10.03.2014

KRIMINALITÄTSpäte Rechnung

Die Stadt Winnenden fordert von den Eltern des Amokläufers fünf Millionen Euro. Die wiederum wollen die Ärzte in Haftung nehmen, die Tim K. behandelt haben.
Acht Tonnen wiegt der Ring aus rauem Stahl. Wer sich durch eine schmale Öffnung zwängt, kann die eingravierten Namen auf der Innenseite der Skulptur erkennen und in der Ferne die Albertville-Realschule. Den Ort, wo alles begann.
Am 11. März 2009 tötete der Schüler Tim K. 15 Menschen und sich selbst. Wenn an diesem Dienstag um 9.33 Uhr in Winnenden alle Kirchenglocken läuten, erinnert sich eine ganze Stadt an den Tag, der ihre Geschichte für immer verändert hat.
Fünf Jahre nach dem Amoklauf ist die neue Gedenkstätte im Stadtgarten fertiggestellt. Doch die physischen und psychischen Wunden, die das Verbrechen hinterlassen hat, sind noch nicht verheilt. Und auch die juristische Aufarbeitung der Tat geht in eine neue Runde. Die Stadt Winnenden wird kommende Woche eine Klage beim Landgericht Stuttgart einreichen. Sie fordert von den Eltern des 17-jährigen Täters Schadensersatz in Höhe von rund fünf Millionen Euro.
Es ist ein Präzedenzfall. In Deutschland gibt es mehr "School Shootings" als in jedem anderen Land der Welt, ausgenommen die USA und Kanada. Aber es ist das erste Mal, dass hierzulande finanzielle Forderungen an die Familie eines Amokläufers gestellt werden.
Das liegt vor allem daran, dass Tim K. mit der Pistole seines Vaters Jörg mordete. Der hatte seine Waffe unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt. Der heute 55-jährige Sportschütze wurde 2013 wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten verurteilt. Diese Gerichtsentscheidung hatten die zivilen Kläger abgewartet.
Mehr als 50 Menschen, die bei dem Amoklauf Angehörige verloren haben oder selbst verletzt wurden, haben seitdem von der Familie Schadensersatz und Schmerzensgeld gefordert. Inzwischen hat die Haftpflichtversicherung der Familie K. sich bereit erklärt, insgesamt zwei Millionen Euro an die Opfer auszuschütten. Vor dieser Zusage wollte die Stadt Winnenden nicht aktiv werden, um den Ansprüchen der Opfer nicht vorzugreifen. Nun macht sie ihre Forderungen geltend.
Der Rechtsanwalt der Stadt, Jens Rabe, hat in langen Tabellen die Kosten aufgelistet, die der Stadt durch den Amoklauf entstanden sind - hauptsächlich die Ausgaben für die Renovierung und den Umbau der Albertville-Realschule sowie die Errichtung einer Containerschule, in der die Schüler zwischenzeitlich unterrichtet wurden. "Die Schulgemeinschaft stand nach der Tat unter Schock und hat sich schlicht geweigert, die alten Räume zu nutzen", sagt Anwalt Rabe.
Zusammen mit Psychologen habe die Stadt daher ein Konzept entwickelt, wie Schüler und Lehrer in die Schule zurückkehren könnten. Auf die Erstattung von Kosten für Beerdigungen oder Trauerfeiern habe die Stadt bewusst verzichtet, betont Rabe.
"Wir haben lange auf eine außergerichtliche Einigung mit der Familie K. hingearbeitet und verschiedene Angebote gemacht", sagt Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth, "aber es geht hier um Steuergelder in Millionenhöhe, die der Stadt an anderer Stelle fehlen. Da muss ich im Namen aller Bürger handeln, das hat auch der Gemeinderat beschlossen."
Das Stadtoberhaupt beteuert, niemand wolle der Familie K. ihre finanzielle Existenz entziehen, man sei zu Ratenzahlungen eines Bruchteils der geforderten Summe und anderen Zugeständnissen bereit gewesen. "Wir wollen mit dieser Klage auch jedem Waffenbesitzer signalisieren, dass seine Verantwortung nicht bei einer Bewährungsstrafe endet, sondern eben auch Konsequenzen für den eigenen Geldbeutel nach sich ziehen kann", so Holzwarth.
Rechtsanwalt Erik Silcher, der die Eltern Jörg und Ute K. vertritt, weist die Rechnung der Stadt zurück. "Ich halte die Klage schlicht für aussichtslos", sagt der Jurist, "deshalb habe ich meinen Mandanten auch von einem Vergleich in Höhe von 700 000 Euro abgeraten, den die Stadt zuletzt vorgeschlagen hatte." Auch ein Deal mit der Unfallkasse Baden-Württemberg kam nicht zustande. Die Versicherung fordert insgesamt 750 000 Euro für die medizinischen und psychologischen Behandlungskosten der verletzten und traumatisierten Schüler und Lehrer. Sie hatte dem Ehepaar einen Vergleich in Höhe von 250 000 Euro offeriert.
Die Eltern von Tim K. klagen nun ihrerseits gegen die Ärzte des psychiatrischen Klinikums am Weissenhof, bei denen ihr Sohn vor dem Amoklauf in Behandlung war. Das Ziel der sogenannten Freistellungsklage: Die Klinik soll für die Hälfte aller Schadensersatzzahlungen aufkommen, zu denen die Eltern aufgrund der Amoktat verpflichtet werden könnten. Der Anwalt argumentiert: "Wenn die Klinik nicht erkannt hat, dass der Junge eine Gefahr ist, wie hätten es dann die Eltern wissen können?"
Oberbürgermeister Holzwarth sagt, er wünsche sich weiterhin eine gütliche Einigung mit der Familie. Dann würden zukünftige Gedenktage nicht mehr von Prozessen überschattet. Doch Rechtsanwalt Silcher sieht wenig Spielraum. "Die Familie von Tim K. ist fest entschlossen, den Fall im Zweifel bis zum Bundesgerichtshof durchzufechten", so der Jurist. Und das kann Jahre dauern.
Von Simone Salden

DER SPIEGEL 11/2014
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