14.04.2014

BEZIEHUNGENIm Netz

Eine Frau aus Hamburg verliebt sich bei Facebook in einen Mann, der angeblich als Multimillionär in Monaco lebt. Er bittet sie um Aktfotos, dann erpresst er Schweigegeld - eine Geschichte über die Abgründe der Liebe.
Es ist der Abend des 29. August 2012, ein Mittwoch, als Halina Löffler allen Mut zusammennimmt und sich bei Facebook umschaut. Die Prokuristin eines pharmazeutischen Unternehmens ist einsam und traurig, nach einer Ehe ist auch ihre zweite langjährige Beziehung gescheitert. Sie hofft auf neue Bekanntschaften, einen neuen Partner vielleicht, irgendwann.
Die gebürtige Polin ist eine 44 Jahre alte attraktive Frau, sie hat lange dunkle Haare, große Augen und ein feingeschnittenes Gesicht mit hohen Wangenknochen. Gern schminkt sie sich, als gehörte sie zum Ensemble des Musicals "Cats", die korallenroten Fingernägel passen zum rosafarbenen Smartphone. Sie fällt auf, auch bei Facebook.
Der Mann, auf den sie trifft, schreibt unter dem Pseudonym Micki Ma-Ha, er wird Halina Löffler später erklären, dass die Kürzel für seinen Doppelnamen stehen.
Halina Löffler ahnt nicht, dass sie sich an diesem Tag auf den Weg in ein Desaster begibt. Sie wird Teil einer Geschichte über Hoffnung, Vertrauen, Liebe werden - und über Lüge, Verrat, schließlich Erpressung. Die Frau hätte viele Gründe, darüber zu schweigen. Aber sie will ihre Geschichte erzählen, für sich und auch für andere, als Warnung.
Für die Hamburgerin scheint Ma-Ha ein Glücksfall zu sein. Halina Löffler hat noch keinen Mann kennengelernt, der so offen ist, der über seine beiden Ehen und seine drei Kinder spricht. Löffler ist gerührt. Ein vom Leben gezeichneter Mensch offenbart sich da, einer, der wiederholt betont, dass Vertrauen für ihn das Wichtigste sei.
Micki Ma-Ha und Halina Löffler korrespondieren täglich, fast immer abends; zuerst nur über Facebook, später per WhatsApp und Telefon. Er schickt viele Fotos von sich und seinen Kindern, Löffler revanchiert sich mit Bildern von sich und ihrem Sohn. Ma-Ha ist kein schöner Mann, er ist klein und etwas rundlich. Aber er ist ein toller Mensch, so erscheint es Halina Löffler.
Sie genießt das Spiel der Verliebten. Worte voller Wärme, Küsse in Buchstabenform, sie freut sich über Links zu Liebesliedern wie Elvis Presleys "Always on My Mind". "Ich dachte, wir wären uns unglaublich ähnlich", sagt Halina Löffler heute, "ich hatte das Gefühl, meinen Traummann gefunden zu haben." Sie erzählt von ihrer Leidenschaft für klassische Musik. Bei einem Telefonat hört sie im Hintergrund die "Pathétique", eine der berühmtesten Klaviersonaten Ludwig van Beethovens. Stolz erzählt sie, sie könne das "am Piano fast genauso spielen". "Ich kaufe dir einen Bechstein", schreibt Ma-Ha.
Halina Löffler fragt ihn, was er beruflich mache. Rentner sei er, mit 42. Er habe Glück gehabt, eine Erbschaft, rund 40 Millionen Euro. Er lebe von seiner zweiten Frau und dem gemeinsamen Sohn getrennt, aber mit ihnen unter einem Dach in Monaco. Teures Pflaster, 20 000 Euro Monatsmiete, mit Blick auf den Yachthafen.
Er wolle nun nach Mallorca umziehen, in ein 16 Millionen Euro teures Anwesen. Das Gebäude habe zwei Flügel, die die Mütter seiner Kinder bewohnen könnten, und in der Mitte, im Haupthaus, da sei Platz für Halina, ihren Sohn und ihn.
Ma-Ha schickt Fotos von der Wohnung in Monaco, von einer Besichtigung des Domizils auf Mallorca. Ein bisschen wundert sich Löffler über ein Bild seiner Frau vor einem Weihnachtsbaum auf Mallorca, wo die Familie laut Ma-Ha im Dezember 2012 Urlaub machte. Die Einrichtung wirkt ziemlich deutsch und ziemlich billig. Später stellt Ma-Ha Bilder seines Ferraris ins Netz und mailt Löffler ein Schreiben der Compagnie Monégasque de Banque vom 15. Oktober 2012 an ihn. Die Bank sei "glücklich", ihm ein Kreditlimit von 20 Millionen Euro einzuräumen, das "jederzeit" um 10 Millionen erhöht werden könne, heißt es da.
Was für ein Leben!
Es ist nicht einmal das Vermögen, das Halina Löffler beeindruckt. Es ist diese ungemeine Verantwortung für seine Familie. Er überweist seiner ersten und seiner zweiten Frau monatlich jeweils 20 000 Euro Unterhalt. Er legt für jedes Kind monatlich 8000 Euro an, "sie sollen mit 18 von den Zinsen leben können".
Was für ein Familienvater!
Er unterstütze mehrere afrikanische Kinder, sagt Micki Ma-Ha. Er könne doch nicht in Luxus leben, während es anderen schlechtgehe.
Was für ein Mensch!
Die Hamburgerin ist sich ihrer Gefühle so sicher, dass sie dem Mann, den sie nie gesehen hat, ihre Liebe erklärt. Sie liebe ihn "wie niemanden zuvor", schreibt sie. Ihr Glück wird vollkommen, weil ihre Gefühle erwidert werden.
Vertrauen steht für den Millionär über allem. Auch Löffler will nichts verheimlichen. Sie erzählt, dass sie stets treu gewesen sei, nur einmal, als ihre zweite Beziehung scheiterte, habe sie in den Armen eines anderen Mannes gelegen, ohne mit ihm intim zu werden.
Ihr Traummann reagiert cholerisch. Halina habe sein Vertrauen gebrochen. Die Geschichte in Düsseldorf sei Jahre her, verteidigt sie sich. Sie hätte es ihm gleich zu Beginn beichten müssen, antwortet Ma-Ha. Er bricht den Kontakt ab.
Die Hamburgerin weint tagelang. Dann meldet sich Micki Ma-Ha doch. Und sagt, wie sehr ihn die Beichte verletzt habe. Man schließt Frieden, das Glück kann neu beginnen, man liebt sich wieder. "Zuckerbrot und Peitsche war das", sagt Halina Löffler heute, "er hat versucht, Macht über mich zu gewinnen, und er hat es geschafft."
Ma-Ha bittet um Aktfotos. Sie schickt ihm ein paar erotische Bilder, keine pornografischen. Ma-Ha möchte mehr. Er bittet um Nahaufnahmen. Weil sie ihm grenzenlos vertraut, erfüllt sie seine Bitte.
Löffler drängt auf ein Treffen. Ma-Ha will nach Hamburg kommen, hat ein Zimmer im Hyatt gebucht. Aber er kommt nicht. Und im Hyatt ist kein Zimmer reserviert. Am folgenden Tag verrät er, dass er "kurz vor Hamburg" umgekehrt sei. Die Sache mit dem anderen Mann sei ihm eingefallen, er sei wieder sehr verletzt. Erneut ist Halina Löffler aufgelöst, sie nimmt Tabletten, um sich zu beruhigen.
Im Oktober 2012 - Micki Ma-Ha und Halina Löffler sind sich einig, seit zwei Monaten "zusammen" zu sein - erhält die Hamburgerin bei Facebook eine weitere Freundschaftsanfrage. Ma-Has zweite Frau betritt die Bühne, die 26-Jährige nennt sich Dini Ma. Sie freue sich unglaublich, dass ihr Ex-Mann Halina kennengelernt habe, schreibt sie. Seit die beiden "zusammen" seien, sei er ein anderer Mensch. Die beiden Frauen werden Freundinnen, Löffler hat sonst keine.
Im November erzählt der Multimillionär aus Monaco wie nebenbei, dass er ein Problem habe. Seine bei Hannover lebende Nichte brauche für die Finanzierung einer Immobilie dringend 45 750 Euro, nur für zwei Wochen. Er habe kein Konto in Deutschland und könne das Geld wegen der Schwarzgeldvorschriften nicht überweisen. Ma-Ha fragt Löffler nicht einmal, ob sie helfen könne. Doch als sie nicht weiter reagiert, wird er eisig.
Halina Löffler leidet erbärmlich. Sie wendet sich an ihre Freundin Dini. "Warum hast du ihm nicht geholfen?", fragt die. "Vielleicht hast du ihm damit gezeigt, dass das Vertrauen nicht zu groß ist oder du nicht völlig hinter ihm stehst. Das sollte man bei ihm nie machen ... Wenn das wegen dem Pipikram bei euch kaputtgehen sollte, wäre das echt schade ... Ihr habt Zukunft."
Tagelang taucht Ma-Ha ab. Dann meldet er sich wieder, die beiden telefonieren miteinander, beteuern einander ihre Liebe.
Doch am 25. Januar beginnt Ma-Ha plötzlich mit Drohungen. Er werde Löfflers ehemaligem Lebensgefährten die Facebook-Kommunikation, den Chat-Verlauf bei WhatsApp und die Aktbilder zukommen lassen. Und er werde den Fall in Hamburg publik machen. Um 13.51 Uhr schreibt er: "Sie wurde mit Nacktbildern, die sie an reiche Männer im Internet schickte, erpresst. Ich glaube nicht, dass du so eine Schlagzeile in der ( Hamburger -Red.) ,Morgenpost' lesen möchtest." Löffler solle sich Gedanken machen, sie fragt, worüber. Micki Ma-Ha: "Wie du dich freikaufst."
"Du hast mich also nie geliebt ... Alles fake ... Bin ich dumm. Der Hunger nach Liebe hat mir den Verstand geraubt", schreibt Halina Löffler. "Du hast es mir leichtgemacht", antwortet Ma-Ha. "Bist auch kein Millionär. Stimmt's? Lebst gar nicht in Monaco, stimmt's?", fragt sie. "Du machst dich an solche Frauen wie mich ran." Ma-Ha: "Wenn du das hören willst. Jaaaaaa, mache ich." Halina Löffler ist einem Zusammenbruch nahe.
Am darauffolgenden Abend, um 20.22 Uhr, schreibt sie, es gebe "im Grunde zwei Möglichkeiten. Die erste, du bist echt ... alles, hast die Wahrheit erzählt und vor allem deine Liebe war echt. Und deine Beweggründe, von mir Geld zu verlangen, um mir einen Denkzettel zu verpassen, weil ich dich verletzt habe. Sollte es so sein, dann werden wir zusammenkommen, weil ich glaube, dass Liebe zwar manchmal seltsame Wege geht, aber was zusammengehört, kommt auch zusammen".
"Die zweite Variante", so schreibt sie weiter, sei, dass alles nur "vorgespielt" sei. "Meine Fähigkeit, einen Menschen
zu lieben, wäre damit begraben ... Ich hab seit Jahren Stress, hab keinen Mann, der mich in den Arm nimmt, mich küsst,
tröstet. Und dann kommst du und öffnest mir die Türe zum Himmel. Und dann, peng, alles aus."
Halina Löffler hat inzwischen, völlig aufgelöst, Kontakt zu Dini Ma gesucht. Die Freundinnen tauschen sich von 2.37 bis 4.18 Uhr über WhatsApp aus.
Dini beruhigt sie: "Ihm geht es bestimmt nicht ums Geld. Wie du schon geschrieben hast, verpasst er dir nur einen Denkzettel." Notfalls "werde ich dir das Geld zurückzahlen".
Vertrauen ist das Wichtigste, deswegen schickt Dini Ma am 27. Januar das Foto eines Auszugs der mallorquinischen Banca March. Der Saldo ihres Kontos beträgt 618 639,25 Euro, als Eingänge von der Banco de Monaco sind 20 000 Euro, ihr Unterhalt, und 8000 Euro für den Sohn Michael verzeichnet.
Halina Löffler hat mit der Hilfe ihrer besten Freundin ihren Frieden wiedergefunden. "Du glaubst nicht, was mir für ein Stein vom Herzen gefallen ist ... Es stimmt also alles, und ihr seid echt, und er hat nicht gelogen. Ich schäme mich ein wenig, es immer wieder angezweifelt zu haben", schreibt sie.
Am 27. Januar spricht Micki Ma-Ha mit Halina Löffler über die Höhe des Schweigegelds. "Wie lange waren wir zusammen?", fragt er. - "4,5 Monate." - "45 000, ist das okay für dich?" - "Muss." Er teilt eine Kontonummer bei der Sparkasse Lemgo mit, es ist das Konto seiner Frau.
"Wieso aber Sparkasse Lemgo???? Ich denke, du hast kein Konto in Deutschland?", fragt Halina Löffler. "Es bleibt in Deutschland, damit du, wenn es Zeit ist, dran kommst", antwortet Ma-Ha. Am 28. Januar ist Zahltag. "Das Geld ist raus", schreibt Halina Löffler.
Dini Ma lässt sich das Schweigegeld am nächsten Tag in bar auszahlen. Löffler finanziert es aus einem Kredit, sie zahlt Monat für Monat 1570 Euro ab. "Letztlich habe ich es aus Liebe getan, weil du gesagt hast, dass es uns vielleicht wieder zusammenbringt", schreibt sie Micki Ma-Ha. "Ob es auf deinem oder meinem Konto liegt, ist egal, wenn man zusammen ist", antwortet der, "hättest auch schreiben können: für meinen zukünftigen Mann." Am folgenden Tag sperrt er für einige Wochen seine Facebook-Seite für Halina Löffler.
Die Hamburgerin hat Angst. Ma-Ha war offenbar an ihrer Haustür, heimlich. Er schickt ein Foto der Klingelleiste.
Anfang Februar beauftragt Halina Löffler einen Privatdetektiv. Es kommt heraus, dass der angebliche Multimillionär aus Monaco in bescheidenen Verhältnissen im nordrhein-westfälischen Kreis Lippe lebt und offenbar pleite ist. Im März 2011 hat er vor dem Amtsgericht Detmold und im Februar 2012 vor dem Amtsgericht Lemgo eidesstattliche Versicherungen über sein Vermögen abgegeben. Ma-Ha weiß nicht, dass Löffler davon erfährt.
Doch sie hält die Fernbeziehung zum Schein aufrecht. Sie bittet Ma-Ha, das Geld zurückzuzahlen, "Micki, du musst mir helfen ... Du, der über 40 Mio. Euro hat ... einer der einflussreichsten Männer auf Mallorca ist". Später droht auch sie: Sie sehe sich "gezwungen, andere Instanzen einzuschalten".
Da verliert Micki Ma-Ha die Nerven. Am 1. April 2013 schreibt er Halina Löffler zwischen 19.17 und 20.40 Uhr 29-mal. Bei ihm sei "nichts zu holen", heißt es da, "weg wäre das liebe Geld, und ich allerhöchstens sechs Monate Knast ... ich komme auch wieder raus ... das sollte man nie vergessen".
Halina Löffler zeigt ihn und Dini Ma beim Hamburger Landeskriminalamt wegen Erpressung an. Die Beamten ermitteln, was vorher schon der Privatdetektiv erfuhr: Ma-Ha ist kein Millionenerbe, die Kontoauszüge und Schreiben von Banken, die Löffler erhielt, sind gefälscht.
Ma-Ha ist mehrfach vorbestraft. Zuletzt verurteilte ihn das Amtsgericht Detmold im Juli 2011 unter anderem wegen Betrugs zu neun Monaten auf Bewährung; die Bewährungszeit endet im November 2014. Dini Ma und er machen gegenüber den Strafverfolgern von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Auch dem SPIEGEL mochten sie keine Fragen beantworten.
Vor dem Amtsgericht Hamburg-Barmbek hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben.
* Im damaligen Reihenhaus des Ehepaars im Kreis Lippe Weihnachten 2012.
Von Carsten Holm

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