07.04.2014

MEDIZINGeld gegen Virus

Ein Impfgegner lobt 100#8239000 Euro für den Beweis aus, dass es Masernviren wirklich gibt - doch nun weigert er sich, das Geld herauszurücken.
Stefan Lanka ist freundlich und geduldig, wenn er seine Verschwörungstheorien erläutert. Weder Aids noch die Pocken, sagt der promovierte Biologe, würden durch Viren ausgelöst - "und auch die Masern nicht".
All diese angeblichen Erreger seien nur Erfindungen der profitgierigen Pharmaindustrie, behauptet Lanka, der im schwäbischen Langenargen arbeitet. Mit missionarischem Eifer kämpft er deshalb dagegen, dass Eltern ihre Kinder impfen lassen. "Für meinen kritischen Ansatz bekomme ich viel Zuspruch", sagt er.
Aber auch Ärger: An diesem Donnerstag muss sich Lanka vor dem Landgericht in Ravensburg verantworten. Verklagt hat ihn der Homburger Mediziner David Bardens, der "dieses verantwortungslose Verhalten nicht mehr ertragen" kann.
Angefangen hat der skurrile Streit mit einem Aufruf, den Lanka 2011 im Internet startete: Wer beweisen könne, dass das Masernvirus wirklich existiere, bekomme 100 000 Euro von ihm. Eine leichte Übung, dachte sich Bardens, damals noch Medizinstudent. Schriftlich ließ er sich versichern, dass die Ausschreibung ernst gemeint sei. Er suchte sich die nötigen wissenschaftlichen Beweise zusammen und schickte sie Richtung Bodensee - Kontoverbindung inklusive.
Doch bis heute will Lanka die 100 000 Euro nicht herausrücken. Selbst ein halbes Dutzend wissenschaftliche Aufsätze und eine Broschüre der Weltgesundheitsorganisation überzeugen den Biologen nicht. Er trägt seinen Doktortitel, seit er an der Uni Konstanz mit einer "molekularbiologischen Untersuchung der Virus-Infektion" bei Braunalgen promovierte.
Bei den Abbildungen in den von Bardens zugesandten Masernstudien handle es sich keinesfalls um Viren, sondern etwa um künstlich hergestellte Bläschen, argumentiert Lanka: "Die Tatsache, dass es wieder nicht gelungen ist, die Existenz der Viren zu belegen, zeigt, dass der Mainstream einem Irrtum aufsitzt."
Bardens klagte Lanka an. Jetzt muss die zuständige Richterin im Oberschwäbischen entscheiden, ob die Preisausschreibung verbindlich war - und ob der Arzt ausreichend Beweise erbracht hat.
Was nach einer Posse klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Masern sind keine harmlose Erkrankung. Sie beginnen mit Fieber; rosafarbener Hautausschlag bildet sich am ganzen Körper. Bei Komplikationen kann die Infektion tödlich enden. Jedes Jahr sterben an Masern weltweit rund 140 000 Menschen. Auch in Deutschland ist die Krankheit nicht ausgerottet. Allein für Januar und Februar meldet das Robert Koch-Institut (RKI) 34 Ansteckungsfälle.
Das müsste nicht sein, wenn mehr Eltern ihre Kinder impfen ließen. Das RKI geht davon aus, dass bei einer Durchimpfungsrate von mehr als 95 Prozent nach wenigen Ansteckungsfällen die Infektionskette enden würde. "Weil in Deutschland zu wenige Menschen geimpft sind, schaffen wir es einfach nicht, die Ausbrüche in den Griff zu bekommen", sagt Annette Mankertz, Virologin am RKI.
Schuld daran haben vermeintliche Experten wie Lanka, die Eltern verunsichern. Er hält Seminare und betreibt eine Internetseite. Bardens macht das "wütend". Er hat selbst erlebt, wie eine Patientin mit 14 Jahren an den Spätfolgen einer Masernerkrankung starb.
Sollte der Arzt den Prozess gewinnen, will er die 100 000 Euro für Impfkampagnen in Entwicklungsländern spenden. "Wenn am Ende ein Impfgegner eine solche Aktion finanzieren müsste", sagt der Arzt, "hätte das wirklich Charme."
Von Katrin Elger

DER SPIEGEL 15/2014
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