14.04.2014

SOMMERZEITWer hat an der Uhr gedreht?

Seit langem kämpft CDU-Mann Herbert Reul für eine Abschaffung der Zeitumstellung. Nun folgt ihm auch seine Partei.
Die Zeitumstellung ist der Jetlag des kleinen Mannes, ein Thema also, das alle Bürger bewegt. Instinktsicher hat die Union das drängende Problem nun aufgegriffen und den Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit zum Thema ihrer Kampagne für die Europawahl erhoben.
Natürlich gäbe es andere Inhalte für diesen Wahlkampf, das Angebot ist groß. In Spanien und anderen Ländern des Südens könnte die Zukunft einer ganzen Generation in Arbeitslosigkeit versinken. Der Euro ist noch immer nicht gerettet, und an der EU-Außengrenze droht ein Bürgerkrieg in der Ukraine. Aber man kann natürlich auch auf ein Ende der Zeitumstellung setzen.
Samstag vor einer Woche beschloss die Partei diese Forderung auf ihrem Berliner Europa-Parteitag. Parallel kämpft die Spitze der bayerischen CSU für ein Ende des ständigen Wechsels von Sommer- und Winterzeit. "Das Ja zur ganzjährigen Sommerzeit muss in Brüssel auf die Tagesordnung!", schrieb die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner vorige Woche an die Ortsvereinsvorsitzenden ihrer Partei. Parallel lässt sie Postkarten mit der Zeile "Europawahl 25. Mai - Zeit wird's!" verteilen. Daneben prangt eine durchgestrichene Uhr im Sonnengewand. Die Konservativen wissen, was die Menschen wirklich bewegt.
"Es geht darum, dass die Politik etwas Beklopptes beschließt und sich dann weigert, ihren Fehler zu korrigieren", sagt Herbert Reul, ein Christdemokrat aus Leichlingen und großer Vordenker der Anti-Sommerzeit-Bewegung. Fallen soll jene Regelung, die in Deutschland schon 1980 als Reaktion auf die Ölkrise eingeführt wurde, weil man glaubte, Energie zu sparen, wenn es im Sommer länger hell ist. 1996 zog die EU nach und führte europaweit die einheitliche Sommerzeit ein. Forscher bezweifeln heute jedoch, dass sich mit der Sommerzeit Energie sparen lässt.
Deshalb führt Reul, Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament, nun schon seit zehn Jahren einen leidenschaftlichen Kampf gegen die Zeitumstellung. Für eine Postkarte ließ Aktivist Reul sich sogar in die berühmte Szene des Stummfilm-Klassikers "Ausgerechnet Wolkenkratzer" montieren. Dort baumelte im Original der Schauspieler Harold Lloyd hoch über der Straße an einem Uhrzeiger.
Er hat die zuständigen Minister aller EU-Mitgliedstaaten kontaktiert; er kennt alle medizinischen Gutachten zum Thema Schlafmangel, kein Argument ist ihm zu klein. "Durch Müdigkeit am Steuer und Wildfreilauf" steige die Unfallgefahr, warnt Reul. Durch das Uhrenumstellen würden die Bürger Zeit und die Unternehmen Geld verlieren. Ältere Menschen, kleine Kinder und Tiere hätten besondere Probleme mit der Zeitenwende. "Landwirte kennen das." Für Haustiere immerhin konnte der Deutsche Tierschutzbund vor kurzem Entwarnung geben. An neue Fress- oder Spaziergehzeiten gewöhnten diese sich relativ schnell, erklärte der Verband.
Für Reul sind solche Erklärungen kein Rückschlag, er sieht sich kurz vor dem Ziel. Dass seine Partei ihm nun folgt und mit seinem Anliegen in den Wahlkampf zieht, bereitet ihm Genugtuung. Weil Reul mitunter karierte Hemden mit gestreiften Krawatten kombiniert und im Singsang rheinischer Büttenredner spricht, kann man ihn leicht unterschätzen. Doch zehn Jahre in Brüssel und Straßburg haben aus ihm einen Mann gemacht, der sich mit Verfahrenstricks auskennt. So beantragte er beim Parteitag zunächst, die Abschaffung der Sommerzeit ins Programm für die Europawahl aufzunehmen. Dies lehnte die zuständige Kommission ab, was Reul nicht verwunderte. In der CDU-Zentrale hält man ihn seit je für, nun ja, etwas wunderlich.
Doch Reul setzte nach und stellte einen sogenannten Initiativantrag. Schließlich durfte er ans Mikrofon, um für seinen Antrag zu werben. Die Delegierten feierten ihn, kein anderes Thema schien sie mehr zu bewegen als das Ende von Sommer- und Winterzeit. "Wir setzen uns dafür ein, dass die Zeitumstellung in Europa abgeschafft wird und zukünftig wieder eine einheitliche ganzjährige Zeit gilt", heißt es nun im CDU-Beschluss. "Ein tolles Gefühl", sagt Reul.
Dumm ist nur, dass das Ganze wenig mit der anstehenden Europawahl zu tun hat. Aus dem Europäischen Parlament kann ein Antrag zur Abschaffung der Sommerzeit nicht kommen, da es keine eigenen Gesetzesinitiativen starten kann.
Er sehe nun zwei Möglichkeiten, sagt Reul: Plan A und Plan B. Man könne auch beide gleichzeitig versuchen. Plan A geht über Deutschland. In den nächsten Tagen soll dem Petitionsausschuss des Bundestags eine Liste mit Reuls Unterschrift und weiteren 50 000 Namen übergeben werden. Reul will außerdem seine Parteifreunde in der Regierung in die Pflicht nehmen. Immerhin kann er sich jetzt auf einen Parteitagsbeschluss berufen. Die Basis steht hinter ihm. "Einfach abbügeln", sagt er, "das geht nicht mehr."
Plan B ist die Europäische Bürgerinitiative. EU-Bürger aus allen Ländern würden sich im Kampf für ein ausgeschlafenes Europa vereinen. Gemeinsam gegen die Sommerzeit. Auch so können Visionen aussehen.
Reul ist sich dieser Tage allerdings nicht sicher, ob wirklich genug Stimmen zusammenkämen. In jedem Fall würde es sehr viel Arbeit bedeuten, es könnte Schlaf kosten. Vielleicht zu viel. "Man muss aufpassen", sagt Reul. Nicht dass die Leute denken, ich hätte einen Knall."
Von Markus Feldenkirchen und Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 16/2014
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