14.04.2014

CHRISTSOZIALEDer Friedensengel

Entwicklungsminister Gerd Müller will mit seinem kleinen Ressort die Welt retten - und nebenbei Ursula von der Leyen ärgern.
An einem sonnigen Tag Mitte Februar sitzt Entwicklungsminister Gerd Müller in einer "Global 5000", einem Jet der Flugbereitschaft des Verteidigungsministeriums. Er sitzt in einem Massagesessel aus cremefarbenem Leder, Kalbsfilet wird gereicht, aus dem Fenster blickt man auf griechische Inseln hinab. Das Flugzeug rast auf den schlimmsten Bürgerkrieg der Gegenwart zu.
Allerdings wird Müller (CSU) sein Ziel um ein Haar verfehlen. "Wir fliegen nach Jordanien, weil wir nach Syrien nicht reinkommen", sagt er. Ein wenig Bedauern klingt durch. Aber wenigstens kann er ein Flüchtlingscamp besuchen. Auf dem Flug redet Müller so, als läge das Schicksal der Welt in seinen Händen: Er entwirft Uno-Resolutionen und ein europäisches Flüchtlingskonzept, er denkt darüber nach, wie man Russlands Präsidenten Wladimir Putin zur Räson bringen könnte. Ob der Syrien-Krieg denn überhaupt Sache des Entwicklungsministers sei, will ein Journalist wissen. "Wenn Tausende sterben, dann stelle ich nicht die Frage, ob ich zuständig bin", sagt Müller.
Gerd Müller (CSU), Bauernsohn aus Krumbach in Bayern, seit 119 Tagen im Amt, ist vom Agrarpolitiker zum Weltrettungsminister avanciert. Als Parlamentarischer Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium half er Schweinefleisch nach China zu exportieren, sein Herz gehörte den deutschen Rieslingproduzenten. Jetzt diskutiert er mit Religionsführern aus Afrika, empfängt den Generalsekretär der Vereinten Nationen und jagt von einem Krisengebiet ins nächste.
"Ich gehe dahin, wo die Not am größten ist", lautet sein Lieblingssatz. Seine Partei blickt mit einer Mischung aus Stolz und Spott auf den guten Müller. In der CSU existierte schon immer der Wunsch, über das Lokale hinauszuwachsen und einen Platz in der internationalen Arena einzunehmen. Franz Josef Strauß flog einst zu Gorbatschow, für Edmund Stoiber ließ Putin die Garde des Kreml aufmarschieren. Gegen die Titanen der CSU wirkt der gute Müller zwar eher possierlich; aber das tut seinem Engagement keinen Abbruch. Er sieht sich als eine Art weltpolitischen Friedensengel.
Der Minister lässt keine Gelegenheit aus, um gegen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zu sticheln ("Hilfe geht auch ohne Waffen"). Das kommt gut an bei den Deutschen, die allem Kriegerischen misstrauen. Und dem Willen des Volkes hat sich die CSU noch nie widersetzt. Ein verstärktes militärisches Engagement der Bundesrepublik in der Welt hält Müller jedenfalls für gefährlichen Humbug. Zuständig für die großen Konflikte sieht er vielmehr sein eigenes Haus, das er ganz ohne falsche Bescheidenheit "Friedensministerium" nennt.
Müller versteht sich als Macher, nicht als Bürokrat, und da mag er sich nicht mit Zuständigkeitsfragen aufhalten. Das findet er kleinlich. Mit einem eigenen Grundsatzpapier zu Afrika preschte er vor, obwohl sein Haus zusammen mit Außen-, Verteidigungs- und Wirtschaftsministerium gerade an einer gemeinsamen Afrika-Strategie feilt. Sein Kommentar: "Es geht nicht um Papiere, wir machen hier seit zig Jahren Afrika-Politik."
In seinem anarchistischen Führungsgebaren ist er seinem Parteichef Horst Seehofer nicht unähnlich. Ideen spuckt er in einer solchen Frequenz aus, dass seine Fachabteilungen kaum Luft holen können. Zum Beispiel die Sache mit dem Textilsiegel: ein Zertifikat für nachhaltig produzierte Kleidung, um tödliche Katastrophen wie die in der Textilfabrik in Bangladesch im Frühjahr 2013 zu verhindern. Vorreiter in Europa wollte er damit sein, noch in diesem Jahr wollte er das Gütesiegel auf den Markt bringen. Bis ihn seine eigenen Leute diskret darauf hinwiesen, dass dies zeitlich kaum machbar sein dürfte.
Ärger gab es auch im Vorfeld seiner Reise in die Zentralafrikanische Republik Mitte März. Das Land ist kein Partner des Entwicklungsministeriums, in der Hauptstadt Bangui gibt es nicht einmal eine deutsche Botschaft. Die Fachabteilung im eigenen Haus warnte vor der Reise, Müller ließ sich nicht abhalten. Vielleicht, weil von der Leyen angekündigt hatte, Bundeswehrflugzeuge nach Zentralafrika zu schicken. Als Erster sollte aber Friedensengel Müller da sein.
Zu Beginn seiner Amtszeit ließ Müller durchblicken, er fühle sich am wohlsten, wenn er im Hintergrund die Fäden ziehe. Die schönen Fotos sollten andere machen. Da war Ursula von der Leyen gerade mit 40 Journalisten nach Afghanistan gereist.
Inzwischen scheint der CSU-Mann sich von der Verteidigungsministerin etwas abgeguckt zu haben. Auch er ist jetzt immer auf der Suche nach der schärfsten Schlagzeile: Er fordert die Neuvergabe der WM in Katar, er produziert ausgefallene Bilder - der Minister schraubend an einem Duschkopf, umringt von verschleierten Klempnerinnen.
Bei so viel Eifer kann mal ein Bild verrutschen: Händeschütteln mit dem kriegsgestählten südsudanesischen Cowboyhut-Präsidenten Salva Kiir? Seiner Regierung werden Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. "Da ist eine so einseitige Positionierung ziemlich ungünstig", seufzt ein Diplomat im Auswärtigen Amt.
Dass Müller bei all seinem Engagement kaum berechnend wirkt, liegt wohl an seiner Empathie. Durch Jordanien wandelt er wie eine schwarze Claudia Roth, würde am liebsten alle umarmen. Von einem geflohenen syrischen Familienvater will Müller wissen: "Wie ist die Lage zu Hause? Haben die Leute zu essen?" Dann umklammert er den Arm des Mannes, drückt zu, will sich gar nicht mehr abwenden.
Die Opposition applaudiert, wenn Müller im Bundestag soziale und ökologische Standards für den Welthandel fordert. Er stellt den "Menschen" in den Vordergrund, das kommt auch bei den Hilfsorganisationen gut an. Das bäuerlich-nerdhafte, garniert mit etwas Krisen-Glamour - bei Müller ergibt das eine interessante Mischung. Die Presse berichtet bisher eher wohlwollend.
In Müllers Büro stehen ein Glückwunschkärtchen von Heidemarie Wieczorek-Zeul und ein Dankesschreiben indischer Slumkinder, denen er einen Kühlschrank spendiert hat. Über der Tür hängt ein Holzkreuz. Müllers jüngste Reise nach Mali und in den Südsudan ist schon ein Weilchen her, aber er scheint noch immer beseelt. Er spricht von "Kinderaugen im Dreck", von der Freude, einen Fußball zu verschenken. "Wissen Sie, Himmel und Hölle liegen oft nah beieinander." Wenn man mit ihm redet, ist nicht ganz klar, ob man eine Art konservative Mutter Teresa vor sich hat oder einen überambitionierten Erweckungsprediger.
Müller kommt immer wieder zu den großen "Konflikten" der Erde - er spricht das Wort "Kompflikt" aus. Der Weltfrieden, das ist seine Mission. Ihm ist aufgefallen, dass sich noch kein deutscher Minister in das Bürgerkriegsland Syrien getraut hat. Frieden für Syrien, das wäre die ultimative Aufgabe für den guten Müller. Ob er am Ende Homs besuchen wird, die zerbombte Stadt im Westen des Landes? "Ja", sagt der Minister und schiebt ein Sahnebonbon in den Mund.
Von Nicola Abé und Horand Knaup

DER SPIEGEL 16/2014
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