17.03.2014

PLAGIATEAufwendige Nachsorge

Die ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan kämpft in dieser Woche vor dem Verwaltungsgericht um ihren Doktortitel - wohl ohne große Chancen.
Die angemessene Anrede ist wichtig im akademischen Betrieb, insbesondere in offiziellen Schreiben. "Spectabilität", so adressiert der Düsseldorfer Prodekan Stefan Rohrbacher den Dekan. "Ihrer Aufforderung, einen Bericht über den Stand aktueller Fälle von Plagiatsverdacht bei Dissertationsschriften vorzulegen, komme ich gerne nach."
Seit 2011 habe sich der Promotionsausschuss ununterbrochen mit Plagiatsprüfungen befasst, schreibt dessen Vorsitzender Rohrbacher in seinem bislang unbeachteten Bericht vom vergangenen Sommer. Der Ausschuss werde "in jedem Verdachtsfall tätig", das ergebe sich aus der Verantwortung für eine "nachsorgende Qualitätssicherung". Bei "Vorliegen substantiierter Hinweise" seien "sämtliche für kritisch erachtete Befunde" zu prüfen, der Aufwand sei "stets sehr erheblich".
In zwei Fällen sei der Titel aberkannt worden. In einem habe die betroffene Person auf Rechtsmittel verzichtet, im anderen, dem "prominenten Fall", werde die Entscheidung angefochten, die erstinstanzliche Entscheidung stehe noch aus.
Sie wird voraussichtlich an diesem Donnerstag fallen. Dann befindet das Verwaltungsgericht Düsseldorf unter dem Aktenzeichen 15 K 2271/13 darüber, ob Rohrbacher und seine Kollegen der CDU-Politikerin und damaligen Bundesbildungsministerin Annette Schavan vor 13 Monaten zu Recht den Doktortitel entzogen haben.
Der Fall Schavan zeigt, zu welch großer Belastung sich Plagiatsprüfungen für die Universitäten auswachsen können. Die Gremien mussten eine mehr als 30 Jahre alte Arbeit beurteilen, unter scharfer Beobachtung von Politik, Wissenschaft und Medien, begleitet von, so Rohrbacher, "Versuchen der Abschöpfung von Informationen wie auch der Einflussnahme".
Gefolgsleute Schavans aus Politik und Wissenschaft hatten das Düsseldorfer Verfahren als unzulänglich und sogar parteiisch kritisiert. Die Universität hätte ein externes Fachgutachten einholen müssen, forderte etwa der CDU-Parteifreund Kurt Biedenkopf. Andere Kritiker bemängelten, dass die Universität zu harsch geurteilt habe; in den siebziger Jahren, als Schavan die Arbeit verfasst habe, hätten andere Maßstäbe für Zitate gegolten. Solche Kritik wird wohl wiederkehren, falls das Gericht Schavans Klage abweist.
Die Universität fürchtete um ihre Reputation und ließ sich von einem PR-Profi beraten: Joachim Klewes, Senior Partner bei der Agentur Ketchum Pleon sowie Honorarprofessor an der Philosophischen Fakultät. Laut internen E-Mails schrieb er dem Düsseldorfer Rektor Michael Piper nach einem Zeitungsinterview: "Die Tonalität hätte aus kommunikativer Perspektive durchaus noch deutlich plakativer und selbstbewusster ausfallen können." Klewes warnte die Universitätsleitung zudem, "aus dem Sch.-Lager" sei "mit heftigen Aktivitäten oberhalb und unterhalb der Gürtellinie zu rechnen".
Ein Uni-Sprecher erklärte, man könne zu Vertragsdetails mit Fachberatern "naturgemäß keine Auskunft geben".
Die juristischen Aktivitäten Schavans werden kaum dazu führen, dass die Politikerin den Titel doch noch behalten darf. Die Universität sah den "Tatbestand einer vorsätzlichen Täuschung" als erfüllt an, und sie hat grundsätzlich einen großen Spielraum bei solchen Entscheidungen. Das Verwaltungsgericht wiederum hat nur einen Verhandlungstag angesetzt, was eher ein schnelles und gegen Schavan gerichtetes Urteil erwarten lässt.
Für Schavan könnten weitere unangenehme Nachrichten aus der akademischen Welt folgen. Bestätigt das Verwaltungsgericht den Entzug, dürfte die FU Berlin ihre Honorarprofessur auf den Prüfstand stellen, die sie Schavan verliehen hat. Und an der LMU München, wo Schavan seit 2013 im Hochschulrat sitzt, wird die Kritik an dieser Personalie wachsen. Beide Hochschulen wollten sich zu möglichen Folgen nicht äußern, genauso wenig wie die Universität Lübeck, die der Politikerin die Ehrendoktorwürde verliehen, aber noch nicht überreicht hat.
Schavan sieht sich zu Unrecht bestraft. Ein "irres Menschenbild" unterstellte sie den universitären Prüfern in einem Interview mit der "Welt"; "was geschehen ist, schadet nicht nur mir, sondern auch der Wissenschaft". Bernhard Kempen, Rechtsprofessor an der Universität Köln und Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, hingegen sagt: "Die Universität Düsseldorf hat das Verfahren gewissenhaft durchgeführt."
Angestoßen hatte die Prüfung ein anonymer Plagiatejäger, der eine umfangreiche Dokumentation fragwürdiger Textstellen erstellt und unter dem Pseudonym Robert Schmidt im Internet veröffentlicht hatte. Heute, drei Jahre nach Guttenberg und ein Jahr nach dem Rücktritt Schavans, scheint die große Welle der Plagiatejagd durch Internetaktivisten erst einmal vorbei zu sein. Doch auf Anfrage lässt "Robert Schmidt" wissen: Ihn treibe weiterhin der "Spaß an der Detektivarbeit verbunden mit der Möglichkeit, vielleicht noch einen ,großen Fall' aufdecken zu können". Er habe vor, sich bald "die Doktorarbeit eines Managers anzusehen".
Von Jan Friedmann, Barbara Schmid und Oliver Trenkamp

DER SPIEGEL 12/2014
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