31.03.2014

ZEITGESCHICHTEIm Gefängnis des Gestern

Am 6. April vor 20 Jahren begann in Ruanda der Völkermord an den Tutsi. Anfangs wurde er als Stammeskrieg abgetan, auch von SPIEGEL-Korrespondent Bartholomäus Grill, damals für die „Zeit“ in Afrika. Ein schmerzhafter Rückblick
Princess war angesteckt worden von der fiebrigen Stimmung, die damals, im April 1994, ganz Südafrika erfasst hatte. Princess war unsere Hausangestellte in Johannesburg, eine dicke, behäbige, humorvolle Frau, die eigentlich Nolizwe Mneno hieß. Sie hatte sich umgetauft, weil sich die Weißen afrikanische Namen schwer merken können.
Am Monatsende stand die erste freie Wahl in der Geschichte des Landes an, und erstmals sollten alle Bürger teilnehmen dürfen; schwarze, weiße, farbige. Der Untergang der Apartheid machte Schlagzeilen in aller Welt, ein epochales Ereignis, über das nahezu 400 Korrespondenten berichteten. Ich war einer von ihnen.
Am 16. April, elf Tage vor der "Mutter aller Wahlen", begleitete der Pressetross Nelson Mandela, den kommenden Präsidenten, in die Township Umlazi bei Durban. Es war einer seiner letzten Auftritte vor der Wahl, rund 50 000 Menschen hatten sich unter freiem Himmel versammelt, sie tanzten, trällerten und feierten den Freiheitskämpfer wie einen Messias.
Das Ende der weißen Herrschaft war nah, ein Traum Afrikas wurde wahr in der Kap-Republik. Das war die Nachricht, die Geschichte jener Tage. Weil niemand das Ausmaß des Alptraums ahnte, der sich zeitgleich im Zentrum des Kontinents ereignete. Auch ich nicht. Auch ich schrieb damals, aus der Ferne, unverzeihliche Texte, für die ich mich bis heute, 20 Jahre später, schäme.
Die ersten Meldungen aus dem 4000 Kilometer entfernten Ruanda waren konfus: militärisches Kräftemessen, blutige Unruhen, ethnisches Gezänk, Bruderzwist. Im SPIEGEL, Ausgabe 16/1994, stand: "Anarchie, die aus sich selbst lebt". Typisch Afrika eben. "Ruanda?", meinte ein britischer Kollege, "da hauen sich wieder mal die Tutsi und die Hutu die Köpfe ein, der ewige Stammeskrieg."
Der "Stammeskrieg" war ein Völkermord, der furchtbarste seit der Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten und den Killing Fields in Kambodscha.
"Wir wurden alleingelassen, die ganze Welt hat weggeschaut", sagt Jonathan Nturo, 34, ein schlanker, feingliedriger Mann. Er ist schick gekleidet, weinrote Lederjacke, Jeans von Burberry, die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen; er will cool wirken beim Besuch in der Hölle, aus der er entkam.
Nturo steht auf der Bergkuppe von Murambi, einer Streusiedlung im Süden Ruandas, und erzählt, wie er mit seiner Familie und fünf Rindern hier ankam. Wie sie zwischen Zehntausenden zu Tode verängstigten Menschen ein Notlager aufschlugen, auf der Baustelle einer Sekundarschule, gleich neben den drei gelben Betonmischern, die noch immer an derselben Stelle stehen und vor sich hin rosten. Die Soldaten der Regierungsarmee versprachen, die Flüchtlinge zu schützen, es gab noch Hoffnung, den Massenmördern zu entkommen. Jonathan Nturo war damals 14 Jahre alt.
In der Hauptstadt Kigali war am 6. April um 20.20 Uhr Ortszeit die Maschine des Präsidenten Juvénal Habyarimana beim Landeanflug abgeschossen worden, über die Drahtzieher wird bis heute gerätselt. Das Attentat war der Auftakt zum Genozid. Noch in derselben Nacht zogen die Präsidialgarde und die Milizen der Interahamwe ("Gemeinsam kämpfen" in der Landessprache Kinyarwanda) mordbrennend durch Kigali. Eine Clique fanatischer Hutu hatte die Macht an sich gerissen und beschlossen, die Minderheit der Tutsi, rund zehn Prozent der Bevölkerung, endgültig auszurotten. Binnen einer Woche erfasste der Mordbrand das ganze Land.
"Mein Vater wollte es zunächst nicht glauben", erinnert sich Nturo. "Erst als auch in unserer Region die Dörfer brannten und drei meiner Geschwister umgebracht worden waren, brachen wir Richtung Murambi auf." Sie erreichten den Fluchtort am 10. April um vier Uhr nachmittags.
Am Abend desselben Tages, um 22.30 Uhr, ruft Generalmajor Roméo Dallaire aus Kigali seine Einsatzzentrale in New York an. Der Kanadier leitet Unamir, die Blauhelmtruppe der Vereinten Nationen. Sie soll den fragilen Frieden und den Übergang zur Demokratie sichern, der 1993 im Abkommen von Arusha ausgehandelt worden ist.
Dallaire warnt seit Monaten eindringlich vor der Gewalteskalation in Ruanda. Schon im Januar hat er in einem verschlüsselten Telex von geheimen Waffenlagern, Mordlisten und Todesschwadronen berichtet. Nun ist der "worst case" eingetreten. Der Uno-Kommandeur fordert, das Kontingent der Blauhelme sofort zu verstärken; mit rund 4000 Mann und einem robusten Mandat könne die Katastrophe verhindert werden. Seine Vorgesetzten im Department of Peacekeeping Operations, das der spätere Uno-Generalsekretär Kofi Annan leitet, lehnen ab. Sie wollen nicht wahrhaben, dass sich ein Menschheitsverbrechen anbahnt.
In den folgenden hundert Tagen ermorden das Regime der Hutu und seine Helfershelfer 800 000 Tutsi und gemäßigte Hutu. Fünf Tote pro Minute. Wohl nie in der Menschheitsgeschichte haben so viele Täter in so kurzer Zeit so viele Mitmenschen umgebracht. Roméo Dallaire wird vom "afrikanischen Holocaust" reden.
In Murambi brach das Inferno am 21. April um drei Uhr nachts aus. Plötzlich feuerten die Soldaten wahllos in die Menge und warfen Handgranaten, berichtet Jonathan Nturo. Eine Stunde später drangen die Milizen von den umliegenden Hügeln in das Lager ein und begannen, die hilflosen Flüchtlinge systematisch abzuschlachten, mit Macheten, Messern, Speeren, Sicheln, Feldhauen, Knüppeln.
Die Familie Nturo wurde im allgemeinen Chaos auseinandergerissen, Jonathan schloss sich einer Gruppe von jungen Männern an, die sich verzweifelt wehrten und die Angreifer mit Ziegelsteinen von der Baustelle bewarfen. Doch die Übermacht war zu groß. Wie durch ein Wunder gelang es rund hundert Eingeschlossenen, im Sperrfeuer der Armee zu fliehen, mittendrin Jonathan Nturo. Sie rannten ins Tal hinunter und schwammen durch den Murambi-Fluss.
Nturo deutet auf die Bananenpflanzung auf dem gegenüberliegenden Hang, in der er sich im Morgengrauen versteckt hatte. Er will sich nicht anmerken lassen, wie sehr ihn die Erinnerungen aufwühlen.
Aber er wirkt verstört, gestikuliert heftig, redet hastig, stottert manchmal. "Wir haben Angst, darüber zu reden", sagt er. Erzählt von schlaflosen Nächten, wenn ihn die Gespenster der Vergangenheit heimsuchen. Von mehreren Therapien, die nicht geholfen hätten gegen die posttraumatischen Belastungsstörungen.
In Murambi starben mindestens 40 000 Menschen, es war der Schauplatz einer der furchtbarsten Schlächtereien. Die genaue Zahl der Toten kennt niemand, noch heute werden im Umland Skelette entdeckt. "Kubera umurimo wari wakozwe", dankte der Präfekt des Verwaltungsbezirks Gikongoro den Killerhorden. "Ihr habt gute Arbeit geleistet."
Die ersten Fernsehbilder, die in jenen Tagen um die Welt gingen, waren so ungeheuerlich, so unbegreiflich, dass die Kommentatoren von einer "Verirrung der Natur" sprachen. Von einem Blutrausch. Von der "maladie de tuer", der "Krankheit des Tötens" - als wäre der Völkermord wie ein Virus über Ruanda gekommen.
Heute wissen wir: Der Genozid war nicht das Werk archaischer Chaosmächte, sondern einer gebildeten, modernen Elite, die sich aller Instrumente eines hochorganisierten Staates bediente - des Militärs und der Polizei, der Geheimdienste und Milizen, des Verwaltungsapparates und der Massenmedien. Die Täter waren keine Dämonen, sondern Erfüllungsgehilfen eines verbrecherischen Systems. Sie folgten einer einfachen Vernichtungslogik: Wenn wir nicht sie, die Tutsi, ausrotten, werden sie uns, die Hutu, vernichten.
In Murambi wurde eine nationale Gedenkstätte errichtet. Man hat die Rohbauten der Schule so belassen, wie sie seinerzeit waren. "Die Medien beschrieben das Geschehen nicht als Völkermord, sondern als Stammeskrieg", steht auf der ersten Infotafel. In Ruanda hat man die Einfältigkeit der Weltpresse nicht vergessen.
Die Mordexzesse hatten nicht das Geringste mit einem "Stammeskrieg" zu tun, denn Hutu und Tutsi teilen seit Jahrhunderten Sprache, Sitten und Kultur, sie schlossen Mischehen und können sich oft selbst nicht unterscheiden. Die Ursachen der Tragödie waren andere: der Bevölkerungsdruck in einem kleinen Agrarland, der Verteilungskampf um knappe Ressourcen, die koloniale Segregationspolitik, die den latenten Rassismus zwischen den Volksgruppen geschürt hatte, der Machtwahn der herrschenden Elite.
Aus den offenen Türen der Klassenzimmer von Murambi dringt unerträglicher Verwesungsgestank. Im Innern liegen Hunderte kreideweiße Leichen auf Holzpritschen. Sie wurden mit Kalk konserviert, Menschen mit abgeschlagenen Gliedmaßen, geköpfte Kinder, zertrümmerte Schädel, aus denen Speerspitzen ragen, vergewaltigte Frauen mit auseinandergerissenen Beinen, in den Gesichtern das gefrorene Grauen.
Es gibt vermutlich kein Mahnmal auf der Welt, in dem die menschliche Bestialität so unverhohlen und brutal veranschaulicht wird. Jonathan Nturo schiebt seine Ray Ban hoch. Er sagt jetzt gar nichts mehr. Er kämpft mit den Tränen.
Erst als er, draußen, auf eine grasüberwachsene Betonplatte tritt, findet er die Sprache wieder. "Hier drunter ist das Massengrab, auf dem die Franzosen Volleyball gespielt haben." Die Franzosen, die eine enge Freundschaft mit dem Hutu-Regime pflegten. Die es mit Waffen versorgten, das Militär berieten, die Milizen trainierten. Und die eine "Rettungsmission" entsandten, als die Mordorgien vorbei waren: die "Opération Turquoise". Sie schuf einen Sicherheitskorridor, durch den die Totmacher im Schutz Hunderttausender Hutu-Flüchtlinge nach Burundi oder ins damalige Zaire entkommen konnten.
An der Ausfahrt der Gedenkstätte winken ein paar Buben mit selbstgebastelten Windrädern. "Die Normalität ist unheimlich", sagt Nturo. "Ich wundere mich manchmal, dass hier noch Gras wächst. Dass das Leben weitergeht."
Er will noch hinauf nach Gataba, wo sein Vater und sein Bruder erschlagen wurden. Auch ihnen gelang die Flucht aus Murambi, aber sie haben es nur bis in das kleine Bergnest auf dem nächsten Hügel geschafft. Ein Radfahrer kommt uns entgegen, auf seinem Gepäckträger ein Stapel nagelneuer Macheten. Die blanken Klingen blitzen im Sonnenlicht.
Eigentlich hatte Nturo vor, mit der Ehefrau des Mörders seiner Angehörigen zu reden. Aber als wir im Schritttempo an ihrem Laden vorbeifahren, verliert er den Mut: "Nein, heute nicht. Die Stimmung ist seltsam." Die Stimmung ist feindselig, die Leute auf dem Dorfplatz starren auf unseren Geländewagen. Nturo möchte nicht, dass wir aussteigen, um sie zu befragen. Die Antworten, sagt er, könnten wir in ihren argwöhnischen Blicken lesen: Da kommt dieser Kerl mit Journalisten an und wühlt die alten Geschichten auf. Es muss doch endlich mal Ruhe sein. Die "Vorfälle" liegen schließlich schon zwei Jahrzehnte zurück, die Vergangenheit ist vergangen.
Aber die Vergangenheit will nicht vergehen, nicht für Jonathan Nturo, nicht hier in Gataba. Die Leichen lagen vor dem weißgekachelten Marktstand, einer Art Freibank, an der Fleisch von Rindern und Ziegen zerteilt wird. Vier Männer hatten den Vater und den Bruder totgeschlagen, ihr Anführer, ein wohlhabender Businessman, sitzt im Gefängnis, seine Frau führt die Geschäfte weiter. Täter und Opfer leben nebeneinanderher in Gataba, die Mehrheit der Hutu, die Minderheit der Tutsi.
Die einen verdrängen, was damals geschah, die anderen können es nicht vergessen. Wer über die Hutu-Tutsi-Frage allzu laut nachdenkt, wird wegen "Divisionismus" und Volksaufwieglung zu schweren Strafen verurteilt. Ruandas autoritäre Regierung hat Versöhnung angeordnet, an ihrer Spitze steht noch immer Präsident Paul Kagame, der Tutsi, dessen Rebellenarmee das Land 1994 erobert und den Völkermord beendet hatte. Heute ist Ruanda wirtschaftlich erfolgreich, eine Entwicklungsdiktatur nach dem Modell Chinas oder Singapurs. Und wie dort werden Oppositionelle drangsaliert und notfalls zum Schweigen gebracht.
Rückfahrt nach Kigali. Auf den Reisfeldern im Talgrund arbeiten Brigaden von Strafgefangenen. Die gewöhnlichen Kriminellen tragen rosarote Häftlingskluft, aus der Ferne sehen sie aus wie Flamingos. Dazwischen gehen die Völkermörder in leuchtendem Orange. "Jeder soll sehen, dass sie 'génocidaires' waren. Sie müssen büßen für ihre Verbrechen, das ist gerecht so", sagt Jonathan Nturo.
Er ist in einer 14-köpfigen Großfamilie aufgewachsen, aber außer ihm haben nur die Mutter, zwei Schwestern und ein Bruder überlebt. Mehrfach wurde er gebeten, Führungen in Murambi zu leiten, er lehnte jedes Mal ab. Er hat eine hohe Schutzmauer um sich aufgebaut, sie bröckelt, wenn er an den Ort des Todes zurückkehrt. Seine Bewältigungsstrategie heißt Verdrängen - durch harte Arbeit und beruflichen Erfolg. Er hat an der Universität Butare Betriebswirtschaft und Rechnungswesen studiert, als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation verdient er ganz gut. Er lebt allein in Kigali. Er will nicht reduziert werden auf die Figur des "Abarokotse", des Überlebenden, der für immer und ewig in seiner Erinnerung eingesperrt ist.
Es gibt diese schuldlosen Häftlinge wider Willen, Dancille Nyirabazungu ist eine von ihnen, seit 20 Jahren sitzt sie im Gefängnis der Vergangenheit. Ihre Zeit sei im April 1994 stehengeblieben, sagt sie. Ihre Armut erinnere sie jeden Tag an das Gemetzel, das in der Kirche von Ntarama geschah, nicht weit von ihrer Hütte entfernt. Sie hat 20 Familienmitglieder und Verwandte verloren, fünf ihrer neun Kinder wurden getötet, der Ehemann starb unter den Machetenhieben vor dem Altartisch der Kirche.
Die 61-Jährige haust mit ihrem Sohn und zwei Enkelkindern in zwei engen, dunklen Räumen. Kein Stuhl, kein Tisch, kein Strom, kein Wasseranschluss, im Gemüseacker ein Plumpsklo. Sie kommt gerade von der Arbeit, ihre Kleider sind zerschlissen und voller Staub, sie schleppt Steine auf einer Baustelle, für einen Tageslohn von knapp einem Euro.
Ntarama liegt im Bezirk Bugesera, einem sumpfigen, unwirtlichen, von Stechmücken geplagten Landstrich, in den nach den ersten großen Pogromen Ende der fünfziger Jahre viele Tutsi geflüchtet waren oder zwangsumgesiedelt wurden. Im April 1994, in der Zeit des "Itumba", des schweren Regens, sollten sie endgültig wie Ungeziefer vernichtet werden. Die vom Hass besessenen Hutu nannten sie "Inyenzi", Kakerlaken.
Tausende Tutsi flohen aus dem Umland in die Kirche von Ntarama - in der Hoffnung, dass der heilige Ort verschont werde, denn viele Verfolger waren gläubige Katholiken, die wie ihre Opfer jeden Sonntag die Messe besuchten. Auch Dancille Nyirabazungu und ihre Familie suchten Schutz im Gotteshaus gleich nebenan. Aber am 15. April, um acht Uhr morgens, umzingelten Milizionäre das Gelände. Sie droschen Löcher in die Backsteinmauern der Kirche und warfen Handgranaten hinein. Dann drangen sie in den Innenraum ein und töteten die Halbtoten und Schwerverletzten.
Auf der Stirnwand des Nebengebäudes, in dem einst die Sonntagsschule untergebracht war, ist noch ein großer, dunkler Fleck zu erkennen - das Blut zerschmetterter Säuglinge. In der Ecke lehnt eine Stange. "Damit", sagt Dancille Nyiraba-
zungu, "haben sie Frauen durchbohrt, von der Scheide bis zur Schädeldecke." Sie spricht mit tonloser Stimme, sachlich, und wären da nicht diese Augen, man könnte meinen, ihre Geschichte ließe sie ungerührt. Es sind Augen, in die sich das Grauen geätzt hat, unauslöschlich.
Warum? Warum? fragt sie sich immer und immer wieder. Warum? Sie hat keine Erklärung für die Barbarei. Wie wäre es auch erklärbar, dass Ärzte ihre Patienten im Krankenbett umbringen? Dass Lehrer ihre Schüler massakrieren? Dass Nonnen Gläubige mit Benzin überschütten und anzünden?
"Macht weiter! Die Gräber sind noch nicht voll!", hetzte der nationale Rundfunksender Radio Milles Collines den entfesselten Mob auf. Das Morden wurde zu einer Art Bürgerpflicht, und die einfachen Leute, erzogen zur Autoritätshörigkeit, gehorchten. Sie töteten, getrieben von Furcht, Hass und Mordlust, von der Gier nach den Besitztümern der Opfer.
Dancille Nyirabazungu, damals 41 Jahre alt, versteckte sich in der Sakristei, unter den Leichenbergen, den kleinen Eric im Bauch. Er wurde im Juni 1994 geboren, ein Kind des Völkermords. Die Mutter hat ihm den Beinamen Rucyamubicyika gegeben, "der, der Schlimmes überstanden hat".
Wo war Gott in diesen Tagen des Mordens? "Er war hier, sonst hätten wir nicht überlebt", antwortet Dancille Nyirabazungu. Und fragt zurück: "Wo wart ihr? Warum habt ihr uns nicht geholfen?"
Ich schäme mich bei solchen Fragen bis heute. Denn nicht nur die Vereinten Nationen, der Westen, die afrikanischen Bruderstaaten haben versagt, sondern auch wir, die Journalisten. Wir sind der Big Story in Südafrika nachgejagt - und haben Ruanda kaum beachtet oder nur Klischees über das Land verbreitet.
Am 15. April, als das Massaker in Ntarama in vollem Gang war, wurde meine flott hingeschriebene Fernanalyse in der "Zeit" veröffentlicht. Ich fabulierte über den "grausamen Stammeskrieg" im Herzen Afrikas, bei dem jeder gegen jeden kämpfe. Bellum omnium contra omnes - die Lateiner-Formel passt immer, wenn man vom tatsächlichen Geschehen wenig Ahnung hat.
Am Ende schrieb ich, dass eine Intervention von außen wohl zwecklos sei. Der Text enthält die unverzeihlichsten Irrtümer, die mir in meinem Berufsleben unterlaufen sind.
Am Sonntag, dem 24. April, war es in der katholischen Kirche von Ntarama grabesstill, zwischen dem Gestühl lagen die Toten, eine Szene unaussprechlicher Grausamkeit. Auf dem Kirchhof, im Busch ringsum, in den Sümpfen unten im Tal - Hekatomben von Leichen.
Aber am Sonntag, dem 24. April, wird in der Regina Mundi Church, der größten katholischen Kirche in Soweto, gesungen. Die Frühmesse hat begonnen, es sind noch drei Tage bis zur Wahl, die Menschen sind euphorisch. Sie singen die Nationalhymne, Nkosi sikelel' iAfrika, Gott schütze Afrika. Sie feiern das Leben, die Freiheit, die Zukunft. Wir Berichterstatter werden vom allgemeinen Hochgefühl mitgerissen, einige Kollegen stimmen in den Gesang der Gläubigen ein.
An der Decke sind die Einschusslöcher der Kugeln zu sehen, die weiße Soldaten auf der Jagd nach schwarzen Widerstandskämpfern abgefeuert haben. Die Gewaltexzesse der Apartheid - sie sind nur noch unscharfe Erinnerung. Die Gewaltexzesse von Ruanda - sie sind, in jenen Stunden des Glücks, noch keine Erfahrung, noch nicht einmal Ahnung. ◆
* Verurteilte Völkermörder in orangefarbener Kluft.

DER SPIEGEL 14/2014
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