01.03.2014

Kühlschränke mit Stromvertrag

RWE schreibt 2,8 Milliarden Euro Verlust. Ideen zur Sanierung des Energieversorgers fehlen.
Für RWE-Chef Peter Terium müssen es harte Arbeitstage gewesen sein beim Weltwirtschaftsforum im Schweizer Luftkurort Davos. "Fünf Tage lang", schildert der RWE-Chef im hauseigenen Intranet, habe er "im Stundentakt" Gespräche mit hochkarätigen "Geschäftspartnern, Politikern und Finanzexperten geführt". "Speed-Dating" sei das gewesen, anstrengende Arbeit ohne Pausen. Es sei nicht einmal Zeit geblieben, die Sonne, den Schnee und die herrliche Landschaft zu genießen.
Und während andere Konzernchefs sich bei Galabanketts, Kaminrunden und ausgedehnten Spaziergängen in den Bergen entspannten, hadert Terium via Intranet mit der viel zu kurzen Nachtruhe: "Mittwoch gab es um acht Uhr Frühstück, am Donnerstag um sieben Uhr und heute ging es schon um 6.30 Uhr los - ohne Frühstück." Wegen eines Kurzinterviews für das Frühprogramm der BBC, bei dem Terium bei "minus acht Grad" auf einem "kalten Barhocker vor dem Hotel" sitzen musste.
Seit Tagen sorgen die Schilderungen des RWE-Chefs für Gesprächsstoff im Konzern. Gleichzeitig wird die Frage immer lauter, ob der gebürtige Niederländer wirklich der richtige Mann ist, das Unternehmen aus der schweren Krise zu führen.
Das hat damit zu tun, dass Terium wenig Gespür für die Befindlichkeiten seiner 67 000 Mitarbeiter zu zeigen scheint, die um ihre Arbeitsplätze bangen: Auf Konzernkosten gönnt er sich die eine oder andere Annehmlichkeit, sei es den überlangen Dienstwagen oder Übernachtungen in Luxushotels.
Viel schwerer aber wiegt, dass er bislang kein wirklich überzeugendes Konzept zur Sanierung des kriselnden Konzerns vorlegen kann. "Der monotone Verweis auf die Schwierigkeiten der Energiewende und das Auflegen immer neuer Sparprogramme", sagt ein Vertreter der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat, "reicht jetzt nicht mehr aus."
Denn die Situation ist mehr als bedenklich. Am Mittwoch erst musste Terium seinen Kontrolleuren bei einer Sitzung des Gremiums eine weitere Hiobsbotschaft überbringen. Danach wird RWE erstmals in seiner über hundertjährigen Geschichte einen Verlust ausweisen - rund 2,8 Milliarden Euro. Das will der RWE-Chef auf einer Pressekonferenz am Dienstag kommender Woche in Essen bekanntgeben.
Außerdem mussten die Werte von Kraftwerken und Firmenbeteiligungen im laufenden Jahr um knapp fünf Milliarden Euro korrigiert werden. Die Nettoverschuldung stieg von 17 Milliarden Euro im Jahr 2007 auf inzwischen 31 Milliarden Euro. Für die Aktionäre wird deshalb die Dividende halbiert. Arbeitnehmer müssen mit weiteren Sparrunden rechnen.
Mit welchen Geschäftsideen und vor allem mit welchen Produkten RWE in Zukunft wieder Geld verdienen soll, diese Antwort blieb Terium dem Aufsichtsrat schuldig. Manche Idee wirkt eher hilflos. So haben sich die Top-Führungskräfte des Konzerns vor wenigen Wochen allen Ernstes mit einem Konzept auseinandergesetzt, das vorsah, über große Elektromärkte in den Verkauf billiger Kühlschränke einzusteigen. Analog zur Handy-Branche, so der Plan, sollten die Geräte durch einen angeschlossenen Stromvertrag subventioniert werden.
Außerdem kursieren im Unternehmen Überlegungen, den Aufbau eines bundesweiten Netzes von Stromtankstellen für Elektroautos und den Verkauf ferngesteuerter Heizthermostate weiter anzukurbeln. Beides hatte sich auch schon Teriums Vorgänger Jürgen Großmann vorgenommen - ohne Erfolg.
Dort aber, wo wirklich ein Stück Zukunft liegen könnte, setzt der RWE-Chef den Rotstift an, etwa beim zügigen Aufbau von Ökostrom-Angeboten. Für die ursprünglich geplante Errichtung großer Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee ließ er die Mittel drastisch zusammenstreichen.
Stattdessen forciert er den Verkauf weiterer Unternehmensteile. Die Hamburger Öl- und Gasfördertochter Dea soll bereits in den nächsten Wochen zwischen drei und fünf Milliarden Euro einbringen. Mit diesem Geld hofft Terium den Konzern zumindest bis zum nächsten Jahresabschluss im Februar 2015 über Wasser halten zu können.
Ob er im Vorfeld der Bilanzpressekonferenz noch einmal zum Weltwirtschaftsgipfel nach Davos reisen wird, ist fraglich. Und das hat nicht nur mit der vermeintlich hohen Arbeitsbelastung vor Ort zu tun.
Illustre Begleitveranstaltungen wie das von RWE für Manager und Journalisten traditionell ausgetragene Skirennen zum Abschluss des Gipfels passen so gar nicht zur Lage und zur Stimmung in dem schwer angeschlagenen Energiekonzern. Auch Terium scheint das zu ahnen.
Das Sportvergnügen im Tiefschnee, schreibt er in seinem Reisebericht im Internet, solle deshalb "geprüft" werden.
Von Frank Dohmen

DER SPIEGEL 10/2014
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