17.03.2014

IRAKDie Stille vor dem Knall

Das Land wählt, aber ist es deshalb schon demokratisch? Die ständigen Attentate lähmen die Bürger. Und im Parlament sitzen Abgeordnete, die einander misstrauen und aus den Wunden von gestern die Ansprüche für morgen ableiten. Ein Besuch beim Premierminister.
Es hätte anders kommen können, ganz und gar anders, nämlich tödlich, schon früh. Damals, 1979, war Nuri al-Maliki ein wütender junger Schiit. Er hatte gehört und erlebt, wie sein Großvater und sein Vater gescheitert waren: Der Großvater hatte Gedichte über die glorreiche Heimat verfasst und gegen die Briten gekämpft, vergebens. Der Vater hatte von arabischer Größe geträumt, war 1968 von den Truppen der Baath-Partei gefasst und inhaftiert worden.
Der junge Maliki, Jahrgang 1950, war ein Dissident in Hilla im Zentralirak. Er wollte Saddam stürzen und die Schiiten befreien. Aber Saddams Häscher fingen auch ihn. Ein Richter ließ ihn frei, der Richter wurde hingerichtet. Und Maliki floh, es war der Abend des 19. Oktober 1979, und am Tag danach rollten 16 Fahrzeuge an, die nächste Razzia, gesucht wurde Maliki.
24 Jahre lang blieb er im Exil, in Syrien und Iran, 24 Jahre auf der Flucht. Maliki lernte, wie Macht und Ohnmacht funktionieren. Wie es ist, wenn man Freunde verliert. Und wie es sich anfühlt, von Freunden verraten zu werden. 2003, nach der amerikanischen Invasion, konnte Maliki zurückkehren, und er wusste nun ohne jeden Zweifel, was er wollte.
Seit acht Jahren ist der Premierminister Maliki inzwischen an der Macht, im April tritt er zum dritten Mal an. Von nicht wenigen Sunniten und Kurden wird Maliki heute "korrupt", "despotisch", "tyrannisch" genannt - so wie einst Schiiten und Kurden Saddam beschrieben. Wahr ist aber auch, dass Maliki diese Karikatur eines Staates zu regieren versucht, von der Barack Obama 2011 sagte, sie sei "kein perfekter Ort", aber zumindest "souverän, stabil und selbständig" - was ein amerikanischer Präsident eben so sagt, der den Abzug seiner Soldaten erklären muss.
Im Kampf gegen Saddam und für die sogenannte Demokratisierung haben mehr als 115 000 Iraker und fast 4500 Amerikaner ihr Leben gelassen. George W. Bushs Zitat "Mission accomplished" ist zehn Jahre danach zur Metapher für Wahrnehmungsstörungen aller Art geworden. Wie dreist auch Obama die wahre Lage beschönigte, zeigen die Kämpfe um Provinzen wie Anbar und immer wieder diese Terroranschläge.
In Orten wie Falludscha seien "Soziopathen, geführt von Psychopathen" am Werk, sagt ein westlicher Diplomat. Und obwohl Maliki die Hauptstadt zur Trutzburg aufgerüstet hat, kann die Regierung nicht einmal dieses Bagdad befrieden.
Es ist eine stille Stadt geworden, von den Schüssen und den Detonationen abgesehen. Die Märkte sind leer, die Restaurants und Eiscafés auch, nur im Zoo treffen sich noch Familien, weil man mit Kindern ja selbst hier irgendwann vor die Tür muss. Ausländer heuern für 1000 Dollar oder auch 3000 Dollar pro Tag Sicherheitsfirmen an, rasen in gepanzerten Geländewagen durch die Stadt, denn alle hier fürchten die Kontrollpunkte.
Und an diesen Checkpoints: Sandsäcke, Türme, Waffen, Schäferhunde, Schranken. Ängstlich blicken die Soldaten durch die Scheiben ins Auto hinein. Sie tasten, sie führen Spiegel hinter die Räder, und sie merken nicht, dass sie vergessen haben zu atmen; dann schnappen sie Luft. Viel zu oft schon war das eine Auto vorn am Schlagbaum das mit der Bombe, und darum ist Bagdad auch eine geduckte Stadt.
Im vertraulichen Gespräch sagt ein westlicher Diplomat, der Irak sei "eigentlich unregierbar". Bis heute ist das Kunstgebilde, das die Briten 1920 aus drei Provinzen des Osmanischen Reiches - Mossul im Norden, Bagdad im Zentrum und Basra im Süden - geformt haben, nicht zu einer Einheit zusammengewachsen. Der Eindruck einer irakischen Identität war niemals echt, er war bloß erzwungen durch die eiserne Faust Saddams.
Und mit mindestens harter Hand bekämpft nun Premier Maliki die Fliehkräfte. Wie unter Saddam drängen im Süden die Schiiten auf ihre Unabhängigkeit, inspiriert von religiösen Führern, die enge Kontakte zu Glaubensbrüdern in Iran pflegen. Im Norden beharren die Kurden auf ihrer unter Saddam erkämpften Autonomie. Und im Zentrum und im Nordwesten sehen sich die Sunniten um jene Vorteile gebracht, die sie unter dem Sunniten Saddam genossen.
Zudem hat Maliki es mit Extremisten aus dem Qaida-Netzwerk oder mit Gruppen wie dem "Islamischen Staat im Irak und in Syrien", kurz Isis, zu tun. Diese Glaubensterroristen führen ihren eigenen Krieg gegen die Zentralregierung und setzen auf die Unterstützung durch enttäuschte Stammeskrieger.
Wie zerrissen das Land, so zerrissen das Parlament. Den schmucklosen Bau hatte Saddam für die Abgeordneten seiner Einheitspartei Baath errichten lassen, jetzt versuchen sich hier die 325 Mitglieder des "Repräsentantenrats des Irak" in Demokratie - ein erschöpfender Job.
Kussai al-Suhail hat schwarze Ringe unter den Augen, ständig nimmt er die Brille ab, um den Schlaf fortzurubbeln. Suhail ist Vizepräsident des Parlaments und einer der Gefolgsleute des schiitischen Klerikers Muktada al-Sadr. Der Prediger hatte mit Premier Maliki paktiert, ihn vor einigen Wochen aber "Tyrann" genannt. Nun muss Suhail seinen Mentor Sadr stützen und doch die Koalition zusammenhalten, irgendwie.
Suhail gehört nicht zu den Scharfmachern, aber "das größte Problem unter den viel zu vielen Problemen des Landes" sei der Terror, sagt er, und den hätten die sunnitischen Extremisten zu verantworten. "Früher", sagt Suhail, "haben wir Schiiten unter Saddam gelitten, jetzt leiden wir unter al-Qaida. Ihr Terror richtet sich gegen uns, gegen die Schia."
Ein paar Büros weiter glaubt der Sunnit Hamid al-Mutlak, dass es mit dem Land nur abwärtsgehen könne, wenn Schiiten wie Maliki an der Macht blieben. Mutlak gehört der Parteienallianz um den laizistischen Schiiten und Ex-Premier Ijad Alawi an und ist Vorsitzender des Ausschusses für Verteidigung und Sicherheit.
Mutlak macht keinen zarten oder milden Eindruck, aber er war seit 50 Tagen nicht in seiner Heimatstadt Falludscha - seit eine Bombe in sein Haus einschlug. Er berichtet von "Sondertruppen, welche die Häuser der Sunniten niederbrennen", von einer "halben Million Menschen auf der Flucht". Die schiitische Regierung, sagt er, fördere einen "religiösen Rassismus" und mache Jagd auf die Sunniten "wie in Deutschland einst die Nazis auf die Juden". Ernsthaft? Ganz und gar. Und der wahre Schuldige sei der Nachbar "Iran mit seinem Sektierertum". Die Mullahs in Teheran säßen in Bagdad regelrecht "mit am Regierungstisch, sie haben einen Keil in unser Volk getrieben".
Der Ausweg? Eine Chance für sein Land sieht Mutlak "nur, wenn wir die Vormundschaft durch Iran abschütteln".
Vergleichsweise paradiesisch scheint nur jener Irak zu sein, den der Abgeordnete Arif Taifur seine Heimat nennt. Dieser joviale Herr meint nicht das zwischen Sunniten und Schiiten zerriebene Land, nicht den Irak der Autobomben und der Korruption; Taifur spricht von dem einst wilden und jetzt prosperierenden Kurdistan, denn als Vertreter der Kurden ist er Vizepräsident des Parlaments.
Von Terror und Konfessionskonflikten konnten die Kurden ihre Region weitgehend freihalten - bislang. Taifur will diese Eigenständigkeit ausbauen. Er spricht es nicht aus, lässt aber wenig Zweifel aufkommen: Wenn es sein muss, werden die Kurden für ihre Autonomie kämpfen.
Am Streit um Kirkuk und das Öl könnte sich solch ein weiterer Krieg entzünden. Auf die gewaltigen Erdölvorräte erheben die Kurden ebenso Anspruch wie Bagdad. Da Taifur zu Saddams Zeiten in Österreich lebte, beendet er das Gespräch auf Deutsch. "Zu viele Probleme", sagt er, "Gott helfe uns."
Das Parlament, das sich auf nichts von Bedeutung einigen kann und in dem einer den anderen hasst, weil hier jeder aus vergangenem Unrecht Ansprüche für die Zukunft ableitet, liegt in der "Grünen Zone". In diesem hochgesicherten Stadtteil von der Größe Berlin-Mittes haben sich internationale Organisationen oder die amerikanische Botschaft verschanzt.
Und hier, inmitten eines lieblichen Parks, residiert Premier Maliki. Als Amtssitz dient ihm ein kleiner Palast, den Saddam einst für den jordanischen König Hussein erbauen ließ. Nun huschen Malikis Berater durch die Gänge, junge, alerte Männer in gutgeschnittenem Anzug und mit perfekten Englischkenntnissen.
Malikis wahrer Vertrauter ist jedoch ein alter Mitstreiter, der Medienberater Ali al-Mussawi. Der frühere Journalist wacht darüber, wer zum Premier vorgelassen wird. "Attackieren Sie Seine Exzellenz nicht sofort mit provozierenden Fragen", sagt er im Vorgespräch; dann vergleicht er Maliki mit dem deutschen Nachkriegskanzler Konrad Adenauer: "Auch der hatte gegen manche ungerechtfertigte Anschuldigung zu kämpfen, und dann baute er Deutschland auf."
Und nun, pünktlich, steht der Premier an einem übergroßen Schreibtisch und liest letzte E-Mails auf seinem Smartphone. In dem weiten Raum wirkt Maliki, 64, ein bisschen linkisch und verloren, und er trägt einen etwas ausgebeulten dunklen Nadelstreifenanzug - es ist leicht, diesen Mann zu unterschätzen.
"Ich freue mich, dass Sie sich für den Irak interessieren", sagt er leise, "los geht's."
Von Dieter Bednarz und Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 12/2014
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