07.04.2014

Hipsterwitzfigur

POPKRITIK: Mit „Hammer und Michel“ versucht sich der Hamburger Rapper Jan Delay an einer Rockplatte. Vergebens.
Es gibt endlos viele Möglichkeiten, wie sich heutzutage Rockmusik spielen lässt. Man kann sich breitbeinig hinstellen und aufschneidermäßigen Gürtelschnallen-Rock herunterknüppeln. Oder einen schmalen Anzug tragen und zackig-arroganten Kunsthochschul-Postpunk spielen. Endloses Hippie-Gegniedel ist auch eine Option, dafür sollte man sich die Haare wachsen lassen und in den Songs vom Gefühl der Entfremdung erzählen. Schüchtern auf den Boden zu schauen und dazu Gitarrenkrach-Berge aufzutürmen geht auch, genauso wie Heavy-Metal-Songs darüber zu schreiben, dass Frauen und andere Monster einem keine Angst machen.
Nur eines sollte man auf jeden Fall bleiben lassen: ein Lied darüber zu singen, dass sich "dicke Kinder" gefälligst besser ernähren sollten. Neunmalkluge Volksaufklärung verträgt sich schlecht mit dem Format des Rocksongs. Diese Musik mag über die Jahrzehnte einen riesigen Formenreichtum ausgebildet haben, aber im Kern ist Rock immer noch Außenseitermusik, Fluchtmusik, die Musik der Jungs, die auf dem Schulhof nicht mitspielen dürfen und deshalb in den Proberaum gehen. Wer das nicht verstanden hat, hat eigentlich gar nichts verstanden.
Am kommenden Freitag erscheint "Hammer und Michel", das neue Album des Hamburger Rappers Jan Delay. Seine letzte Studioplatte kam vor fünf Jahren heraus, und die Erwartungen sind hoch. Der deutschsprachige HipHop boomt wie seit den späten Neunzigern nicht mehr, und für einen neuen Star wie Marteria ist Delays alte Band Beginner ein zentrales Vorbild.
Vielleicht will Delay genau deshalb keinen HipHop machen. So oder so: "Hammer und Michel" ist eine Deutschrockplatte. Ein Experiment. Und leider ist es misslungen. Nicht nur wegen des Songs "Dicke Kinder".
Dabei ist Jan Delay oder Jan Phillip Eißfeldt, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, eigentlich einer der interessanten deutschen Popstars. Er hat sich schon dem Reggae anverwandelt, als wäre es die einfachste Sache der Welt, diese eigenartige jamaikanische Musik der Armenviertel-Apokalyptiker auf Hamburger Verhältnisse zu übertragen. Er hat Disco gemacht, was glitzerte und gleichzeitig für alle da war. Mit seinem Hit "Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt" hat er so gekonnt sein Publikum beschimpft, dass jeder dachte, er sei nicht gemeint. Im Grunde ist er der einzige wirkliche Schüler Udo Lindenbergs. Inklusive Privatsprache und sofort erkennbaren Singsangs. Alles ist ihm bislang gelungen.
Er habe "Hammer und Michel" gemacht, weil er sich den Spaß am Deutschrock nicht von den Verboten der Geschmackspolizei verderben lassen wolle, sagt Delay in Interviews.
Nicht dürfen ist allerdings nicht das Problem dieses Albums. Nicht können ist das Problem.
Da gibt es etwa den Song "Scorpions-Ballade". Ein Stück darüber, wie verwirrend es für einen linken Hipster sein kann, wenn Nazis HipHop lieben. Eine Beobachtung, die zwar nicht unbedingt neu ist, aber deshalb noch lange nicht falsch. Der Song ist auch ein Erklärstück: Wenn alles durcheinander ist, warum nicht als Rapper eine Deutschrockplatte einspielen?
Dieses Lied geht allerdings nicht wegen seines Inhalts so fürchterlich daneben, sondern wegen seiner Form. Selbst die Scorpions haben im Laufe ihrer langen Karriere nur drei oder vier legendäre Schmachtfetzen hinbekommen, diese ganz eigene Mischung aus schmierlappiger Feier der Männlichkeit, schamloser Sentimentalität und juchzender Sehnsucht. Das ist große Popkunst.
Delay glaubt, es reiche aus, ein paar Gitarrenläufe zu kopieren, ein bisschen Gewaber im Hintergrund zu arrangieren und augenzwinkernd die Pose des ewigen Besserwissers einzunehmen. So funktioniert es aber nicht. Zu "Still Loving You" sind Tausende Kinder gezeugt worden, auch dicke. Der postironische Hipsterwitz der "Scorpions-Ballade" löst gar nichts aus, er ist nicht einmal lustig.
Ey, ich mach jetzt Rock, näselt Delay, mir doch egal, was die Leute denken. Aber mehr als diese eigenartige Freude am Brechen von Tabus, die nur in seinem Kopf existieren, ist da nicht.
Ein Song des Albums heißt "Wacken", er soll eine Hommage an das riesige Metal-Festival sein, das einmal im Jahr in der norddeutschen Provinz stattfindet. Im Videoclip läuft Delay in weißem Anzug mit zartrosa Hemd und weißem Hut über das Festivalgelände und stolziert zwischen den schwarzgekleideten Metal-Fans hindurch. Diese Kuttenträger gehören zu einer Außenseiterkultur. Viele sind hässlich, übergewichtig und tragen eigenartige Frisuren.
Jan Delay ist ein Entertainer, das kann er, deshalb standen ihm bisher alle Türen offen.
Für die Bühne der dicken Kinder fehlt ihm einfach das Gefühl.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 15/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 15/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Hipsterwitzfigur

  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Klima-Demo in Berlin: "Ab jetzt gilt es!"
  • Parteitag in Brighton: Labour streitet über Corbyns Brexit-Kurs
  • Tropensturm in Houston: Passanten retten Lkw-Fahrer das Leben