01.03.2014

PSYCHOLOGIEKnallchargen als Serienkiller

Mediziner prüfen eine ungewöhnliche Lehrmethodik: Taugen Psychopathen im Film als Studienmaterial für angehende Psychiater?
Wenn eine Filmfigur dafür geschaffen wurde, den Kinobesucher in seinen Alpträumen heimzusuchen, dann ist es die Gestalt des Hannibal Lecter in dem Horrorschocker "Das Schweigen der Lämmer". Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines solchen Killers zu werden, ist allerdings gering. Einen Psychopathen von der Beschaffenheit des Menschenfressers Lecter hat es in der Realität wohl nie gegeben.
Kein von dieser befremdlichen Geistesstörung Betroffener würde sich so verhalten wie die von dem Schauspieler Anthony Hopkins verkörperte Figur. Mit dieser tröstlichen Botschaft wenden sich die beiden forensischen Psychiater aus Belgien, Samuel Leistedt und Paul Linkowski, in der jüngsten Ausgabe des Fachmagazins "Journal of Forensic Sciences" an ihre Leserschaft.
Die Enttarnung des Meisterkannibalen ist nur das Nebenprodukt einer großangelegten Erhebung: Die beiden Mediziner werteten die Darstellung psychopathischer Figuren in rund 400 Spielfilmen aus, die im Zeitraum zwischen 1915 und 2010 in die Kinos kamen. Einige der Darbietungen, so das Fazit der Forscher, böten sich gar als Lehrmaterial für angehende Psychologen und Psychiater an.
Die meisten Freaks im Film enttäuschten allerdings aus klinischer Sicht - was beweise, wie wenig ausgeleuchtet das befremdliche Leiden der Psychopathie lange war, so Leistedt und Linkowski.
Etliche Blockbuster böten eine völlig unzutreffende Darstellung der schweren Seelendeformationen, urteilen die Wissenschaftler. So prägten früher vor allem Knallchargen das Musterbild des Psychopathen. Sie rollten mit den Augen (Peter Lorre als Hans Beckert in "M - eine Stadt sucht einen Mörder"), kicherten hysterisch (Larry Drake als "Dr. Giggles"), oder ihre Gesichtsmuskeln zuckten auffällig (Anthony Perkins als Norman Bates in "Psycho"). Dieser Typus wurde dann durch jene Poltermimen abgelöst, die ihre Opfer mit Kettensäge oder Axt zerteilen. "Die Öffentlichkeit akzeptiert diese Zerrbilder - sie weiß es ja nicht besser", resümieren die Autoren.
Allerdings zeigten sich auch echte Experten zunächst kaum kundiger als die Laien vom Film. Dass Psychopathen ihre Opfer äußerst geschickt um den Finger wickeln und sie manipulieren können, dass sie sich außerdem darauf verstehen, das Blaue vom Himmel herunterzulügen - all dies blieb der Wissenschaft lange verborgen.
Der kanadische Psychologe Robert Hare ebnete diesen Erkenntnissen den Weg; er entwickelte um 1980 eine Checkliste, mit der sich Psychopathen halbwegs zuverlässig identifizieren lassen.
Die neuen Einsichten in die Psyche der Gestörten führten prompt zu einer monumentalen cineastischen Fehldeutung. Plötzlich galten die Gefühlsarmen als geniale Superschurken.
"Hannibal Lecter vereint viele Persönlichkeitsmerkmale auf sich, die im klinischen Alltag kaum je vorkommen", so Leistedt und Linkowski. Er sei "hochintelligent, mit einer Vorliebe für klassische Musik und feinste Speisen, einem nahezu katzenhaften Auftreten und einer geradezu übermenschlichen Fähigkeit ausgestattet, Dinge im Voraus zu planen".
Dabei könnte diese Beschreibung einer psychopathischen Persönlichkeit kaum weiter von der Realität entfernt sein. Zwar wird bei Psychopathen tatsächlich immer wieder ein überdurchschnittlich hoher Intelligenzquotient gemessen. Gleichzeitig geht dieser Sorte Täter aber gänzlich die Fähigkeit ab, die Folgen ihres Tuns vorausberechnen zu können.
So auch bei dem in einem Hochsicherheitsgefängnis im US-Bundesstaat Illinois einsitzenden Serientäter Brian Dugan: Sein IQ wird mit 140 beziffert. Seine Intelligenz jedoch hielt den Mehrfachmörder nicht davon ab, mehreren seiner Vergewaltigungsopfer seine Telefonnummer zuzustecken. Offenkundig war Dugan überzeugt, den Frauen habe die Misshandlung gefallen.
Erst seit wenigen Jahren werde die Filmindustrie der komplizierten Persönlichkeitsstruktur psychopathisch veranlagter Mörder gerecht, finden Leistedt und Linkowski. Als besonders gelungenes Beispiel gilt ihnen die Figur des Anton Chigurh aus dem Film "No Country for Old Men" von 2007. Dieser wenig liebenswürdige Charakter nutzt für seinen Tötungsrausch ein pneumatisch betriebenes Bolzenschussgerät; Chigurh lässt mitunter eine Münze über das Schicksal seiner Opfer entscheiden.
In dem Beutezug des von Javier Bardem verkörperten Killers erkennen die Wissenschaftler die realistischen Züge eines Bilderbuchpsychopathen; die Forensiker diagnostizieren "die Abwesenheit von Scham und Reue, Mangel an Empathie, Kaltblütigkeit gepaart mit Unbarmherzigkeit und die Unfähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen".
Auf welch banale Weise auch psychopathische Killer dem Gang der Dinge ausgeliefert sind, zeigt der Film ebenfalls: Am Schluss wird Chigurh Opfer eines gewöhnlichen Verkehrsunfalls.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 10/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PSYCHOLOGIE:
Knallchargen als Serienkiller

  • Erstmalig gefilmt: Die Schildkrötenknacker
  • Europawahl: Wer wählt wen?
  • Fridays for Future goes global: Studenten unterstützen Schüler
  • Video zu Therea Mays Rückzug: Die Premierministerin, die aus der Reihe tanzte