31.03.2014

SALAFISTENMuslime gegen Muslime

Eltern demonstrieren gegen eine Bremer Moschee, in der ihre Söhne offenbar radikalisiert wurden. Die jungen Männer sind ausgereist - wahrscheinlich zum Dschihad nach Syrien.
War doch alles nur ein böser Traum, ein verflixtes Missverständnis? Es ist Ende Februar, und Hatice S. wartet am Airport Hannover-Langenhagen auf Flug TK 1555 aus Istanbul. Ihre ganze Familie ist mitgekommen, die 15-jährige Tochter, der Onkel, die Cousinen und Cousins; mit vier Autos sind sie aus Bremen angereist. Von der Polizei hat die Mutter erfahren, dass ihr 18-jähriger Sohn für diesen Tag einen Rückflug gebucht hat. Hatice trägt ein streng gebundenes blaues Kopftuch, das ihre blassen Wangen unterstreicht. Sie hat wenig geschlafen, seit Bilal vor neun Tagen plötzlich verschwand.
Vielleicht, so hofft die 43-jährige Türkin mit deutschem Pass, wollte ihr Sohn doch nicht nach Syrien, um gegen Diktator Baschar al-Assad zu kämpfen; vielleicht wollte er ja nur für einen Kurztrip an den Bosporus.
Mit ihren Rollkoffern ziehen die Fluggäste an Hatice S. vorbei. Auch als das Gepäckband längst abgeschaltet ist, wartet sie noch. Aber Bilal kommt nicht.
"Manchmal weiß ich nicht mehr, was real ist", sagt sie, "die Zeit davor, als Bilal für sein Abitur lernte und so gerne Fußball spielte, oder der Alptraum danach." Das Danach begann am 17. Februar um 17.20 Uhr mit einer SMS. Er werde bei einem Freund übernachten, um für die Abi-Prüfung zu pauken, schrieb Bilal: "Handy ausgeschaltet, weil Akku fast alle."
Noch am selben Abend bestieg der Gymnasiast aus dem Bremer Stadtteil Osterholz eine Maschine der Turkish Airlines nach Istanbul. "Bilal, wo bist du?", simste die Mutter, "bitte melde dich!" Aber ihr Sohn antwortete nicht mehr, das Handy ist abgeschaltet, bis heute.
Bilal S. ist verschwunden, so wie inzwischen weit mehr als 300 Islamisten aus Deutschland, die der Verfassungsschutz in Syrien vermutet. Sie sind getrieben von der Idee, in der Bürgerkriegsregion einen Gottesstaat zu errichten. Etliche wollen in ein Trainingslager der als Terrororganisation eingestuften Isis gehen - das Kürzel steht für "Islamischer Staat im Irak und in Syrien".
Allein aus Bremen machten sich seit Jahresbeginn fünf junge Salafisten auf den Weg. Einer ist inzwischen zurückgekehrt, doch die Spur der anderen verliert sich irgendwo zwischen Istanbul und der türkisch-syrischen Grenze. Die Bremer Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen wegen des "Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat" gegen sie eingeleitet.
Hatice S. will sich nicht damit abfinden, dass ihr Sohn in den Krieg gezogen ist. Sie sucht nach Antworten auf Fragen, die ihr seit Wochen den Schlaf rauben: Wo ist ihr Sohn? Wie kann sie ihn erreichen? Woher hatte er das Geld für das Flugticket? Und sie erwartet die Antworten von jener Salafisten-Szene, der ihr Sohn sich angeschlossen hatte.
Bilals Mutter hat sich mit anderen Eltern verbündet, deren Kinder ebenfalls Richtung Syrien abgetaucht sind. Gemeinsam marschierten sie Anfang März zur Masjidu-I-Furqan-Moschee im Bremer Stadtteil Gröpelingen. Hierher gingen ihre Söhne zum Freitagsgebet. In den Räumen des "Kultur- und Familienvereins", der die Moschee betreibt, fühlten sie sich zu Hause.
Während die Mütter draußen warteten, empfingen Vertreter der Moschee einige Männer zum Gespräch. Mit dem Verschwinden der Kinder habe man nichts zu tun, teilten sie den aufgebrachten Angehörigen mit. Der Verein habe keine Ahnung, wo die Jungen sein könnten.
Hatice S. und ihre Mitstreiterinnen haben diese Aussagen noch wütender gemacht. So wütend, dass sie am 8. März erneut zur Gröpelinger Moschee ziehen, einem Flachbau, in dem früher ein Kindergarten untergebracht war. Diesmal nicht, um zu reden, sondern um öffentlich zu demonstrieren. "Diese Salafisten verführen unsere Kinder zur Gewalt", sagt eine von ihnen, "das ist Gehirnwäsche."
Viele der insgesamt 40 Protestler halten Bilder ihrer vermissten Söhne in den Händen. Auch aus Lübeck sind zwei Familien zur Demo nach Bremen gekommen, deren Kinder sich ebenfalls nach Syrien abgesetzt haben. "Wir wollen die Eltern vor diesem Verein warnen", sagt eine Teilnehmerin, "unser Ziel ist es, dass auch andere Mütter aufwachen."
Die Proteste treffen einen Moscheenverein, der durch fromme Gebete bisher kaum aufgefallen ist. Das Münchner Oberlandesgericht verurteilte den Gründer des Kultur- und Familienvereins, Renee Marc S., 2011 zu einer Gefängnisstrafe von dreieinhalb Jahren, die er derzeit in Bremen absitzt. Er soll die Terrororganisation al-Qaida unterstützt und für ihre Anschläge geworben haben. Auf der Website der "Globalen Islamischen Medienfront" verbreitete Renee Marc S. laut dem Urteil Propaganda für den Dschihad.
2007 hatte der Konvertit selbst in den heiligen Krieg ziehen wollen. Doch der Schleuser, der ihn in Teheran in Empfang nehmen sollte, tauchte nicht auf. Renee Marc S. kehrte frustriert nach Bremen zurück, wo ihm schließlich der Reisepass entzogen wurde.
Selbst unter Salafisten gelten Moscheengründer S. und seine Mitstreiter als Ultras. Sie predigen die sogenannte Takfir-Ideologie, wonach selbst Muslime zu "Ungläubigen" erklärt werden können, wenn sie nicht der richtigen Glaubenslehre folgen. Und Ungläubige, so heißt es im Jahresbericht des Bremer Verfassungsschutzes, "sind nach ihrer Auffassung zu bekämpfen, und der Abfall vom Glauben ist, zumindest theoretisch, mit dem Tode zu bestrafen".
Seit der Gründung 2007 sind die Mitglieder des Gröpelinger Vereins Teil eines europaweiten Takfir-Netzwerks, mit engen Kontakten zu Brüdern in Belgien, Frankreich und Österreich. "Die Aktivisten des Moscheenvereins sind sehr gut vernetzt und verhalten sich extrem konspirativ", sagt Hans-Joachim von Wachter, Chef des Bremer Landesamts für Verfassungsschutz. Sie führen keine wichtigen Gespräche am Telefon und organisieren sich in Kleinstgruppen im Umfeld der Moschee. So verwundert es kaum, dass zunächst niemand bemerkte, wie sich Anfang des Jahres die ersten Syrien-Reisenden auf den Weg machten. Für den Flug in die Türkei reicht ein gewöhnlicher Personalausweis. Auch Bilal S. reiste mit kleinem Gepäck.
Mutter Hatice präsentiert sein Zimmer, das noch genauso aussieht wie am Tag seines Verschwindens: Eine türkische Flagge ist der einzige Wandschmuck. Auf dem Schreibtisch liegen die Schulbücher aus dem letzten Abiturjahr und eine deutsche Ausgabe des Koran. Bilal wollte mal Lehrer werden.
Die Moschee in Gröpelingen besuchte er erst seit etwa einem Jahr, zuerst ab und zu, dann regelmäßig. Dort lernte Bilal auch Arabisch, das Gymnasium interessierte ihn kaum noch. Einen Fusselbart habe er sich stehen lassen, "ansonsten war er ganz normal", erzählt die Mutter, "ein normaler, schüchterner Junge".
Hatice S., die von Sozialleistungen lebt, ist ihrem Sohn hinterhergeflogen, zuerst nach Istanbul, wo sie bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgab, dann nach Hatay, einer Stadt nahe der syrischen Grenze. Doch von Bilal hatte dort niemand etwas gehört. Die Mutter mag sich mit der Entscheidung ihres Sohnes nicht abfinden. Bis zu seiner Abreise, sagt sie, hätten sie ein enges Verhältnis gehabt.
Bei Ertugrul Y. war das ganz anders. Er hat sich im Februar aus Bremen abgesetzt, aber seine Familie hatte ihn schon länger verloren. Vor vier Jahren schloss sich Ertugrul der Takfir-Bewegung in Gröpelingen an, trug fortan nur noch knielange Hemden und weite Stoffhosen, deren Schlag er in die Socken stopfte. Sein Vater Cuma erinnert sich an stundenlange Diskussionen über die richtige Auslegung des Islam. Ertugrul forderte die Frauen der Familie auf, sich zu verschleiern. Seine Cousine berichtet, sie habe ihn mehrfach rausgeschmissen, weil er ihr vorhielt, eine Ungläubige zu sein.
Ertugrul Y., 26, hat nach islamischem Recht in der Masjidu-I-Furqan-Moschee geheiratet. Die beiden kleinen Töchter ließ er bei seiner Ehefrau in Bremen zurück. "Ertugrul ist jetzt ein Salafist", sagt seine Mutter Durdunaz und blickt mit Tränen in den Augen auf das Foto ihres Sohnes: "Wir glauben, dass er in der Moschee auf Syrien vorbereitet wurde."
Laut Verfassungsschutz wirbt der Kultur- und Familienverein gezielt Männer wie Ertugrul und Bilal an. "Oft sind es orientierungslose Jugendliche und Außenseiter, die in der Gröpelinger Moschee Halt finden", sagt der Bremer Verfassungsschutzchef Wachter. Der Verein biete Freizeitaktivitäten wie Fußball oder Boxen an. Das mache den Salafismus attraktiv. Auch an der umstrittenen Aktion "Lies!" hat sich der Verein beteiligt und in der Bremer Innenstadt kostenlose Korane verteilt. Das alles, so Wachter, diene dem Anwerben neuer Mitglieder.
Doch nicht alle in Bremen messen dem Verein so große Bedeutung zu. "Die Radikalisierung findet eher im privaten Bereich statt", glaubt der Sozialarbeiter André Taubert, der Angehörige von Islamisten berät. "Die jungen Leute suchen sich dann eine Moschee aus, die ihnen die meisten Freiräume bietet und sie nicht gleich rauswirft." Den Kultur- und Familienverein hält der Pädagoge für "nicht jugendaffin genug, um erfolgreich missionieren zu können".
Viele sind es tatsächlich nicht, die sich zum Freitagsgebet in Gröpelingen einfinden. 30 bis 40 Gläubige zählt der Verfassungsschutz.
Andererseits gehen inzwischen auch islamische Verbände auf Distanz zum Kultur- und Familienverein. "Wir werden das Thema Salafismus und jegliche Form von Extremismus in unseren Gemeinden ansprechen", sagt Ismail Basar, der als Vorsitzender der Bremer Schura 25 Moscheenvereine und muslimische Organisationen vertritt. Außerdem habe der Verband beschlossen, mehr Jugendarbeit zu machen.
Hatice S. will vorerst nicht mehr gegen die Salafisten demonstrieren. Sie sagt, sie habe Drohungen erhalten. Außerdem habe sie Angst, dass ihr Sohn in Syrien unter der Auseinandersetzung leiden könnte.
Von Hubert Gude

DER SPIEGEL 14/2014
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