14.04.2014

INDIENHass und Heimatliebe

Milliardäre preisen ihn, die Mittelklasse liebt ihn, viele Muslime fürchten ihn: Der Hindu-Nationalist Narendra Modi wird wohl der nächste Premier Indiens - was will er?
Sie drängen sich schon vor Sonnenaufgang durch das Gewirr der engen Gassen: greise Frauen, in Musselin drapiert, junge Schönheiten in schimmernder Seide, halbnackte Bettler, über und über mit Asche beschmiert, glatzköpfige Sadhus mit riesigen ockerfarbenen Schirmen aus getrockneten Palmblättern, schüchterne kleine Verkäuferinnen mit Schalen voller Kokosnuss-Scheiben, fluchende Rikschafahrer, die Kühe umkurven. Alle zieht es hinunter zum Fluss. Zum Ritual des Bades.
"Ich bin aller Dinge Anfang und aller Dinge Ende, ich bin das Versprechen und die Erinnerung, die Beständigkeit und die Barmherzigkeit. Ich bin das Schweigen über alle Geheimnisse der Welt", murmeln die Gläubigen, wenn sie in die Fluten des heiligen Ganges abtauchen. Und sie werfen Rosenblätter in die Höhe, die auf Pflastersteine regnen, dort von verdreckten Ziegen gemächlich zermalmt werden.
Varanasi ist für Hindus, was Rom für Christen und Mekka für Muslime ist: Zentrum ihrer Religion, Sehnsuchtsort ihres Daseins. Gott Shiva hat sich den alten Schriften nach diesen Platz ausgesucht, um von den Höhen des Himalaja herabzusteigen. Schon vor rund 3000 Jahren wurde an dieser Stelle die "Stadt des Lichts" gegründet. In Varanasi zu sterben, hier verbrannt und in den Ganges gestreut zu werden verspricht den Alten und Kranken die Erlösung vom mühseligen Kreislauf der Wiedergeburten.
Weil der Tod hier seinen Schrecken verloren hat, zelebriert man das Leben. An den Tausenden Webstühlen werden weit weniger Leichentücher hergestellt als Hochzeitssaris, kleine Handwerkerbetriebe konkurrieren mit Herstellern von Musikinstrumenten. Und alles ist Business: "Sparen Sie nicht, kaufen Sie nur das beste Sandelholz für die Verbrennung Ihrer Lieben!"
Aber so aufbauend Varanasi wirken kann, so klar ist auch die Abgrenzung der Fundamentalisten gegenüber Andersgläubigen: Varanasi ist trotz der gar nicht so kleinen muslimischen Minderheit die zentrale Stadt des hinduistischen Überlegenheitsgefühls, hier geht Religion über alles. Schnell kann die Stimmung umschlagen, wenn sich die Mehrheit beleidigt fühlt: Kritische Filmemacher wurden aus der Stadt getrieben, Bücher verbrannt, es kam immer wieder zu schweren, von Hass bestimmten Ausschreitungen.
Ausgerechnet dieses heilige Varanasi wird jetzt zu einem der wichtigsten Schauplätze des nationalen Machtkampfs, zur Bühne der mit Spannung erwarteten, richtungweisenden Wahlen, die sich in dem Riesenreich in neun Etappen über fünf Wochen erstrecken und am vergangenen Montag im Nordosten begonnen haben. Am 12. Mai ist hier in Uttar Pradesh das Finale.
Indiens Politiker bestimmen ihren Wahlkreis selbst. Narendra Modi, 63, Regierungschef im gut tausend Kilometer entfernten Bundesstaat Gujarat, hat sich die "Stadt des Lichts" für seinen Kampf um ein Abgeordnetenamt herausgesucht. Der Hindu-Nationalist will von hier wie von seiner Heimat Gujarat aus mit der oppositionellen rechtskonservativen Indischen Volkspartei BJP das ganze Land erobern, nächster Regierungschef in Neu-Delhi werden.
Modi hat beste Chancen. Die Mittelklasse mag den effizienten Modernisierer. Den Armen gilt er wegen seiner Herkunft von ganz unten als einer der Ihren. Börsianer verehren ihn als Guru, der milliardenschwere Unternehmer Anil Ambani nennt ihn "König der Könige", nicht weniger als einen "Herren der Menschheit". Aber über seinem Lebensweg liegt auch ein Schatten: Vielen Muslimen gilt Modi als Hetzer gegen ihre Religion, als Spalter der Nation.
Einfach nur "M" nennen ihn seine engsten Weggefährten. Wer ist dieser Narendra Damodardas Modi, auf den sich die Hoffnungen so vieler Inder konzentrieren? Wofür steht dieses "M" wirklich - für Modernisierer, Macho, Magier? Oder gar für Monster?
Die Sonne versinkt goldgelb über Goa, ein fast unwirkliches Postkartenidyll, Palmen und Meeresrauschen inklusive, abgelöst von der schnell einsetzenden Dunkelheit. Und dann leuchten nur noch riesige Bildschirme, die über Straßenkreuzungen flimmern wie auf dem New Yorker Times Square.
Seit Stunden warten auf Goas Straßen Zehntausende auf die Ankunft ihres Idols. Das einstige Hippie-Paradies ist längst zur Spielwiese der indischen Ober- und Mittelschicht geworden, die sich hier Alterssitze oder Ferienhäuser gebaut hat - Goas Bewohner sind in ganz überwiegender Zahl Anhänger eines Politikwechsels und fiebern dem BJP-Star entgegen. Auf den Monitoren ist der Fortschritt der Wagenkolonne zu beobachten. Modi kommt. Aber er kommt langsam.
Als der Kandidat dann die Bühne betritt, gibt er sich staatsmännisch. Er trägt eine blaue Weste über der traditionellen Kurta, ein westöstlicher Kompromiss für einen, der sonst kaum Kompromisse kennt. Weitere Markenzeichen: eine randlose Bulgari-Brille, ein sorgfältig getrimmter weißer Bart. Mit einem dunklen Donnergrollen enden seine Sätze, die er gestenreich wie ein Profi-Schauspieler untermalt. Kräftig sind seine Unterarme, mit seinem Boxer-Brustkorbumfang ("56 Inches") lässt er werben. Jeder Zoll soll zeigen: Seht her, ich bin ein Macher. Und mit jedem seiner geschliffenen, kämpferischen Sätze prangert er das Versagen der jetzigen Kongress-Regierung an. Verspricht "diesem großartigen Volk" einen radikalen Neuanfang.
Eine perfekte Inszenierung: Modi-Käppis und Modi-Sticker werden verteilt, wer keinen Platz bekommen hat, kann alles im Internet-Livestream verfolgen, die Kernsätze gib es auf Twitter, immer sind TV-Stationen dabei. Die Ärmeren auf dem Land, die nur ein Billig-Handy besitzen, können auf einer gebührenbefreiten Nummer mithören. "Wir führen einen traditionellen, einen aktuellen und einen postmodernen Wahlkampf, alles zugleich", sagt stolz ein BJP-Organisator.
Die Parlamentswahlen auf dem Subkontinent sind die größte Show der Welt. Eine kollektive demokratische Übung, wie es sie in diesem Umfang in keinem anderen Land gibt, eine gigantische logistische Herausforderung. 814 Millionen Menschen sind zur Stimmabgabe aufgerufen, 13-mal so viele wie in Deutschland, 4-mal so viele wie in den USA. Es geht um 543 Sitze in der Lok Sabha, dem mächtigen Unterhaus. Hunderte Parteien kämpfen um die Stimmen, von maoistisch bis faschistoid, fast jede Interessengruppe hat ihre spezifisch auf sie zugeschnittene Vertretung, auch die Eunuchen und die Ayurveda-Fans.
Indiens Staatsbürger können ihre Stimme an 930 000 "Polling Stations" abgeben, die alle mit Wahlüberwachern und elektronischen Abstimmungsgeräten ausgestattet sind. Und mit Toiletten und Trinkwasservorräten, denn die Wartezeiten könnten lang werden. Etwa 60 Prozent der Wahlberechtigten dürften ihre Chance zur politischen Mitbestimmung nutzen, schwerreiche Unternehmer und Bettler, Universitätsprofessoren und Analphabeten, Computerfachleute und Bauern. Mehr als zwei Drittel der Inder glauben nach einer Untersuchung des Pew Research Center, das Land bewege sich in die falsche Richtung, brauche dringend einen Kurswechsel.
Indiens Wachstum ist nach Jahren des rasanten wirtschaftlichen Aufstiegs Mitte des vergangenen Jahrzehnts auf ein bescheidenes jährliches Maß von unter fünf Prozent zurückgegangen, die ausländischen Investitionen machen nur einen Bruchteil derer aus, die nach China gehen. Die Korruption grassiert - behördliche Dienstleistungen sind in Indien fast nur mit Bestechungsgeldern zu erhalten, von Geburtsurkunden bis Verkehrsübertretungen hat alles seinen "Sondertarif".
In keinem anderen demokratischen Staat begehen Volksvertreter so viele Verbrechen, gegenwärtig läuft fast gegen jeden dritten Parlamentsabgeordneten ein Verfahren. Dann die ausufernde Bürokratie - allein für den Bau einer Lagerhalle sind 35 Genehmigungen nötig. Und das skandalöse Arm-Reich-Gefälle - auf dem Subkontinent leben inzwischen Dutzende Milliardäre, aber noch immer haben viele Millionen keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen, die Kindersterblichkeit ist höher als im Armenhaus Bangladesch. Immer wieder klagt Modi das an.
Am Morgen nach dem Auftritt in Goa geht es für den Wahlkämpfer Modi gleich weiter, nach Ahmedabad, in die größte Stadt seiner Heimat Gujarat. Ein Heimspiel: Zusammen mit Bollywood-Filmstar Salman Khan lässt er bunte Papierdrachen steigen. Fast 13 Jahre lang ist Modi jetzt schon in dem Bundesstaat an der Westküste Regierungschef. "Ihr habt an 365 Tagen 24 Stunden lang Strom in euren Bauernhäusern, euren Stadtwohnungen, euren Fabriken, ihr habt neue Straßen, Jobs und sauberes Wasser!", ruft Modi in die johlende Menschenmenge. "Wenn die Politiker anständig arbeiten und nicht Millionen in die eigene Taschen stecken - warum sollte das nicht in ganz Indien möglich sein?"
Seine Eltern sind Ganchi, Angehörige einer unteren Kaste des immer noch vom Kastenwesen bestimmten Landes. Schon als Sechsjähriger musste Narendra Modi seinem Vater beim Gemüsehandel helfen und an dem kleinen Teestand der Familie Getränke servieren. Die Eltern hatten früh eine Heirat für ihn arrangiert, er floh, in den Himalaja. Als Teenager schloss er sich der RSS an, der besonders fanatischen Hindu-Jugendorganisation, bei der zeitweise die Verherrlichung Adolf Hitlers und die Einschätzung aller Muslime als Untermenschen üblich waren. Modi stieg zum Funktionär auf. Er beschloss, zölibatär zu leben, ließ sich in der Öffentlichkeit nie mit einer Frau sehen. Erst vergangene Woche hat er überraschend eingestanden, verheiratet zu sein.
Nach seinem Amtsantritt als Chief Minister von Gujarat 2001 sorgte er für eine effiziente Verwaltung, baute Straßen und förderte Elektrizitätswerke. Als der Tata-Konzern in Westbengalen Schwierigkeiten bekam, bot er ihm blitzschnell günstiges Bauland in Gujarat an und erhielt den Zuschlag für ein neues Autowerk. Internationale Firmen wie Ford und Peugeot folgten. Bald schon galt die Küstenregion, seit je ein Handelsplatz zwischen Ost und West, als Business-Paradies. Mit ökonomischen Zuwachsraten, die weit über dem Durchschnitt anderer indischer Bundesstaaten liegen. Bei den sozialen Indikatoren allerdings ist nicht alles Gold, was in Gujarat glänzt: Eine ganze Anzahl indischer Regionen verzeichnet beispielsweise eine geringere Müttersterblichkeit.
Modi kopiert rücksichtslos manche der chinesischen Modernisierungskonzepte - minus der Selbstbereicherung von Funktionären, wie sie in der Volksrepublik üblich ist. Bei Gandhinagar lässt er in einer Sonderwirtschaftszone eine Art Mini-Shanghai aus dem Boden stampfen. Zwei Wolkenkratzer sind schon fertig, an die hundert noch in der Planung. Bis 2020 sollen in der Hightech-Zukunftsstadt 600 000 Menschen arbeiten. Die Machthaber in Peking rühmen Modis visionäre Industriepolitik, behandeln ihn bei seinem Besuch in Peking 2011 wie einen Staatsgast. "Gujarat, der Wachstumsmotor Indiens" heißt das Thema, über das Modi mit Funktionären und Firmenbossen sprechen darf.
"Mein Sohn hat nie die Bodenhaftung verloren", sagt Heeraben, die Mutter des Kandidaten. Die über 90-Jährige empfängt in ihrer bescheidenen Wohnung in Gandhinagar, die sie mit einem jüngeren Sohn teilt. Modis Bruder hat nicht, wie in Indien eigentlich üblich, vom Aufstieg des Familienmitglieds profitiert. Er ist ein untergeordneter Regierungsbeamter. "Wir sehen Narendra ganz selten, er arbeitet rund um die Uhr", sagt Pankaj. "Seine Großfamilie heißt Indien."
Auf dem Subkontinent läuft dieser Tage ein kontroverser, farbiger, spannender Film ab, auf nationaler Großleinwand sozusagen: M - ein Land sucht einen Retter. Viele glauben an den hartarbeitenden Manager Modi. Wenn da nur nicht dieser schreckliche Schandfleck im Leben des Kandidaten wäre.
Es ist der 27. Februar 2002, Modi ist erst wenige Monate im Amt, als Eisenbahnwaggons in Gujarat brennen, 59 hinduistische Pilger kommen ums Leben - schnell werden muslimische Fanatiker verdächtigt; wie das Feuer ausbrach, ist aber bis heute unklar. In Ahmedabad rottet sich innerhalb weniger Stunden ein antimuslimischer Mob zusammen, bewaffnete Männer, die auf Rache aus sind. Sie treiben im muslimischen Stadtteil die Menschen zusammen, schlitzen schwangeren Frauen die Bäuche auf, verbrennen Kinder bei lebendigem Leib. Die Polizei lässt sie weitgehend gewähren, der sonst so tatkräftige Chefminister geht auf Tauchstation. Mehr als tausend Menschen sterben.
Später wird das Massaker untersucht, Modi ist nach Ansicht der Gerichte strafrechtlich nicht zu belangen. Aber eine ehemalige Ministerin wird zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt, die moralische Schuld der vermeintlich unterlassenen Hilfeleistung bleibt - und der schlimme Verdacht, Modi werde sich immer mit Hindu-Radikalen arrangieren, auf Kosten der muslimischen Minderheit. Gut 13 Prozent der Inder bekennen sich zum Islam, über 165 Millionen Menschen. Im säkularen Vielvölker- und Vielreligionenstaat Indien werden sie formal nicht diskriminiert, haben sogar Sonderrechte. Viele aber gehören zur Unterschicht. Und sie gelten manchen in der BJP pauschal als verdächtig, Sympathien für den Erzfeind Pakistan zu hegen.
Modi wird 2005 wegen "Verletzung der Religionsfreiheit" die Einreise in die USA verweigert, die EU schließt sich an. Erst vor kurzem haben London, die EU und zuletzt auch Washington eine Kehrtwende vollzogen, wohl weniger aus Überzeugung denn aus dem Kalkül heraus, mit dem mutmaßlichen neuen, demokratisch legitimierten Premier einer Großmacht kommunizieren zu müssen.
Der Politiker hat niemals das Versagen seiner Regierung bei dem Massaker eingestanden, er hat nie um Entschuldigung gebeten. Fragen internationaler Journalisten zu dem Pogrom verbittet er sich. Im vergangenen Jahr sagte er zu den Übergriffen gegen Muslime, jedes Todesopfer sei schmerzlich, "auch wenn man auf der Rückbank eines Autos sitzt und ein Hündchen unter die Räder kommt". Macht ihn eine solche Haltung gegenüber den Muslimen zum "großen Spalter" der Nation, wie die Zeitung "Times of India" meint? Ist er in Wahrheit viel toleranter, glaubt er nur aus wahltaktischen Gründen den Hindu-über-alles-Politiker spielen zu müssen?
Hauptkonkurrent beim Kampf um die Macht in Neu-Delhi dürfte Rahul Gandhi, 43, werden. Er ist Sprössling der Politikerfamilie, die mehr als die Hälfte der Zeit nach der Unabhängigkeit 1947 das Riesenreich regierte. Bis heute wird der säkular-sozialdemokratische Kongress von den Gandhis beherrscht: Rahul ist Vizepräsident der Regierungspartei. Seine Mutter Sonia leitet sie. Der derzeitige Regierungschef Manmohan Singh, 81, der seit längerem amtsmüde und ausgelaugt wirkt, verdankt vor allem ihr sein Amt.
Jetzt meinen viele im Kongress, Rahul könnte reif sein fürs höchste Regierungsamt. Doch der gibt sich bei seinen Wahlkampfreden merkwürdig vage, fast mutlos, als hätte er sich mit einer drohenden Niederlage schon abgefunden. Er kandidiert in Amethi, einer Familienhochburg, gerade mal 150 Kilometer von Varanasi entfernt. Die direkte Auseinandersetzung mit dem Favoriten scheut der Mann, dessen Lebensweg an die Regierungsspitze vorbestimmt schien und dem es doch so wenig gelingt, Funken zu versprühen, Zukunftsperspektiven zu vermitteln.
Ganz anders Arvind Kejriwal, 45, von der AAP, der erst 2012 gegründeten "Partei des einfachen Mannes": Er wagt es, in Varanasi direkt gegen den übermächtigen Modi anzutreten. Der ehemalige Steuerbeamte gibt sich als Anti-Establishment-Kandidat, will mit der Vetternwirtschaft "von denen da oben" aufräumen. Bei den Regionalwahlen in der Hauptstadt hat er vor wenigen Monaten ein sensationelles Ergebnis erzielt.
Indien-Kenner bezweifeln, dass Kejriwal auf dem ganzen Subkontinent erfolgreich sein wird. Aber die AAP könnte gemeinsam mit Regionalparteien den "Großen" Stimmen abjagen und bei der Regierungsbildung in Neu-Delhi entscheidend mitreden.
Modi aber bleibt das große Mysterium. Verbal zumindest reicht er jetzt den Muslimen die Hand: Nicht unterschiedliche religiöse Auffassungen seien der Feind, sondern Armut und Rückständigkeit, die es gemeinsam zu bekämpfen gelte.
Die Betroffenen von Ahmedabad kann er nicht mehr gewinnen, sie können nicht vergessen. Die 46-jährige Lehrerin Rupaben kennt längst keine Tränen mehr, ohne Emotionen führt sie durch ihr damaliges Wohnviertel, ausgebrannte und von Gestrüpp überwucherte Ruinen, in denen wilde Affen turnen. Man hat ihr nach dem Gemetzel eine neue, bessere Bleibe zugewiesen. Aber was bringt das schon, ihr Leben ist verpfuscht, sie hat ihren 13-jährigen Sohn Azhar in dem Massaker aus den Augen verloren - er ist nie wieder aufgetaucht. Ihre eigenen Verletzungen von damals, das von Säure entstellte Gesicht, das interessiere sie nicht. "Aber wo war Modi, als sie uns das antaten?"
Anders sieht den Kandidaten der Imam Ahmed Ilyasi in seiner Moschee nahe dem Regierungsviertel in Neu-Delhi. Er ist wie so viele bitter enttäuscht von den gebrochenen Versprechen der Regierungspartei. Die hat zwar einige sinnvolle Sozialprogramme beschlossen, die kostenlose Schulspeisung oder den Anspruch auf eine bezahlte staatliche Minimalbeschäftigung, doch in der Praxis scheitert vieles an Korruption und Ineffizienz. Es gehe nicht um Almosen, sondern um Ausbildung und Chancen auf Jobs, sagt der Imam. Und die Welt werde einem Premier Modi auf die Finger schauen, er könne es sich gar nicht leisten, die Muslime zu benachteiligen.
Der Imam zeigt einen Brief, den er an die Chefminister aller indischen Bundesstaaten geschrieben hat. Sie sollten erläutern, was sie denn für die Integration der Muslime geleistet hätten und in Zukunft zu tun gedächten. Nur Modi hat geantwortet. "Er will mir eine Liste mit seinen konkreten Plänen schicken."
Der Kampf um das prestigeträchtige Varanasi hat eben erst begonnen, in vier Wochen ist hier Wahltag, am 16. Mai soll das landesweite Ergebnis feststehen. Im Vorgriff auf den Erfolg des Wirtschaftsfavoriten Modi erreichen die Börsenkurse fast täglich neue Rekordhöhen, auch die Rupie hat sich wieder erholt. Doch noch ist nichts entschieden. Modi muss vor allem seine Sympathisanten in die Wahllokale bringen, die hinduistische Wählerbasis mobilisieren. Pragmatisch fanatisch.
Zu Gast im Kashi-Vishwanath-Tempel, dem berühmtesten der Stadt. Hohepriester Srikant Mishra sprüht dem knienden Besucher aus einer silbernen Kanne Wasser des heiligen Ganges auf den Kopf, den Rest lässt er über einen grauen Phallusstein tröpfeln, ein Jyotirlinga. Das in Gold gefasste Heiligtum verkörpert die Kraft Shivas, des Hindu-Gottes der Schöpfung, aber auch der Zerstörung. Dann reicht der Priester weitere Schälchen mit geweihten Ingredienzen, Milch, Honig, eine Paste aus Sandelholz.
Genauso habe er das Ritual kürzlich auch für Modi vollzogen, erzählt Srikant Mishra, dessen Stirn nach alter Tradition rote Farbtupfer und goldgelbe Streifen zieren. "Modi kniete vor mir, dann fing auch ich an zu beten." Und dann sei ihm eine Eingebung gekommen, wie vom Himmel verordnet. "Ich betete darum, dass er der nächste Premierminister wird." Außer Modi sind zuvor auch Gandhi und Kejriwal zu dem Heiligtum in der Altstadt gepilgert. Auch mit ihnen habe er gebetet, erzählt der Hohepriester. Aber nein, bei ihnen habe er keine göttliche Eingebung gespürt. "Für die war es doch nur ein Wahlkampf-Stopp unter vielen. Erst reden sie mit Rikschafahrern, dann kommen sie zu mir in den Tempel, und anschließend besuchen sie eine Moschee." Der Hindu-Priester rümpft die Nase.
Modi lässt sich derweil von seinen Anhängern feiern - als Überirdischer, als Nachfahre der Hindu-Gottheit Durga. Die kann fast alles. Sie kann mit ihrem "Schwert der Weisheit" sogar Dämonen zerstören. ◆
Von Erich Follath und Wieland Wagner

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