01.03.2014

Flug 724, Zielort Guinea

GLOBAL VILLAGE: Wie ein deutscher Vogelkundler in Europas Abschiebungsmaschinerie geriet
Die Pfuhlschnepfe. Was wissen wir schon über die Pfuhlschnepfe, Limosa lapponica? Nicht zu verwechseln mit der Uferschnepfe, Limosa limosa. Und wer ist schon mal barfuß auf Kolgujew herumgelaufen? Östliche Barentssee. Nie gehört? Nur Lehm, Torf, Vogelscheiße, aber die Brutinsel Tausender Watvögel, die an der Nordseeküste Rast machen. Im Herbst, auf dem Weg nach Afrika. Und wieder im Frühling, auf dem Rückweg nach Kolgujew. Das ist er, der große Vogelzug.
Gerhard Nikolaus sitzt in Socken in seinem Haus in Cuxhaven. Hinter ihm in Vitrinen liegen um die hundert Vogelschädel, er hatte mal 18 000, bis er sie einem Museum vermacht hat. Im Regal stehen Bücher, deren Titel mit "Birds of" anfangen und dann auf "South Sudan" (einbändig), "Africa" (achtbändig) oder "the World" (16-bändig) enden. "South Sudan" ist von ihm.
Nikolaus, 66, ist Vogelforscher, er sieht selbst so aus wie das, was man landläufig einen merkwürdigen Vogel nennt: Er trägt Nickelbrille, Wucherbart und eine Frisur, die auch zum Nistplatz taugen würde. Bei Vögeln kennt er sich aus, bei Menschen nicht so. Deshalb kann er nicht verstehen, was ihm da kürzlich in einem Flugzeug passiert ist. Dabei ist die Sache aus Sicht der Verhaltensforschung einfach: Nikolaus wurde von der eigenen Population ausgestoßen, weil er sich nicht artgerecht benommen hat. Also nicht so gleichgültig wie viele andere.
Der Flug Air France 724 am 16. Januar von Paris nach Guinea soll eigentlich um elf Uhr abheben. Mit Nikolaus und der Vogelforscherin Franziska Hillig an Bord, außerdem mit zwei Mitarbeitern der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer. Sie sind auf dem Weg zur Vogelzählung in Westafrika: Wie viele Vögel kommen dort an? Warum immer weniger zurück? Ein internationales Forschungsprojekt.
Als sie in die Maschine steigen, sitzen hinten schon Polizisten, mit einem Mann, einer Frau, beide Schwarzafrikaner. Der Mann schreit: "Kill me." Dass man ihn lieber umbringen soll, statt ihn nach Afrika zurückzufliegen. Die Frau weint. Beide waren illegal in Europa, nun werden sie abgeschoben - auf der großen Menschenflugroute der Flüchtlingswanderung. Von Süd nach Nord, dann zurück von Nord nach Süd.
Vogelforscher Nikolaus sitzt in der Nähe der beiden Afrikaner, er sagt zum Steward, dass er einen anderen Platz will, dass er dieses Leid nicht aushält. Aber die Maschine ist voll. Die Polizisten aus dem Begleitkommando beschwichtigen: alles kein Problem, am besten wegschauen. Wenn der Jet oben sei, würden die Schwarzen schon aufhören zu schreien.
Nikolaus gehört nicht zu einer dieser Aktivistengruppen, die Asyl für alle fordern. Er hat etwas gegen Abschiebungen, aber nur so allgemein. Doch jetzt geht er zu der gefesselten Frau, drängt sich zu ihr. Er sagt den Polizisten, dass das so nicht gehe. Er greift an die Handschellen, um zu zeigen, dass sie zu eng sitzen.
Noch ein Passagier, noch eine Frau beschweren sich jetzt, immer mehr Leute stehen auf, ein Tumult. Dann fährt eine Treppe ans Flugzeug, eine Sondereinheit mit Schild und Knüppel stürmt herein. Die Abschiebung wird abgebrochen, doch dann zieht der Trupp den Mann aus dem Flieger, der protestiert hat, auch die Frau. Und plötzlich zerren sie Nikolaus aus seinem Sitz. Er hat nicht einmal mehr Zeit, seine Schuhe anzuziehen, die er wie üblich ausgezogen hatte. Die Beamten schleifen ihn an den Armen hinter sich her durch den Gang wie einen Sack. Dann ist er draußen, in Polizeigewahrsam, mehrere Stunden lang, ein seltsamer Vogel im Käfig.
Im Bericht der französischen Polizei, berüchtigt für ihr rustikales Zugreifen, wenn Passagiere sich in Abschiebungen einmischen, heißt es, er habe den Flugverkehr behindert und sich gegen die Festnahme gewehrt. Nikolaus versteht das nicht. Widerstand geleistet? Er? Vogelkundlerin Hillig bestätigt: Da war kein Widerstand.
Als die Franzosen ihn gehen lassen, ist sein Flugzeug natürlich weg, sein Ticket verfallen. Leider sei kein Ersatz möglich, sagt ihm eine Dame von Air France. Auch für die Tickets seiner drei Begleiter, die mit ausgestiegen sind, gilt: kein Tausch, keine Kulanz.
Nikolaus denkt, dass er nur getan hat, was er tun musste. Das Richtige, ganz einfach. Am nächsten Tag, zurück in Bremen, kauft einer der Mitarbeiter des Nationalparks neue Tickets. Drei, nicht vier. Dann fliegen sie wieder los - aber diesmal ohne Nikolaus.
Der Chef des Nationalparks Wattenmeer, Peter Südbeck, sagt zwar, dass Nikolaus sich ehrenwert verhalten habe. Keine Frage. Aber das Vertrauen in der Gruppe sei nicht mehr da gewesen. Zumindest nicht das der beiden Männer. Was, wenn er wieder protestieren würde, falls hinten noch einmal Abschiebeflüchtlinge säßen? Einer der beiden Männer aus der Gruppe soll ihm später gesagt haben, so etwas könne er als Privatmann machen, aber nicht als Vertreter des Landes Niedersachsen, in einem Projekt für die große Vogelzählung.
Nikolaus hat nun nicht Vögel gezählt, aber er hat sich entschieden, wie ein Vogel zu sein. Frei.
Von Jürgen Dahlkamp und Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 10/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Flug 724, Zielort Guinea

Video 00:51

So groß wie ein Mensch Taucher filmen Riesenqualle

  • Video "Trumps neue Angriffe auf Kongressfrauen: Diese Leute hassen unser Land" Video 02:39
    Trumps neue Angriffe auf Kongressfrauen: "Diese Leute hassen unser Land"
  • Video "Wohnung, Atelier und Kita kostenlos: So wirbt Görlitz um junge Familien" Video 12:35
    Wohnung, Atelier und Kita kostenlos: So wirbt Görlitz um junge Familien
  • Video "Vom Retter zum Geretteten: Traktorfahrer in Not" Video 01:02
    Vom Retter zum Geretteten: Traktorfahrer in Not
  • Video "Australien: Stadtbekannte Robbe greift Hai an" Video 01:14
    Australien: Stadtbekannte Robbe greift Hai an
  • Video "Italien: Wasserhose verwüstet Strand" Video 00:40
    Italien: Wasserhose verwüstet Strand
  • Video "Ursula von der Leyen: Ihr Weg nach oben" Video 04:19
    Ursula von der Leyen: Ihr Weg nach oben
  • Video "Razzia in Italien: Polizei findet Rakete bei Rechtsextremen" Video 00:59
    Razzia in Italien: Polizei findet Rakete bei Rechtsextremen
  • Video "Containerschiff auf Kollisionskurs: Da ist ein Kran im Weg" Video 01:02
    Containerschiff auf Kollisionskurs: Da ist ein Kran im Weg
  • Video "Konzept für bemannte Renndrohne: Formel 1 in der Luft" Video 01:34
    Konzept für bemannte Renndrohne: Formel 1 in der Luft
  • Video "Schweden: Neun Tote bei Absturz von Kleinflugzeug" Video 01:21
    Schweden: Neun Tote bei Absturz von Kleinflugzeug
  • Video "Kriminaldauerdienst: True Crime in Hannover" Video 49:23
    Kriminaldauerdienst: True Crime in Hannover
  • Video "Amateurfußball: Torwart patzt - und dann..." Video 00:58
    Amateurfußball: Torwart patzt - und dann...
  • Video "Festival Zen OpuZen: Sand vom Feinsten" Video 01:21
    Festival "Zen OpuZen": Sand vom Feinsten
  • Video "3 Minuten bei -110 Grad: Brrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr!" Video 03:51
    3 Minuten bei -110 Grad: Brrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr!
  • Video "Schminken, Schweinebauch und Zensur: So tickt Chinas Jugend" Video 06:37
    Schminken, Schweinebauch und Zensur: So tickt Chinas Jugend
  • Video "So groß wie ein Mensch: Taucher filmen Riesenqualle" Video 00:51
    So groß wie ein Mensch: Taucher filmen Riesenqualle