24.03.2014

Putins Mann auf der Krim

Geheime Unterlagen zeigen, wie der neue Regierungschef der Krim zu Vermögen kam. Und was ihn mit der Mafia verbindet.
Lüster hängen von der Decke des Georgssaals im Großen Kreml-Palast, Russlands Ehrenhalle. Goldene Sterne erinnern an den Glanz vergangener Zeiten, dazwischen eine Inschrift, die Helden des alten und des neuen Russland preist: "Für Dienst und Tapferkeit". Im Georgssaal wurden 1945 die Sieger der Schlacht um Berlin geehrt und 1961 Jurij Gagarin, der erste Mensch im Weltraum. Es ist ein Saal für historische Momente.
Am vergangenen Dienstag stand im Georgssaal ein Mann im Rampenlicht, der bislang vor allem dadurch auffiel, ohne Skrupel sein Privatvermögen zu vergrößern. Sergej Axjonow, von pro-russischen Kräften zum Krim-Premier ausgerufen und in Mafia-Kreisen bekannt unter dem Decknamen Goblin, nahm auf einem der Kreml-Sessel in der ersten Reihe Platz, gleich neben Russlands Regierungschef.
Wladimir Putin beklagte da gerade die Korruption in der Ukraine, Politiker, die nur das eigene Wohl im Sinn hätten. Dann reichte er Axjonow, der die vergangenen zwei Jahrzehnte damit verbracht hat, ein Firmenimperium am Schwarzen Meer zusammenzuraffen, die Hand.
Über den Werdegang von Moskaus Statthalter auf der Krim weiß wohl niemand mehr als der Kreml. Und als Axjonow am 1. März im russischen Staatsfernsehen ein Hilfegesuch an den Kreml holprig vom Blatt ablas, da waren Russlands Geheimdienste vermutlich nicht unbeteiligt. Den Hilferuf hatte Axjonow offenkundig nicht selbst geschrieben. Er ist eine ideale Marionette, seine Vergangenheit macht ihn erpressbar.
Über die Machenschaften des neuen Regierungschefs der Krim liegt dem SPIEGEL ein 24 Seiten langes Dossier vor. Das Dokument ist in russischer Sprache verfasst. Die Quelle ist glaubwürdig. Das Papier liefert akribische Details aus dem Leben des Sergej Axjonow: Mal geht es um einen Waffenkauf bei einem tatarischen Händler ("Straße der Bauarbeiter Nr. 9, in der Stadt Simferopol"), mal um die Hausangestellte in Axjonows konspirativer Wohnung ("hat strikte Anweisung, die Tür nicht zu öffnen").
Sergej Axjonow verfügt dem Dokument zufolge offenbar über eine Eigenschaft, die für höhere Aufgaben prädestiniert: Er ist schwer totzukriegen. Im Januar 1996 geriet sein Volvo in einen Kugelhagel, ein Anschlag des sogenannten Griechen-Syndikats. Axjonow überlebte mit Schussverletzungen. Der Hinterhalt war offenbar eine Racheaktion: Axjonow hatte die "Griechen" verlassen und sich einer rivalisierenden Bande angeschlossen.
Axjonow galt damals als Mann fürs Grobe. Er sei ein "Brigadier" gewesen, der Schutzgeld eingetrieben habe, erinnert sich Ilmi Umerow, Verwaltungschef der Krim-Stadt Bachtschissarai. Später setzte die Mafia Axjonow als Direktor von Firmen ein, die sie kontrollierte. Der Krim-Premier bestreitet heute jeden Kontakt zum organisierten Verbrechen.
Andere Ereignisse in dem Geheimdossier aber weisen auf merkwürdige Freunde hin. 2001 entschärften Polizisten einen Sprengsatz auf dem Dach von Axjonows Haus, platziert worden war er offenbar von der Konkurrenz aus dem kriminellen Milieu. 2006 dann setzten Axjonows Widersacher einen Auftragskiller auf ihn an, einen Mitarbeiter des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU. Er ging einem Fahnder ins Netz, der mit Axjonow gemeinsame Sache machte.
Die Axjonow-Akte gibt auch Einblicke in das weitgefächerte Unternehmensimperium des neuen Herrn der Krim. Neun Seiten füllen die Namen, Adressen und Handelsregisternummern seiner diversen Firmen. Einige sind auf seine Frau gemeldet, andere auf die Schwiegermutter. Viele der Anschriften sind Briefkastenadressen, die Unternehmen residieren in Wahrheit an einem anderen Ort. Ein beliebter Trick, um die Steuerbehörden zu verwirren.
Zum Firmengeflecht gehören laut Geheimunterlagen mehrere Immobilienfirmen, eine Glasfabrik, ein Bauunternehmen, eine Zeitung und ein Internetportal in Simferopol. Und eine Bar, die ein gewisses Maß an Selbstironie offenbart: Sie trägt den Namen der Gefängnisinsel Alcatraz.
Von Benjamin Bidder

DER SPIEGEL 13/2014
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