14.04.2014

Nation freier Männer

Moskaus Provokationen und Kiews Hilflosigkeit nutzen den Nationalisten: Bürgerwehren üben für die Invasion, Milizen jagen Verbrecher, und ein Rechtsextremer will Präsident werden.
Am Stadtrand von Kiew liegen Männer mit Gewehren im Anschlag auf dem Boden. Sie schießen auf Ziele aus Pappe, aber bald könnten es auch russische Soldaten sein oder ostukrainische Separatisten. Über ihnen, zwischen den Bäumen des verfallenen Truppenübungsplatzes, auf dem früher die Sowjets schießen lernten, flattert das schwarz-rote Banner der ukrainischen Nationalisten. Die Männer üben die Ruhe vor dem Schuss.
Waffe laden, zielen, "seelenruhig ausatmen und überlegt abdrücken", ruft Mykola Ischenko, 48. Er war früher Ausbilder in der ukrainischen Armee, zwei Jahrzehnte ist das her. Nun hat er sich wieder in eine Uniform gezwängt und will aus Zivilisten Kämpfer machen. Sie exerzieren, werfen Messer, machen Faustkampf, und weil Sandsäcke fehlen, treten und schlagen sie auf Baumstämme ein.
"Dritte Hundertschaft" heißt ihre Einheit, eine von Dutzenden Bürgerwehren, die sich während des Aufstands auf dem Maidan gebildet haben. Ihr Ideal ist der Staatsbürger als Partisan. Es sind weltoffene, westlich orientierte Studenten darunter, aber auch hartgesottene Rechtsextreme, die im Sturz von Präsident Wiktor Janukowytsch nur die erste Stufe einer "nationalen Revolution" sehen. Seit der Krim-Annexion zieht es viele Maidan-Aktivisten in die militärischen Ausbildungslager, jeden Tag kommen etwa 50 Männer auf den Kiewer Übungsplatz.
Ausbilder Ischenko ist seit zwei Wochen dabei, auch er hat auf dem Maidan Wache gehalten. Dabei hat er nichts gegen die Russen, im Gegenteil, er verdient an ihnen: Er ist Touristenführer, und viele seiner Kunden kommen aus Russland. Trotzdem, sagt Ischenko, sei er eben ein ukrainischer Patriot - und der russische Präsident Wladimir Putin ein aggressiver Diktator.
Dass Ischenko jetzt Partisanen ausbildet, hat ihm Ärger mit seiner Mutter eingebracht. Sie hat die meiste Zeit ihres Lebens unter den Sowjets gelebt und findet, falls Russland wirklich Soldaten in die Ukraine schicke, solle man sie mit Blumen begrüßen. Ihr Sohn möchte sie lieber mit Waffen empfangen.
Rechte Gruppen waren auf dem Maidan zwar zahlenmäßig in der Minderheit, aber sie bildeten das Rückgrat des Aufstands gegen die Janukowytsch-Regierung. Als die zunächst friedlichen Demonstrationen in Gewalt umschlugen, waren es rechte Gruppen, die die Barrikaden verteidigten, Molotow-Cocktails warfen und Schusswaffen trugen. Damit haben sie auch zu der Eskalation beigetragen, die mehr als hundert Menschen das Leben kostete - und am Ende den Präsidenten sein Amt.
Die russische Propaganda bezeichnet diese Gruppen pauschal als "Faschisten". Doch das rechte Lager ist alles andere als einheitlich, im Wesentlichen kann man drei Fraktionen unterscheiden: Da sind bürgerliche Patrioten wie Ischenko, die es als ihre Pflicht sehen, für ihr Land zu kämpfen. Da sind die hemdsärmeligen Volksanarchisten, die die korrupte Staatsmacht herausfordern wollen. Und dann sind da noch die Rechtsradikalen, ideologisch und gefährlich, die das derzeitige Vakuum zur Machtergreifung nutzen wollen. Sie sind Anhänger eines totalitären Ethno-Nationalismus mit antisemitischen Anklängen.
Zu Letzteren zählt der "Rechte Sektor", die wichtigste Gruppe auf dem Maidan. Sein Kern ist eindeutig rechtsextrem, aber er ist inzwischen auch Sammelbecken der Unzufriedenen. Viele junge Ukrainer haben sich ihm zunächst vor allem angeschlossen, weil der Sektor so gut organisiert war - und sich angesichts der russischen Provokationen seither radikalisiert.
Auch Alexander Kolokolow, 37, ein ethnischer Russe, der sich als Ukrainer fühlt, ist dem Rechten Sektor beigetreten. Kolokolow lebt in Cherson, einer Stadt zwölf Zugstunden südlich von Kiew, nahe der Krim. Viele glaubten zunächst, dass sich auch Cherson Russland anschließen würde, die meisten Bewohner sprechen hier im Alltag Russisch. Doch die Annexion der Krim hat die Nationalisten gestärkt. Sie haben in Cherson die Lenin-Statue gestürzt und an ihrer Stelle ein Mahnmal für die "Himmlische Hundertschaft" errichtet, so nennen sie die Toten der Revolution. Seit dem Einmarsch auf der Krim tragen sie hier gelbe und blaue Bändchen, ein Bekenntnis zur Ukraine.
Kolokolow war Kriminalpolizist, doch irgendwann konnte er Korruption und Filz nicht länger ertragen. Er kündigte und macht jetzt mit seinen Mitstreitern vom Rechten Sektor Jagd auf Verbrecher. Weil der Umsturz nicht den erhofften Wandel gebracht hat, weil es in der Übergangsregierung zu wenige neue Gesichter gibt, wollen sie selbst für Ordnung sorgen.
Ihr größter Gegner ist Oberst Michail Fabrin, Chef der Sicherheitskräfte in Cherson. Er ist erst wenige Wochen im Amt, die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters Vitali Klitschko hat seine Ernennung durchgesetzt. Kolokolow misstraut dem Oberst, denn der war zuvor auf der Krim stationiert und kandidierte dort 2010 für das Regionalparlament, ausgerechnet für die Partei "Russische Einheit". Das ist der Wahlverein des neuen Krim-Premiers. Kolokolow und seine Männer halten den Polizeichef daher für einen Verräter.
Die Ortsgruppe des Rechten Sektors hat ein muffiges Büro im Stadtzentrum Chersons bezogen, zwischen Copyshop und Schönheitssalon. Von hier aus operiert Kolokolows Garde als eine Art Volkspolizei. Nachts rückt sie aus, um Spielhöllen auszuheben und auf den Straßen zu patrouillieren. Eine illegale Tankstelle hat sie bereits geschlossen. Korrupte Polizisten hätten dort beschlagnahmtes Benzin verkauft, sagt Kolokolow.
Das hat sich der Oberst nicht gefallen lassen. Seine Beamten haben das Sektor-Büro in Cherson gestürmt, sie haben nach Waffen gesucht, aber nichts gefunden. Auch nicht die in einem Drucker versteckte Pistole. Kolokolow versichert, ansonsten seien sie aber unbewaffnet.
Gerade hat der Sektor-Chef von einem bevorstehenden Drogentransport in Cherson erfahren, seine Männer wollen den Dealer schnappen. Um sich in Stimmung zu bringen, lassen sie auf einem Rechner Musikclips laufen. Fantasy-Figuren kämpfen mit Molotow-Cocktails gegen einen riesigen Adler, Wappentier der berüchtigten Polizeieinheit Berkut. Dazu läuft ein Lieblingssong der Rechten mit dem Refrain:"Krieger des Lichts, Krieger des Guten". So sehen sie sich selbst.
Einige der Milizen vom Maidan verhalten sich inzwischen wie kriminelle Banden. Lose Zusammenschlüsse von Nationalisten, nicht so ideologisch wie der Rechte Sektor, aber gewalttätig. Vor wenigen Tagen griffen maskierte Mitglieder einer Miliz eine Betonfabrik an, bezahlt von Geschäftsleuten, die die Firma übernehmen wollen. Es gab inzwischen mehrere solcher Überfälle, etwa auf eine Wodkafabrik.
In einem ehemaligen Industriegebiet in Kiew mit der für Nationalisten gewöhnungsbedürftigen Adresse Moskauer Prospekt hat der Mann sein Quartier aufgeschlagen, den sich die Milizionäre von Cherson als Präsidenten wünschen: Dmytro Jarosch. Der 42-Jährige hat in den neunziger Jahren eine Wehrsportgruppe gegründet, Keimzelle des Rechten Sektors. Früher trat er meist im Kampfanzug auf, nun empfängt er in Jeans und dunklem Rollkragenpullover. Denn Jarosch will Präsident werden. Er hat sich als Kandidat für die Wahlen im Mai registrieren lassen und will den Rechten Sektor als Partei anerkannt wissen. Seine Bewegung habe mehr als 10 000 Mitglieder, sagt er. Und hofft, dass die Welle des Nationalgefühls ihn an die Macht spült.
Als Jarosch auf dem Maidan redete, bekam er mehr Applaus als seine Konkurrentin Julija Tymoschenko. Denn seine Truppe beeindruckte während des Aufstands mit Disziplin und Durchhaltewillen. Sogar in einem Geheimpapier der russischen Sicherheitsbehörden heißt es nicht ohne Bewunderung, der Rechte Sektor sei die "einzige organisierte Kraft, die wie ein Magnet" sowohl Extremisten als auch gewöhnliche Menschen anziehe.
Jarosch wirbt sei Jahren für die "Entrussifizierung" der Ukraine. In Kampfschriften fordert er die "Verbreitung der nationalistischen Ideologie auf dem gesamten Territorium unseres Staates". Dass dazu auch Antisemitismus gehört, leugnet der Kandidat Jarosch heute. In einem Buch schrieb er jedoch: "Ich frage, wie es kommt, dass die Mehrheit der Milliardäre in der Ukraine Juden sind?"
In der EU sind seiner Meinung nach "antichristliche" Kräfte am Werk, Brüssel zwinge den Menschen Lebensformen wie die Homo-Ehe auf, das sei "eine Spielart des Totalitarismus". Europa scheide als Partner aus, die Nato ebenso, auch die USA sind für Jarosch Teil einer "antiukrainischen Front". Wortgewandt kann der studierte Sprachwissenschaftler erklären, warum der verlässlichste Partner des ukrainischen Bürgers nur die eigene Kalaschnikow in der Hand sein kann.
Der Rechte Sektor propagiert die Legalisierung privaten Waffenbesitzes, um eine "Nation freier, bewaffneter Männer" aufzubauen. "Nur so können wir uns zur Wehr setzen, gegen die Willkür der Staatsmacht und gegen Russland." Jaroschs Worte sind eine Drohung, gerichtet nicht nur an Moskau, sondern vor allem an das Establishment in Kiew. Er schließt mit dem Satz: "Unsere Revolution ist noch nicht vollendet."
Von Benjamin Bidder und Uwe Klussmann

DER SPIEGEL 16/2014
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