17.03.2014

UKRAINE„Gnade Gott den Neuen“

Wladimir Putin zündelt nicht nur auf der Krim, sondern nun auch im Osten des Nachbarlandes. Die meisten Menschen in der wirtschaftsstarken Region sprechen Russisch und lehnen die Regierung in Kiew ab.
Die Rentnerin Oxana Kremenjuk humpelt durch den kleinen Ort im Osten der Ukraine, am "Haus der Kultur" vorbei. Als junge Frau hat sie hier getanzt, heute bröckelt der Putz, die Scheiben sind ausgeschlagen. "Die in Kiew treiben unser Land noch in den Bürgerkrieg", sagt sie: "Diese Nichtsnutze sollen schuften wie wir hier." Kremenjuk erhält umgerechnet 90 Euro Rente im Monat. Um überleben zu können, hält sie zehn Hühner und ein Schwein.
Kremenjuks Heimatdorf Maidan mit seinen drei Dutzend Häusern liegt friedlich in einer sanften Hügellandschaft. Vom Maidan in der Hauptstadt Kiew, dem seit der Revolution weltweit bekannten Platz der Unabhängigkeit, trennen es 378 Kilometer - und doch Welten. Im Dorf verfallen die meisten Häuser, die jungen Familien sind längst weggezogen, die Schule schloss vor einem Jahrzehnt. Und von den Revolutionären im Westen des Landes halten die Menschen hier wenig.
Im Osten der Ukraine mit den Millionenstädten Donezk, Charkiw und Dnipropetrowsk lehnen nach Umfragen mehr als drei Viertel den Volksaufstand in Kiew ab. Zwischen 70 und gut 90 Prozent der Einwohner geben hier Russisch, nicht Ukrainisch als ihre Hauptsprache an. In Charkiw wurde der Boxer Vitali Klitschko, einer der Anführer des Umsturzes, mit Eiern beworfen.
Die Ostukraine ist neben der Halbinsel Krim das zweite Pulverfass im Konflikt mit Russland geworden - nur viel größer. Und Ende vergangener Woche zeigte die Regierung in Moskau schon mal die Lunte vor.
Nachdem am Donnerstag bei Krawallen zwischen Russland-Freunden und -Gegnern in Donezk mindestens ein Mann starb und Dutzende Menschen verletzt worden waren, warnte das Außenministerium in Moskau: "Russland ist sich seiner Verantwortung für das Leben von Landsleuten und anderen Bürgern in der Ukraine bewusst und behält sich das Recht vor, Menschen zu schützen."
Zur selben Zeit mobilisierte der Kreml wieder Armee-Einheiten mit Panzern und Artillerie: 4000 Mann marschierten nahe der Grenze zur Ukraine auf, Fallschirmjäger waren im Übungseinsatz - viel deutlicher kann man nicht drohen.
Die Reaktion aus Kiew wirkte hilflos. Am Donnerstag beschloss das Parlament den Aufbau einer 60 000 Mann starken Nationalgarde. Über Facebook kündigte Innenminister Arsen Awakow an: "Wir werden die Garde in allernächster Zeit mobilisieren. Sie wird die Grenze schützen und die Ordnung im Land aufrechterhalten. Das ist unsere Antwort auf die Destabilisierung von außen."
Weil auch Maidan-Kämpfer des radikalen "Rechten Sektors" in die Garde aufgenommen werden sollen, höhnte das Moskauer Staatsfernsehen umgehend: "Man sollte die Truppe nicht Nationalgarde, sondern Nationalistengarde nennen. Das sind dieselben, die in Kiew auf Polizisten geschossen haben. Sie werden jeden Befehl befolgen, prorussische Demonstrationen in Charkiw und Donezk niederzuschlagen."
Der Konflikt könnte die Ukraine zerreißen - in einen moskauhörigen Osten und einen Westen, der Richtung EU strebt. Dabei würde die neue Regierung in Kiew womöglich den wirtschaftlich wichtigsten Teil des Landes verlieren.
Denn in den Kohlegruben und Stahlschmieden des Ostens schlägt das industrielle Herz der Ukraine. Die Großbetriebe hängen stark von russischen Aufträgen ab. 90 Prozent der russischen Atomkraftwerke sind beispielsweise mit Turbinen des Charkiwer Hightech-Betriebs Turboatom ausgerüstet.
Im geopolitischen Spiel um die Ukraine ist der Osten das Ass im Ärmel von Präsident Wladimir Putin, wichtiger als die Krim. Und selbst ohne Militäroperationen fällt es ihm leicht, dort zu zündeln.
Seine Geheimdienstler können die prorussischen Demonstrationen weiter anstacheln. Und damit in Kiew, Brüssel und Washington keine Zweifel an Moskaus Entschlossenheit aufkommen, hatte Putin bereits Ende Februar 150 000 Soldaten, 880 Panzer und 90 Kampfflugzeuge in ein Großmanöver geschickt.
Konstantin Satulin, Direktor des Moskauer Instituts für die Länder der Ex-Sowjetunion, behauptet, dass die Russen nicht einmal intervenieren müssen, dass ihnen die Region auch so zerfallen könne: Die Bevölkerung der Ostukraine werde das politische Ergebnis der Revolution in Kiew nicht anerkennen, eigene Machtstrukturen schaffen und die für den 25. Mai geplante Präsidentenwahl sabotieren. "Ich glaube nicht, dass es Kiew gelingen wird, die Kontrolle über den Osten lange aufrechtzuerhalten", sagt Satulin.
Die Falken in Moskau hoffen unter anderem auf die wachsende Wut der Kohle- und Stahlarbeiter. Wenn es an ihre guten Gehälter und Sozialleistungen geht, könnten sie Front gegen die Kiewer Regierung machen.
Der vertriebene Ex-Präsident Wiktor Janukowitsch hatte, kaum war er nach Russland geflüchtet, gedroht: "Wenn sich die Arbeiter in Donezk erheben, dann gnade Gott den neuen Machthabern in Kiew."
Zudem setzt Moskau offen auf Destabilisierung. So finanziert der Kreml sogenannte Patriotenclubs und prorussische Vereinigungen in der Ukraine. Bei Demonstrationen in Charkiw und auch jener in Donezk waren viele der Heißsporne, die "Russland, Russland" riefen, mit Bussen aus den russischen Nachbarregionen angereist. Ihre Uhren zeigten Moskauer Zeit, nicht die von Kiew.
Zu den Organisationen, die sich dabei hervortun, gehört der "Eurasische Jugendbund", gelenkt vom Russen Alexander Dugin. Der Generalssohn schaffte unter Putins Regime einen bemerkenswerten Aufstieg: Noch Anfang 2000 musste er Gesprächspartner in einem engen Hinterzimmer empfangen. Dugin, vormals Chefideologe der rot-braunen und inzwischen verbotenen Nationalbolschewistischen Partei Russlands, stand am rechten Rand der politischen Szene.
Heute veröffentlicht er Abhandlungen in kremlnahen Boulevardblättern mit Millionenauflage. "Putin ist dabei, zum Führer der wirklich freien Welt aufzusteigen", schreibt Dugin. "Nur Putin tritt der amerikanischen Hegemonie entschieden entgegen. Der russische Präsident ist ein Bollwerk gegen Washingtons Politik, überall in der Welt durch blutige Umstürze Marionettenregierungen zu installieren."
Als Leiter eines "Zentrums für konservative Forschungen" avancierte der Rechtsausleger sogar zum Professor der angesehenen Staatlichen Moskauer Universität. Dugins Jugendbund sammelt seit Wochen Geld für eine "echte Volksrevolution in der Ukraine". Er ruft die Russen im Nachbarland dazu auf, Gebäude des ukrainischen Geheimdienstes SBU zu blockieren, "sich zu bewaffnen und Kräfte der Selbstverteidigung zu organisieren". Unter der Losung "Panzer nach Kiew" propagiert der Jugendbund eine Militärintervention auch in der Ostukraine.
Wie leicht Moskaus Hilfstruppen eine Region ins Chaos stürzen können, zeigt der Fall Charkiw. In der zweitgrößten Stadt der Ukraine hatten sich Gegner der westlich orientierten Kiewer Regierung bereits im Februar zu einem prorussischen Kongress versammelt. Ihr Anführer war der damalige Gouverneur Michail Dobkin.
Am selben Tag und unterstützt von rechtsradikalen Hooligans des örtlichen Fußballclubs besetzten seine Gegner, die Anhänger der Kiewer Maidan-Bewegung, zwei Etagen im Gouverneursgebäude, dem Verwaltungssitz der Region. Proeuropäische, freundliche Studenten mit Nickelbrillen waren darunter - aber auch viele Männer mit Schlagstöcken, Helmen, kugelsicheren Westen, einige mit Schusswaffen. Sie sagten, sie wollten "den Gouverneur stürzen".
In den Gängen machten sich die Aktivisten in Schlafsäcken auf den roten Teppichen breit. Der intellektuelle Anführer der Besetzer, der auch in Deutschland publizierende Schriftsteller Serhij Schadan, zeigte stolz die Feldküche in der Lobby vor. "Im Gebäude herrscht eine misstrauische, aber friedliche Koexistenz", so Schadan - ehe prorussische Demonstranten nur einen Tag später beide Etagen zurückeroberten. Schadan liegt seitdem mit einem Schädeltrauma im Krankenhaus.
In Charkiw wechselten die Machthaber in den vergangenen Wochen so schnell, dass viele der 1,4 Millionen Einwohner nicht mehr wissen, wer nun eigentlich das Sagen hat - einer aus Moskau oder einer aus Kiew.
Vor zwei Wochen ließ die neue Regierung in Kiew den prorussischen Gouverneur Dobkin unter Hausarrest stellen. Seinen wichtigsten Kampfgenossen, den populären Bürgermeister von Charkiw, Gennadij Kernes, bestellte die Justiz nach Kiew ein. Der Generalstaatsanwalt wirft ihm Geiselnahme, Folter und Anstiftung zum Mord vor. "Ich bin unschuldig und ein Opfer politischer Rache", beteuert Kernes.
Zudem tun die neuen Machthaber in Kiew wenig, um die russlandfreundlichen Gegner im Osten einzubinden. Als gäbe es keine anderen Probleme in ihrem vor dem Bankrott stehenden Land, brachten sie am zweiten Tag ihrer Regierung ein Gesetz ein, das Russisch als Amtssprache abschaffen sollte. Auch wenn Übergangspräsident Alexander Turtschinow es letztlich nicht unterzeichnet hat - der Schaden war angerichtet, viele Russen im Land fühlen sich bedroht.
Anfang März ließ sich Pawel Gubarew, Anführer der prorussischen Miliz "Volks-Landwehr Donbass", bei einer Kundgebung gegen die Kiewer Regierung zum "Volksgouverneur" ausrufen. Kurz vor seiner Verhaftung durch den ukrainischen Inlandsgeheimdienst traf Gubarew noch den SPIEGEL in einer konspirativen Wohnung in der Innenstadt von Donezk und erklärte seine Pläne für den Anschluss an Russland.
"Viele Menschen schreiben mir, dass sie ihre Heimat gegen die Faschisten in Kiew verteidigen wollen. Sie haben Pistolen, Schnellfeuergewehre, Schutzschilde, Baseballschläger und Helme", drohte der Aufrührer: "Das Volk ist leicht zum Kochen zu bringen. Es hasst die ukrainischen Oligarchen und ihre politischen Günstlinge."
Die Ermittlungen gegen Gubarew führt der Kiewer Generalstaatsanwalt, Mitglied der nationalistischen Partei Swoboda. Gubarews Anhänger kündigen militante Proteste für die Befreiung des "Volksgouverneurs" an.
Für den Kampf hat Gubarow die Parole "Keinen Schritt zurück" ausgegeben. Die Losung kennt man in der Gegend. Sie stammt von Josef Stalin, aus einem Befehl an die sowjetischen Soldaten vom Juli 1942.
Von Uwe Klussmann und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 12/2014
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