01.03.2014

MIGRATIONArzt, Mercedes, Anzug

Amy Chua wurde berühmt als Tiger Mom, die ihren Nachwuchs zu Höchstleistungen treibt. Nun legt die Yale-Professorin eine neue Streitschrift vor, in der sie zusammen mit ihrem Ehemann den Erfolg von Einwanderern ergründet.
Der weibliche Teil des Power-Paars tippelt über den steinernen Boden der Villa. "Es ist überhaupt nicht aufgeräumt", ruft sie aufgeregt, dabei gibt es nichts aufzuräumen. Esszimmer, Salon, Kaminzimmer nahezu leer, ein blankpolierter Flügel. Im Schnee draußen stehen zwei Hunde, Huskys, auch sie sauber und aufgeräumt.
Sie ist stolz auf dieses Haus mit seinem Fachwerk und den gotischen Buntglasfenstern. Ihr Mann, der gerade die Treppe herunterkommt, ist es weniger. "Alles Fake", sagt er. "Die Holzdecken aus Plastik, die Säulen aus Beton."
Amy Chua, 51, und Jed Rubenfeld, 54, sind Professoren für Jura in Yale, sie sind weit gekommen, ganz nach oben auf den Gipfel der amerikanischen Akademikerwelt. Sie könnten ihre Position genießen, aber Amy Chua scheint kein Mensch zu sein, der genießt. Sie will mehr, auch wenn sie dafür Todesdrohungen erhält und als Verrückte beschimpft wird wie nach der Veröffentlichung ihres letzten Buchs "Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte".
Im amerikanischen Original heißt das Buch "Battle Hymn of the Tiger Mother". Es ist tatsächlich eine Schlachtenhymne, in der sie für das trommelt, was sie unter moderner, leistungsorientierter Erziehung versteht. Was zum Beispiel heißt, dass man Kindern, die nicht Geige üben, droht, die Kuscheltiere zu verbrennen. Dass sie nicht bei Spielkameraden übernachten sollten. Dass sie nicht im Schultheater mitspielen dürfen. Alles Zeitverschwendung. Schlagzeug lernen? Der direkte Weg in die Drogensucht. Und, dass nur eine Note zählt: die Eins plus, außer vielleicht in Sport und Kunst, den Lieblingsfächern erziehungsfauler Eltern. Die Tigermutter als moderne Hexe.
Die Streitschrift brachte Chua auf die Bestsellerlisten, auf die "Time"-Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt und auf die roten Teppiche der Glamour-Welt. Man könnte fast auf den Gedanken kommen, dass ihr das Blitzlicht mindestens so gefällt wie die akademisch strenge Luft von Yale.
Nun hat Chua zusammen mit ihrem Mann ein neues Buch geschrieben. "Alle Menschen sind gleich - erfolgreiche nicht" (Campus Verlag, ab 8. März) behandelt ein Thema, mit dem man sich noch schneller unbeliebt machen kann als mit einem Erziehungsratgeber aus der Hölle. Es ist ein Buch über Immigration und darüber, warum bestimmte Gruppen von Einwanderern in den USA erfolgreich sind. Chinesen, Inder, Juden, Iraner, Nigerianer, Kubaner und Libanesen würden bessere Leistungen erbringen, weil ihre Kultur sie dazu ansporne.
Vor allem drei Bedingungen, sagen die beiden Obama-Wähler, seien entscheidend für Erfolg. Erstens das Gefühl, Teil einer Kultur mit großer Geschichte und Tradition zu sein. Zweitens die Verunsicherung durch die anfängliche Ablehnung in Amerika. Drittens die Verwandlung dieses erschütterten Selbstwertgefühls durch disziplinierte Arbeit und Affektverzicht in Aufstieg, Wohlstand und hohe gesellschaftliche Anerkennung. "Chinese zu sein wird nie ein Pluspunkt sein, es wird immer gegen dich sprechen", zitieren Chua und Rubenfeld ein asiatisches Einwandererkind. "Mein Vater wollte, dass wir schlauer sind, denn wenn wir nicht 110 Prozent geben, nehmen sie uns nicht."
Überlegenheitskultur, Verunsicherung und Impulskontrolle - Chua und Rubenfeld sprechen von einem "Dreierpack", das für großes Geld, große Autos, große Häuser und Karriere in der Firma und in der Gesellschaft sorgt. Aber bitte niemals den Erfolg genießen, sondern immer hart dafür arbeiten, dass das Errungene noch mehr wird. "Es geht um den Respekt der Gesellschaft", sagt Chua. "Iranischen Amerikanern beispielsweise geht es auf die Nerven, dass man sie ständig als Terroristen verdächtigt. Also müssen eindeutige Erfolge her: ein Beruf als Arzt, ein Mercedes, gute Anzüge."
Amerika verdankt seinen erfolgreichen Einwanderern Dynamik und Wohlstand, daran lassen Chua, Kind chinesischer Einwanderer, und Rubenfeld, dritte Generation jüdischer Immigranten, keinen Zweifel. Und es seien immer wieder neue Milieus, die nach oben drängten. "Wer vor 100 oder auch nur 30 Jahren Erfolg hatte, hat ihn heute unter Umständen nicht mehr", sagt Rubenfeld. Erfolg zerstöre oft die Voraussetzungen für Erfolg. Er mache bequem. Besonders mit den weißen Angelsachsen, die einst die USA gründeten, gehe es steil bergab. Einer wie George W. Bush, miese Noten in der Schule, trotzdem überhebliches Gehabe, sei prototypisch für den Niedergang dieser ehemals strebsamen Calvinistenkultur.
In Amerika werden Chua und Rubenfeld behandelt wie gewissenlose Brandstifter. Der Schriftsteller Suketu Mehta, ein Kind indischer Einwanderer, wirft ihnen vor, "eine neue Sprache des Rassismus" zu etablieren, bei der es nicht mehr um die Hautfarbe gehe, sondern um kulturelle Merkmale. Der üble Trick, so Mehta, sei es, bestimmte Gruppen zu loben und die unerwähnten automatisch abzuwerten.
"Lächerlich", sagt Chua. Man bekomme bereits Ärger, wenn man behaupte, dass chinesische Schüler bessere Noten hätten, weil sie täglich viel länger lernten. Mit Rassismus habe das nichts zu tun, das seien Fakten.
"Alle Menschen sind gleich - erfolgreiche nicht" ist keine ergebnisoffene soziologische Untersuchung, sondern eine Streitschrift, angelehnt an Max Webers Klassiker "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus". Eine Streitschrift mit einer steilen These und ein Versuch, diese These mit Daten zu unterfüttern. So, sagt Chua, arbeite man an der Yale Law School. "Eine originelle und kreative Idee, die trotzdem mehr Kraft hat, den Erfolg dieser unterschiedlichen Gruppen zu erklären als irgendeine andere Theorie."
Nach dem Entsetzen des Juste Milieu über ihren Erziehungsberater scheint Chua noch eine Rechnung offenzuhaben: Übrigens, ihr verhätschelten Reformpädagogen, Einwanderer, die ihre Kinder wie ich erziehen, sind dabei, in Amerika die Macht zu übernehmen.
Wer "Alle Menschen sind gleich - erfolgreiche nicht" aufmerksam liest, wird feststellen, dass dieses Buch, anders als die Bücher von Thilo Sarrazin, vor allem eine Streitschrift für Einwanderung ist. Wer fleißig ist, wird belohnt, das ist der Gründungsmythos einer Einwanderernation. Und diese Belohnung hat Folgen: Die Einwanderer der zweiten und dritten Generation assimilieren sich.
In einem Europa, in dem gerade wie in der Schweiz Kräfte erstarken, die die Brücken hochziehen und die Festung abdichten, kann eine solche Haltung nicht populär sein. Dabei braucht Europa mit seinen schwachen Wachstumsraten, vielen Rentnern und immer weniger Kindern dringend die Dynamik leistungswilliger Einwanderer. "Europa tut sich schwerer mit hochqualifizierten Immigranten", sagt Chua. "In Amerika können sie schneller mehr Geld verdienen." Für Menschen, die schnell vorankommen wollten, sei Amerika immer noch das Land der Verheißung auf Wohlstand.
Viele Daten von Chua und Rubenfeld sind beeindruckend - vor allem, was Einkommens- und Vermögensverteilung im modernen Amerika, den Besuch von höheren Schulen und Universitäten und späteren Zugang zu akademischen Berufen angeht. So sind inzwischen ein Drittel der Ärzte oder Microsoft-Angestellten indischer Abstammung, sie haben mehr Start-up-Firmen im Silicon Valley gegründet als Briten, Taiwaner, Chinesen und Japaner zusammen, sie führen heute Unternehmen wie Microsoft, Pepsi, Mastercard und Adobe, und trotzdem gilt in den USA ein Inder als Portier in einem Hotel noch immer als geschäftsschädigend.
"Das ist der doppelte Rassismus in diesem Land", sagt Rubenfeld. "Hinter dem Concierge-Tisch will der weiße Durchschnittsamerikaner am liebsten eine blonde, große Französin, weil er bei einem Inder an eine Absteige denkt. Aber wenn sie von einem Inder am Herzen operiert werden, denken sie, sie hätten einen Top-Spezialisten."
Disziplin und Einsatz der Asiaten führten dazu, so Chua und Rubenfeld, dass diese Gruppe von Einwanderern die Eliteschulen des Landes dominiere. Die Stuyvesant High School in Manhattan, die kein Schulgeld kostet und ihre Schüler durch Aufnahmeprüfungen rekrutiert, nahm im vergangenen Jahr 9 Schwarze, 24 Latinos, 177 Weiße und 620 Asiaten neu auf.
"Diese Anstrengung hat einen Namen", sagt Chua. "Sie heißt auf Chinesisch 'Chi ku' und bedeutet so viel wie 'Bitterkeit essen'." "Chi ku" zähle seit Jahrtausenden, neben Ausdauer und Fleiß, zu den konfuzianischen "Kardinaltugenden des Lernens". Wenn es nicht zur Bestnote reicht, sei nicht der Lehrer schuld oder die entscheidende Prüfungsfrage, sondern das eigene Kind.
Die beiden sind ein ungleiches Paar. Er sitzt lässig auf dem Sofa, sie tippt immer wieder auf ihrem BlackBerry herum, sucht ihre zweitgeborene Tochter Lulu, die als 17-Jährige eine Woche lang allein das Haus hüten musste, während die Eltern auf Lesereise waren.
"Ich sorge mich dauernd und versuche, alles zu kontrollieren", sagt Chua.
"Ich versuche, meine Gefühle zu kontrollieren", sagt er.
"Ich rede viel zu viel, oft auch dumme Dinge", sagt sie.
Chua ist im Mittleren Westen aufgewachsen, aber mit dem Bewusstsein, dass China schon vor 5000 Jahren die wichtigste Zivilisation auf Erden war. Englisch lernte sie erst im Kindergarten, anfangs habe sie kein Wort verstanden, sie musste schnell lernen. Ihr Vater, ein Elektroingenieur, verlangte viel von ihr und mehr, als eigentlich möglich war.
Rubenfelds Eltern, Mutter Kunstkritikerin, Vater Psychotherapeut, waren ein Produkt der sechziger Jahre, rebellierten gegen das orthodoxe Judentum ihrer Vorfahren, verlangten keine guten Noten, sprachen nie über Geld oder Karriere, ließen sich scheiden und redeten anschließend kein Wort mehr miteinander. "Aber sie ermutigten uns immer, uns künstlerisch zu betätigen", sagt Rubenfeld. Er ging mit Kevin Spacey auf die Schauspielschule, flog aber raus, weil er sich einem Lehrer widersetzte.
"Ich fühlte mich immer als Außenseiterin", sagt Chua. "Aber Jed war nie ein Außenseiter. In der Highschool war er beliebt, gut in allen Sportarten, ging aus mit den Töchtern von Senatoren." Ihre Eltern seien sehr enttäuscht gewesen, als sie erfuhren, dass der Freund ihrer Tochter eine Schauspielschule besucht hatte.
"Ich bin kein Dreierpack-Mensch", sagt Rubenfeld. Vor allem fehle ihm das kulturelle Überlegenheitsgefühl. Was er dafür im Übermaß besitze, sei ein Gefühl der Unsicherheit. Das Geleistete sei nie gut genug. Neben seiner Arbeit als Jura- professor schreibt er nachts Kriminalromane. Keine große Literatur, aber erfolgreich. Sein Buch "Morddeutung", das auch in Deutschland erschienen ist und im New York des Jahres 1909 spielt, als Sigmund Freud zu Besuch nach Amerika kam, wurde eine Million Mal verkauft.
Die Angehörigen vieler Kulturen ließen es locker angehen, wenn sie einmal Erfolg hatten, sagt Rubenfeld. Nicht so die Juden, die nur zwei Prozent der amerikanischen Bevölkerung ausmachen, aber mehr als ein Drittel der amerikanischen Nobelpreise gewonnen haben. Über Jahrhunderte hätten Juden gelernt, dass sie Angst um ihre Existenz haben müssen. "Sie werden wohlhabend, aber sie bleiben ängstlich", sagt Rubenfeld.
25 Jahre sind Chua und Rubenfeld verheiratet, sie haben sichere Professorenstellen an einer der anerkanntesten Universitäten der Welt, beide aber eint immer noch die Energie des Arbeitens, obwohl sie sich nur selten begegnen. Sie steht um 6.30 Uhr auf, führt die Hunde spazieren. Er schreibt nachts und geht erst in den Morgenstunden schlafen.
Ihr Leistungsdenken erleben sie als einen Ansporn. Bei anderen birgt der Druck eines solchen Ethos oft Gefahren. Vor allem die Töchter asiatischer Einwanderer leiden trotz guter Noten unter einem geringen Selbstwertgefühl, unter amerikanischen Jugendlichen haben sie die höchste Depressionsrate. "Meine Eltern sind nur stolz auf mich, weil sie mit dem Namen meiner Schule angeben können", zitieren Chua und Rubenfeld eine junge chinesische Amerikanerin. "Aber wehe, sie können nicht angeben. Wenn du das nicht erreichst, hast du das Gefühl: Okay, dann bin ich Müll."
Lulu, die 17-jährige Tochter, kommt ins Wohnzimmer. Sie erklärt, dass sie an den beiden vergangenen Tagen die Hunde nicht ausgeführt habe. Sie hat einen fröhlichen, selbstbewussten Blick. Sie war es auch, die gegen ihre Übermutter rebellierte, das Geigenspiel im Orchester aufgab und ihre Freizeit jetzt mit Tennis verschwendet, während die ältere Schwester Sophia, die schon im Kindergarten Bruchrechnen konnte, später Sartre las, mit 14 in der Carnegie Hall Klavier spielte und heute in Harvard Sanskrit und Philosophie studiert.
Vor ein paar Wochen hat aber Sophia ihren Eltern mitgeteilt, dass sie sich nach ihrem Studium für drei Jahre bei der Armee verpflichte. "Wir waren geschockt", sagt Rubenfeld.
Beängstigend, sagt Chua, Rebellion. Als sie die Tochter zur Rede stellte, sagte sie: "Mama, sei nicht traurig, das ist die Disziplin, die du uns beigebracht hast."
Zwei Töchter, keine Ärztin, keine Geigenvirtuosin, kein Mercedes. Im Urwald des Erwachsenwerdens hat selbst eine Tigermutter manchmal keine Chance.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 10/2014
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