01.03.2014

KINOKRITIK:Bei Dichters unterm Sofa

„Im August in Osage County“ ist eine klassische Hollywood-Familienschlacht mit Starbesetzung.
Zwei große Diven, berühmt für Höchstleistungen in den Disziplinen Heulen und Zähneklappern, treten gegeneinander an in diesem Film. Meryl Streep und Julia Roberts sind in "Im August in Osage County" Mutter und Tochter, die sich nach Jahren der Entfremdung wiederbegegnen. Das ist der Stoff, aus dem Oscar-Nominierungen gebacken werden. Es kann einem aber auch ein bisschen Angst machen vor allzu viel, allzu schamloser, ja, womöglich völlig außer Rand und Band geratener Großschauspielerei.
Die Furcht ist zum Glück unbegründet. Das Gefauche, Geflenne und Gekratze der beiden Heldinnen in diesem Film ist ein großer Spaß.
"Im August in Osage County" ist eine Familienschlacht aus dem Geist von Hollywood-Klassikern wie "Die Katze auf dem heißen Blechdach", "Giganten" oder "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?". Im sommerlichen Oklahoma steht ein von außen sehr nettes hölzernes Herrschaftshaus, in dem die krebskranke, tablettensüchtige Matriarchin Violet, gespielt von Meryl Streep, ihre in viele Himmelsrichtungen zerstreute Sippe zusammenruft.
Ihr Mann Beverly, ein erfolgloser Schriftsteller und Säufer (kurzer Auftritt im Prolog: Sam Shepard), sei verschwunden, sagt die alte Dame. Also finden sich ihre Töchter, die von Julia Roberts, Juliette Lewis und Julianne Nicholson dargestellt werden, widerwillig in der muffigen, nicht mal mit einer Klimaanlage ausgerüsteten Holzvilla ein. Sehr schnell kommt raus: Papa Beverly ist tot. Er hat sich in einem nahen See versenkt. Selbstmord.
Was ihn dazu trieb und was sonst noch an Familiengeheimnissen die Luft vergiftet im Geisterhaus in Osage County, das ist das Thema dieses Zweistundenfilms, der auf einem Theaterstück beruht. Das Werk, das unter anderem von verbotenem Sex, gepflegtem Drogenirrsinn und gescheiterten Künstlerträumen handelt, war ein Hit am New Yorker Broadway und gewann im Jahr 2008 den Pulitzer-
Preis; auch im Londoner National Theatre, im Wiener Akademietheater und in Mannheim wurde es mit Erfolg gespielt.
Der bis dahin eher unauffällige, inzwischen aber in den USA nebenbei als TV-Darsteller (in der Serie "Homeland") prominente Stückautor Tracy Letts durfte auch das "Im August in Osage County"-Drehbuch für den Produzenten Harvey Weinstein und den Regisseur John Wells schreiben, einen wackeren Routinier.
In der zentralen Szene dieses bis ins kleinste Detail genießerisch ausstaffierten Familienhorrorfilms hält Mama Violet eine Tischrede an der Beerdigungs-Festtafel. Zu der gehören neben den Töchtern und deren Kinder- und Männer-Anhang Violets Schwester Mattie Fae (Margo Martindale als böse Matrone), Matties Gatte Charles (der hier mal komisch verzweifelte Chris Cooper) und ein schwächlich missratener Kerl namens Little Charles, den Benedict Cumberbatch spielt.
Streeps Violet trägt meist eine schwarzgelockte Perücke auf dem von der Chemotherapie beinahe kahlen Haupt und eine klobige Sonnenbrille vor den Augen, als wäre sie ein Zwilling von Bob Dylan. Ihre Tischreden-Raserei aber präsentiert sie ohne Brille, mit kalt blitzenden Augen, manisch Zigaretten paffend. Sie beschimpft ihre Lieben als Blindgänger und Idioten, zerrt deren große und kleine Lügen ans Licht, ihre zerstörten Beziehungen, ihre Berufs- und Lebensdesaster. Dann prahlt sie mit ihrem eigenen Kindheitsunglück.
Ganz langsam, die Augen im kaum geschminkten Gesicht zusammengekniffen, die berühmten Julia-Roberts-Lippen bebend aufeinandergepresst, hört Violets älteste Tochter Barbara dieser Suada aus Bitterkeit, Drogenwahn und schierer Bosheit zu. Erst beschwichtigend, dann empört hält sie dagegen - und setzt schließlich in wildem Zorn zum Sprung auf das Mutter-Scheusal an. "Zum Glück kennen wir die Zukunft nicht, sonst würden wir morgens gar nicht mehr aufstehen", darf Julia Roberts in einem besonders finsteren Moment dieses seltsam vergnüglichen Höllendramas sagen. Das hat schon der griechische Tragödiendichter Sophokles so ähnlich formuliert.
Hollywood-Regisseur Wells hält sich nicht lange mit Landschaftsaufnahmen und Provinzstadtansichten aus Oklahoma auf. Das weite Land, in dem er diesen Familienzwist aus den Great Plains, den Großen Ebenen Amerikas, ansiedelt, ist die Wunderwelt der Seelenpornografie. Er lässt seine Darsteller wimmern, streiten, hassen, sie immer neue groteske Enthüllungen servieren und immer schmutzigere Kniffe anwenden, dass es eine Sudelei ist.
Und zugleich doch tolle Schauspielkunst, die man als Zuschauer heiter mitfiebernd bestaunt. Natürlich haben Julia Roberts und Meryl Streep für "Im August in Osage County" die verdienten Oscar-Nominierungen bekommen.
Kinostart: 6. März.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 10/2014
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