17.03.2014

SPIEGEL-GESPRÄCH„Genetisches Patchwork“

Künstliche Befruchtung, Eizellspende, Leihmütter - Ärzte können heute vielen Paaren zum Kind verhelfen. Der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard erklärt, wie die Reproduktionsmedizin das alte Bild von Vater-Mutter-Kind verändert hat.
Bernard, 44, forscht am Centre for Digital Cultures der Leuphana Universität Lüneburg. Für sein neues Buch, das zugleich seine Habilitationsschrift ist, bediente er sich der Methoden, die er in seinem Zweitberuf als Journalist gelernt hat: Er besuchte Samenbanken in den USA, interviewte Leihmütter in ukrainischen Kliniken und lauschte der Wut und Trauer inzwischen erwachsener deutscher Spenderkinder, die ihren genetischen Vater nicht kennen(*).
SPIEGEL: Herr Bernard, heute ist es theoretisch möglich, dass ein Kind fünf Eltern hat: einen Samenspender, eine Eizellspenderin, eine Tragemutter und schließlich die sozialen Eltern, bei denen es aufwächst. Kommt so etwas wirklich vor?
Bernard: Es ist machbar, und für ein paar hundert Kinder auf der Welt trifft es auch zu. Das Zusammenleben in der Familie wird jedoch bislang noch immer vor allem von der Blutsverwandtschaft geprägt.
SPIEGEL: Blut ist dicker als Wasser?
Bernard: Danach gestalten wir traditionell zumindest unser Erbrecht, das Sorgerecht, das Unterhaltsrecht. Aber das beginnt sich zu verändern. In Familien, die durch Samen- und Eizellspende oder Leihmutterschaft entstanden sind, wird Verwandtschaft nicht biologisch, sondern in sozialen und vertraglichen Kategorien hergestellt. Das ist ein Umbruch, der beträchtliche Folgen hat.
SPIEGEL: Dieser Umbruch, die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin, bei der Entstehung menschlichen Lebens zu helfen, haben die Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff dazu gebracht, Kinder aus künstlicher Befruchtung als "Halbwesen" zu verunglimpfen.
Bernard: Interessanterweise wären noch in den achtziger Jahren die Standpunkte und das Vokabular von Frau Lewitscharoff Konsens in der öffentlichen Debatte gewesen. Es verging keine Woche, in der nicht ein Leitartikel erschien, in dem Kinder aus künstlicher Befruchtung als pre-
käre Wesen verteufelt wurden. Inzwischen ist die Kritik am Artifiziellen aus der Debatte um die künstliche Befruchtung weitgehend verschwunden. Jetzt steht allein das Drama der individuellen Unfruchtbarkeit und ihre mögliche Überwindung durch die Reproduktionsmedizin im Mittelpunkt. Nicht zuletzt deshalb haben Lewitscharoffs unzeitgemäße Thesen so viel Empörung hervorgerufen.
SPIEGEL: Was hat sich in den letzten 30 Jahren verändert?
Bernard: Es tauchen neue Hierarchien auf, die sozialen Eltern gewinnen an Bedeutung, auch rechtlich. Ein Beispiel: 1990 brachte die Tragemutter Anna Johnson das Wunschkind des Ehepaars Calvert auf die Welt. Frau Calvert hatte für dieses Baby ihre Eizellen zur Verfügung gestellt, Herr Calvert sein Sperma. Anna Johnson aber wollte das Kind nach der Geburt nicht wie vereinbart an das Paar übergeben - sie sah sich als die biologische Mutter! Sie klagte, und das Gericht war mit der Frage konfrontiert: Wer ist die Mutter? Die Frau, die das Kind ausgetragen hat? Oder die Frau, die die Eizelle gespendet hat?
SPIEGEL: Wie ging der Fall aus?
Bernard: Der Supreme Court entschied zugunsten von Crispina Calvert, der genetischen Mutter. Die Begründung lautete: Sie war es, die das Kind wollte und plante. Die Kategorie der "Absicht" wurde stärker gewertet als die Beziehung zwischen Mutter und Kind in der Schwangerschaft. Der Begriff der "intendierten Elternschaft" war in der Welt.
SPIEGEL: In kalifornischen Samenbanken werden die Spender detailreich angepriesen. Manche rufen sogar einen "Spender des Monats" aus.
Bernard: Die Spender sollen musisch sein, kulturell talentiert, hochintelligent, akademisch gebildet und am besten Spitzensportler. Da werden regelrechte Monster des Elitismus angeboten. Man sieht, dass die Eltern großen Wert auf das genetische Grundmaterial ihres Nachwuchses legen. Ist das Kind aber da, möchten sie diese fremden Gene zugunsten des sozialen Gefüges der Familie vergessen machen. Das ist natürlich ein Widerspruch.
SPIEGEL: Wie hat sich unser Verhältnis zur Reproduktionsmedizin verändert?
Bernard: Wir sind in eine neue Phase eingetreten: Von den Anfängen der Samenspende bis in die frühen achtziger Jahre war es völlig undenkbar, eine solche Spende öffentlich zu machen. Damals bat ein Arzt irgendeinen Praktikanten oder Medizinstudenten, einen Becher zu füllen; dann wurde die Frau inseminiert. Außer dem Arzt und dem Ehepaar wusste niemand davon. Dann wurde unter anderem wegen des HI-Virus klar, dass man die Samenproben kontrollieren muss. Außerdem begannen auch lesbische Paare, mit Hilfe der Fortpflanzungstechnik eine Familie zu gründen. Sie konnten beim besten Willen nichts geheim halten, der Vater fehlt ja ganz offensichtlich. So kam allmählich größere Offenheit in das Verfahren. Jetzt, seit etwa fünf bis zehn Jahren, ist die Reproduktionsmedizin in einer dritten Phase angelangt.
SPIEGEL: Und wie sieht die aus?
Bernard: Das Bedürfnis nach Offenheit wird stärker. In den USA lässt sich gut beobachten, mit welcher Verve die Familien dort ihr genetisches Patchwork freilegen. Allein die Existenz des "Donor Sibling Registry" zeugt davon, einer Website, auf der sich mehr als 42 000 Menschen darüber austauschen, wo sie oder ihre Kinder gezeugt worden sind, in welcher Samenbank, welche Nummer der Samenspender hat. Dort suchen Spenderkinder nach ihren Halbgeschwistern. Oder Samenspender schauen nach, wie viele Kinder sie gezeugt haben.
SPIEGEL: Was folgt aus diesem Wissen?
Bernard: Sehr oft die feste Absicht, alle Teile der eigenen Herkunft harmonisch zusammenzubringen: die soziale Familie und einen Samenspender-Vater, der vielleicht nur 500 Kilometer entfernt lebt, den man möglicherweise einmal kennenlernen kann. Oder ein Halbgeschwisterkind, mit dem man in Kontakt treten könnte.
SPIEGEL: Die anonyme Samenspende gibt es seit langem auch in Deutschland. Die Kinder haben, wie alle Kinder auf der Welt, ein sogenanntes Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung. Wie funktioniert das in der Praxis?
Bernard: Jahrzehntelang lief das sehr restriktiv. Deutsche Reproduktionsmediziner standen auf dem Standpunkt, den ich als erste Phase beschrieben habe: Es ist besser, wenn die Kinder nichts von den Hintergründen ihrer Zeugung erfahren. Aber im Februar 2013 ist es einem 21-jährigen Mädchen namens Sarah zum ersten Mal gelungen, einen Reproduktionsmediziner per Gerichtsurteil zu zwingen, den Namen eines anonymen Samenspenders herauszugeben. Das wird vermutlich dazu führen, dass in den nächsten Jahren viele Spenderkinder die entsprechenden Informationen einklagen werden.
SPIEGEL: Warum tun die Spenderkinder das? Macht es automatisch unglücklich, seinen genetischen Vater nicht zu kennen?
Bernard: Das kommt darauf an, wann die Kinder von der Spende erfahren haben. Einen Erwachsenen stellt dieses Bekenntnis der eigenen Eltern psychisch vor eine fast unlösbare Aufgabe; er hat bereits seine komplette Identität aufgebaut. Wenn er dann hört: Dein Vater ist nicht dein Vater, kann das zu einer psychologischen Krise führen. Eine Gesprächspartnerin sagte mir, ihre Existenz stehe nicht mehr auf zwei, sondern nur noch auf einem Pfeiler. Wer dagegen als Kind schon aufgeklärt wird, kann dieses Wissen besser in sein Identitätsbild integrieren.
SPIEGEL: Deutschland geht restriktiv mit den neuen Techniken um. Leihmutterschaft und Eizellspende sind verboten; die Samenspende ist zwar erlaubt, aber nur unter hohen Auflagen. Warum sind wir strenger als andere?
Bernard: Die Kritik an der Reproduktionsmedizin wurde immer wieder damit begründet, dass Deutschland nach dem Nationalsozialismus gelernt haben müsse, wohin es führt, wenn sich die Politik und die Gesellschaft des Lebens bemächtigen. Vor allem in den Debatten um das Embryonenschutzgesetz in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre haben sich Abgeordnete von SPD und Grünen auf diesen Standpunkt gestellt. Hätte sich ihr Gesetzesvorschlag durchgesetzt, wäre auch die Samenspende verboten worden.
SPIEGEL: Ist es falsch, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen?
Bernard: Natürlich nicht, aber diese Vergangenheit sollte auch allen hinreichend bekannt sein. Die künstliche Befruchtung beispielsweise, das heißt zur damaligen Zeit die Samenspende, war bei NS-Politikern und -Ärzten verpönt, sie löste regelrechten Ekel bei ihnen aus. Es gibt zahlreiche Dokumente von Politikern und Ärzten, die darauf pochen, dass deutsche Kinder bitte aus Geschlechtsverkehr hervorzugehen haben. Und alles, was in diesem Bereich mit Spritzen und Technik verbunden war, wurde einer überfeinerten und auch jüdischen Kultur zugeordnet und ästhetisch verdammt.
SPIEGEL: Die Versuche der Nazis, die deutsche Rasse mit den Mitteln der Eugenik zu entwickeln, sind aber bekannt.
Bernard: Ohne Zweifel bilden Eugenik und "Rassenhygiene", in Form von Zwangssterilisationen oder der "Vernichtung unwerten Lebens", die wissenschaftliche Legitimation der nationalsozialistischen Verbrechen. Es wurde von den Nazis auf exzessive Weise negative Eugenik betrieben, sie verhinderten auf grausame Art, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen Kinder bekamen. Positive Eugenik aber, also Versuche mit Samenspenden und künstlicher Insemination, hat es nicht gegeben. Dennoch argumentieren Gegner der künstlichen Befruchtung seit Jahrzehnten reflexhaft mit der Assoziation zum Nationalsozialismus, so wie zuletzt auch Sibylle Lewitscharoff.
SPIEGEL: Wie ist das gekommen?
Bernard: Durch eine merkwürdige Kontinuität der Standpunkte. In der Nachkriegszeit blieben die Ärzte, die im Nationalsozialismus einflussreich waren und in der Bundesrepublik weiterhin in herausgehobenen Positionen arbeiteten, einfach bei ihrer ablehnenden Haltung. Sie änderten lediglich ihre Begründung: Ging es zuvor um das Undeutsche der künstlichen Befruchtung, warnten sie jetzt vor den Techniken der Reproduktion, weil diese im Krieg zu Exzessen und Entfesselungen geführt hätten. Die politische Kritik an der Fortpflanzungsmedizin, wie sie vor allem in der Zeit des Embryonenschutzgesetzes geäußert wurde - auch von dezidiert linken Parteien -, sollte die Tradition ihrer Standpunkte vielleicht noch einmal genauer überprüfen.
SPIEGEL: Dennoch stimmt ja die Feststellung, dass die moderne Reproduktionsmedizin zwar Leben schenkt, zugleich aber auch selektiert.
Bernard: Absolut. Wir sind zwar liberaler geworden, eugenische Zwangsmaßnahmen sind aus unserer Gesellschaft auf den ersten Blick verschwunden. Aber das, wozu damals totalitäre Regierungen nötig waren - zum Beispiel um Menschen mit Behinderung auszumerzen -, das übernehmen wir heute selber. Wohin haben die Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik geführt? Dass man keine Kinder mit Down-Syndrom mehr auf den Straßen sieht. Man könnte sagen, wir betreiben inzwischen freiwillige Eugenik.
SPIEGEL: Deutsche Paare reisen in Länder wie Indien oder die Ukraine, um dort mit Hilfe einer Tragemutter zu einem Kind zu kommen. Ist das moderne Sklaverei?
Bernard: Ich habe in einem Reproduktionszentrum in der Ukraine einige Tragemütter kennengelernt. Sicherlich wurden mir von der Klinik nur die stabilsten Frauen als Gesprächspartnerinnen vermittelt. Aber wenn eine Frau erzählt, dass sie als Filialleiterin einer Supermarktkette 3000 Euro im Jahr verdient und mit einer Leihmutterschaft 10 000 Euro, dann bin ich mir nicht sicher, ob man ihre Bereitschaft dazu kritisieren kann.
SPIEGEL: Da wird ein extremes Wohlstandsgefälle ausgenutzt.
Bernard: Ja, natürlich! Deswegen würde ich aber keine Frau in der Ukraine oder in Indien dafür verurteilen, dass sie sich als Tragemutter zur Verfügung stellt. Ich frage eher, in welches gesellschaftliche Klima wir geraten sind, dass es solche Arrangements gibt.
SPIEGEL: Und wie lautet Ihre Antwort?
Bernard: In den letzten 30 Jahren hat sich fundamental verändert, wie unsere Gesellschaft mit Unfruchtbarkeit und Kinderlosigkeit umgeht. Über Jahrhunderte hinweg bis in die siebziger Jahre hinein wurde ungewollte Kinderlosigkeit als etwas wahrgenommen, worunter die betroffenen Paare leiden, aber am Ende hatten sie dies als Schicksal zu akzeptieren.
SPIEGEL: Was hat sich seitdem geändert?
Bernard: Ungewollte Kinderlosigkeit wird, glaube ich, nicht mehr so leicht akzeptiert. Ein unfruchtbares Paar, das heute Rat bei Ärzten oder Freunden sucht, hört schnell: "Da kann man doch was machen!" Immer wieder stößt man bei Problemen mit der Fortpflanzung inzwischen auf diese Castingshow-Rhetorik: "Ihr könnt es schaffen, ihr müsst nur ein bisschen Arbeit investieren!" Wenn es in der Reproduktionsklinik nicht klappt, dann ist der nächste Schritt eben die Eizellspenderin im Ausland. Meine Kritik würde eher da ansetzen: Aus dem Kinderkriegen ist eine Sache des Willens und des Engagements geworden.
SPIEGEL: Wie engagiert helfen deutsche Reproduktionsmediziner denn auch homosexuellen Paaren beim Kinderkriegen? Adoption ist ihnen ja versagt ...
Bernard: ... aber die Samenbanken in Deutschland unterstützen sie. Nicht offen, weil das nach den Richtlinien der Bundesärztekammer untersagt ist, aber sie tun es. Manche Samenbanken sagen, der Anteil ihrer homosexuellen Kunden betrage bereits 60 Prozent.
SPIEGEL: Sollten Eizellspenden und Leihmutter- oder Tragemutterschaft in Deutschland auch erlaubt sein?
Bernard: Die Rechtslage weist ja auf eine bemerkenswerte Geschlechterdifferenz: Samenspenden sind erlaubt, Eizellspenden nicht. Weshalb? Im Grunde geht es um zwei zellulare Transfers.
SPIEGEL: So einfach ist es nicht: Das Spenden von Sperma bereitet dem Mann Lust, die Punktion von Eizellen hingegen schmerzt und riskiert die Gesundheit.
Bernard: Das stimmt, und trotzdem ist es erstaunlich, dass die hochmoderne Reproduktionsmedizin immer wieder von archaischen Geschlechterbildern geprägt ist. Die Zeugungstheorie von Aristoteles etwa nimmt an, dass der Samen des Mannes die formende Gestalt für das Kind sei, die Frau dagegen nur die Substanz bereitstelle. 2400 Jahre später sieht das nicht viel anders aus. Der Mann ist auch in den Samenbanken von heute für die intellektuelle und körperliche Exzellenz, also das Formende zuständig. Er wird mit Hunderten Elitesiegeln versehen. Bei der Frau in den Eizell- oder Leihmutterkatalogen wird dagegen kaum auf Schulbildung geachtet. Es wird eher geschaut: Hat sie schon Kinder geboren? Die Frau erscheint nach wie vor als diejenige, die die materielle Substanz des Kindes liefert.
SPIEGEL: Ist das auch der Grund, weshalb prominente Frauen, die in älteren Jahren Mutter wurden, eine Eizellspende nicht eingestehen?
Bernard: Gianna Nannini erzählt immer, wie sie als Mittfünfzigerin in einer Opernprobe eine Arie gesungen hat und in diesem Moment merkte, dass sie schwanger wird - der Mythos einer Art von Jungfernzeugung. Dass sehr wahrscheinlich eine Eizellspende zur Schwangerschaft führte, davon ist bei ihr nicht die Rede. Dagegen verhehlt eine Frau wie die US-Schauspielerin Sarah Jessica Parker nicht, dass sie eine Tragemutter hatte. Wie lässt sich der Unterschied erklären? Ich glaube, dass es darauf ankommt, dass der Star mit seiner genetischen Essenz einen Nachkommen zeugt, dass er sich selbst, seine Schönheit, sein Talent, reproduziert. Dann wird die Tragemutter zu einer Art Bodydouble. Die Essenz pflanzt sich fort. Das ist die akzeptierte Variante.
SPIEGEL: In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass trotz all des Durcheinanders von genetischen, sozialen und biologischen Eltern die Familie heute mehr denn je zelebriert wird.
Bernard: In den siebziger und achtziger Jahren dominierten in der Soziologie und auch in Romanen oder Filmen Bilder der dysfunktionalen Familie: dass Eltern und Kinder nicht mehr miteinander am Esstisch sitzen, Chips auf der Couch beim Fernsehen verschlungen werden. Wenn dagegen heute Familien gezeigt werden, die biologisch zersplittert sind, dann wird fast immer eine auffällige Bürgerlichkeit präsentiert. Die gemeinsamen Mahlzeiten, das Feiern von Mutter- und Vatertagen: Diese Leute führen ein bürgerliches Familienleben vor, wie es in den letzten Jahrzehnten beinahe verpönt war. Denken Sie nur an aktuelle Fernsehserien wie "Modern Family" oder "The New Normal": Die schwulen Paare mit den von Leihmüttern ausgetragenen Kindern sind, was ihre Biederkeit und Ritualtreue betrifft, die Musterfamilien schlechthin.
SPIEGEL: Eine Rückbesinnung aufs Alte, Schlichte, Gute, gerade weil alles so kompliziert ist?
Bernard: Als ich 2007 anfing, an meiner Habilitation zu arbeiten, saß noch in jeder dritten Talkshow ein Kirchenvertreter oder Politiker, der sagte: Die Reproduktionstechnik bedroht die Familie! Während der Recherche aber hat sich bei mir der Eindruck verfestigt, dass es andersherum ist. Gerade die Techniken der Reproduktionsmedizin haben ein altes, in der Folge von 1968 ausgezehrtes Modell namens Familie wiederbelebt. Auf einmal dürfen Paare, die zuvor aus gesundheitlichen oder biologischen Gründen ausgeschlossen waren, über die Zukunft dieses Lebensmodells bestimmen, und sie tun das mit umso größerer Emphase. Diese Menschen haben das Konzept der Familie im 21. Jahrhundert wieder gestärkt.
SPIEGEL: Herr Bernard, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Andreas Bernard: "Kinder machen - Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 544 Seiten; 21,99 Euro.
* Kerstin Kullmann und Rafaela von Bredow in München.
Von Kerstin Kullmann und Rafaela von Bredow

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