01.03.2014

MEDIZIN„Skandalöser Missstand“

Günther Wiedemann, 60, Onkologe und Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, über den drohenden Mangel an Chemotherapie-Medikamenten
SPIEGEL: In einem noch unveröffentlichten Fachartikel warnen Sie davor, dass wichtige Chemotherapie-Medikamente knapp werden. Ist die Lage wirklich so dramatisch?
Wiedemann: Immerhin geht es um Mittel, mit denen wir bestimmte Krebsarten heilen können. Zum Beispiel um Doxorubicin, das für die Heilung von Non-Hodgkin-Lymphomen benötigt wird, oder um 5-FU, das bei bestimmten Darmkrebsarten eingesetzt wird. In den USA müssen Chemotherapien bereits regelmäßig verschoben, unterbrochen oder in ihrer Zusammensetzung geändert werden, weil es von diesen Medikamenten zu wenig gibt.
SPIEGEL: Und in Europa?
Wiedemann: Wir haben für unsere Veröffentlichung über 80 Krankenhausapotheker in 20 europäischen Ländern befragt: 96 Prozent haben schon mal einen Mangel an Krebsmedikamenten feststellen müssen - 21 Prozent selten, 39 Prozent häufig, und 36 Prozent erleben dies ständig. Auf der Website des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte werden derzeit für zwei Chemotherapeutika Lieferengpässe angegeben: für Methotrexrat und Carmustine, das für die Behandlung von Hirntumoren gebraucht wird.
SPIEGEL: Heißt das, dass lebensrettende Therapien nicht mehr durchgeführt werden können?
Wiedemann: Bislang können die Krankenhausapotheker bei uns das fehlende Medikament meist doch noch irgendwo auftreiben, zur Not in Indien. Doch die wahre Situation kennen wir gar nicht. Die Website des Bundesinstituts für Arzneimittel basiert lediglich auf freiwilligen Meldungen der Pharmahersteller.
SPIEGEL: Wie kommt es überhaupt zu diesem Mangel?
Wiedemann: Es handelt sich um Mittel, für die der Patentschutz abgelaufen ist. Deshalb lohnt es sich kaum noch, sie zu produzieren. Für mich ist das ein skandalöser Missstand: Neue Krebsmedikamente sind oft hundertmal so teuer - und haben meist einen viel geringeren Nutzen.

DER SPIEGEL 10/2014
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