17.03.2014

Alemanha? Futebol?

Die Deutschen wollen gern von zu Hause weg, aber sie fürchten die Fremde. Auch der Fußballnationalmannschaft ist bang vor ihrer Reise nach Brasilien. Besuch in einem Stück Wildnis, das gerade eingedeutscht wird.
Vor kurzem hat Joachim Löw erklärt, dass die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien hohe psychische und physische Anforderungen an seine Mannschaft stellen wird. Er hat von einer Weltmeisterschaft des Willens gesprochen.
Wörtlich sagte er: "Das wird definitiv auch eine WM des unbedingten Willens."
An anderer Stelle nannte Löw die Weltmeisterschaft in Brasilien eine "WM der Strapazen". Brutale Hitze, brutale Entfernungen, brutales Chaos. Eigentlich denkt man ans Paradies, wenn man Brasilien hört. Copacabana, Amazonas, Caipirinha, pipapo. Wenn Frank Sinatra von Brasilien spricht, denkt man an das "Girl from Ipanema". Schlank und groß, ein Gang, als würde sie Samba tanzen. Wenn Löw über Brasilien spricht, denkt man an Klaus Kinski, der im Film "Fitzcarraldo" einen Flussdampfer durch den südamerikanischen Dschungel zerrt. Der Bundestrainer bereitet sich auf einen Höllentrip vor. "In der Vorbereitung dürfen wir keinen Fehler machen", sagt er.
Der erste Schritt bei der Eroberung Brasiliens, bei der Urbarmachung der Wildnis, beim Triumph des Willens, ist das WM-Quartier der deutschen Nationalmannschaft. Es heißt Campo Bahia und liegt in der Nähe der brasilianischen Stadt Porto Seguro. Die Deutschen ziehen in eine Unterkunft, die noch gebaut werden muss. Ich war gerade da, um mir die Baustelle anzugucken. Ich dachte, ich werfe einen ironischen Blick auf die deutsche Seele. Ich vermutete, es gäbe keinen deutscheren Platz auf der Welt als diese Baustelle im brasilianischen Dschungel.
Auf Google Maps findet man das Campo Bahia noch nicht. Ich flog von São Paulo nach Porto Seguro, nahm mir ein Mietauto und fuhr immer am Meer entlang, bis es nicht mehr weiterging. An einem Flussufer stand eine Autoschlange und wartete auf eine alte, rostige Fähre. Man muss das Auto verlassen, um ein Fährticket zu kaufen, wobei man riskiert, dass sich Autos, die hinter einem in der Schlange stehen, vorbeidrängen. Ein ungutes Gefühl, vor allem für Deutsche. Seh ich weg von dem Fleck, ist der Überzieher weg, beschrieb Otto Reutter das Phänomen einst. Die Fähre trieb im Nieselregen an dichtbewachsenen Ufern vorbei über den Fluss. Am anderen Ufer begann eine rotbraune Sandpiste. Irgendwann erschienen ein paar wacklige Häuschen, Kinder liefen barfuß durch den Sand, es gab Ziegen und Hühner.
Ab und zu kurbelte ich mein Seitenfenster herunter, um nach dem Weg zu fragen. Ich spreche leider kein Portugiesisch, ich rief: "Deutschland?" Manchmal auch: "Deutschland. Fußball?" Alemanha. Futebol.
Die Menschen schienen mich zu verstehen. Sie schickten mich die Sandstraße hinunter, bis ich vor einem hohen Holzzaun stand. Vor dem Zaun stand ein weißer Mercedes-Lieferwagen. Ich betrat das Campo Bahia durch ein Loch im Zaun.
Ich lief das Gelände ab wie ein Bauleiter. Es war um die Mittagszeit, im Schatten der Palmen dösten ein paar Männer in Arbeitsanzügen. Es gab ein paar halbfertige Bungalows, breite Freitreppen, ein Loch für den Pool, der einmal das Herz der Anlage sein würde, ein paar Bäume und dahinter das Meer. Es gab jede Menge Bretter, Moniereisen, Verschalungen, Steinhaufen, Sandberge und Zementsäcke. Man konnte sich noch nicht richtig vorstellen, wie Miroslav Klose hier mit Badelatschen herumschlurft. Oder Toni Kroos. Aber es war ja noch Zeit.
Gerade als ich wieder gehen wollte, traten zwei Männer aus einem der halbfertigen Bungalows. Einer war dick, kahl und trug einen Aktenkoffer. Einer war jünger, dünner und langhaariger. Der ältere Mann starrte, der jüngere Mann rief: Wo kommen Sie denn her?
Er rief es auf Englisch, was seltsam war, denn wir standen ja hier im brasilianischen Dschungel. Sein Englisch hatte einen dicken deutschen Akzent.
"Aus Deutschland", sagte ich. "Ich war in der Nähe und wollte mir mal die Anlage ansehen."
"Jetzt haben Sie ja gesehen, dass alles schön ist, und nun können Sie ja wieder gehen", sagte er.
Ich fragte: "Kann ich Ihren Vorgesetzten sprechen?"
"Was wollen Sie denn von dem?", fragte der Mann.
Ich dachte nach. Mir fiel nichts ein, was ich hier mit einem Vorgesetzten besprechen sollte. TÜV-Fragen? Die Höhe des Grundwasserspiegels? Die Arbeitsmoral der brasilianischen Baubrigade? Ich schwieg. Das Wort "Vorgesetzter" klang unangenehm in meinem Kopf nach.
"Sehen Sie", sagte der Mann irgendwann. Dann winkte er einem uniformierten Gewehrträger zu, der mich abführte.
Der uniformierte Mann kannte sich auch noch nicht richtig aus. Er führte mich in ein Dickicht. Es begann zu nieseln. Ich schlug einen anderen Weg vor, aber da ging es auch nicht weiter. Von der Terrasse des unfertigen Hauses sahen uns die beiden Männer zu. Wir liefen im Zickzackkurs über die Baustelle. Ein seltsames Paar.
Als ich wieder draußen war, fragte ich mein Navigationssystem, ob es einen anderen Weg zurück in die Stadt gibt. Es gab ihn, aber er war 300 Kilometer länger. Ich fuhr zurück zur Fähre. Ich stoppte noch einmal an einem kleinen Sandplatz mit selbstgebauten Toren, auf dem drei barfüßige, brasilianische Jungs Fußball spielten. Es war die einzige Sportanlage, die es im Ort gab. Bisher. Die Deutschen bekommen ihren eigenen Rasenplatz an den Strand. Ich schrieb in meinen Block: "Als würde man ein Stück Deutschland auf den Laster laden und in den Dschungel fahren." Dahinter schrieb ich: "Fitzcarraldo". Ich nahm mir vor nachzuschauen, wie das Lied heißt, das in "Fitzcarraldo" erklang, während Klaus Kinskis Dampfboot im Dschungel steckenblieb.
Dann wartete ich im stärker werdenden Regen auf die alte Fähre, die mich zurück in die Zivilisation bringen würde. Die Fähre sah aus, als hätten sie die Portugiesen einst zurückgelassen. Ich dachte an die vielen deutschen Journalisten, die im Sommer auf diese Fähre warten müssen. Es würde sicher Ärger geben. Oliver Bierhoff, Manager der deutschen Mannschaft, der die Baustelle des Quartiers ein paar Tage später besuchte, sagte: "Alles, was in unserer Hand steckt, in unserer Verantwortung, alles, was in deutscher Hand steckt, da mach ich mir gar keine Sorgen."
In deutscher Hand. Ich glaube, ich weiß, was er meint. Sie wollen das Monster zähmen.
Man sieht es schon am Gepäckband auf dem Flughafen. Niemand hat bessere Koffer, keiner trägt angemesseneres Schuhwerk als die deutschen Touristen. Vielleicht hat es mit dem Krieg zu tun. All diese großartigen Thermojacken, in denen die Deutschen um die Welt ziehen, sind am Ende womöglich eine Art Stalingrad-Reflex. Wer weiß. Sie wollen so gern von zu Hause weg, aber sie fürchten die Fremde. Sie reisen in kleinen Panzern ins Abenteuer.
"In der Vorbereitung dürfen wir keinen Fehler machen", sagt unser Trainer.
Bei Porto Seguro bestieg ich den Berg am Meer, wo eine Säule steht, die an die Ankunft des portugiesischen Seefahrers Pedro Álvares Cabral erinnert, der hier am 22. April 1500 zum ersten Mal brasilianischen Boden betrat. 514 Jahre später kommen die Deutschen. Sie bringen ihr Mückenspray mit, den Doppelpack Elmex und Aronal, ihr alkoholfreies Bier sowie eine ganze Hotelanlage. Mit Übungsplatz.
Ich fühlte mich ihnen sehr fremd, während ich dort oben auf das Meer schaute. Ich wäre jetzt lieber ein sympathischer Däne gewesen, ein aufgeschlossener Norweger oder ein Holländer. Von den holländischen Fußballspielern sagt man ja, dass sie sich immer sehr leichtfüßig und offenherzig durchs Ausland bewegen. Sie bunkern sich nicht ein wie die ängstlichen Deutschen.
Die Scham ist natürlich ein sehr deutsches Gefühl, aber man merkt es nicht so schnell. Wenn sich zwei Amerikaner in Nepal begegnen, fallen sie sich um den Hals. Für den deutschen Touristen gibt es nichts Furchtbareres, als einen anderen deutschen Touristen beim Hotelfrühstück zu treffen. Er vertreibt die Gewissheit, in einen entlegenen Winkel dieser Welt vorgedrungen zu sein. Niemand spricht so gern Englisch miteinander wie zwei Deutsche, die sich in New York treffen.
In São Paulo nahm ich mir am Flughafen einen Mietwagen. Er war klein, verfügte über keine Klimaanlage, keine elektrischen Fensterheber und keine Servolenkung. Das zahlreiche Personal der Mietwagenfirma verhielt sich dennoch, als würde ich einen Porsche ausleihen. Ich leistete etwa 30 Unterschriften, es dauerte eine gute Stunde, bis sie den Wagen endlich hergaben. Ich aber war entspannt, ein freundlicher Norweger eher als ein ungeduldiger Deutscher. Lächelnd lenkte ich meinen heißen, kleinen Wagen in den Verkehr von São Paulo.
Als ich den Wagen zwei Tage später zurückgeben wollte, hatte sich meine Stimmung verschlechtert. Der Verkehr von São Paulo ist zäh. Manchmal scheint er völlig zu ersterben. Ein Kollege hatte mich davor gewarnt, mit offenen Fenstern herumzufahren. Wegen bewaffneter Überfälle. In meinem Auto war es so heiß wie im Brehm-Haus des Berliner Tierparks, und wahrscheinlich roch es auch so. Außerdem war ich kurz vor dem Flughafen auf eine Art Schnellstraße geraten, aus der es kein Zurück gab. Ich fuhr am Flughafen vorbei. Er verschwand in meinem Rückspiegel. 30 Kilometer fuhr ich in die falsche Richtung, es gab keine Ausfahrt. Die portugiesische Frauenstimme aus meinem mobilen Navigationssystem redete auf mich ein, bis ich sie hasste. Ich wusste inzwischen, dass in "Fitzcarraldo" das Lied "Wer kann mich jetzt zügeln" zu hören ist. Aber es war zu spät für lustige Analogien.
Es waren noch 50 Minuten Zeit bist zu meinem Abflug, als ich schließlich am Flughafen ankam. Weitere 20 Minuten verbrauchte ich mit der Suche nach der Mietwagenabgabestelle. Es gab kein Schild, nichts. Ich parkte den Wagen schließlich an einem Taxistand vorm Abflugterminal und rannte mit dem Schlüssel zum Mietwagenschalter. Ich legte ihn auf den Tresen und erklärte, dass ich den Wagen nicht ordnungsgemäß zurückgeben konnte, weil ich sonst meinen Flug verpassen würde. Die vier Damen hinterm Schalter sahen mich verständnislos an. Eine hantierte an einem Drucker, um mir eine Anleitung zum Mietwagenpark auszudrucken. Aus dem Hintergrund näherte sich ein Taxi-Dispatcher, der mich aufforderte, meinen Wagen wegzufahren. Ich schüttelte den Kopf. Es waren noch 20 Minuten bis zum Abflug. Es gab Probleme mit dem Drucker. Eine Kollegin begann, eine Art Skizze anzufertigen. Sie redete Portugiesisch auf mich ein. Der Taxi-Dispatcher kehrte mit zwei Polizisten zurück. Die Polizisten schauten ernst. Außerdem erschien eine ältere, blonde Frau mit einem Koffer, die ein Auto abholen wollte. Die Mietwagenangestellten begannen, sich um die Frau zu kümmern. In einer Viertelstunde ging mein Flug.
In diesem Moment verstand ich Joachim Löw.
Ich begann eine Rede, in der ich die Anwesenden darüber informierte, was es bedeutet, Gastgeber einer Weltmeisterschaft zu sein. Ich erklärte ihnen, dass São Paulo ja wohl keinen Dorfflughafen betreiben dürfe. Ich hielt die Rede auf Englisch und bin mir ziemlich sicher, dass das Wort Responsibility vorkam. Verantwortlichkeit. Ich dachte an die halbfertigen Stadien, die unzufriedenen Bürger Brasiliens, das Sommermärchen von 2006 und an das Knie von Sami Khedira. Ich wies alle auf die Notwendigkeit einer ordentlichen Beschilderung hin.
Als ich fertig war, war die Boarding-Zeit verstrichen.
Der deutscheste Platz außerhalb von Deutschland befand sich nicht im Campo Bahia. Er lag in meinem Herzen.
Ich schaffte meinen Flug dann doch noch. Er hatte zwei Stunden Verspätung. ◆
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 12/2014
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