14.04.2014

ÄGYPTENPrügel zur Begrüßung

Der Muslimbruder Jahja Hamid, 38, Minister für Investitionen unter dem gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi, über sein Leben im Untergrund
SPIEGEL: Tausende Muslimbrüder wurden von der ägyptischen Armee verhaftet, wie gelang Ihnen die Flucht?
Hamid: Meine Wohnung in Gizeh bei Kairo wurde dreimal von Sicherheitskräften der Armee überfallen. Ich schlief jedoch seit längerem jede Nacht in einem anderen Haus. Nach dem Massaker am 14. August, als die Sicherheitskräfte zwei Protestlager stürmten, habe ich das Land verlassen. Ich stehe wie Tausende andere auf der Liste der Gesuchten. Aber ich hatte Helfer.
SPIEGEL: Wo leben Sie jetzt?
Hamid: Der ägyptische Geheimdienst hat seine Spitzel überall. Deshalb kann ich nicht sagen, wo ich mich aufhalte. Ich reise überall hin, nur nicht nach Ägypten, Saudi-Arabien, in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Kuwait. Da nehmen sie uns fest.
SPIEGEL: 529 mutmaßliche Muslimbrüder wurden bereits zum Tode verurteilt, zum Teil in Abwesenheit. Was wissen Sie über das Schicksal der Inhaftierten?
Hamid: Meine Kollegen, also die Männer aus dem einst engsten Kreis um Präsident Mursi, werden in Einzelzellen gehalten. Sie dürfen ihre Familien nicht empfangen; ihre Anwälte sehen sie das erste Mal, wenn sie im Gericht vorgeführt werden. Viele der Angeklagten wissen bis dahin nicht einmal, wofür sie bestraft werden sollen.
SPIEGEL: Wie sind die Haftbedingungen?
Hamid: Nach unserer Kenntnis gibt es insgesamt 21 000 politische Gefangene.
SPIEGEL: Wirklich so viele?
Hamid: Ja. Wir konnten Handy-Kameras ins Gefängnis schmuggeln, deshalb wissen wir, dass Folter dort die Regel ist. Es beginnt schon mit der Taschrifa, der sogenannten Einweihungsparty, bei der die Kriminellen die Neuankömmlinge mit einer Tracht Prügel begrüßen.

DER SPIEGEL 16/2014
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