31.03.2014

UKRAINEDer weiße Engel

Auf dem Maidan wurde die Ärztin Olga Bogomolez zur Heldin. Nun erwägt sie eine Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen.
Auf dem Konferenztisch in ihrem Büro liegt ein Stapel Papier, Hunderte Flugblätter, Hunderte Sympathieerklärungen für Olga Bogomolez, die ihre Freunde auf dem Maidan eingesammelt haben. Sie ist darauf in einem Arztkittel zu sehen, blonder Bob, faltenfreies Gesicht. Daneben steht: Ich unterstütze Olga Bogomolez.
Über die Zukunft der Ukraine will sie gleich reden, über die Zeit nach der Krim-Krise. Über die Frage, wohin das Land steuert. Die 48-Jährige hat dazu Freunde "aus der Zivilgesellschaft" eingeladen, so sagt sie. Aber eigentlich geht es an diesem Nachmittag um sie, und um den Stapel, der vor ihr liegt.
"Ihr wisst es doch", sagt sie, "ich habe für einen Präsidentschaftswahlkampf kein Geld." Das ist ihr Problem. Zugleich aber ist es auch ihr größter Trumpf, der Grund, warum die Runde, die jetzt vor ihr sitzt, nur sie und niemand anderen ins höchste Amt wählen will. Sie lächelt und schweigt. Sie liebt diese unschuldige Pose, die gleiche, die sie tausendfach auf dem Flugblatt zur Schau stellt: Selig sieht sie dabei aus, beinahe entrückt.
Olga Bogomolez ist Ärztin für Hautkrankheiten, spezialisiert auf die Laserbehandlung von Tumoren. Sie kommt aus einer Medizinerdynastie, auch ihre Eltern und Großeltern waren Ärzte. Bei der Früherkennung von Hautkrebs gilt sie als Kapazität, seit Jahren engagiert sie sich für die Gesundheitsversorgung von Waisen. Es geht ihr nicht schlecht, sie betreibt die bekannteste Haut- und Schönheitsklinik von Kiew. Die Schönen und Mächtigen kommen zu ihr, Parlamentarier und ein Ex-Präsident. Aber reich ist sie nicht.
Gerade war sie noch mal auf dem Maidan, vor dem Treffen in ihrem Büro, sie hat auf der Bühne neben dem ausgebrannten Gewerkschaftshaus eine Rede gehalten. Sie predigte gegen Korruption, kritisierte die amtierende Regierung und den teuflischen Pakt aus Macht und Geld.
"Alle, die heute an der Macht sind", rief sie, "müssen wissen, dass der Maidan sich nicht auflöst, bis die ukrainischen Machthaber Gerechtigkeit walten lassen. Wir brauchen Geld, und wir brauchen Macht. Aber wenn Geld dazu dient, an die Macht zu gelangen, ist das Korruption. Und wenn Macht dazu benutzt wird, an Geld zu kommen, ist das eine Ungerechtigkeit."
Tausende Menschen sind an diesem Sonntag gekommen, und während sie redet, sammeln ihre Freunde die Flugblätter ein. 14 000 werden es am Ende sein, 14 000 Stimmen für Bogomolez. Es ist ein Erfolg für sie, aber in erster Linie ist es ein Maß für die Enttäuschung, die auf dem Maidan herrscht, fünf Wochen nach dem großen Erfolg der Revolution, dem Ende der Kleptokraten-Herrschaft von Präsident Wiktor Janukowitsch.
Die Demonstranten hatten ihr Leben aufs Spiel gesetzt, angetrieben von der Sehnsucht nach einem neuen Geist in der Ukraine, nach neuen, unverbrauchten Gesichtern in der Regierung. Aber mit Arsenij Jazenjuk, dem ehemaligen Oppositionsführer als neuem Regierungschef, und weiteren bekannten alten Politikern blieb eine Wende bisher aus. Für viele Menschen am Maidan fühlt sich diese Revolution deshalb wie ein großer Betrug an, als ob die Neuen schon immer da gewesen seien. Mit der Krim-Krise kippte die Stimmung endgültig.
Die Werchowna Rada, das ukrainische Parlament, das wenige hundert Meter vom Maidan tagt und sich in den ersten Wochen der neuen Übergangsregierung strikte Solidarität auferlegt hatte, wurde in der vergangenen Woche zum Tribunal. Die Übergangsregierung habe versagt, viel zu lange habe sie nur auf die Hilfe des Westens gewartet. Rücktrittsforderungen wurden erhoben, und schließlich musste Verteidigungsminister Igor Tenjuch gehen, weil er hilflos auf die Annexion der Krim reagierte und nicht zu wissen schien, was er mit seinen Soldaten anfangen sollte. Generaloberst Michailo Kowal hat ihn inzwischen ersetzt, ein Profi, aber kein Trost für ein Land, das sich nach unverbrauchten Gesichtern sehnt.
Seit im vergangenen November am Maidan die Proteste begannen, war Olga Bogomolez in einem dicken Parka in der Kälte unterwegs. Sie ist Mutter von vier Kindern, zum zweiten Mal verheiratet mit einem bekannten Kiewer Rechtsanwalt, sie leben jetzt zusammen in einer achtköpfigen Patchwork-Familie.
Während der Unruhen organisierte Bogomolez die medizinische Versorgung verwundeter Demonstranten. Sie stellte sich der Polizei in den Weg, die verletzte Oppositionelle noch in den Krankenhäusern festnehmen wollte. Und sie koordinierte den Einsatz am 20. Februar, dem gewalttätigsten Tag von Kiew, an dem Hunderte Demonstranten verwundet wurden und über 60 starben.
Sie stand in diesen Stunden in der Lobby des Hotels Ukraine, die eine behelfsmäßige Krankenstation geworden war. Menschen starben in ihren Armen, während vom Dach des Hotels aus die Scharfschützen schossen.
Auf dem Maidan haben sie Bogomolez seither zu einer Heldin erklärt. "Den weißen Engel" nennen sie die Ärztin dort, manche sagen auch, sie sei die Mutter Teresa der Ukraine, die Heilige ihrer Revolution. Als Jazenjuk, der neue Premierminister der Übergangsregierung, sein Kabinett zusammenstellte, stand auch Olga Bogomolez auf seiner Wunschliste. Sie sollte ein Amt bekommen, so wie Dmitrij Bulatow, der Führer des Auto-Maidan, der verschleppt und wohl gefoltert worden war und heute Sportminister ist. Und wie Andrej Parubi, der Kommandant des Maidan, der heute den Sicherheitsrat leitet. In ihrem Fall lag es nah, sie zur Gesundheitsministerin zu ernennen.
Sie erinnert sich, wie die Berater von Jazenjuk bei ihr anriefen und fragten, ob sie bereit dazu sei. Aber sie wollte nicht einfach nur das Amt, sie wollte Bedingungen stellen, damit sich wirklich etwas ändert unter der neuen Regierung. Sie forderte internationale Standards für das Ministerium, Transparenz bei der Abrechnung von Gesundheitsleistungen, ein neues Team. Die Berater hörten ihr zu. Sie sagten nichts, aber am nächsten Tag verbreiteten sie, dass sie angeblich abgelehnt hätte.
Es war eine Lüge, eine jener üblichen Politikerlügen, und für sie das untrügliche Zeichen, dass sich die alten Kräfte in der neuen Regierung schon längst breitgemacht hatten, bevor alles richtig begonnen hatte, die Oligarchen, die korrupten Politiker.
Sie sagt, sie hätte sich damals wehren können und den Maidan über den Betrug informieren und ihn so gegen die neue Regierung aufhetzen können. Aber sie verzichtete darauf, weil sie dem Neuanfang trotz allem eine Chance geben wollte, allerdings auch, weil sie von diesem Moment an der Regierung gar nicht mehr angehören wollte.
"Sie wollten nur mein Gesicht, keine wirklichen Reformen", sagt sie. Offiziell erklärte sie, sie habe sich mit ihrem Priester beraten, der ihr zugeraten habe, aber dann habe sie sich anders entschieden. "Mein Herz sagte mir, dass es falsch wäre, einer Regierung anzugehören, die aus Politikern besteht, die ich nicht kenne." Es war wohl die richtige Entscheidung, jetzt, da die neue Regierung zunehmend in Misskredit gerät. Man weiß nun, dass sie ein Amt nicht um jeden Preis anstrebt, dass sie Prinzipien vertritt, die sie nicht leichtfertig aufgibt. Ins Rathaus von Kiew würde sie wohl umgehend gewählt werden, aber was sie genau machen will, hat sie noch nicht entschieden: Bürgermeisterin oder vielleicht doch Abgeordnete in der Rada? Oder das höchste Amt, die erste Präsidentin der Ukraine?
"Das eigentliche Problem ist", sagt sie, "dass wir noch immer kein eigenständiges Land sind. Wir suchen immer nach Unterstützung. Wir glauben nicht an uns. Das macht uns anfällig, auch und vor allem jetzt gegenüber der russischen Propaganda."
Die Ukraine im Frühjahr 2014 ist ein verunsichertes Land. Es ist auf einmal nahezu alles möglich, aber das heißt auch, dass man sich auf nichts mehr verlassen kann. Manchmal reicht ein Satz, um neue Fronten zu schaffen, den nächsten Konflikt. Bogomolez selbst hat vor kurzem vieles in Frage gestellt, sie hatte den Verdacht aufgebracht, dass die Toten vom Maidan möglicherweise nicht nur Opfer von Scharfschützen des Regimes waren.
Ihre Bedenken wurden öffentlich, als Anfang März der Mitschnitt eines abgehörten Gesprächs zwischen Estlands Außenminister Urmas Paet und der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton ins Internet gestellt wurde - von den Russen. Paet sagte in dem Gespräch, dass Bogomolez Zweifel habe, ob der damalige Präsident Janukowitsch für das Massaker verantwortlich sei. "Es gibt immer mehr Anzeichen, dass hinter den Scharfschützen nicht Janukowitsch, sondern jemand von der neuen Koalition stand", so Paet. "Olga hat uns auch gesagt, dass alle Hinweise dafür sprechen, dass dieselben Scharfschützen Leute auf beiden Seiten getötet haben, Polizisten wie Demonstranten."
Ihr Handy klingelte danach ununterbrochen. Der Maidan sah seine Revolution in Frage gestellt. Nur gegenüber dem britischen "Telegraph" nahm die Ärztin noch einmal Stellung zu der Sache: Sie distanzierte sich von Paets Äußerungen - so habe sie das nicht gesagt - und forderte, dass die neue Regierung die Ereignisse dringend untersuchen müsse.
Wird sie das wirklich tun?
Bisher ist sie nicht geboren worden, die Demokratie, die Olga Bogomolez sich wünscht.
Von Marc Hujer

DER SPIEGEL 14/2014
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