil sagte. Mein Juan Pablo", sagt Floribeth Mora.
Die Kopfschmerzen gingen zurück und waren irgendwann verschwunden. Dr. Alejandro Vargas war sehr erstaunt, als seine Patientin im Juli ohne Beschwerden wiederkam. Er sagt: "Als ich die Scans sah, dachte ich erst, es sei die falsche CD. Ich konnte keinerlei Spuren eines Aneurysmas sehen. Es sah aus wie eine ganz normale Arterie. Auch nach der Katheteruntersuchung. Mein Eindruck war: Hier ist etwas passiert. So etwas habe ich in der Literatur noch nicht gefunden."
Juan Pablo hatte geholfen.
Für Floribeth Mora war das Wunder damit eigentlich erledigt, und die Welt hätte nichts davon mitbekommen, wenn ein gewisser Pater Dariusz Raś nur eine Wurst aus Krakau mitgebracht hätte. Oder Wodka. Aber der Pater hatte gedacht, es müsse etwas ganz Besonderes sein.
Dariusz hatte sich mit einem Kollegen, Donald, in Rom angefreundet, beim gemeinsamen Studium an der päpstlichen Hochschule Gregoriana. Pater Dariusz aus Schlesien und Pater Donald aus Costa Rica. "Dariusz wollte mich besuchen, ein paar Tage ans Meer fahren, die Vulkane sehen. Was er denn mitbringen könnte. Ich hatte keine Ahnung", sagt Donald. Jedenfalls rechnete er eher mit einer Krakauer als mit Blut - Papstblut. Nur die einem Tropfen entsprechende Menge zwar, aber dafür original Johannes Paul II., mit Zertifikat in Latein: "Ex Sanguine Beati Ioannis Pauli Papae".
"Das war die erste Absonderlichkeit", sagt Donald Solano, Priester der Kirche Nuestra Señora de Ujarrás in Cartago, Ortsteil Paraíso. Das Hemd kurzärmlig, das Lächeln breit und selbstverständlich. "Papstblut bei uns in Costa Rica. Ich staune immer wieder über unseren Herrn."
Und das war erst der Anfang. Denn ohne diesen Tropfen im Reisegepäck des polnischen Paters Dariusz würde es am 27. April 2014 keine Heiligsprechung geben und auch keinen Platz, der demnächst Piazza San Giovanni Paolo II heißen wird. Denn Wunder fallen nicht einfach so vom Himmel. Wunder werden gemacht.
Der Tropfen, den der Besuch aus Krakau da neben seinen Badesachen bei sich hatte, war eingetrocknet in einem Stück Stoff und eingefasst in ein Messingbehältnis, er entstammte der letzten Blutentnahme des sterbenden Johannes Paul.
Die Ampulle hatte der päpstliche Privatsekretär Stanislaw Dziwisz, mittlerweile Erzbischof von Krakau, geerbt. Dziwisz gilt nicht nur als spiritueller Nachlassverwalter Johannes Pauls. Er hat auch das Vertriebsmonopol auf dessen Blut, das er, in diverse Reliquiare gefüllt, nach Gutdünken in alle Welt verteilt.
"Die Krankenhausampulle wurde nicht weggeworfen, sondern mit einem alten Messgewand des Papstes ausgewischt. Und davon ...", Pater Donald schnurrt jetzt vor Behagen und zögert das Ende des Satzes ein wenig hinaus, "... hatte mein Freund Dariusz uns ein Stück mitgebracht."
Am ersten Tag kamen 3000 Pilger, um den Tropfen zu begrüßen. Am zweiten Tag überlegte Pater Donald, die geplanten Ausbauarbeiten seiner Kirche vorzuziehen.
Im Korb vor der Reliquie häufen sich schon jetzt die Fürbitte-Zettel des Tages: "Mach, dass mein Sohn die Stelle im Rathaus bekommt" - "Juan Pablo, hilf, ich habe solche Schmerzen".
Streng kirchenrechtlich darf der das gar nicht. Ein Seliggesprochener kann nur in seiner Heimat verehrt werden, also in Polen, nicht in Costa Rica. Erst am 27. April wird sich Pater Donalds Blutstropfen in Heiligenblut verwandeln und damit einen Wertzuwachs bekommen wie sonst nur Kunstwerke bei Sotheby's.
"Dann kam diese Señora nach Kirchenschluss, weinte und wollte unbedingt unseren Blutstropfen sehen", sagt Pater Donald. "Ich ließ sie rein. Sie erzählte etwas von einer Heilung und dass Johannes Paul sie gerettet habe. Mein Freund Dariusz schrieb ihr eine Webadresse auf, wohin sie sich mit ihrer Geschichte wenden könne." Danach habe er, Pater Donald, den Namen der Señora wieder vergessen.
"Wir hatten für das Wunder durchaus einige Dutzend interessanter Verdachtsfälle auf der Reservebank", sagt in Rom Slawomir Oder, der Mann mit der Akte. "Meine Sekretärin gab mir die Mail der Señora Floribeth. Da war keine Eitelkeit, im Gegenteil. Eine einfache und schöne Seele, die nur an ihre Familie gedacht hatte. Und Johannes Paul lag die Familie immer sehr am Herzen. Also rief ich in Costa Rica an."
Im April 2012 bekam Pater Donald früh um sieben Uhr einen Anruf. Monsignore Oder stellte sich als Postulator der Causa Ioannis Pauli vor und kam schnell zur Sache: "Finden Sie die Señora Floribeth Mora. Wir brauchen sie."
Es dauerte einen Moment, bis der Priester sich an die weinende Frau von damals erinnerte. Mit Hilfe eines Kontakts bei der Telefongesellschaft konnte er sie aufspüren, am Stadtrand von San José, in Tres Ríos: "Der Vatikan schickte 1200 Dollar, um Floribeth in einer Privatklinik untersuchen zu lassen", sagt Pater Donald. "Das Ergebnis war dasselbe: kein Aneurysma mehr. Ich schickte die Scans per DHL nach Rom."
Die Maschinerie der Heiligenkongregation begann zu arbeiten. Zu viele Menschen warteten auf ein Wunder. Und gewiss nicht nur, weil sie krank waren.
In Washington etwa war ein "Blessed John Paul II Shrine" für 75 Millionen Dollar gebaut worden, aber die Besucher blieben aus. Die Betreiber, eine papophile Bruderschaft mit dem Namen "Kolumbusritter", warteten nur auf die Ankündigung der Heiligsprechung, um die Ausstellungsfläche zu vervierfachen. Auch hoffe man, so ein Sprecher, den Pilgern rechtzeitig ein blutbeflecktes Stück Gewand vom Tag des Attentats präsentieren zu können.
Allein in Polen sind bislang 19 Kirchen auf den Namen des ehemaligen Papstes geweiht worden. Es gibt Studienzentren, Pilgerstätten, Museen, Gedächtnispfade auf allen Kontinenten. Und alle warteten eigentlich seit der Seligsprechung nur auf eines: die Heiligkeit. The real thing. Das Wunder.
Am 17. Oktober 2012 bestieg Floribeth Mora zum ersten Mal in ihrem Leben ein Flugzeug. Pater Donald begleitete sie nach Rom. In der Gemelli-Klinik war ein Zimmer für Floribeth reserviert, auf demselben Stockwerk, auf dem damals, nach dem Attentat, auch der Papst gelegen hatte, ihr Papst Juan Pablo. Die Glaubenskongregation hatte alles vorbereitet.
Vielleicht ahnte Floribeth Mora da schon, dass aus ihrem privaten Wunder etwas anderes werden würde. Etwas Größeres, das nicht mehr viel mit ihr zu tun haben würde: ein Welt-Wunder. Sie kaufte sich zur Erinnerung eine Schneekugel mit dem Petersdom.
Es waren die gleichen Untersuchungen wie in Costa Rica, Ultraschall, Tomografie, Katheterdiagnose, unangenehm und langwierig. Floribeth wurde krank davon. Der Ausflug nach Assisi musste abgesagt werden. Sie wollte nur noch nach Hause. Sie wurde auch nicht mehr gebraucht.
"Nicht das Wunder macht den Heiligen", führt Slawomir Oder aus, der Postulator der Causa. "Es ist nur die letzte Bestätigung." Das Wasserzeichen Gottes sozusagen. Und weiter: "Jedes Wunder verlangt seine juristische Konfiguration. Die Kirche muss definitiv festgestellt haben, dass es nach der Anrufung einer Person, die im Ruf der Heiligkeit steht, eine Machttat Gottes gegeben hat, für die sich keine wissenschaftliche Erklärung findet."
Das Wunder muss eine Art TÜV durchlaufen. Ein Kongress der Theologen prüft, ob vor dem Wunder tatsächlich ein aufrichtiges und gezieltes Gebet stattgefunden hat.
Zuvor jedoch kommt die Kommission der Ärzte zusammen, gemäß Abschnitt 2.14.1) der Bestimmung "Divinus perfectionis Magister": "Die behaupteten Wunder, zu denen von dem dazu bestellten Berichterstatter ein Schriftsatz vorbereitet wird, werden im Kreis der Sachverständigen (wenn es sich um Heilungen handelt, im Kreis der Ärzte) geprüft; deren Stellungnahmen und Schlussfolgerungen werden in einem genauen Bericht dargelegt."
Die Namen der Ärzte dürfe er nicht nennen, sagt Postulator Oder, nur so viel: "Es handelt sich um Autoritäten, die nicht unbedingt der Kirche nahestehen."
Im November klingelte das Telefon erneut bei Pater Donald. Es war der Vatikan: "Tutto bene!" Die Ärzte hätten keine wissenschaftliche Erklärung für Floribeths Heilung gefunden. "Es handelte sich tatsächlich um ein Wunder", sagt Monsignore Oder. "Die Ärzte haben eine spontane Heilung ausgeschlossen. Das Aneurysma befand sich in einem Teil des Hirns, der nicht operierbar war. Es gibt weder einen Thrombus noch eine Narbe, noch den Hinweis auf einen anderen Weg, den das Blut sich genommen hat. Es ist, als hätte es das Aneurysma nie gegeben."
Damit war der Fall klar. Für den Postulator, für die Kardinäle und Bischöfe der Kongregation und für Papst Franziskus. Am 5. Juli 2013 teilte der Heilige Stuhl mit, dass der Papst das für eine Heiligsprechung notwendige Wunder per Dekret anerkannt habe.
Was sich wirklich im rechten Temporallappen der Floribeth Mora Díaz zugetragen hat, ist ohne die Offenlegung aller Scans schwer zu sagen.
Seit dem Tod des Papstes sind so viele angebliche Wunderheilungen bekanntgeworden, dass es einen regelrechten Wettlauf gab, welches Mirakel vom Vatikan den Zuschlag erhalten würde. Brasilien, Mexiko, Polen rechneten sich Chancen aus, auch Bolivien. Weshalb nur Floribeth Mora aus Costa Rica?
Der örtliche Erzbischof Hugo Barrantes hatte in dem Fall "ein Zeichen gegen den säkularen Staat" Costa Rica gesehen, der gerade künstliche Befruchtung entkriminalisieren wollte.
"Ein Wunder ist kein zufälliger Eingriff des Herrn", sagt Slawomir Oder, der es wissen müsste. "Es trägt immer eine tiefere Botschaft in sich. Im Fall der Señora Floribeth ist es eine Botschaft für das Leben und die Familie."
Das ist eine Version der Geschichte. Es gibt eine andere.
"Es sollte keine Nonne sein. Denn eine Nonne hatten wir schon bei der Seligsprechung." Das sagt Daniel Blanco, Kanzler der Diözesankurie von San José in Costa Rica. Seine Unterschrift steht auf dem offiziellen Bericht über das Wunder von San José. "Es hat den Fall sehr befördert, dass sie aus Lateinamerika kommt, wo Johannes Paul II. sehr geliebt wird. Und dass sie eine Mutter ist, die mitten im Leben steht."
Außerdem habe Kardinal Stanislaw Dziwisz, der Erzbischof von Krakau, der letztendliche Absender der Blutreliquie des Paters Donald, großes Engagement gezeigt: "Er rief in der Schlussphase fast jeden Tag an und fragte, wie weit wir seien." Mit dem Wunder.
Am 27. April 2014 wird Rom wieder überquellen von Pilgern, wenn ein neuer Name ins Verzeichnis der Heiligen eingetragen wird: Sankt Karol.
Pater Donald Solano wird bis dahin seine Kirche ausgebaut haben. Neue Visitenkarten für seine Kirche hat er schon drucken lassen. "Heiligtum" steht jetzt darauf.
Dr. Alejandro Vargas, der erste Arzt des Falles, erzählt, dass jetzt Patienten kämen und nur seine Hand berühren wollten. Kürzlich, bei einer schwierigen Operation unter dem Mikroskop, habe er vor lauter Blut blind operieren müssen und gespürt: "Jemand nahm meine Hand, und die Blutung hörte auf."
Floribeth Mora sitzt jetzt während der Messe immer in der ersten Reihe. Neulich kamen Leute aus Bosnien bei ihr zu Hause vorbei und baten um ihren Segen. Dass sie ihren Juan Pablo zum Heiligen gemacht hat, dass ihr Name bald in allen Sprachen genannt, dem Wunder in ihrem Kopf für einen Moment lang von Millionen nachgedacht werden wird, das ist ihr immer noch nicht ganz klar.
Das Leben der Floribeth Mora Díaz hat sich nur in einer Beziehung grundlegend verändert. Es geht weiter. Was aber, wenn sich in ihrem Hirn wieder ein Aneurysma bilden würde? "Kirchenrechtlich wäre das eine komplett neue Krankheit", hat der Postulator gesagt. Dafür wäre dann ein neues Wunder nötig. Oder ein besserer Arzt.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 10/2014
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