24.03.2014

KARRIEREN51 Wochen

Peer Steinbrück war Meister klarer Worte und Manager der Finanzkrise, der politische Liebling der Deutschen. Dann wurde er SPD-Kanzlerkandidat, und binnen eines Jahres verlor er diesen Ruf. Nun sucht er den Weg zurück in sein altes Leben.
An einem sonnigen Donnerstag im Februar läuft Peer Steinbrück über den Campus des University College in London und bekommt langsam Zweifel an seiner Mission. Neben ihm marschiert eine deutsche Studentin mit Halstuch und Bluse, sie redet sehr schnell, ihre Worte überschlagen sich. Sie spricht von Uni-Ranglisten und ihrem Studium der forensischen Anthropologie, der Untersuchung menschlicher Skelette. Steinbrück schweigt.
Vor dem Hauptgebäude der Uni bleiben die beiden stehen, gegenüber soll Steinbrück gleich einen Vortrag halten. Sein Blick wandert über den Boden zum mächtigen Rundturm des Gebäudes, auf dessen Spitze eine Regenbogenfahne im Wind weht, das Symbol der Homosexuellen-Bewegung. "Wir haben gerade Diversity Week", sagt die Studentin. Steinbrücks Blick bleibt an der Fahne hängen. Er presst seinen Mund zusammen, er blickt die Studentin an, dann findet er doch noch Worte. "Wie haben Sie mich dazu bewegt, ja zu sagen?"
In London ist man an diesem Tag auf hohen Besuch eingestellt. Die deutsche Botschaft hat alle verfügbaren Kräfte losgeschickt, um den Ehrengast zu empfangen. Das ist allerdings nicht Steinbrück, die Kanzlerin hat sich angesagt. Auf Angela Merkels Programm steht eine Rede im Parlament, ein Gespräch mit Premierminister Cameron und, als Höhepunkt, ein Besuch im Buckingham Palace. Als Peer Steinbrück sich fragt, was er hier in London eigentlich verloren hat, trinkt Merkel Tee mit der Königin.
Der Peer Steinbrück des Frühjahrs 2014 bietet einen eigenartigen Anblick. Er war Kanzlerkandidat der SPD, noch vor wenigen Monaten traf er europäische Staatenlenker in ihren Residenzen. Jetzt läuft er durch London und winkt an Straßenecken, damit endlich ein Taxi anhält. Im Hotel muss er warten, bis die Putzkolonne aus seinem Zimmer verschwindet.
Steinbrück, 67, trat bei der Bundestagswahl als Gegenentwurf an, als Anti-Politiker. Er stand dafür, wie man Politik auch machen kann, neben all den fertiggeschliffenen Zitaten, wie sie in Berlin jeden Tag gesagt und gedruckt werden. Er wollte es anders machen, das war sein Plan.
Das alles endete am 22. September mit 25,7 Prozent. Es war das zweitschlechteste Ergebnis der SPD in der Geschichte der Bundesrepublik. Es ist viel schiefgelaufen in dieser Kampagne, und deshalb ist Steinbrücks Geschichte auch eine über den Umgang mit Fehlern in der Politik.
Peer Steinbrück hatte ein wunderbares Leben, bevor er Kanzlerkandidat wurde. Er war ein gefragter Redner, er hatte einen Ruf als zupackender Manager der Finanzkrise. Er reiste durch die Welt und verdiente sehr ordentlich.
Die Frage ist auch, ob jemand in das alte Leben zurückfindet, der als Kanzlerkandidat verloren hat, nicht irgendwie, sondern schlimm verloren.
Peer Steinbrück hatte ein überbordendes Selbstbewusstsein. Er ist ohne Selbstzweifel ins Rennen gegangen, doch 51 Wochen Bundestagswahlkampf haben seine Welt ins Wanken gebracht.
Wieder ein Donnerstag, diesmal Berlin, im Januar. Peer Steinbrück erhebt sich von seinem Schreibtisch im Abgeordnetenbüro, Jakob-Kaiser-Haus, vierter Stock. Er schlängelt sich an Kartons vorbei auf eine Couch, die direkt vor seinem Schreibtisch platziert ist. Es ist ein kleines Büro für einen ehemaligen Bundesfinanzminister, Kanzlerkandidaten und Ministerpräsidenten. Er wird in größere Räume umziehen. Ein Schiffsmast schaut aus einem Karton, ein Holznashorn ist noch nicht verpackt, es steht Steinbrück gegenüber. Es scheint allzeit bereit zum Duell. Steinbrücks Blick deutet darauf hin, dass es ihm ähnlich geht.
"Warum treffen wir uns überhaupt?", blafft er. "Ich habe keinen Bock, mich zu erklären." Er lehne Presseanfragen in Reihe ab, sagt er. Es wird ein ruppiger Monolog. Das Gespräch ist erst wenige Minuten alt, aber die Stimmung ist schon gekippt.
Peer Steinbrück und die Medien, das war lange Zeit hindurch eine symbiotische Beziehung. Er hat so anders geredet als die Kollegen in der SPD, und die Medien haben diese besondere Art gern angenommen. Wo andere Politiker konstruktive Diskussionen führten, schickte er lieber die Kavallerie. Mit Steinbrück gab es immer ein interessantes Interview, beide Seiten waren Gewinner.
Im Bundestagswahlkampf ging diese Beziehung zu Bruch. Es kommt oft vor, dass Medienlieblinge fallen, Gerhard Schröder erlebte das, auch Karl-Theodor zu Guttenberg.
Bei Steinbrück lagen die Dinge anders. Mit der Kanzlerkandidatur gab es für die politische Person Steinbrück plötzlich neue Regeln. Aber er hatte keine Lust, sich darauf einzulassen. Seine rotzige Art galt plötzlich als ungehobelt, sein Anti-Politikerdasein war nicht mehr angenehm anders, sondern störrisch und besserwisserisch. Die Folge war ein jäher Absturz.
Im Großen und Ganzen ist Peer Steinbrück, ohne sich zu verändern, auf einmal ein ganz anderer öffentlicher Mensch geworden. Weil er das nicht akzeptiert, will er nun mit diesem Zirkus nichts mehr zu tun haben. Bei der Recherche zu dieser Geschichte gab es immer wieder mürrische Kommentare. Was wollen Sie hier? Warum tun Sie sich das an?
Kurz nachdem die Große Koalition Ende des Jahres ihre Arbeit aufnahm, spielte Steinbrück mit dem Gedanken, sein Bundestagsmandat abzugeben. Gemeinsam hielten ihn Fraktionschef Thomas Oppermann und Außenminister Frank-Walter Steinmeier davon ab. "Hör nicht zu früh auf", sagten sie ihm. Es gebe da noch etwas, wozu sie ihn brauchten. Er könnte doch mal in der Fraktion zu schwierigen Themen sprechen oder dafür sorgen, dass nicht nur Wolfgang Schäuble über Europapolitik redet.
Steinbrück blieb erst mal, aber mehr als ein Hinterbänkler im Auswärtigen Ausschuss will er nicht sein. Anfang des Jahres hat er Wien besucht, jetzt London. Alles Weitere wird man sehen.
Peer Steinbrück möchte zurück in das Leben vor der Kanzlerkandidatur, als er mit seiner Frau Scrabble spielen konnte und gutes Geld mit Vorträgen verdiente. In seiner Vorstellung hat er dieses Leben nur kurz unterbrochen, für eine "besondere Erfahrung", wie er es nennt. Die Frage ist, ob das so einfach geht.
Nach der Bundestagswahl hat Steinbrück sich an seinen Schreibtisch gesetzt und begonnen, seine Sicht der Dinge aufzuschreiben. Es könnte eine Fortsetzung seines ersten Buchs aus dem Jahr 2010 werden, "Unterm Strich". Damals schrieb Steinbrück über seine Erfahrung in der Finanzkrise und über Fehlentwicklungen in der Politik, der SPD und in den Medien. Aus dem Politiker Steinbrück wurde so der Klartextredner Steinbrück.
So ähnlich dürften auch die Themen des neuen Buchs werden. Das fiese Spiel der Medien, der Ärger mit der SPD, mittendrin Steinbrück. Wenn es keiner sonst macht, dann schreibt er es selbst auf. Es geht auch darum, die Deutungshoheit über das Ich zurückzugewinnen.
Aber das ist nicht so leicht. In London steht Steinbrück an einem Tisch im Untergeschoss des University College und hält seinen Vortrag über Europa. Peer Steinbrück provoziert und bollert. Eine Rede zu Europa, das ist ein Heimspiel. Es läuft.
Dann stellt ein Student eine Frage: "Was kann die SPD tun, um bei der nächsten Wahl nicht wieder zerstört zu werden?" Die Frage bringt Steinbrück völlig aus dem Konzept.
"Ich kann nicht, ich kann nicht ...", holpert er, "ich kann das nicht in zwei Minuten beantworten ... das ist eine sehr komplexe Frage."
Dann sucht er einen Weg heraus aus dem Schlamassel. Er glaubt, ihn zu finden, indem er Fragen stellt, statt Antworten zu geben. "Was war mit der Kampagne? Was war mit den Umständen? Ich kann das nicht in wenigen Minuten umschreiben." Die SPD habe einige Fehler gemacht, sagt er dann noch. "Vielleicht haben wir die Situation falsch eingeschätzt." Mehr kommt nicht.
Es ist nicht so, dass es den Klartext-Steinbrück gar nicht mehr gibt, doch die alte Rolle passt für ihn nicht mehr so recht. Das Thema "Ich und die" funktioniert nicht mehr, weil Steinbrück als Kandidat Teil des Systems war. Das Thema "Vernunft gegen Parteidisziplin" auch nicht, denn er ist diszipliniert für Dinge eingetreten, die er für unvernünftig hält. "Wenn ich nur dürfte" ist auch kein gutes Motiv mehr für seine Reden. Er war schließlich Kanzlerkandidat und durfte. Bleibt Europa. Das funktioniert noch, es war ja kein Wahlkampfthema.
Steinbrück hat noch nicht herausgefunden, wie er mit den begrenzten Möglichkeiten umgehen soll. In London auf der Bühne stand er auf einmal blank da.
Es ist ein Makel, den Steinbrück seit September mit sich trägt. Er erschwert den Weg zurück in das Leben vorher. Er behindert ihn dabei, die Kampagne zum Sabbatical seines Leben werden zu lassen, nach dem er wieder so sein darf wie vorher.
Die 51 Wochen Wahlkampf haben sein Leben neu geprägt. Lieber früher als später will Steinbrück wieder bezahlte Vorträge halten. Es gab schon Angebote, Steinbrück wollte gern zusagen. Mit Mühe konnten seine Berater ihn davon abhalten, das schon kurz nach der Bundestagswahl zu tun.
Der Marktwert des Redners Steinbrück wird gerade neu vermessen. Ein Redner wird nicht als Mensch eingekauft, sondern als Träger eines Images. Früher galt: Peer Steinbrück, der coole Politmanager, Mann klarer Worte. Das funktioniert jetzt nicht mehr.
Jetzt gibt es auf einmal eine Vergangenheit, mit der er umgehen muss. Über Fehler zu sprechen scheint aber auch mit Abstand nicht in Steinbrücks Konzept zu passen. Für ihn war in der Mediengesellschaft und in einer Bevölkerung, die keine Zumutungen wollte, die Wahl nicht zu gewinnen.
"Bemerkungen wie die über die Clowns oder den Pinot Grigio hätte ich mir wohl besser verkneifen sollen - auch wenn ich heute darüber lachen kann", sagt Steinbrück. "Die Medien haben das dann aufgenommen, zusammengerührt und sich daraus eine Chronique scandaleuse gebastelt." Über die schweren Patzer, den Stinkefinger, die Vorträge, das Kanzlergehalt redet er nicht.
Peer Steinbrück ist nicht der Typ, der zeigt, wie es in ihm aussieht. Im vergangenen Dezember hält er in der SPD-Zentrale eine Festrede zur Eröffnung einer Fotoausstellung zum 100. Geburtstag Willy Brandts. Es ist der Tag, an dem seine Tochter Geburtstag feiert, er möchte so schnell wie möglich weg.
Plötzlich stellt sich ihm eine Frau in den Weg: "Ich hoffe, dass sie nach der Wahl nach einiger Zeit wieder ein gutes Leben führen können." Steinbrück sagt: "Meine Seelenlage ist stabil." Dann verschwindet er in den Berliner Abend.
Der Aussteiger Steinbrück sucht seinen Weg zurück, er würde so gern wieder dastehen, wo er war, bevor alles losging. Ohne Verletzungen, ohne Niederlage.
Den Elder Statesman wird es so schnell nicht geben. Ein halbes Jahr nach der Wahl ist damit auch klar, was so eine Kanzlerkandidatur den Menschen, der kandidiert, kosten kann. Steinbrück hat mehr geben müssen für die Kanzlerkandidatur als Zeit für den Wahlkampf.
Als Gerhard Schröder sein Leben nach der Kanzlerschaft begann, startete er ohne Rücksicht auf seinen Ruf eine Karriere als Geschäftsmann. Schröder handelte wie jemand, dem die Folgen egal waren. Aber er hatte sieben Jahre als Regierungschef und einen furiosen Wahlkampf hinter sich. Obwohl er die Wahl verloren hatte, stand er stark da. Er hat einfach sein Ding gemacht.
Bei Steinbrück ist es anders. Die Niederlage war schwerer, sie ist mit ihm persönlich verbunden. Es hat ihn getroffen. Er will den Boden unter den Füßen wiederfinden, doch im Moment zappelt er noch in der Luft.
Es geht bei Peer Steinbrück nicht nur darum, seine Marke zu erhalten. Steinbrück hat das Jahr im Wahlkampf als unwürdig empfunden. Er vermisste den Respekt an seiner Person, er fühlte sich persönlich diffamiert.
Sein langsamer Weg aus der Öffentlichkeit heraus ist sein Weg, für sich Respekt zurückzugewinnen. Für den verletzten Steinbrück bedeutet Respekt, dass man ihn wenigstens die Zeit nach der Kandidatur so gestalten lässt, wie er sie sich gestalten will. Es ist ein letzter Schritt der Unangepasstheit. Er wünscht sich, dass wenigstens das funktioniert.
Am zweiten Tag seiner Londoner Reise sitzt Peer Steinbrück in der Lobby des Grand-Royale-Hotels nahe dem Hyde Park, es ist ein dunkler Raum mit Holz, das jedes Tageslicht schluckt. Steinbrück hat eine Zeitung in der Hand, die "Times".
Auf der Titelseite prangt ein großes Foto, es zeigt Angela Merkel, kurz bevor sie David Cameron auf die Wange küssen wird. Steinbrück blickt darauf, dann sagt er zu sich selbst: "Sie hat Cameron nicht viel geboten." Es ist, als stellte er sich kurz vor, wie es wäre, wenn er nicht verloren hätte.
Von Gordon Repinski

DER SPIEGEL 13/2014
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