10.03.2014

Zauberer des deutschen Geistes

Ein Nazi-Philosoph, ein Antisemit oder ein großer Denker? Die Debatte um Martin Heidegger ist neu entfacht. Eine jetzt veröffentlichte Studie beleuchtet auch die Hintergründe seines legendären SPIEGEL-Gesprächs.
Er war der heimliche König im Reich des Denkens, ein Einzelgänger und Außenseiter, der den Lärm der Öffentlichkeit scheute, nur wenige Auserwählte wirklich an sich heranließ und sein Leben am liebsten in der frischen Höhenluft des Schwarzwalds verbrachte. Er schwärmte vom "frühen Morgenlicht, das still über den Bergen wächst", den Winternächten, wenn "Schneestürme an der Hütte zerren", vom Wind, der "im Gebälk murrt". Dort, in der Einsamkeit von Todtnauberg, spürte er die Eigentlichkeit des Seins.
Das Mysterium um den Philosophen und Lehrer Martin Heidegger (1889 bis 1976) hat seine frühere Schülerin und Geliebte Hannah Arendt so umschrieben: "Da war kaum mehr als ein Name, aber der Name reiste durch ganz Deutschland" wie ein Gerücht, und "das Gerücht sagt es ganz einfach: Das Denken ist wieder lebendig geworden".
Die Studenten, die in Marburg und in Freiburg bei ihm hörten, berichteten einhellig vom Eindruck einer geistigen Überwältigung. "Er war ein kleiner, dunkler Mann", beschrieb etwa Karl Löwith die Vortragskunst des Meisters, "der zu zaubern verstand, indem er vor den Hörern verschwinden ließ, was er eben noch vorgezeigt hatte." Der Bildungstheoretiker Georg Picht bekannte: "Wenn er den Hörsaal betrat, traf mich die Macht des Denkens als eine sinnlich fühlbare Gewalt." Und der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker empfand die Wirkungsmacht Heideggers während einer Vorlesung über den Vorsokratiker Heraklit: "Das ist Philosophie. Ich verstehe kein Wort. Aber das ist Philosophie."
Wer war die Person hinter dem Gerücht wirklich? Ein Guru, ein Sektenführer oder tatsächlich der bedeutendste Philosoph des 20. Jahrhunderts, der Wege aus der Vergessenheit des Seins zu den Lichtungen der Erkenntnis erschloss?
Zu diesem lebenden Rätsel und Orakel pilgerte (so muss man es wohl angemessen formulieren) am Vormittag des 23. September 1966 zwecks Aufklärung eine SPIEGEL-Delegation, angeführt vom Herausgeber Rudolf Augstein persönlich.
Aus der Begegnung in Heideggers Haus am Rötebuckweg im Freiburger Vorort Zähringen, die fast drei Stunden dauerte, entstand das berühmteste und das denkwürdigste Gespräch in der Geschichte des Magazins, ein "erregendes geistespolitisches Testament" (so die "FAZ"), in mehr als 20 Sprachen übersetzt und ein integraler Bestandteil des heideggerschen Gesamtwerks.
Die Entstehungsgeschichte dieses einzigen längeren Interviews seines Lebens, das Heidegger kurz vor seinem 77. Geburtstag einem publizistischen Blatt mit hoher Auflage gewährte, die Umstände, unter denen es vorbereitet und geführt wurde, seinen Verlauf sowie seine Rezeption hat jetzt der Medienforscher Lutz Hachmeister in einem detailliert recherchierten Buch untersucht. Die "Biografie eines Interviews" habe er schreiben wollen, sagt der Autor und bekannte Dokumentarfilmer. Und das ist ihm durchaus kenntnis- und aufschlussreich gelungen - nicht in allen Einzelheiten zum Vorteil des SPIEGEL, wie man freimütig einräumen muss.
Der Anerkennung des journalistischen wie zeithistorischen Coups tut das keinen Abbruch: Das Gespräch mit Heidegger war und bleibt eine einzigartige "Trophäe" (Hachmeister) in der publizistischen Kulturgeschichte.
Zur sofortigen Legendenbildung, ja zur Mystifizierung trug vor allem bei, dass es auf Heideggers Verlangen erst nach seinem Tod veröffentlicht werden durfte. Dem Wunsch des SPIEGEL, das mehrfach redigierte und von Heidegger schließlich autorisierte Gespräch früher zu bringen, widersetzte sich der Philosoph ebenso entschieden wie pathetisch: "Es ist weder Stolz noch Eigensinn, sondern allein die Sorge für meine Arbeit. Deren Aufgabe ist mit den Jahren immer einfacher, und das heißt im Felde des Denkens: immer schwerer geworden." So blieb der Text fast zehn Jahre, bis zum 31. Mai 1976, unter Verschluss. Fünf Tage vorher, am 26. Mai, war Heidegger, 86 Jahre alt, in Freiburg gestorben.
Die Sekretierung, zu der Heideggers Hang zum Geheimnisvollen die SPIEGEL-Leute genötigt hatte, sicherte dem Text eine maximale Wirkung, gab sie ihm doch den Charakter eines letzten Willens. Der Nachhall war phänomenal. Denn im autobiografischen und zeitgeschichtlichen Teil des Gesprächs äußerte sich Heidegger erstmals öffentlich über sein bis heute umstrittenes Verhältnis zum Nationalsozialismus.
Am 21. April 1933 hatte der Senat der Freiburger Universität ihn fast einstimmig, allerdings in Abwesenheit der jüdischen Professoren, zum Führer-Rektor gewählt. Sein Ziel war die Erneuerung der Universität als Erziehungsgemeinschaft auf den drei Grundlagen von Arbeitsdienst, Wehrdienst und Wissensdienst.
Im Mai desselben Jahres trat Heidegger in die Partei ein, "nicht nur aus innerer Überzeugung", wie er seinem Bruder schrieb, sondern auch aus dem Bewusstsein, den Anfang einer Umwälzung des ganzen deutschen Daseins zu erleben. An den von ihm herbeiphantasierten Möglichkeiten der nationalsozialistischen "Bewegung" hielt er zeitlebens fest.
Dass der Philosoph sich im SPIEGEL-Gespräch 1966 eine teilweise lügnerische Apologie seiner Rolle in den dreißiger Jahren zurechtlegte, überrascht nicht. Dass Augstein, dessen Magazin sich die Aufklärung der NS-Geschichte mitsamt ihrer Verbrechen zur Aufgabe gesetzt hatte, ihm die Vertuschungsstrategie durchgehen ließ, schon eher.
Der SPIEGEL-Herausgeber, der im September 1966 Heidegger auch zu dessen Hütte und Denkrefugium in Todtnauberg begleiten durfte, gewann in der Unterhaltung den Eindruck, dass Heidegger "durch und durch aufrichtig" gewesen sei und die Vorwürfe gegen ihn weitgehend ausgeräumt habe. Doch ein heimliches Einverständnis, gar ein unziemliches Zusammenspiel war das nicht. Augstein, so ist zu vermuten, war schlicht dem Charisma des Autors von "Sein und Zeit" erlegen, ein Opfer seiner Faszination für den berühmten Weisen und wohl auch seiner bekundeten "Heiden-Angst", dem Thema trotz umfassender Vorbereitung "keineswegs gewachsen" zu sein.
Der Respekt war allerdings gegenseitig, was der Begegnung eine gewisse hintergründige Komik verlieh. Denn Heidegger habe so etwas wie einen "fragenden Henker" erwartet, der ihm an den Kragen wolle. So beschrieb jedenfalls sein Adlatus Heinrich Wiegand Petzet, der als Sekundant des Denkers teilnahm, die Befürchtung.
Petzet, ein Kunsthistoriker, dessen Familie aus Bremen seit langem mit den Heideggers befreundet war, erschrak, als er dem Philosophen zu Beginn der Unterhaltung ansah, "in welch übersteigerter Spannung er sich befand ... die Adern an der Stirn und in den Schläfen mächtig geschwollen, die Augen in Erregung ein wenig hervortretend".
Nachdem man "ohne viele Präliminarien" gleich zu Heidegger im Nationalsozialismus gekommen sei, rechnete Petzet (und womöglich auch die SPIEGEL-Gesandtschaft) zunächst mit einem Zornesausbruch des alten Mannes, der "zum ersten Male vor Fremden zu einer Aussprache aufgefordert war". Aber je mehr der SPIEGEL "zum Eigentlichen und Wesentlichen" (dem philosophischen Teil des Interviews) vordrang, "desto freier wurde Heidegger in seinen Antworten und nahm unmerklich das Gespräch selbst in die Hand".
Der Gedankenaustausch gipfelte in dem berühmt gewordenen Satz, der zur Überschrift des gedruckten Gesprächs wurde: "Nur noch ein Gott kann uns retten." Dann "atmete alles erleichtert auf", notierte Petzet, offenbar ohne die Ironie der Situation zu überschauen, denn mit Heideggers Aussage war ja eigentlich gemeint, dass die Menschheit verloren sei und sich nur noch in der Erwartung des Untergangs einrichten könne. Einen messianischen Erlösungsgedanken behielt Heideggers Philosophieren trotz seiner Abwendung vom Katholizismus seiner Jugend bis zum Schluss bei.
Hatten Augstein und der ihn begleitende stellvertretende Chefredakteur und Ressortleiter Georg Wolff, im SPIEGEL seinerzeit zuständig für Geisteswissenschaften und in dieser Funktion wesentlich an der Vorbereitung des Gesprächs beteiligt, sich in einer Mischung aus respektvoller Zuvorkommenheit und unkritischer Denkbeteiligung von Heidegger austricksen und benutzen, gar übertölpeln lassen?
So fühlte es Augstein viel später in Kenntnis neuerer Heidegger-Forschung, als er sich zu harten Angriffen auf seinen damaligen Gesprächspartner hinreißen ließ. Er schimpfte ihn einen "Mystagogen", einen "deutschtümelnden Priesterpropheten" und "Wort-Schamanen", der mit verbalen Spielereien seinen "Schwindel" betrieben habe. Wichtig, befand er nun, sei das SPIEGEL-Gespräch "durch das, was es nicht enthält".
Derart wütende Schmähungen deuten auf die Enttäuschung eines sich verraten glaubenden Bewunderers hin. Natürlich fand die Polemik nunmehr außerhalb des philosophischen Spielfelds statt; mit der Metaphysik als der Lehre vom Sein des Seienden, mit Heideggers ontologischer Differenz hatte der Journalist sowieso nichts im Sinn. Musste er auch nicht.
Aber die Abrechnung dient zumindest als Beleg gegen das, was Hachmeister gelegentlich, wenn auch nicht durchgängig andeutet: dass Heidegger und der SPIEGEL sich in ihrer Analyse der nationalsozialistischen Sirenengesänge und der Nachsicht gegenüber politideologischen Versuchungen stillschweigend einig gewesen seien.
Das ist ein harter Vorwurf, und dass er nur unterschwellig dargebracht wird, könnte man mit etwas bösem Willen als Perfidie auffassen. Richtig ist wohl eher, dass Hachmeister sich durch eine Parallele hat fesseln lassen, die ihn als Medienwissenschaftler herausforderte: Wie der Philosoph Heidegger hatte auch der frühe SPIEGEL seine NS-Vergangenheit. Und zu der gehörte der langjährige, 1996 verstorbene Ressortleiter Georg Wolff, der Augstein beim Interview mit Heidegger durchaus auf Augenhöhe assistierte.
Eine Enthüllung ist das nicht. Wolff war als Nachrichtenoffizier des Sicherheitsdienstes (SD) im Rang eines SS-Hauptsturmführers im besetzten Norwegen tätig gewesen. Geboren 1914 in Wittenberge, trat er "mit dem Dritten Reich ins Leben ein", schrieb er in seinen unveröffentlichten Memoiren, die Hachmeister aus privater Quelle zur Verfügung gestellt bekam und dem SPIEGEL überließ. Zusammen mit seinem alten Studien- und SD-Kollegen Horst Mahnke kam Wolff 1951 als Redakteur zum SPIEGEL nach Hannover.
In jener frühen SPIEGEL-Zeit arbeitete eine Handvoll ehemaliger NS-Kader in der Redaktion. Die meisten hielt es nicht lange. Wolffs Kumpel Mahnke wechselte 1960 zu Springer. Wolff selbst blieb, bis er 1979 in den Ruhestand ging. Die Intention Augsteins bei der Verwendung ehemaliger Nazis, so sieht es Hachmeister, war von funktionaler Klarheit: Er brauchte sie, weil sie die Kenntnisse über die NS-Behörden hatten, um darüber kompetent zu informieren und zu schreiben. Etwa über das Reichssicherheitshauptamt, das im Nazi-Regime eine ungewöhnlich hohe Konzentration an jungen Intellektuellen aufwies.
Wolff, das belegen seine nachgelassenen Lebenserinnerungen, war eine zerrissene, fast tragische Gestalt. Er haderte mit seiner Schuld, die er vor sich selbst anerkannte - ganz anders als Heidegger, der ja auch "Schuld auf sich geladen" habe, so Wolff, und zwar ganz konkret dadurch, dass er mehrere Studentengenerationen im Sinne des Nationalsozialismus beeinflusst habe.
Eine solche moralische Reflexion blieb Heidegger fremd. Moral galt ihm ohnehin, in Anlehnung an das bewunderte Vorbild Friedrich Nietzsche, als Einengung der Freiheit des Denkens. Hätten Wolff und Augstein versucht, ihm ein Schuldbekenntnis abzuringen, hätte Heidegger zweifellos das Gespräch abgebrochen, meint heute Peter Trawny, Leiter des Heidegger-Instituts an der Uni Wuppertal
und Herausgeber der sogenannten Schwarzen Hefte, deren erste drei Bände nun im Rahmen der Gesamtausgabe des Philosophen im Klostermann-Verlag in Frankfurt am Main vorgestellt werden. Diese Denktagebücher, bislang streng unter Verschluss gehalten, enthalten antisemitische Passagen, die eindeutig über den privaten Bereich antijüdischer Vorurteile und Klischees hinausreichen. Sie belegen Trawny zufolge eine philosophische, quasi "seinsgeschichtliche Dimension" des heideggerschen Antisemitismus, ein in sein Denken selbst eingegangenes Ressentiment.
Heidegger, der in seiner 1922 errichteten, kargen Hütte in Todtnauberg beim Studium der Vorsokratiker über die Entwurzelung des abendländischen Denkens und über die Notwendigkeit einer Rückkehr zu den griechischen Ursprüngen nachsann, war der unzeitgemäße Philosoph der Antimoderne schlechthin. Er wandte sich gegen alles, was diese Moderne verkörperte: die Herrschaft der Technik ("das Gestell"), cartesianische Rationalität, Amerikanismus, Bolschewismus, Liberalismus, Subjektivismus - und eben auch das "rechnende Denken" der Juden als Kennzeichen für das "uferlose Treiben verstandesmäßiger Zergliederung".
Die "Weltlosigkeit" der Juden stellte für ihn eine Bedrohung des "metaphysischen Volkes" der Deutschen dar. Das "Weltjudentum" betrachtete er als eine Macht in den internationalen Kräftekonstellationen des Zweiten Weltkriegs, er sah in ihm einen militärischen Gegner. "Mit anderen Worten", so erläutert Trawny: "Er muss Gewalt gegen die Juden begrüßt haben, denn einem militärischen Gegner begegnet man mit Gewalt."
Von der unübersehbaren Verfolgung der Juden, von der Niederbrennung der Freiburger Synagoge unweit der Universität im November 1938 findet sich in den Schwarzen Heften, die von 1931 bis 1941 reichen, jedenfalls nichts.
Auch im SPIEGEL-Gespräch 1966 fand der Denker des Seins keine Worte zu Hitler, zum Holocaust oder zu den Todeslagern. Dabei war er danach gefragt worden, ausgerechnet von Wolff. Der wollte wissen, warum die Dichter und Denker, die Garanten des von Heidegger behaupteten deutschen Sonderwegs im philosophischen Geschick des Abendlandes, die Deutschen nicht davor bewahrt hätten, sich in die Schreckensgasse der Judenvernichtung zu begeben.
Der Kritiker der "Machenschaft", zu deren Mächten das Judentum Heidegger zufolge im Kampf um die Weltherrschaft gehört, wich aus. Die Frage und die Leerstelle der Antwort fehlen in der gedruckten Fassung des Gesprächs. Es ist das wohl eklatanteste Nichtgesagte in Heideggers Testament.
* SPIEGEL 23/1976; mit den Redakteuren Rudolf Augstein und Georg Wolff.
Hg. von Peter Trawny. Band 94 der Gesamtausgabe. Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 11/2014
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