10.03.2014

ZENTRALAFRIKAYagouzous Krieg

Erst putschten muslimische Rebellen gegen die Regierung, nun rächen sich christliche Milizen mit Mord und Plünderungen. Eine Reise durch ein Land am Rande des Zusammenbruchs.
Hinter acht Checkpoints wartet der Mann, der für das Töten in Bangui verantwortlich ist. Kommandeur Sylvestre Yagouzou sitzt auf einem Sofa im Freien und hat Kopfschmerzen. Er schluckt eine Diclofenac, steckt sich eine Zigarette an, legt die nackten Füße auf den Holztisch vor ihm und rückt seine weiße Adidas-Jacke zurecht, auf der "TSV Pflaumheim" steht. Er hat sich die Jacke auf dem Markt in Bangui gekauft, er liebe Deutschland, sagt er.
Ein paar Männer in Armeeuniform treten an den Tisch, salutieren und stehen stramm. Yagouzou winkt sie weg, ohne sie anzusehen. Manchmal spricht er Befehle in sein Funkgerät oder schaut auf eines seiner Handys, er muss gleich noch ein paar seiner Leute aus dem Gefängnis befreien. Seine Leibwächter lungern hinter dem Sofa herum, sie tragen keine Uniform, sondern Amulette zum Schutz gegen Gewehrkugeln. Vor dem Kampf nehmen sie Drogen, sagen sie. Das versetzt sie in den Rausch, der nötig ist, um Menschen mit Macheten zu zerteilen.
Yagouzou war einmal Automechaniker, doch dann stürzten die mehrheitlich muslimischen Seleka-Rebellen im März 2013 den Präsidenten. Nachdem die Seleka in die Hauptstadt eingefallen waren und seine Werkstatt geplündert hatten, schloss Yagouzou sich einer Gegenmiliz an, den christlich-animistischen Bürgerwehren der Anti-Balaka. Auch viele Armeesoldaten wechselten die Seiten und unterstellten sich den Gruppen, die sich anfangs gegen die Seleka verteidigten und später begannen, Jagd auf alle Muslime zu machen. So sehr, dass viele Beobachter von ethnischen Säuberungen sprechen, andere von drohendem Genozid.
Yagouzou wurde zum Kommandeur der Anti-Balaka in Bangui. Wenn man ihn fragt, wie es möglich war, vom Automechaniker zum Rebellenanführer aufzusteigen, sagt er: "Gott hat mich benutzt, so wie er Mose benutzt hat, um sein Volk aus der Sklaverei zu führen."
Der Rebellenkommandeur sitzt ein paar hundert Meter vom Flugplatz entfernt, etwas versteckt zwischen den Bäumen. Seit die Mitte Januar eingesetzte Präsidentin Catherine Samba-Panza seine Anti-Balaka als Mörder und Plünderer bezeichnet und die Armee in die Kasernen zurückgerufen hat, lässt er sich nicht mehr so gern in Bangui sehen.
Alle paar Minuten landet eine Maschine der Uno oder der französischen Armee auf dem Flughafen, dann muss Yagouzou beim Reden kurz pausieren. "Wir freuen uns über sie alle", sagt er höflich über die aussteigenden Soldaten und Diplomaten, als wären sie seine Gäste. Tatsächlich kommt die Welt auch wegen Sylvestre Yagouzou in die Zentralafrikanische Republik. Denn er war es, der einen der großen Angriffe anführte, am 5. Dezember 2013. An jenem Tag, an dem die Anti-Balaka mit Macheten, Granaten und Kalaschnikows in Bangui einfielen und nach Tagen der Kämpfe vielerorts nichts zurückließen als Ruinen.
Yagouzou sagt, das sei Notwehr gewesen. "Wir haben nicht angefangen", sagt er. "Sie waren es." Er meint die Seleka, er zeigt auf die Stadt hinter dem Flughafen, dorthin, wo die Muslime lebten. An seiner linken Hand blitzt dabei ein Silberring, "Jesus" steht darauf.
Heute sind dort, wo sein Finger hinweist, viele Viertel menschenleer, mit weißer Farbe haben die Mörder ihre Namen auf die Brandruinen gemalt. Ziegel verwüsteter Moscheen werden von Plünderern abgetragen, Dachbalken mitgenommen, zurückgelassene Möbel und Kleider auf den Märkten verkauft. Die Muslime des Landes fliehen, wenn sie können.
Seit Jahrzehnten haben Christen und Muslime friedlich zusammengelebt. Doch wenige Monate reichten, um das Land in einen blutigen Konflikt zu treiben - und die Versorgung mit Lebensmitteln zusammenbrechen zu lassen. Die Muslime waren Händler, viele hatten es zu Wohlstand gebracht, Christen angestellt und besaßen große Viehherden. Jetzt, wo sie weg sind, steigen die Preise, hungern die Armen.
Eine Million Menschen sind auf der Flucht, die Hälfte davon Kinder, mehr als eine Viertelmillion haben die Zentralafrikanische Republik bereits verlassen. Es ist eine der größten Massenfluchten Afrikas. Jeder zweite der gut fünf Millionen Einwohner braucht Hilfe, sei es Medizin, Nahrung oder nur ein Dach über dem Kopf. Westliche Ärzte sagen, dass sie zuletzt vor 20 Jahren in Ruanda Verletzungen dieser Art gesehen hätten.
In Sichtweite des Rebellenchefs steht ein Hangar der Luftwaffe, heute ist er ein Flüchtlingslager. Zwei alte sowjetische Helikopter stehen darin, draußen rostet ein Dutzend Propellermaschinen vor sich hin. Darunter sitzen Muslime im Schatten, kochen auf kleinen Holzfeuern. Die meisten sind Nomaden, das Fleisch ihrer Ziegen und Kühe ernährte früher auch die christliche Mehrheit. Heute werden sie selbst gejagt wie Tiere.
Deshalb haben sie sich hierher geflüchtet, in die Nähe der französischen Soldaten, die am Flughafen ihr Hauptquartier haben. Jedes Mal, wenn ein Flugzeug landet, packen sie eilig ihre Sachen zusammen, in der Hoffnung, dass es sie von hier fortbringt. Sie wollen nach Kamerun, vielleicht in den Tschad, nur weg.
Kaum jemand hat sich um die Gestrandeten gekümmert, am Anfang gab es keinen Strom, kein Wasser, keine Medikamente, keine Toiletten, kein Essen. Tausende drängten sich in den Hangar. Als eine der ersten Hilfsorganisationen wurde Ärzte ohne Grenzen aktiv. Der Österreicher Marcus Bachmann ist einer ihrer Einsatzleiter, er hat eine Krankenstation aufgebaut. Ein Fünftel der Kinder sei unterernährt, sagt er, die Hälfte habe Malaria.
Bachmann war im Kongo und im Südsudan, in Bangladesch und Haiti, aber hier, sagt er, sei er an seine Grenzen gestoßen. Auf dem Weg zu den Verletzten in den muslimischen Vierteln sagten ihm die Anti-Balaka an den Checkpoints: "Die nächste Granate ist für euch." An einem Nachmittag sah er zu, wie neben ihm ein Mob in wenigen Sekunden einen Markthändler zerhackte. Ein Soldat stand daneben und tat nichts. Bachmann deckte die Leiche ab und rief das Rote Kreuz.
Selbst die Kranken müssen jetzt mit gepanzerten Fahrzeugen transportiert werden; selbst aus den Kliniken werden Muslime geholt und ermordet. Noch nicht mal ihre Toten können die Muslime begraben, denn ihr Friedhof liegt in der Nähe der christlichen Viertel. Nur noch wenige Muslime leben in der Stadt, hinter Stacheldraht und Betonsperren, beschützt von französischen Elitesoldaten und der Afrikanischen Union. Und auch dort sind sie längst nicht sicher, die Angreifer kommen über Schleichpfade.
Und das ist nur Bangui, was auf dem Land passiert, ist kaum bekannt. Unter Uno-Mandat entsandte die Afrikanische Union 6000 Soldaten, dazu wurden 2000 französische Kämpfer stationiert. Doch sie sind nur in Bangui und wenigen anderen Städten, wo sie versuchen, die Milizen zu entwaffnen und Flüchtlingskonvois zu schützen. Wahrscheinlich ist es ihnen zu verdanken, dass es zu keinem zweiten Ruanda gekommen ist, dass die Zahl der Toten nicht höher liegt. Aber sie sind zu wenige, um das ganze Land zu sichern. Da hilft auch das Sanitätsflugzeug nicht, das Deutschland möglicherweise schicken will. Die Uno hält mindestens 10 000 weitere Soldaten für nötig.
Peter Bouckaert, den Krisenmanager von Human Rights Watch, kümmert die Unsicherheit wenig. Er war lange vor den Soldaten hier, er ist meist einer der Ersten in Kriegsgebieten. In Bangui packt er jetzt seine Sachen auf einen Geländewagen: Benzin, Wasser, Zelt, Kettensäge, falls umgestürzte Bäume den Weg versperren. Diesmal will er fünf Tage lang durch das Land fahren, Menschenrechtsverletzungen dokumentieren und mit allen Parteien reden. "Es geht nicht nur darum, den Leuten Essen und Medikamente zu bringen, wir müssen das Töten stoppen."
Bouckaert macht diese Arbeit seit 17 Jahren. Er dokumentierte Massengräber, Folter, Morde; Waffenlager in Libyen, Massenvergewaltigungen in Guinea, illegale Festnahmen der CIA. Wie ein Notar des Grauens hält er alles in einem kleinen, schwarzen Notizbuch fest.
An diesem Donnerstag vorvergangener Woche fährt Bouckaert nach Boda, etwa fünf Autostunden westlich von Bangui. Muslime haben den Markt der Christen niedergebrannt und Christen den Markt der Muslime. Jetzt sind nur noch die Inschriften an den Läden zu erkennen: hier "Jesus ist die Quelle der Liebe" und dort "Es gibt keinen Gott außer Gott". Auf dem Hügel zwischen Muslimen und Christen haben sich französische Soldaten aufgestellt, Gewehre im Anschlag, daneben spielen Kinder.
Es ist schon spät, Bouckaert muss einen Übernachtungsplatz finden. In der katholischen Mission entschuldigt sich der Pater: kein Platz. Auf den Fluren und in den Gärten haben Hunderte Christen ihr Quartier aufgeschlagen. Bouckaert stellt sein Zelt schließlich bei den Franzosen auf, seinen Wagen parkt er als Schutzschild gegen Schüsse daneben. Dann klappt er seinen Laptop auf und zieht eine Flasche Whisky aus dem Rucksack. Vor wenigen Tagen war er in der Schweiz Ski fahren. Jetzt ist er hier im Krieg; Bouckaert ist das gewohnt, sechs Monate im Jahr ist er von einer Krise zur nächsten unterwegs.
Er erzählt von einem Jungen, der vor ein paar Tagen auf ihn zukam und ihm ein abgehacktes Bein ins Auto legen wollte. Auf dem T-Shirt des Jungen stand "Zentralafrika". Er hat ein Foto davon per Twitter in die Welt geschickt. Früher, sagt Bouckaert, hätten Leute wie er nach einem Krieg seitenlange Berichte geschrieben, die in den Schubladen verschwanden. Heute fotografiert und twittert er jeden Verhungernden und jeden Massakrierten. Ein Kameramann begleitet ihn und filmt jede Begegnung; Human Rights Watch beschäftigt einige der besten Fotografen der Welt, um Aufmerksamkeit zu erregen.
Und doch ist Bouckaert enttäuscht, dass die Welt sich für diesen Bürgerkrieg kaum interessiert. Zu kompliziert, zu weit weg. Während der Oscar-Verleihung twitterte er: "Der Oscar für den blutigsten internationalen Konflikt, für den sich niemand interessiert, geht an die Zentralafrikanische Republik."
Am nächsten Morgen bricht Bouckaert früh auf, er will mit einem Mann vom örtlichen Roten Kreuz sprechen und herausfinden, wer zuerst auf wen losgegangen ist: die Muslime oder die Christen. Doch es ist in diesem Konflikt nicht einfach, die Wahrheit zu finden.
Der christliche Rotkreuzhelfer erzählt, dass die muslimischen Seleka vor einem Monat die Stadt verlassen hätten, bald darauf seien die Anti-Balaka gekommen, mit Kalaschnikows und Macheten, angeblich um sie vor den Muslimen zu schützen. "Und dann", sagt er, "wurde es schlimm."
Bouckaert schreibt die Zahlen der Toten und Verletzten mit, er fotografiert als Beleg das Notizheft des Helfers. "Die Zahlen sprechen eine andere Sprache als seine Geschichte", sagt er dann.
Deshalb geht er danach in das muslimische Viertel und spricht mit dem Vorsteher, einem Diamantenhändler. Die Christen seien Brüder gewesen, nie hätte es Probleme gegeben, versichert der Mann. Doch als die Seleka abzogen, hätten die Anti-Balaka die muslimische Bevölkerung angegriffen.
"Die Christen sagen, dass Muslime sie attackiert haben", sagt Bouckaert.
"Das stimmt nicht."
"Wir haben die verbrannten Häuser gesehen. Haben die Muslime nichts getan?"
"Das war Selbstverteidigung. Als sie uns angriffen, mussten wir uns schützen."
"Aber 800 Häuser der Christen sind verbrannt. Wer ist dafür verantwortlich?"
Der Mann zögert, dann sagt er: "Sie haben alles bei uns angezündet. Deshalb haben wir eine Demonstration organisiert und die Häuser der Christen verbrannt."
Bouckaert klappt sein Notizbuch zu. Nach vier Interviews, nach Gesprächen mit den Anti-Balaka, nach dem Vergleich der Todeszahlen glaubt er, dass es sich ungefähr so zugetragen haben könnte, wie der Händler es erzählt hat.
Werden die beiden Gruppen künftig zusammenleben können? Nein, sagt der muslimische Händler. Nein, sagt der örtliche Anführer der Anti-Balaka. Und im Gemeindehaus sagt ausgerechnet der Priester, es wäre besser gewesen, wenn es Tote gegeben hätte statt zerstörter Häuser. "Die Toten schweigen", sagt er. "Aber die Ruinen sind eine ständige Schuldzuweisung."
Auf dem Rückweg nach Bangui liegt dann ein Toter auf der Straße. Er ist mit einem Pfeil erschossen worden, seine Genitalien wurden abgeschnitten, für den nächsten Talisman der Milizen. Er sei der letzte Muslim in Mbaki gewesen, sagt ein Krankenpfleger aus dem Dorf.
Und noch weiter, in Boali, ist die Moschee zerstört, von den Koranen sind nur verbrannte Fetzen übrig. Von den tausend Muslimen ist keiner geblieben. Zum Gottesdienst ist das ganze Dorf gekommen, die Gemeinde klatscht in die Hände. Der Priester breitet die Arme aus. "Der Herr ist mein Hirte", sagt er. "Er findet für mich einen guten Platz. Lasst die Freude Gottes in euren Herzen sein."
Während in der Kirche noch der Gottesdienst gefeiert wird, werden davor zwei Frauen von jugendlichen Anti-Balaka in eine Lehmhütte gesperrt. Schreie dringen hinter der Tür hervor. Niemand wagt, ihnen zu helfen. Die Jungen tragen um die Brust gebundene Macheten, ihre Haare sind verfilzt, die Augen rot. Gerade haben sie die letzten Muslime aus dem Ort vertrieben, sie sind im Siegesrausch.
Die beiden Frauen seien Hexen, die ein Nachbarsmädchen verflucht hätten, sagen sie. Und dafür müssten sie bestraft werden. Die Jungen öffnen die Tür und zerren die Frauen aus der Hütte. Die beiden lassen sich auf den Lehmboden sinken, die Augen gesenkt, warten sie auf ihr Schicksal. "Jetzt, wo die Muslime fort sind", sagt die Bürgermeisterin, "greifen sie eben die Christen an."
Eine Stunde später werden in der Krankenstation von Boali zwei Frauen eingeliefert. Einer fehlt ein kleiner Finger, beiden wurden Teile der Kopfhaut herausgerissen. Es hört einfach nicht auf.
Von Jonathan Stock

DER SPIEGEL 11/2014
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