24.03.2014

TV-EVENTSSchön war die Zeit

Uwe Barschel, das Gladbecker Geiseldrama und immer wieder Hitler: Die Sender verfilmen so viel Zeitgeschichte wie nie zuvor. Manchmal sind sie dabei schneller als die Wirklichkeit.
Der tote Uwe Barschel lässt den Fernsehmachern bis heute keine Ruhe. Und sie ihm auch nicht. Wobei nicht alle gleich so einen Hokuspokus veranstalten wie RTL. Der Sender schickte Barschels Witwe vor gut drei Jahren eine Frau ins Haus, die als Medium angeblich mit dem Verstorbenen Kontakt aufnahm, auf Anhieb seinen Lieblingssessel benannte und von ihm ausrichtete, er sei vergiftet worden. Mit Gas.
Wenig später trieb auch die ARD ihren Unfug mit dem Toten. 2012, zum 25. Sterbetag des früheren Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, setzte sie den Kieler "Tatort"-Kommissar Borowski auf den Fall an. Auch der konnte nicht verlässlich klären, wie Barschel umkam: War es Mord? Oder doch Freitod?
Nun aber müht sich das Erste um eine angemessene Auseinandersetzung. Im September sollen die Dreharbeiten für einen zweiteiligen Spielfilm beginnen, den Ariane Krampe von der Firma Zeitsprung für die ARD-Tochterfirma Degeto produziert. "Wir maßen uns nicht an, Fragen zu beantworten", sagt Krampe. "Aber wir werden sie aufwerfen."
Barschel. Schon bei der Erwähnung des Namens haben viele das Foto der Leiche in der Badewanne vor Augen. Dunkle Kacheln, weißes Hemd, Krawatte, das Wasser steht bis zum Hals, der Kopf ist zur Seite geneigt. Aufgenommen hat es der "Stern"-Reporter Sebastian Knauer(*), der Barschel im Oktober 1987 fand. Genf, Hotel Beau-Rivage, Zimmer 317.
Das Bild entstammt dem großen Erinnerungsalbum der Deutschen, wie Brandts Kniefall oder der RAF-Gefangene Hanns Martin Schleyer. Wer es gesehen hat, vergisst es nicht mehr. Und der schaut vielleicht den Film zum Bild, das jedenfalls hofft die ARD.
Zeitgeschichte garantiert den Sendern die Aufmerksamkeit der Medien und verleiht einem Film Relevanz. "Nach einer wahren Geschichte" gilt als Gütesiegel. Im Idealfall wartet danach ein Talk mit
Zeitzeugen auf, die ein Echtheitszertifikat ausstellen.
Vor allem die ARD, aber auch das ZDF pflegt intensiv die Erinnerungskultur. Zunehmend entdecken nun die Privaten wieder ihre Lust daran. Kaum ein Skandal bleibt unverfilmt. Biografien deutscher Legenden werden zum TV-Event.
Für ältere Zuschauer sind die Filme Déjà-vus, für die jungen ein Abendkurs in deutscher Geschichte, auch wenn diese verkürzt oder zurechtgebogen wird.
Gerade bereiten Sender und Produzenten sich auf den 70. Jahrestag des Kriegsendes 2015 vor. Wie immer, wenn Jubiläen anstehen, laufen die Gedenkmaschinen auf Hochtouren. Am heißesten rotieren sie mal wieder in Deutschlands größter TV-Historienfabrik, der Ufa in Potsdam-Babelsberg. Die hat einen Dreiteiler über die "Stunde null" in Arbeit, einen Film über deutsche Kriegsgefangene in den USA und den Dreiteiler "Ku'damm 56", der im Wirtschaftswunder-Berlin spielt.
Danach beginnt das Unheil von vorn, mit einer Ufa-Serie über Hitlers Aufstieg, die RTL 2016 ausstrahlen will. Seinen Hitler sucht Produzent Nico Hofmann dafür noch. Und einen weiteren für seinen ZDF-Film über die Propagandaregisseurin Leni Riefenstahl mit Maria Furtwängler in der Hauptrolle.
Manche Historien-Epen erweisen sich als Schmonzette mit Bombenhagel. Andere, wie der ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" im vorigen Jahr, reißen tatsächlich noch einmal deutsche Wunden auf: Was hat Opa im Krieg getan? Wie hätte ich mich verhalten?
Ein Menschenleben nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind die Deutschen hungrig auf Zeitgeschichte. "Wir haben nun endlich die Möglichkeit und das Selbstvertrauen, unsere Geschichte etwas freier und unverkrampfter zu betrachten", sagt der Schauspieler Ulrich Tukur.
Das Praktische an Tukur ist, dass man ihn in jede Epoche der jüngeren deutschen Geschichte verpflanzen kann, und er macht immer eine passable Figur, ob mit Uniform oder ohne. In seiner Karriere als Historiendarsteller war der 56-Jährige schon Dietrich Bonhoeffer, Andreas Baader, Erwin Rommel, Herbert Wehner und Helmut Schmidt. Tukur ist das Gesicht Deutschlands, das gute und das böse.
Im April wird er für die ARD als Tierfilmer Bernhard Grzimek vor der Kamera stehen, im Frankfurter Zoo und in Südafrika.
Hinter massenhaft verfilmter Zeitgeschichte vermutet Tukur eine Angst der Fernsehmacher, "sich mit einer modernen Welt auseinanderzusetzen, die den Menschen gläsern und beliebig macht". Dagegen sei der Blick "in scheinbar abgeschlossene, analoge Vergangenheiten wohltuend". Schön war die Zeit. Bisweilen auch schön schaurig.
Doch längst wird nicht nur das deutsche Geschichtsbuch verfilmt, sondern bereits die Tageszeitung. Tukur etwa ist im Herbst in einem ARD-Film als Rektor der Odenwaldschule zu sehen, der über viele Jahre seine Schüler missbrauchte, was 2010 in seinem ganzen Ausmaß öffentlich wurde.
Weil Skandale eine immer kürzere Halbwertszeit haben, sichern Produzenten sich Persönlichkeitsrechte oft schon, solange ein Ereignis noch die Nachrichten beherrscht.
Manchmal überholen sie damit sogar die Wirklichkeit, wie im Fall Christian Wulff. Sat.1 zeigte sein Doku-Drama "Der Rücktritt" zwei Tage bevor das Landgericht Hannover über den früheren Bundespräsidenten Recht sprach. Und kaum war Uli Hoeneß verurteilt, kündigten die Produktionsfirmen AVE und Zeitsprung reflexartig einen Film über sein Leben an.
Fehlen die Persönlichkeitsrechte, wird verfremdet. Oder anonymisiert. Wie bei dem Film über eine deutsche Kanzlerin, den der NDR und Studio Hamburg gerade vorbereiten, basierend auf dem satirischen Roman "Die Eisläuferin" von Katharina Münk. Der Name der Regierungschefin steht nicht darin, wohl aber, dass ihre Mundwinkel bisweilen das Kinn erreichen.
Als ihr im Urlaub ein Bahnhofsschild auf den Kopf fällt, verliert sie das Gedächtnis. Nun müssen ihre Leute sie täglich neu in die Spur setzen. Gedreht werden soll im Mai. Die Hauptrolle wird Iris Berben spielen. Wie merkelig sie werden soll, mag der Sender noch nicht verraten. Man sehe den Film aber in einer Reihe mit einem geplanten Doku-Drama über Hannelore Kohl.
Dass die Fernsehmacher sich an die Wirklichkeit krallen, mag auch daran liegen, dass sie der Kraft ihrer eigenen Phantasie nicht trauen. Zudem weichen sie mit urdeutschen Themen dem Vergleich mit den hochgelobten US-Serien aus. So begründete etwa RTL-Chef Frank Hoffmann die neue Affinität seines Senders für Zeitgeschichte kürzlich im SPIEGEL.
Die Produzentin Regina Ziegler sagt: Um zum Spielfilm zu werden, müsse ein Ereignis exemplarisch für etwas stehen, das viele Menschen angeht. Eine Geschichte also, die "zwischen Tod oder Leben spielt, zwischen arm oder reich, schwarz oder weiß, gut oder böse. Fallhöhe eben".
Diese Forderung erfüllt das Geiseldrama von Gladbeck, das 1988 die Republik in Atem hielt und nun durch Ziegler zum TV-Zweiteiler werden soll.
Ebenso die SPIEGEL-Affäre, zu sehen im Mai bei der ARD. Produziert wurde der Film von Gabriela Sperl, am Drehbuch wirkte der frühere SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust mit. Die Besetzung der Redaktion 1962, die Verhaftung des Herausgebers Rudolf Augstein und die Solidarisierung der Öffentlichkeit mit ihm gehören zum verspäteten Gründungsmythos des Magazins und der Bundesrepublik.
Und auch der Zweiteiler über Uwe Barschel soll "ein Psychogramm der damaligen Bundesrepublik werden", sagt die Produzentin Ariane Krampe. "Es geht um Machterhalt im Regierungsbetrieb der achtziger Jahre."
Kiels CDU-Ministerpräsident Barschel war 1987 zurückgetreten, nachdem sein Referent den SPD-Kandidaten Björn Engholm im Wahlkampf hatte bespitzeln lassen. Kurz darauf wurde er tot in der Wanne gefunden. In Magen und Blut fand man Medikamente. Hatte er sie selbst eingenommen? Wurden sie ihm eingeflößt?
Drehbuchautor und Regisseur Kilian Riedhof will den Fall aus der Sicht zweier befreundeter Journalisten erzählen, die für die fiktive Zeitung "Hamburger Allgemeine" arbeiten. Waterkantgate eben.
Einer der beiden Reporter hängt der Selbstmordthese an, der andere glaubt an Mord. Ein Urteil soll der Film nicht fällen. Doch Riedhof sagt: "Wir wehren uns dagegen, uns auf die naheliegende Deutung Suizid zu fixieren und dabei ein mögliches Staatskomplott auszuschließen. Barschel wusste sehr wahrscheinlich von den Geschäften der deutschen Waffenlobby. Neueren Erkenntnissen zufolge wollte er vermutlich darüber auspacken."
Ein früherer Barschel-Film, Heinrich Breloers "Die Staatskanzlei", neigte eher der These vom Suizid zu. Das Doku-Drama entstand zeitnah zum Todesfall, noch vor dem zweiten Untersuchungsausschuss. Riedhof sagt, er werde auch spätere Erkenntnisse berücksichtigen. So wurden 2012 dank neuer wissenschaftlicher Methoden auf Barschels Kleidung DNA-Spuren einer zweiten Person ausgewertet, die sich in dem Hotelzimmer befunden haben könnte.
In den nächsten Wochen wollen Krampe und Riedhof nach Genf reisen und das Hotel Beau-Rivage besichtigen, wo sie gern drehen möchten. Das Badezimmer müsste allerdings im Studio nachgebaut werden, denn Zimmer 317 sieht inzwischen anders aus.
Die Filmemacher würden auch gern Freya Barschel treffen, die in Mölln lebende Witwe. Die Familie weiß durch einen Brief der Produzentin von dem Projekt. Der damalige Chefermittler Heinrich Wille, Verfechter der Mordthese und Autor eines Barschel-Buchs, hat ihn einem der Familie nahestehenden Pfarrer übermittelt.
Angehörige einzubinden gehört zum kleinen Einmaleins der Geschichtsverfilmung. Sonst ergeht es Produzenten wie Oliver Berben, dem es nicht gelang, die Erben von Anne Frank für sich zu gewinnen, weshalb es seinen geplanten ZDF-Film über das jüdische Mädchen nun nicht geben wird.
Auch die ARD-Tochter Degeto und die Regisseurin Julia von Heinz haben sich frühzeitig mit der Familie beraten, als sie einen Film über den 1987 verstorbenen Showmaster Hans Rosenthal zu planen begannen. Im nächsten Jahr soll gedreht werden. Sein Sohn und seine Witwe unterstützen das Vorhaben.
In seiner Autobiografie "Zwei Leben in Deutschland" hat Rosenthal beschrieben, wie er als jüdischer Junge den Zweiten Weltkrieg überlebte, weil drei Berlinerinnen ihn in einer Laubenkolonie versteckten. Nach dem Krieg machte er Karriere in Radio und Fernsehen. Mit seinem Ratespiel "Dalli Dalli" war er in den siebziger und achtziger Jahren populärer als heute Jauch und Pilawa zusammen.
Von seiner Show-Idee lebt die ARD, die vom ZDF die Rechte erworben hat, heute ganz gut. Die Neuauflage von "Dalli Dalli" erreicht mit Kai Pflaume ordentliche Quoten. Das schreit geradezu nach einem Themenabend im Ersten mit Rosenthal-Film plus Pflaume-Quiz.
Auf die Spitze treibt die Denkmalpflege jedoch die Traditionsfirma Ufa. Sie bereitet einen Film vor, der im Berlin der Zwanziger bis Dreißiger spielt und über dessen Umsetzung sie mit der ARD verhandelt.
Das Werk soll die Lebenslust der Goldenen Zwanziger beschwören, es soll von den schillernden Varietés jener Tage erzählen, vor allem aber von der aufstrebenden Kinobranche. Es ist die Zeit von Stars wie Emil Jannings und Marlene Dietrich und Regie-Giganten wie Fritz Lang. Der Arbeitstitel des Films lautet "Berlin, ein Traum". Es ist die Geschichte der Ufa.
* SPIEGEL-Redakteur von 1988 bis 2009.
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 13/2014
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