10.03.2014

VEREINERocker im Parkhotel

Zwei Lager der Hells Angels kämpfen um die Macht im Club. Auf einer Konferenz in Luxemburg versuchten sie, den Streit beizulegen.
Das Alvisse Parc Hotel in Luxemburg gehört zu den angenehmeren Orten für Strategietreffen. Das Vier-Sterne-Haus verfügt über ein Hallenbad, zwei Tennisplätze, Sauna, Kegelbahnen, und auch die Hausbar soll ordentlich sortiert sein. "Wir legen großen Wert auf Ihre Entspannung und Ihr persönliches Wohlergehen", verspricht die Direktion im Internet.
Diese Gastlichkeit weiß offenbar auch die gefürchtetste Rockerbande der Welt zu schätzen, weshalb die Hells Angels in der vorvergangenen Woche nicht nur den 288 Quadratmeter großen Tagungsraum "Hollenfels", sondern auch 50 Standardzimmer buchten. Von morgens um elf bis abends um neun Uhr berieten Europas führende Höllenengel im Untergeschoss über die Zukunft ihrer Gang. Mittags, Punkt zwölf Uhr, gab es Essen, angeliefert von einem örtlichen Caterer.
Angereist waren viele Rocker nicht mit ihren Motorrädern, sondern mit Familienkutschen. Doch trotz des biederen Ambientes waren die Inhalte der Konferenz durchaus brisant: Nach Erkenntnissen von Ermittlungsbehörden bekriegen sich zwei Rockerfraktionen innerhalb des Clubs.
Dieser Kampf um die Macht eskalierte in den vergangenen Monaten. Vermeintliche "Brüder" schlugen sich nieder und schossen sich an, wie aus einem internen Bericht des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts hervorgeht.
Die Konfliktlinie verläuft dabei zwischen den Generationen. Auf der einen Seite stehen die eher älteren Traditionalisten um den Frankfurter Lokalfürsten Walter Burkard, auf der anderen die jungen Wilden der Bande, angeführt von dem ehemaligen "Paten von Köln", Necati Arabaci.
Die Alten fahren noch Motorrad und halten den Codex ihres zweifelhaften Männerbundes hoch. Die Neuen, häufig mit Migrationshintergrund, setzen auf das schnelle Geld und schicke Sportwagen. Ausgerechnet Deutschlands bekanntester Rocker, Frank Hanebuth, einst Boss des mittlerweile aufgelösten Hells-Angels-Ablegers in Hannover, ebnete den Neuen den Weg in die Bande. Um einen Krieg zu vermeiden, stimmte Hanebuth vor vier Jahren zu, ein komplettes Chapter der verfeindeten Bandidos aufzunehmen. Die Truppe unter dem Kommando des türkischstämmigen Kadir Padir nannte sich "Nomads Türkiye" und ließ die Alten ihre Integrationsbemühungen schnell bereuen. Inzwischen hat der Berliner Innensenator das Charter verboten, aber die Rocker sind natürlich noch da.
Die Altvorderen des Clubs in den USA hatten vor zwei Jahren sogar einen hochrangigen Hells Angel aus New York geschickt, um zu vermitteln. Doch die jungen Wilden wollten sich offenbar nicht einmal von ihm etwas sagen lassen. Auf dem jüngsten Treffen der Hells-Angels-Bosse aus aller Welt, dem World Officers Meeting Ende 2013 in Südafrika, fällten die Delegierten den Beschluss, die Nomads müssten sich einem festen Charter anschließen - was die Rebellen ignorierten.
Deshalb berieten die arrivierten Rocker in Luxemburg bei Kaffee, Cola und Mineralwasser darüber, wie sie mit den Jungen künftig verfahren sollen. Als Unterhändler zwischen den Parteien waren Ermittlern zufolge die beiden britischen Clubkumpane Graham "Doc" Hills und Paul "Herman" McLean auserkoren. Sie sollten vor dem Treffen die Lage sondieren und vermitteln. Doch ein Gespräch mit dem Emissär der Jungen kam nicht zustande, weil er sein Zimmer im vornehmen Hilton nahe dem Tagungshotel nicht beziehen konnte. Die Polizei hatte ihn vorübergehend in Gewahrsam genommen.
Weitere Details zu den Inhalten der Konferenz in Kutten sind nicht bekannt. Der Sprecher der Hells Angels in Deutschland, Rudolf "Django" Triller, sagte, es sei ein "reguläres Meeting" gewesen. Auf die Frage, ob es auch um die internen Konflikte gegangen sei, antwortete der in einem grünen VW Sharan angereiste Altrocker: "Kein Kommentar."
Weil die Höllenengel nach den Erfahrungen deutscher Kriminalbeamter über technische Geräte zum Aufspüren von Wanzen verfügen, liegen den Ermittlern offenbar auch keine Aufnahmen aus dem Saal Hollenfels vor. Die Rocker speichern Protokolle ihrer Geheimtreffen üblicherweise auf SD-Karten, wie sie in Kameras oder Handys verwendet werden, und schmuggeln sie anschließend in ihre Heimatclubs.
So gesittet wie die Tagung verlief wohl auch die abendliche Feier im luxemburgischen Buschrodt, jedenfalls sind - entgegen den Gepflogenheiten der Szene - keine Ausschweifungen der Hells Angels überliefert. Führende Rocker sollen die Party sogar ungewöhnlich früh verlassen haben. Die Lage muss wirklich ernst sein.
Von Jörg Diehl, Claas Meyer-Heuer und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 11/2014
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