14.04.2014

Im Bauch von Beirut

GLOBAL VILLAGE: Syrische Gastarbeiter musizieren in Baugrube B-450 mit Trennschleifern und Hämmern gegen ihre Unsichtbarkeit an.
Zuerst ist nur ein Wummern zu hören. Dann eine harte Schlagfolge auf Stahlstangen, als ob Wikingergott Thor zu seinem Hammer noch das passende Xylofon in Händen hätte. Langsam kommt Rhythmus in die Donnerklänge. Aus dem Bauch von Flurstück B-450 meldet sich die Unterwelt. 20 Meter tief in einer Baugrube im Zentrum von Beirut sammeln sich allabendlich die Arbeiter und musizieren mit ihren Instrumenten: Hämmern, Eisenstangen, Trennschleifern, riesigen Rohrzangen.
Männer in zerschlissenen Sachen, die von oben aussehen wie Spielfiguren, stehen im Flutlicht zwischen Betonpfeilern und Kränen und geben dröhnende Klopfzeichen. Zwischendurch singt Adnan, ein muskulöser Polier, mit makelloser Bühnenstimme.
Die Bauarbeiter in der Tiefe von B-450 sind Syrer, wie fast überall auf den Großbaustellen der Stadt. Viele sind einst hierhergekommen, weil sie in ihrer Heimat keinen Job fanden. Heute kommen sie, weil ihre Heimat in Trümmern liegt. Ihr Leben spielt in den Untergeschossen der libanesischen Hauptstadt; sie wohnen auf den Baustellen oder in Baracken, ziehen ein Luxushotel oder Hochhaus nach dem anderen hoch - und verschwinden, sobald die letzten Marmorplatten verlegt sind. Vielleicht auch deshalb klingen die Töne, die an diesem Abend aus der Grube zwischen Amüsiermeile und Stadtautobahn steigen, wie ein Aufbegehren.
Verantwortlich dafür ist die italienische Performancekünstlerin Ilaria Lupo, seit 2011 in der Stadt, den Sound des Baubooms immer im Ohr. So wuchs in ihr die Idee einer künstlerischen Unterwanderung, sie fragte sich: "Wie können wir den Arbeitern ihren Raum zurückgeben? Das akustische Potential der Stadt entdecken, die Baugrube zum Konzertsaal machen?" Gemeinsam mit Joe Namy, einem Detroiter Tonkünstler, machte sich Lupo auf die Suche nach einer Baustelle und handelte sich nur Absagen ein. Kein Bauherr wollte, dass seine Arbeiter nach Feierabend zwischen Pfeilern und Verschalungen herumtrommeln. Doch dann hörte der Architekt Bernard Khoury davon. Ein Mann mit einem Hang zu ungewöhnlicher Kunst und praktischerweise Bauherr des Einkaufszentrums, das gerade aus Grube B-450 wächst.
Khoury stellte die Baustelle zur Verfügung, Lupo fand Sponsoren. Seit Januar proben 22 Arbeiter an fünf Abenden pro Woche Joe Namys "Arrangement für Handtrommel und Presslufthammer". Nach Zehn-Stunden-Schichten stehen die Männer dann vor Namy, der auf einem mörtelverschmierten Brett balanciert und mit den Armen wedelt. Aber die Männer haben in ihrer Heimat in den vergangenen drei Jahren so viel Irrsinn erlebt, dass sie nichts mehr verwundert, auch nicht ein paar Konzeptkünstler mit einer Konzertidee für Bauwerkzeuge.
Einsatz des Orchesters. Die Aufstellung der Instrumente hängt Tag für Tag vom Baufortschritt ab: Mal schlagen sie als Xylofon die Stahlstangen an, die aus dem Beton senkrecht emporwachsen. Sind die irgendwann zubetoniert, bespielen sie eben Stahlplatten mit Holzstücken. Sie hämmern auf leere Ölfässer, rammen Stahlstangen auf Holzbohlen, lassen funkensprühend die Trennschleifer aufjaulen. Das ganze Orchester wandert stets dorthin, wo nicht gerade die nächste Zwischendecke aushärtet. Denn direkt auf den frischen Beton zu hauen, so viel Kunst am Bau gäbe dann doch Ärger.
Und die Künstler? "Nun, es beruhigt uns", sagt Adnan, der 35-jährige Polier mit der Engelsstimme. Die eine Stunde Höllenmusik am Abend sei irgendwie befreiend. Und außerdem bekommen die Arbeiter 200 Dollar für ihre Musik, fast ein halbes Monatsgehalt zusätzlich, bezahlt aus Spenden von Sponsoren.
Adnan stammt aus der umkämpften Armenprovinz Hassaka im Nordosten Syriens. Vor zehn Jahren begann er, zwischen seinem Heimatdorf und den Beiruter Baustellen zu pendeln, doch seit dem Bürgerkrieg kann er nicht mehr zurück, von seiner Familie hört er nur selten.
Die Angst um die Verwandten in Syrien oder auf der Flucht ist bei den Arbeitern immer präsent. Und dann ist da noch die Unsicherheit. Als sich eine Nachbarin über den Lärm beschwert und mit der Polizei droht, hastet das halbe Ensemble die Gerüsttreppen hinauf, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Bauarbeiter haben keine Arbeitsgenehmigung, denn die Schmiergelder dafür würden ihren Lohn übersteigen.
Gerade haben sie ihr erstes und einziges öffentliches Konzert gegeben. Was bleibt? Ein Film, ein paar kuriose Erinnerungen, irgendwann eine weitere Shopping-Mall, in der jene, die sie erbaut haben, sich ohnehin nichts werden leisten können. Die syrischen Betonwerker werden dann längst weitergezogen sein.
Nach dem Probenabend, als die Hämmer beiseitegelegt, die Scheinwerfer ausgeschaltet sind, holt einer der Männer einen Kassettenrecorder heraus, für die Begleitmusik von Flöte und Trommel. Sie versammeln sich zur Dabka, einem traditionellen Tanz. Und Adnan singt dazu Lieder von Liebe und Sehnsucht. Tief aus der Grube steigt seine Stimme auf, erreicht deren Rand und verweht im Rauschen der Stadtautobahn.
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 16/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 16/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Im Bauch von Beirut

  • "Dreamer" vor dem Supreme Court: "Ich müsste meinen Traum aufgeben"
  • Mary Cain über Nike-Programm: "Ich wurde körperlich und emotional missbraucht"
  • Liverpool-Sieg über Manchester City: "Man sollte Jürgen und mich auf eine Flasche Wein einladen"
  • "Remembrance Day" in Großbritannien: Blüten aus dem Bomber