24.03.2014

KOMMENTARadress.unsinn

Es gibt eine neue Immobilienblase - diesmal im Internet. Das ließ sich vorige Woche besichtigen. Berlin ist vorne mit dabei: Flughafen können wir zwar nicht, dafür aber Netz. Mit solchem Gerede feierten ein paar Geschäftemacher am Dienstag im Roten Rathaus sich selbst. Der Anlass: Neuerdings kann man für rund 30 Euro im Jahr Internet-Immobilien wie www.currywurst.berlin kaufen. Toll. Die neue Top-Level-Domain namens .berlin ist damit anderen neuen Regionaladressen zuvorgekommen: .paris, .ruhr, .wien, .nyc. Darauf ist man nun stolz wie Bolle. Aber warum eigentlich? Dies sei einer der größten Umbrüche in der Internetgeschichte, raunte ein eigens eingeflogener Emissär von Icann, der in Los Angeles gegründeten Firma, die 1998 von der US-Regierung damit beauftragt worden war, die Namen im Internet zu verwalten. Rund 1300 neue Topadressen wollen die Domain-Makler auf den Markt werfen, darunter .sexy, .guru, .singles, .tattoo, .rich, .cheap. Pro neuer Adressendung kassiert Icann 185 000 Dollar vom Zwischenhändler, plus 25 000 pro Jahr. Wofür eigentlich? Es gehe um Innovation, Chancen, Stärkung der Regionen, Fairness, heißt es. Aber mal ehrlich: Wer tippt noch Internetadressen ein? Domain-Namen spielen heute kaum noch eine Rolle, denn fast jede Suche beginnt bei Google. Wichtiger als der Name ist das Ranking auf Bewertungsportalen, das dürfte sich so bald nicht ändern. Viele Firmen, die neue Domains anmelden, tun das rein defensiv, um Missbrauch durch Betrüger zuvorzukommen. Weniger ist manchmal mehr: .kiwi oder .kaufen schaffen nicht Klarheit, sondern Chaos. Wo soll man nun nach einem Hotel suchen: unter www.adlon.de, adlon.berlin, adlon.luxury oder adlon.holiday? Die wundersame Vermehrung der Domains erinnere sie an fragwürdige Finanzprodukte, kritisierte die Hightech-Pionierin Esther Dyson 2011, einst selbst Vorsitzende von Icann: Es gehe weniger um Innovation als um Abzocke. Recht hat sie. Icanns Angebot ähnelt Optionsscheinen auf Baugrund in Atlantis. Nach dem Motto: www.teurer.bullshit.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 13/2014
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