31.03.2014

KUNSTTrümmer für Berlin

Eine große Ausstellung feiert Ai Weiwei, den berühmtesten Künstler Chinas. Politisches, Berührendes und Regimekritisches ist zu sehen - nur der öffentliche Auftritt schützt ihn vor Repressionen.
Herr Cheng arbeitet seit 20 Jahren für Ai Weiwei, sein Job besteht darin, die Entwürfe des Künstlers umzusetzen. Für die Konstruktion der Gefängniszelle zum Beispiel brauchten sie zwei Monate, anschließend wurde darin ein Musikvideo gefilmt, an dessen Schluss Ai mit Glatze und rotgeschminkten Lippen in die Kamera blickt. Später zerlegten sie den Quader, nummerierten die Teile, schickten sie im Container über die Meere. Jetzt steht Herr Cheng im Berliner Martin-Gropius-Bau, einem großen, alten Gebäude für Kunstausstellungen.
Innerhalb von ein paar Tagen haben er und ein paar Kollegen die Module zusammengezimmert, die Außenwände sind nicht von Bedeutung, das Innere ist maßgeblich. Es ist die Kopie des Raumes, in dem Ai Weiwei 2011 fast zwölf Wochen lang eingesperrt war. Eine normale Zelle war es nicht.
Ai weiß bis heute nicht, wo genau man ihn gefangen hielt, wahrscheinlich auf einem vom Militär genutzten Gelände. Das Zimmer ließ er aus dem Gedächtnis nachbauen. Die Tür trägt von außen eine mehrstellige Nummer wie in einem Hotel. Der Raum ist recht groß, 26 Quadratmeter, der Boden besteht aus Parkettimitat, es gibt einen Vorhang in der Anmutung von Damast. Das Fenster aber ist hoch, klein, vergittert. An den Wänden klebt Schaumstoff und über dem Schaumstoff eine Folie: Das hier ist auch eine provisorische Gummizelle. Ein paar Aussparungen in dieser Beschichtung ermöglichen den Blick auf den eigentlichen Wandschmuck, eine gemusterte Tapete. In der Ecke eine Nasszelle. Ai musste seine Kleidung selbst waschen, oder sollte man sagen, er durfte seine Kleidung waschen? Wo hört Unmenschlichkeit auf?
Nach drei, vier Minuten wirkt die Zelle erdrückend. Ai blieb viele Wochen und durfte dann nach Hause zurück. Andere verschwinden für immer, irgendwo.
Herr Cheng war 2011 für Ai in Europa unterwegs, baute eine Ausstellung auf. Dort hörte er, der Künstler sei am Flughafen abgeführt worden, es wurden 81 Tage der Ungewissheit. Jetzt ist die Zelle Kunst geworden. Das Werk heißt "81".
Viele Menschen schauten damals empört auf China, im Juni 2011 kam Ai frei. Seinen Pass behielten die Behörden ein. Innerhalb des Landes darf er wieder reisen, ins Ausland ließen sie ihn bisher nicht - jedenfalls nicht mit der Garantie, zurückreisen zu dürfen. Viele einflussreiche Personen bis hin zur deutschen Kanzlerin setzten sich dafür ein, dass ihm das wieder erlaubt sein sollte.
An einem kann auch die Rückgabe eines Passes nichts ändern: an dem grundsätzlichen Zustand des Landes und der Gefahr, der Dissidenten in der Volksrepublik ausgesetzt sind. Eben davon handelt die Ausstellung. Ai ist nach wie vor ein Staatsfeind, mit oder ohne Pass. Aus der Perspektive des Auslands ist er neben dem zu einer langen Haftstrafe verurteilten Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo wohl sogar der berühmteste Regimegegner. Er wohnt in Peking, einer Stadt mit 21 Millionen Einwohnern, er lebt in einem Land mit 1,4 Milliarden Menschen. Doch für viele Menschen im Westen - insbesondere in Deutschland und in Kunstmetropolen wie London und New York - ist er der einzige Chinese, dessen Namen sie kennen und dessen Geschichte sie bewegt.
Dass er bekannt ist, schützt ihn, ermöglicht es ihm zu arbeiten. Es ist also ein Zustand, den er aufrechterhalten muss. Er muss im Gespräch bleiben, weltweit, dauerhaft. Das Publikum verlangt nach diesem einen, mutigen Ai Weiwei. Das kann auch eine Einschränkung bedeuten, eine Last: Keine Pause, kein kurzes Verstummen, keine Milde, kein Themenwechsel sind ihm erlaubt. Er muss immer der rebellische, politische Ai sein.
Doch ist er jemand, der ohnehin mit großer Leidenschaft seine Meinung vertritt. Im Jahr 2000 war er Mitorganisator einer Schau in Shanghai. Ihr Titel: "Fuck Off". Es war der verbale ausgestreckte Mittelfinger gegen das System. Damals fiel er vielen Leuten aus dem westlichen Kunstbetrieb überhaupt erstmals auf. Die neue Ausstellung, die in dieser Woche zu Ehren des inzwischen weltberühmten Künstlers in Berlin eröffnet wird, heißt "Evidence", also "Beweis".
Das klingt nüchterner, ist aber noch provozierender gemeint. Denn der Künstler verlangt Erklärungen, Beweise von seinem Staat. Es gibt keinen vertretbaren Grund, weshalb er seit Jahren drangsaliert wird - niemand hat je einen echten Beleg für ein Fehlverhalten vorgelegt.
Vielmehr sprechen alle Indizien dafür, dass ihm die Obrigkeit seine Kunst verübelt. 2009 machte er es zum Thema, dass die Regierung Schulen nicht erdbebensicher baut und deswegen mit dem Leben der Kinder spielt. In der Provinz Sichuan waren Tausende Schüler umgekommen. Bald darauf wurde er von Beamten der Geheimpolizei verprügelt, unter Hausarrest gestellt, eingesperrt, freigelassen, immer wieder vorgeladen.
2012, im Jahr nach seiner Verhaftung, kam es zu einem dubiosen Prozess wegen angeblicher Steuerhinterziehung; die Verhandlung war eine Farce. Vor dem Atelier von Ai Weiwei stand eine ganze Kolonne von Wagen der Geheimpolizei. Die Polizisten wollten verhindern, dass er den Gerichtssaal betritt. Noch heute wird er beobachtet, verfolgt. Immer und überall sind da diese Schatten.
Er wehrt sich, auf seine Weise. Mit irritierenden Mahnmalen für sein Land, auch wenn er seine Kunst in China selbst nicht ausstellen darf. Und es sieht zwar so aus, als wäre sein Werk hauptsächlich autobiografisch, aber das eigentliche Thema aller Werke ist China.
Mit einer Serie von neuen Metallskulpturen erinnert er auch in Berlin wieder an das Erdbeben in Sichuan, an den im Land nie verwundenen Tod der vielen tausend Kinder. Aus den Ruinen ließ er verbogene Armierungseisen herausziehen, das sind Stäbe aus Stahl, die eigentlich den Beton verstärken sollten. Viele der rostigen Stäbe schweißte er zu Gebilden, archaisch und modern zugleich.
Noch ein Beispiel: Peking erhebt Anspruch auf eine Inselgruppe im Ostchinesischen Meer, die seit langem von Japan verwaltet wird - wo es aber Erdöl und Erdgas gibt. Ai bildete die Inseln in Marmor nach. Marmor als Material der Mächtigen, als steinerner Gestus.
Im Jahr 2011, noch vor der Haft, ließen die Behörden sein gerade fertiggestelltes Atelier in Shanghai abreißen: Erst hatten sie ihn ermutigt, es zu bauen, dann behaupteten sie, es sei nicht genehmigt. Die Mauern wurden zertrümmert, er behielt die Bruchstücke. Ein Teil davon ist in Berlin angekommen, in dieser einstigen Hauptstadt der Trümmer. Weil er nicht anders kann, verwandelt er die Steine in ein hochästhetisches skulpturales Werk.
Das erste Objekt aber, das man sieht, wenn man die Ausstellung betritt, wirkt leicht, licht und dadurch beinahe fröhlich.
Im hohen Flur des Ausstellungsgebäudes hängt eine riesige Installation aus Fahrrädern. Man könnte an die Erweiterung der Radskulptur des von Ai Weiwei so verehrten Erfinders des Ready-made denken, an den Ironiker Marcel Duchamp. Doch wie bei vielen Werken Ais bezieht sich das Objekt auf eine konkrete Geschichte: Die hängende Skulptur ist einem Mann namens Yang Jia gewidmet. Im Jahr 2007 war er in Shanghai auf einem geliehenen Fahrrad unterwegs, das aber angeblich nicht registriert war. Er wurde verhaftet, des Diebstahls verdächtigt, auf der Wache misshandelt. Er wagte es, sich zu beschweren. Als 2008 ein Anschlag auf eine Polizeiwache in Shanghai verübt wurde, behaupteten die Beamten, es sei Yang gewesen. Zwar sprach alles dagegen, dennoch wurde er hingerichtet.
Ai Weiwei drehte eine Dokumentation über den Fall, so, wie er regelmäßig mit Filmen Missständen nachgeht. Es ist eine schizophrene Situation, denn er bringt sich in Gefahr und schützt sich zugleich durch all die Bilder.
Auf Instagram etwa dokumentiert er sein Leben mit Fotos. Dort zeigt er sich selbst, im Bad oder auf dem Markt, seine Besucher, neue Werke, die Blumen, die ihm jetzt viele Leute schicken, damit er sie vor dem Atelier an ein Fahrrad hängen kann. Weil er nichts verheimlicht, lässt er die Überwachung durch andere noch absurder wirken. Dass er an seinem Land hängt, ist trotzdem offensichtlich, und er kann vielleicht nur hier er selbst sein. Aber er beweist der ganzen Welt, dass man noch unter widrigen Umständen die Wahl hat, dass man Entscheidungen treffen kann, wie und wer man sein will.
Er ist der Sohn eines Dichters, der viele Jahre in der Verbannung fernab von Peking überstehen musste - und Ai Weiwei als Kind mit ihm. Später war der Vater eine verehrte Figur, er, der Sohn, hätte ein angenehmes Leben führen können, er war so etwas wie ein Prinzling, so nennt man die Söhne einflussreicher Männer in China. Ai wollte das nicht.
Seinen eigenen Sohn machten ihm die Behörden zum Vorwurf, weil der Junge einer außerehelichen Verbindung entstammt. Man hielt ihm Bigamie vor. Ai weiß, dass es woanders einfacher sein könnte, er kennt das Ausland, in seinen Jahren in New York wurde er als Künstler geprägt. Dass er inzwischen selbst ein Denkmal ist, hängt damit zusammen, dass er es in seinem Land aushält.
Marlene von Carnap, eine junge Deutsche, war in den vergangenen beiden Jahren eine von Ais Assistentinnen. Sie sagt, er empfange einfache Leute, unterstütze andere Dissidenten. Natürlich kämen immer wieder Besucher aus dem Ausland, wichtige Leute aus dem Kunstbetrieb. Ai ist in seiner Wirkung eine Mischung aus Gandhi und Picasso. Er steht auf der richtigen Seite der Moral und der Kunst.
Könnte es sein, dass gelangweilte Kunstkritiker ihm genau das einmal vorwerfen werden? Weil sie vielleicht finden, er wiederhole sich, als Aktivist, als guter Mensch, als Künstler?
Weil er andere, verkleinerte Fassungen seiner Gefängniszelle (mit Gucklöchern und Figuren darin, die Ai darstellen) 2013 schon in einer Kirche in Venedig zeigte? Oder sind die Flusskrebse aus Porzellan eine unzulässige Weiterführung der Sonnenblumenkerne aus Keramik, die er im Londoner Museum Tate Modern auslegen ließ? Internetnutzer verwendeten den Begriff Flusskrebs lange, wenn sie eigentlich Zensur meinten. Längst springen die Suchmaschinen der Zensurbehörden auch bei diesem Ausdruck an.
So macht jedes Werk Ais Streben deutlich, eine künstlerisch adäquate Form zu finden für die Verzweiflung, die ein totalitärer Staat in den Menschen auslöst. Er findet Metaphern, und zwar solche, die lesbar sind. In einem Land, in dem viele gern vieldeutig bleiben, ist das eine besondere Qualität. Vor allem erinnert Ai daran, wie gefährlich, wie wichtig Kunst ist.
Anfang März fand im Martin-Gropius-Bau eine Pressekonferenz statt. Ein Berliner Anwalt sowie ein Galerist des Künstlers und der Präsident der Akademie der Künste erklärten, dass Ai auch im engsten juristischen Sinne unschuldig sei.
Eindrücklich war die Videobotschaft von Ai. Wie ein Aufrührer wirkte er nicht. Er sprach langsam, unsicher fast. Aber er brachte sich in Erinnerung, bevor Chinas Präsident Xi Jinping vergangene Woche nach Berlin kam. An dem Staatsbankett vergangenen Freitag, zu dem der Bundespräsident einlud, nahmen auch Unterstützer des Künstlers teil: Der Galerist Alexander Ochs sagt, wenn es um die Zukunft Ais gehe, sei nun ein vorsichtiger Optimismus erlaubt.
Und doch: China ist eine Diktatur, die Leuten wie Ai das Leben schwermacht, die ihn beschattet und abhört, die ihm aber erstaunlicherweise erlaubt, seine Werke im Ausland zu zeigen. Ließe sie ihn reisen, würde er überall auf der Welt gefeiert.
Im Herbst ist eine Schau seiner Werke in San Francisco geplant, im ehemaligen Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz. So oder so ist das, leider, ein passender Ort für seine Kunst.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 14/2014
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