01.03.2014

Der dunkle Lord

ORTSTERMIN: In Potsdam beginnt Thilo Sarrazin seine Lesereise durch das Land des „Tugendterrors“.
Ist die Straße abgesperrt? Gibt es Demonstranten? Wie viele Polizisten sind im Einsatz? Kommt Sarrazin durch die Vorder- oder die Hintertür?
Dienstagabend in Potsdam: Fünf Einsatzwagen der Polizei stehen vor der Tür. 50 Demonstranten, dazu ein kleiner Lautsprecherwagen von Ver.di. Die Lesungsbesucher stehen in einer Schlange am Einlass und werden mit Trillerpfeifen ausgepfiffen, was den Abenteuerfaktor der Veranstaltung wohlig verstärkt. Bei welcher Lesung bekommt man das geboten? Polizei, Personenkontrolle, Demo?
Drinnen, im Nikolaisaal, sitzt dann aber nur, ganz ordentlich, Thilo Sarrazin. Der Herr im Rentenalter und mit Schnurrbart.
Sarrazin hat ein neues Buch geschrieben, es heißt: "Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland". Es ist 400 Seiten dick und steht kurz nach Erscheinen bereits auf Platz eins der Bestsellerliste von Amazon. Das ist ein Grund zur Freude für den Autor, aber Sarrazin wirkt muffelig. Die Vorabrezensionen waren wieder schlecht.
"Fünf Verrisse", sagt Sarrazin enttäuscht. Andererseits sind die Verrisse natürlich auch gut. "Sie bestätigen die These meines Buchs", sagt Sarrazin und schaut ins Publikum.
Wen sieht er da? Rentner. Rentnerpärchen, bürgerlich, heterosexuell, deutsch. Im September 2010 startete Thilo Sarrazin hier im Nikolaisaal seine Lesetour mit dem Buch "Deutschland schafft sich ab". Damals war der Ansturm riesig. Heute ist der Saal nicht ausverkauft, es bleibt bei rund 500 Besuchern. Sie sind gekommen, um den Mann zu sehen, der die Wahrheit sagt. Darüber, wie es aussieht im Land. Ungeschminkt, furchtlos, verständlich. Ohne Political Correctness und "Gutmenschentum". Natürlich könnten sie auch zu Helmut Schmidt gehen, aber Thilo Sarrazin ist noch ein bisschen schriller, direkter, härter. The German master of disaster.
Sarrazin geht ans Stehpult und erläutert die These seines Buchs. Sie lautet: Es gibt zu viel Gleichmacherei in Deutschland. Der alte Traum vom Sozialismus sei zwar gescheitert, aber eine Idee zurückgeblieben: "Gerechtigkeit durch Gleichheit." Deutschland werde heute beherrscht durch die "abstruse Dominanz der Gleichheitsideologie". Die Folge? "Tugendterror und Meinungskontrolle", sagt Sarrazin. "Ein Klima, in dem Menschen ihre Meinung nicht mehr frei äußern."
Damit meint Thilo Sarrazin natürlich vor allem Thilo Sarrazin. Er steht dort als gekränkter Mann. Er hat, wenn man so will, ein Buch über sich selbst geschrieben, ein Opferbuch, verpackt als Sachbuch. Sarrazin fühlt sich missverstanden, skandalisiert von den Medien und der politischen Klasse. Und in gewisser Weise kann man ihn sogar verstehen.
Wenn man zurückblickt ins Jahr 2010, in die Wochen der Aufregung um sein Buch "Deutschland schafft sich ab", dann wirkt diese Zeit unwirklich hysterisch. Die Bundeskanzlerin schaltete sich ein, es gab eine Islamdebatte, ein Parteiausschlussverfahren. Sarrazin war ein Nazi, ein Rassist, ein Rechtspopulist, er war der gefährlichste Mann im Land, beschützt von Bodyguards. Der dunkle Lord.
Das ist zwar alles kein Beleg für "Tugendterror". Aber für eine gesellschaftliche Erregungsbereitschaft, die auf einer großen Unsicherheit fußte: Wie geht man um mit jemandem wie Sarrazin?
Aus heutiger Sicht: am besten sehr gelassen. Je größer die Aufregung, desto größer die Buchverkäufe.
Seltsam ist natürlich, dass Thilo Sarrazin den "Mainstream" so sehr verdammt. Denn ohne den Mainstream wäre Sarrazin kein Anti-Mainstream-Autor und damit kein Bestsellerautor und kein Verkaufsmillionär. Anti-Mainstream-Autor ist ein lukratives Berufsbild. Man muss sich nur entscheiden: Geld oder Liebe?
Sarrazin setzt sich in einen Sessel. Die Zuschauer dürfen Fragen stellen und sind interessiert an Zuwanderung, Homosexualität und Islam. Den Sarrazin-Klassikern. "Ein nennenswerter eigener Beitrag des Islam zur Hochkultur ist nicht überliefert", antwortet Sarrazin. Beifall. "Es gibt nicht nur Minderheitenrechte, sondern auch Mehrheitenrechte." Beifall. "Der Homo-Ehe fehlt der eigentliche Inhalt: Kinder zeugen." Beifall. "Ich persönlich finde einen Mann im weißen Brautkleid etwas albern." Beifall.
Am Schluss, nach anderthalb Stunden, sind die Polizisten weg, die Demonstranten auch. Die Rentner im Saal wirken etwas enttäuscht. Eine Sarrazin-Lesung ist ja vergleichbar mit einem Erotikfilm im Nachtprogramm: Alle warten auf die scharfen Stellen. Auf den Moment, wo es knallt.
Dann tritt ein junger Mann zu Sarrazin ans Pult, legt ein kleines Plakat hin und sagt: Geben Sie mir ein Autogramm? Auf das Blatt sind eine Sarrazin-Karikatur gemalt und die zwei Worte: "Halt's Maul".
Sarrazin kämpft ein paar Sekunden um eine Reaktion. Einige Lesungsbesucher schauen gespannt. Die scharfe Stelle!
Eine souveräne Reaktion wäre: Sarrazin signiert. Vielleicht verbunden mit dem Lob: Das haben Sie sehr schön gemalt. Aber Sarrazin zischt, den Kopf geduckt: "Gehen Sie weg, gehen Sie weg!"
Und dann geht der Mann einfach weg.
Das größte Problem für jeden Skandalautor ist die Gewöhnung an den Skandal.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 10/2014
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