14.04.2014

OLYMPIA„Wir machen es anders“

Alfons Hörmann, 53, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), über eine deutsche Kandidatur für Sommerspiele
SPIEGEL: Herr Hörmann, schon wieder eine deutsche Olympiabewerbung, es wäre die dritte in elf Jahren. Erst vorigen November scheiterte die Kandidatur Münchens für Winterspiele am Volkswillen. Warum kann der DOSB nicht von der Idee lassen?
Hörmann: Am grundsätzlichen Ziel, Olympische Spiele nach Deutschland zu holen, hat sich auch trotz der Erfahrung von München nichts geändert. Wir sind uns im Sport einig, dass das Thema Olympia wieder angepackt werden muss.
SPIEGEL: Sie favorisieren eine Bewerbung für Sommerspiele. Die sind bekanntlich noch bombastischer und teurer als Winterspiele. Die Olympiagegner werden Sturm laufen.
Hörmann: Wir haben im Präsidium darüber diskutiert, wohin es gehen soll. Wir wollen eine nochmalige Bewerbung für Winterspiele nicht ausschließen. Aber im Moment erscheint uns eine Bewerbung für Sommerspiele logischer.
SPIEGEL: Berlin und Hamburg sind als mögliche Kandidaten vorgesehen. In der Hauptstadt erweist sich der neue Flughafen als Millionengrab, in der Hansestadt die Elbphilharmonie. Wie wollen Sie die Menschen dort dazu bringen, sich auf ein Milliardenprojekt wie Olympia einzulassen?
Hörmann: Politik und Sport müssen die Bevölkerung mitnehmen, das ist bei der gescheiterten Kandidatur Münchens nicht gelungen. Wir müssen die Vorzüge einer Bewerbung besser darstellen, aber auch über die Nachteile, die zum Beispiel während der Bauphase entstehen, offen reden. Nur wenn die Menschen ein Konzept mittragen, kann es auch umgesetzt werden.
SPIEGEL: Warum braucht Deutschland Sommerspiele?
Hörmann: Sie sind gut für unser Land. Olympia bedeutet für jeden Ausrichter einen Imagegewinn. Außerdem setzt so ein Ereignis wirtschaftliche Impulse, es fließen Fördermittel zur Verbesserung der Infrastruktur, die Wertschöpfung ist enorm. Ich habe keinen Zweifel, dass Sommerspiele in Deutschland zu einem positiven Ergebnis im operativen Budget führen. Deutschland ist ein Exportland, Deutschland lebt vom Slogan "Made in Germany". Wie kann man deutsche Tugenden und Qualitäten besser präsentieren als über ein Sportgroßereignis, das weltweit von Milliarden Menschen am Fernsehschirm verfolgt wird?
SPIEGEL: Zum Beispiel, indem man das viele Geld in Bildung und Forschung investiert.
Hörmann: Den deutschen Autobauern würde der Imagetransport durch Olympische Spiele auch helfen. Im Einklang werden die Dinge zum Erfolg.
SPIEGEL: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat in Deutschland den Ruf einer Art Weltsportmafia. Die Winterspiele in Sotschi verstärkten mit ihrem Gigantismus noch mal den Eindruck, dass Olympia eher als Herrschaftsmittel eingesetzt wird und weniger den Menschen zugutekommt. Wie wollen Sie die Skepsis überwinden?
Hörmann: Ein deutsches Konzept wird natürlich ein Gegenentwurf zu dem sein, was zuletzt verständlicherweise Kritik an der olympischen Idee ausgelöst hat. Dass wir Olympia anders machen würden als in Sotschi, ist klar. Und wir haben doch ein gelebtes Beispiel für unsere Vorstellung: Die Sommerspiele in München 1972 zeigen bis heute, wie Olympia nachhaltig, bodenständig und sehr zum Wohle der Menschen umgesetzt werden kann.
SPIEGEL: Welchen Termin für Sommerspiele peilen Sie an?
Hörmann: Das ist noch nicht entschieden. Wann wir uns erstmals bewerben, müssen wir gemeinsam mit den Städten und den Verbänden diskutieren. Der frühestmögliche Termin wäre 2024. Der Bewerbungsprozess begänne dann 2015, mit einer förmlichen Kandidatur, sechs bis neun Monate später müssten die Bewerbungsunterlagen beim IOC vorgelegt werden. Aus unserer Sicht wäre das zu schaffen. Aber nur, wenn sich in einer Bewerberstadt spätestens im zweiten Halbjahr 2014 eine deutlich positive Olympiastimmung abzeichnen würde. Denn nur dann kann man mit einem guten Gefühl Machbarkeitsstudien einleiten, Architekturkonzepte entwickeln.
SPIEGEL: 2024 gilt als schwieriger Termin, weil es aller Voraussicht nach einen starken Kandidaten in den Vereinigten Staaten geben wird.
Hörmann: Man hat schon oft geglaubt, dass ein Bewerber gute Chancen zu einem bestimmten Zeitpunkt hat, und dann ist der Traum zerplatzt. Was ich damit sagen will: Man sollte sich nicht mit allzu großen taktischen Erwägungen aufhalten. Derjenige, der ins Rennen geht, muss eine Niederlage einkalkulieren, vielleicht auch eine zweite. Das muss vorher kommuniziert werden. Es muss klar sein, dass auch 2028 und 2032 mögliche Termine wären.
SPIEGEL: In Berlin wie in Hamburg haben die Sportverbände großes Interesse an einer Kandidatur. Wer ist Ihr Favorit?
Hörmann: Es gibt keinen. Entscheidend wird sein: Wo ist die Unterstützung am größten, und mit welchem Konzept können wir auch international überzeugen?
SPIEGEL: Wie wollen Sie das herausfinden?
Hörmann: Es wird jetzt Informationsveranstaltungen für die Bürgermeister und alle weiteren politischen Verantwortlichen geben. Dann müssen sich die Kandidaten darüber klar werden, in welcher Form sie die Menschen mitnehmen wollen. Gibt es Bürgerbefragungen? Wird ein Ratsbegehren eingeleitet?
SPIEGEL: Berlin ist mehr noch als Hamburg bekannt für eine große Protestkultur.
Hörmann: Wenn wir feststellen würden, dass in einer der beiden Städte eine eher zögernde Haltung beim Thema Olympia vorherrscht, dass dort weit mehr Kritiker auf den Plan treten, uns aber in der anderen Stadt die Herzen zufliegen, dann ist es doch sonnenklar, dass wir dorthin gehen, wo wir willkommen sind.
Interview: Gerhard Pfeil
Von Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 16/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 16/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

OLYMPIA:
„Wir machen es anders“

  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Klima-Demo in Berlin: "Ab jetzt gilt es!"
  • Parteitag in Brighton: Labour streitet über Corbyns Brexit-Kurs
  • Tropensturm in Houston: Passanten retten Lkw-Fahrer das Leben