14.04.2014

GESUNDHEITSchutz durch Schmutz

Allergien entstehen früher als gedacht, womöglich schon im Mutterleib. Mikroben spielen eine Schlüsselrolle. Fast jedes zweite Kind ist gefährdet. Nun testen Mediziner Bakterien-Cocktails und Impfungen, um die Therapie zu revolutionieren.
Als die Tagesmutter anrief, war Katja Lübbert gerade bei der Arbeit: "Kommen Sie schnell, der Simon kann nichts mehr sehen!" Die Bankkauffrau eilte in den Nachbarort. Simons Augen waren geschwollen, nur allmählich wirkte das Antiallergikum.
Der kleine Junge hatte mit den anderen Kindern Tauben gefüttert. Nun ließ irgendetwas im staubenden Körnermix sein Immunsystem verrücktspielen. Seine Mutter kannte das schon. "Einmal habe ich ihm ein Wachtelei gegeben, weil ich dachte, dass er das verträgt", erzählt sie. Hühnerei war längst tabu, dagegen ist Simon hochgradig allergisch. Auch vom Wachtelei kriegte der Junge Quaddeln, blitzschnell und am ganzen Körper.
Simon sollte auch keine Milch trinken, keine Schokolade naschen, auf keinen Fall Erdnüsse essen, kein Kätzchen streicheln - in den ersten Jahren drehte sich sein Leben nur um das, was er nicht durfte. Schon als Baby litt er unter Neurodermitis: Die Haut war rot, rau und wund; an den Handgelenken, im Gesicht. Er kratzte sich, konnte kaum schlafen; auch, weil er nachts nur schlecht Luft bekam. "Was hat er denn?", wollten die Leute wissen. Beim Stadtfest fragte eine Frau Markus Lübbert, ob er seinen Sohn geschlagen habe.
Simon ist jetzt drei Jahre alt, ein zartes Kind mit großen dunklen Augen und einem breiten Lachen. Es geht ihm besser: Im Garten der Familie im nordrhein-westfälischen Medebach hopst er mit Schwester Emma, 6' auf dem Trampolin herum. "Wir haben gelernt, damit zu leben", sagt seine Mutter. Die Milcheiweiß-Allergie ist schwächer geworden, jetzt kriegt er auch mal einen Joghurt oder ein Stück vom Überraschungsei.
Landauf, landab sitzen Patienten wie Simon in den Praxen von Allergologen und Lungenspezialisten, Heilpraktikern und Ernährungsberatern. Pädiater berichten von Kindern, die sich schon im Säuglingsalter mit Asthma und Hautproblemen quälen. Die wenigsten Allergien sind so bedrohlich wie jene gegen Erdnüsse oder Insektenstiche, die zum anaphylaktischen Schock führen können - Lebensgefahr. Den Alltag der Betroffenen aber beeinträchtigen die meisten.
Nach Schätzungen der World Allergy Organization, des Dachverbands von mehr als 90 allergologischen und immunologischen Fachgesellschaften, leidet bereits jedes vierte Kind in Europa an Allergien. In Deutschland ist jede zehnte Krankschreibung darauf zurückzuführen. Laut der Gesundheitsstudie "Degs 1" des Berliner Robert-Koch-Instituts waren rund 30 Prozent der Erwachsenen hierzulande im Lauf ihres Lebens von einer oder mehreren Allergien betroffen. Für Heuschnupfenpatienten dürfte speziell dieses Jahr hart werden: Wegen des milden Winters schwirrten die ersten Pollen schon im Januar in der Luft herum.
Und die Zahl der Fälle könnte weitersteigen. Einen beunruhigenden Befund machte der Wiener Mediziner Rudolf Valenta, als er Blutproben Hunderter Kinder untersuchte: Bei der Hälfte von ihnen fand er Antikörper, die auf eine Neigung zu Allergien deuten.
Doch es gibt auch gute Nachrichten: Nie zuvor in der Geschichte der Allergologie wussten Wissenschaftler so viel über die Entstehung und den Verlauf der Erkrankung. Die Entschlüsselung der Allergie liefert entscheidende Hinweise für neue Behandlungen und zuverlässige Frühtests.
"Dies ist die spannendste Zeit in meinem Forscherleben", sagt Valenta. Der Mediziner arbeitet an einer maßgeschneiderten Impfung gegen Gräserpollen, die schon bald die langwierige Desensibilisierung ersetzen könnte; als Nächstes will er Super-Impfstoffe gegen Katzenhaare, Hausstaubmilben und Birkenpollen herstellen: "Ich fühle mich wie ein Maler, der endlich Farben in der Hand hat."
Der Wissenschaftler hat außerdem einen Chip ersonnen, auf dem er mit Hilfe der Fluoreszenzmikroskopie jene Antikörper sichtbar machen kann, die sich gegen bestimmte Allergene richten. Ein Tropfen Blut genügt - und schon steht fest, auf welche Stoffe der Patient allergisch reagieren könnte.
Valentas Vision: Jedes Vorschulkind sollte sich dem hochsensiblen Frühtest unterziehen, mit dem sich mehr als hundert Allergene bestimmen lassen. "Je eher wir Maßnahmen ergreifen, desto besser können wir verhindern, dass schwerere Krankheitsformen entstehen", sagt der Wiener Arzt.
Andere Wissenschaftler erkunden die molekularen Grundlagen von Allergien. Herausgekommen ist dabei, dass es zum Beispiel verschiedene Formen von Asthma gibt, bei denen jeweils unterschiedliche Immunzellen irregeleitet werden. Mit diesem Wissen entwickelt der Marburger Arzt Harald Renz bereits passgenaue Therapien: "In der Allergologie bricht jetzt das Zeitalter der individualisierten Medizin an", glaubt er.
Je mehr die Forscher herausfinden über die Mechanismen, die das Immunsystem entgleisen lassen, desto deutlicher wird: Vor allem der moderne Lebensstil in keimfreien Stadtwohnungen befeuert die Epidemie der Empfindlichkeiten. Manche Mikroben, die lange Zeit nur als Krankheitserreger galten, sind so wichtige Trainer der Körperabwehr, dass ihre Vernichtung durch übertriebene Hygiene mitverantwortlich ist für die Verbreitung der Volksseuche.
Vereinfacht gesagt sind Allergien stets Irrtümer des Immunsystems. Mit einer Armada raffiniert aufeinander abgestimmter Killerzellen, Antikörper und Botenstoffe schützt es den Organismus vor schädlichen Eindringlingen: Bakterien, Viren oder Parasiten. Im Laufe des Lebens lernt die Schutztruppe immer besser, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Viele Keime behält sie im Gedächtnis, um sie beim nächsten Angriff effektiver aus dem Feld zu schlagen - auf diesem Prinzip beruht die Immunität gegen einmal ausgestandene Krankheiten; auch Impfungen funktionieren so.
Bei Allergikern jedoch führt die Körperabwehr Krieg gegen Eindringlinge, die eigentlich gar keine Gefahr darstellen - Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare, Insektengift oder Bestandteile von Nahrungsmitteln. Beim Kontakt mit diesen Stoffen werden Botenstoffe ausgeschüttet, die zu Entzündungsreaktionen führen. Die Folge sind brennende Augen und Triefnasen; mitunter verengen sich die Bronchien, das Atmen fällt immer schwerer - es kommt zum Asthmaanfall, der im Extremfall tödlich enden kann.
Wie ein solcher Amoklauf der Abwehrzellen aussehen kann, hat Heike Zappalà erlebt. Beim Grillen biss ihr Sohn Felix, damals drei Jahre alt, in ein Körnerbrötchen - und wurde plötzlich schlaff und apathisch. Die Ärzte im Krankenhaus stellten einen anaphylaktischen Schock fest, ausgelöst durch Erdnusskerne im Gebäck. Ein Bluttest zeigte: Felix ist in höchstem Maß allergisch gegen die Hülsenfrucht, außerdem gegen Soja, Pollen, Katzen-, Hunde- und Pferdehaare.
"Wenn andere Kinder etwas essen, was ich gern probieren würde, bin ich manchmal traurig", sagt der heute 13-Jährige, "aber meine Mutter kocht es dann oft für mich nach - mit Zutaten, die ich vertrage." Sein aktuelles Leibgericht: Entenbrust mit Ingwer-Honig-Soße. Neulich auf der Klassenfahrt allerdings gab es für Felix jeden Abend Brot mit kalter Bolognese: Die Jugendherberge weigerte sich, seine von zu Hause mitgebrachten Mahlzeiten aufzuwärmen.
Im Rucksack hat der Schüler immer sein Notfallset im knallroten Segeltuchfutteral: Allergietropfen, Salbe, Heuschnupfenmittel, ein Handy und vor allem eine Adrenalinspritze gegen den anaphylaktischen Schock, die ihm ein Lehrer im Ernstfall verabreichen kann.
"In der Grundschule wurde ich oft geärgert, weil ich nicht alles mitmachen konnte", erinnert sich der schmale Blondschopf, "inzwischen hat das aufgehört."
Kein Wunder: In seiner Klasse in einem Bochumer Gymnasium plagen sich auch viele andere Schüler mit Zivilisationsleiden: Einer hat Diabetes - ebenfalls auf eine Fehlprogrammierung der Abwehrzellen zurückzuführen. Ein anderer ist allergisch gegen Hausstaubmilben.
Doch was genau bringt das Immunsystem so vieler junger Menschen aus dem Tritt? Um diese Frage zu beantworten, interessieren sich Wissenschaftler für den umgekehrten Fall: Welche Kinder haben besonders selten Allergien?
Die Münchner Kinderärztin Erika von Mutius hat solche glücklichen Heranwachsenden aufgespürt - auf Bauernhöfen in den Bergen Bayerns, in Österreich und in der Schweiz. Wer auf dem elterlichen Hof aufwächst, viel Zeit im Stall verbringt und unbehandelte Milch frisch von der Kuh zu trinken bekommt, so ihre Erkenntnis, entwickelt fünfmal seltener Asthma oder Heuschnupfen als Gleichaltrige aus der Stadt.
In zahlreichen Studien hat sich die "Bauernhof-Hypothese" inzwischen eindrucksvoll bestätigt. In Echtzeit zu beobachten ist sie derzeit in Polen, wo seit dem EU-Beitritt 2004 die Zahl der Kleinbauern rapide sinkt - und die der Allergiker nach oben schnellt.
Belege sammelte Mutius auch im sogenannten Amish Country im Norden des US-Bundesstaats Indiana. Dort und in anderen Bundesstaaten lebt ein Bauernvolk, mitten in Amerika, doch fernab vom technischen Fortschritt. Die Kinder laufen barfuß über die Höfe, den Pflug ziehen keine Traktoren, sondern muskulöse Arbeitspferde.
Vor ein paar Jahren bot Mark Holbreich, Allergologe aus Indianapolis, den Amish seine Dienste an. Seine Frau, ebenfalls Ärztin, hatte einige der gläubigen Landwirte gegen die bei ihnen häufige Bluterkrankheit behandelt, nun wollte auch Holbreich helfen. Doch der Mediziner wartete vergebens auf Patienten: Bei den Amish treten Allergien noch seltener auf als bei Europas Bauernkindern.
"Vor 200 Jahren hat der Großteil der Menschen in den USA und in Europa so gelebt wie die Amish heute", sagt Allergologin Mutius, "sie zu besuchen ist wie eine Zeitreise."
Die Forscherin hat Holbreich auf einem Kongress kennengelernt. Sein Zufallsfund sei eine große Chance zu ergründen, wie die moderne Lebensweise das Immunsystem umprogrammiert hat: "Die Amish können uns zeigen, was wir verloren haben."
Die Theorie geht so: Im Stallstaub, auf den Äckern und auch in Rohmilch wimmelt es von Mikroben, die wichtig sind für die gesunde Ausprägung des körpereigenen Abwehrsystems. Fehlen diese Sparringspartner, toben sich die Immunzellen anderswo aus - sie kämpfen gegen harmlose Pollen oder Hausstaub, gegen Pferdehaare oder Hülsenfrüchte. Manche Keime können sogar ganz spezifische Aufgaben bei der Reifung des Immunsystems haben, so wie auch manche Darmbakterien bei der Verdauung helfen.
Üben, üben, üben - das ist die Voraussetzung für die lebenswichtige Toleranzentwicklung der Abwehrzellen. Da wiegt es umso schwerer, dass Eltern bis vor wenigen Jahren geraten wurde, potentielle Allergene so lange wie möglich von ihrem Nachwuchs fernzuhalten.
"Wenn irgendein Verwandter vierten Grades Heuschnupfen hatte, hat das Kind ein Jahr lang kein Hühnerei bekommen", kritisiert der Allergologe Torsten Schäfer aus Immenstadt im Allgäu. Er ist einer der Autoren der "Leitlinie Allergieprävention", die ein Team von Medizinern und Ernährungsexperten in regelmäßigen Abständen herausgibt. Seit 2009 raten sie darin von den meisten Vermeidungsstrategien ab. In diesem Jahr erscheint die neueste Fassung des Papiers, die diese Abkehr von gängigen Hebammen-Ratschlägen sogar noch stärker betont.
Selbst das Stillen über die ersten vier Lebensmonate hinaus wird nicht mehr empfohlen. "Kinder sollten so früh wie möglich den ersten Brei bekommen", sagt Schäfer, "von mir aus auch schon vor dem fünften Monat."
Zwar spielen genetische Faktoren eine ebenso wichtige Rolle: Kinder von Allergikern haben ein größeres Risiko, das Leiden zu entwickeln, als andere. Haben beide Eltern die gleiche Allergie, liegt die Wahrscheinlichkeit sogar bei bis zu 80 Prozent. Doch Vererbung allein erklärt nicht die dramatische Zunahme der Überempfindlichkeiten.
Mit Staubsaugern und Probenbehältern zogen Mutius und ihre Forscherkollegen in die Schlafzimmer der Bauernkinder, sie saugten die Matratzen ab und trugen Stallstaub und Rohmilch in ihre Labors. Welche Keime sind es, wollten sie wissen, die die Landkinder gegen Allergien wappnen? Und was geschähe, wenn man sie den Altersgenossen in den Städten verabreichte?
Der finnische Ökologe Ilkka Hanski glaubt fest an den Segen der Keime. Auf der Haut von Jugendlichen, die in der Nähe vieler Wälder und Felder leben, zählte er wesentlich mehr Bakterien einer bestimmten Gattung - deren Wirkung als Allergieverhinderer andere Wissenschaftler bereits belegt hatten - als bei jenen, die in einem eher städtischen Umfeld aufwachsen. Je mehr Mikroben die Haut der jungen Menschen besiedelten, desto mehr Interleukin-10 fand sich in ihren Blutproben - ein Botenstoff, der wichtig ist für die Immuntoleranz.
Und schließlich: Auf der Haut von Probanden, die bereits an Allergien litten, war die Zahl der anscheinend hilfreichen Keime deutlich vermindert. "Offenbar sind diese Bakterien wichtig für die Programmierung des Immunsystems", staunt der Wissenschaftler.
Inzwischen sind sich viele Gelehrte einig: Die Hygiene-Hypothese ("Schutz durch Schmutz"), die die Verbreitung der Allergien allein mit einer zu sauberen Umwelt erklärte, ist zu simpel. Tatsächlich kommt es darauf an, mit vielen verschiedenen Mikroben in Kontakt zu kommen. Das Wechselspiel der Keime bei der Prägung des Immunsystems ist so komplex wie störanfällig: Jedes Artensterben im Mikroben-Zoo außerhalb und innerhalb des Organismus kann die Abwehrtruppe durcheinanderbringen.
"Das Immunsystem hat sich im Laufe der Evolution gemeinsam mit den Bakterien entwickelt, die uns besiedeln", erklärt Hanski, "da ist es nur logisch, dass es nicht einfach auf sie verzichten kann."
Der Forscher vermutet, dass die Keime nicht nur die Anfälligkeit für Allergien beeinflussen, sondern auch für Autoimmunerkrankungen wie Diabetes und womöglich sogar für bestimmte Krebsarten. Dazu passt, dass eben auch Krankheiten wie juveniler Diabetes bei Kindern auf dem Vormarsch sind. Manche Wissenschaftler halten die Mechanismen der Prägung des Abwehrsystems für so universell, dass sie damit gar neurodegenerative Leiden wie Alzheimer oder psychische Krankheiten wie Depression und Schizophrenie zu erklären versuchen.
Für die australische Immunologin Susan Prescott sind Allergien ein erstes Symptom einer solchen Pandemie der nichtansteckenden entzündlichen Krankheiten - besonders offensichtlich vor allem deswegen, weil sie so häufig sind und oft schon früh im Leben auftreten: "Allergien zeigen, wie empfindlich das sich entwickelnde Immunsystem auf Umweltveränderungen reagiert."
Für Verwirrung im neuen Forschungsfeld sorgt die Tatsache, dass viele Mikroben offenbar mal schaden und mal nützen können - je nachdem, in welcher Phase seiner Entwicklung sich das Immunsystem mit ihnen auseinandersetzt.
So wiesen Mainzer Forscher im Tierversuch nach, dass das Magenbakterium Helicobacter pylori vor allergiebedingtem Asthma schützen kann - ausgerechnet jener Keim, der für die Entstehung von Magengeschwüren und Magenkrebs verantwortlich gemacht wird und gegen dessen Verbreitung seit Jahren ein Ausrottungskrieg mit Antibiotika geführt wird.
Nun also die Kehrtwende: Kommt der Organismus direkt nach der Geburt mit dem Bakterium in Kontakt, so die neue Erkenntnis, hilft es bei der Toleranzentstehung. Später im Leben ist es dann eher die aggressive Abwehrreaktion des bereits herangereiften Immunsystems auf den Keim, die zu Entzündungen und sogar zu Krebs führen kann. Als Konsequenz aus dieser Neubewertung arbeiten Forscher bereits an einer Art "Helicobacter-Impfung" für Neugeborene.
Mittagszeit in einem kleinen Dorf in Hessen: Mit dem Bus kommt Johanna, 7, von der Grundschule nach Hause. Sie läuft über den Hof, es riecht nach Stall. Die Familie hat in dem 450-Einwohner-Ort am Diemelstausee eine Hobby-Landwirtschaft mit Kühen, Gänsen, Hühnern und Bienen. Eine Katze räkelt sich in der Frühlingssonne. Johanna hat zwei ältere Schwestern.
Glaubt man Hanski und Mutius, kann man es kaum besser treffen als das Mädchen mit der blauen Brille. Doch dann holt die Mutter einen dicken Ordner hervor - Johannas Krankengeschichte: Neurodermitis seit frühester Kindheit; Allergien gegen Pollen, Nahrungsmittel und Pferdehaare; Asthma, ständig Luftnot. "Die Kinderärztin hat gesagt, schlimmer gehe es fast nicht", sagt die Mutter.
Natürlich gibt es unter Bauernkindern Allergiker. Doch Johanna wurde nicht hineingeboren ins Landidyll. Als sie vier Monate alt war, holten ihre Eltern sie aus einem Säuglingsheim in Südafrika.
Die Familie weiß wenig über Johannas leibliche Mutter. Doch frei von Sorgen dürfte die Schwangerschaft kaum gewesen sein. Und damit ist das Mädchen mit dem Lockenkopf ein Fallbeispiel für ein weiteres Entstehungsmodell für Allergien, das erklären könnte, warum das Leiden so stark zunimmt.
Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf erforscht die Medizinerin Petra Arck die vorgeburtliche Reifung des Immunsystems. Von mehr als 300 werdenden Müttern hat sie für ihr Projekt "Prince" (Prenatal Identification of Children's Health) Blutproben eingefroren, Krankheiten während der Schwangerschaft dokumentiert und nach Stress und Seelennot gefragt. Nach der Geburt zapfte sie Blut aus der Nabelschnur der Babys.
Die ältesten Kinder aus Arcks Probandengruppe sind heute knapp drei. In den nächsten Jahren wird sich herausstellen, wer von ihnen Allergien entwickelt. Die Forscherin vermutet: Stress während der Schwangerschaft beeinträchtigt die Programmierung der Immunzellen und macht anfälliger unter anderem für Allergien. Im Mausmodell hat Arck bereits gezeigt, dass die Nachkommen gestresster Muttertiere eine schwerere Form von experimentell ausgelöstem Mäuseasthma entwickeln als die von entspannten Nagern.
Auf einen wahren Forscherschatz ist Arck in der australischen "Raine"-Kohorte gestoßen, einem Datenkonvolut von ursprünglich knapp 3000 Neugeborenen, die inzwischen um die 20 Jahre alt sind. Alle werdenden Mütter waren auch nach ihrem psychischen Befinden befragt und die Kinder später auf Allergien getestet worden.
Arck machte eine erstaunliche Entdeckung: Schon vergleichsweise triviale Sorgen der Schwangeren wie Ärger mit dem Partner, Geldnot oder ein anstrengender Umzug erhöhten auffallend das Asthmarisiko der Nachkommen. "Bislang hatte man geglaubt, dass nur dramatische Ereignisse wie ein Todesfall in der Familie oder häusliche Gewalt das Immunsystem beeinflussen", sagt Arck, "nun zeigt sich, dass dies auch Alltagsstress vermag."
Bei ihren Hamburger Patientinnen hat Arck unlängst einen möglichen molekularen Mechanismus identifiziert: Waren bei den werdenden Müttern mehrere der abgefragten Sorgen aufgetreten, fanden sich später im Nabelschnurblut weniger regulatorische T-Lymphozyten. Genau diese Immunzellen spielen aber eine entscheidende Rolle, wenn die Körperabwehr lernt, zwischen fremden und eigenen oder zwischen harmlosen und gefährlichen Stoffen zu unterscheiden.
Arck hofft, demnächst Lungenzellen von den "Prince"-Babys untersuchen zu können - etwa wenn bei Kaiserschnitt-Kindern nach der Geburt die Atemwege freigesaugt werden müssen. Dann könnte die Forscherin direkt nach stressbedingten Veränderungen in menschlichen Lungen suchen.
"Das Brisante an unseren Ergebnissen ist, dass sich das Erbgut der betroffenen Kinder verändert und sie das erhöhte Allergierisiko an die nächste Generation weitergeben können", folgert Arck. "Andererseits ist Stress in der Schwangerschaft ein Problem, bei dem wir als Gesellschaft gegensteuern können, etwa durch spezielle Beratungsangebote."
Andere Forscher hoffen, dass ihre Erkenntnisse schon bald Basis neuer Therapien werden. So arbeiten etliche Firmen daran, die den Kindern fehlenden Mikroben durch Wunderkeime aus dem Labor zu ersetzen. In den Supermärkten wird inzwischen pre- und probiotische Säuglingsnahrung angeboten, die bei der Regulierung von Körperabwehr und Verdauung helfen soll. Doch deren Wirkung ist kaum belegt; womöglich enthalten die Produkte zu wenig oder nicht die richtigen Bakterien.
Die Münchner Kinderärztin Mutius glaubt, wirkungsvollere Keimcocktails gefunden zu haben; zumindest im Mausmodell unterdrücken sie die Entstehung von Asthma. Doch die Schutzwirkung hält bislang nur an, solange die Nager die Keime bekommen.
"Vielleicht gibt es aber ein Zeitfenster, in dem die Mikroben einen längerfristigeren Effekt entfalten können", sagt Mutius. "Die Weichen werden irgendwo zwischen Schwangerschaft und dem dritten Lebensjahr gestellt."
In Rohmilch hat Mutius bestimmte Molkeproteine identifiziert, die ähnlich segensreiche Wirkung haben könnten. Im Laborversuch senken sie das Asthmarisiko um die Hälfte. Ließe sich ein supermarkttaugliches Milchprodukt zusammenrühren, das zwar keimarm genug ist für die untrainierten Mägen der Stadtbevölkerung, aber dennoch die heilsamen Eiweiße enthält? Die Wissenschaftlerin will das demnächst in klinischen Studien untersuchen.
Immunologe Renz wiederum hat trächtigen Mäusen Acinetobacter-Keime in die Nase gepustet - also Bakterien jener Gattung, die auch die Haut von Hanskis finnischen Landkindern besiedeln. Das Ergebnis: Die Nachkommen der Marburger Mäuse litten weit seltener unter asthmatischen Erkrankungen als unbehandelte Artgenossen.
"Im Mutterleib entscheidet sich, ob bestimmte Gene an- oder abgeschaltet werden", vermutet Renz - und das beeinflussen offenkundig die Bakterien.
Der Immunologe hat eigens eine Firma gegründet, um hochpräzise Medikamente zu entwickeln. Für ein Präparat laufen bereits klinische Studien, ein neuartiges Asthmamittel, das krankmachende Erbgut-Teile gezielt lahmlegen soll.
Rudolf Valenta von der Universität Wien könnte sich vorstellen, eines Tages Schwangere zu impfen, so dass sie gleichsam ein Schutzpaket an Antikörpern an ihren Nachwuchs übertragen. Gegenwärtig testet der Mediziner eine Impfung an Erwachsenen, die sich mit saisonbedingten Allergien plagen.
Valenta und sein Team haben die molekulare Struktur verschiedener Allergene wie Birken- und Gräserpollen entschlüsselt. Mit diesen Konstruktionsplänen kann er sie nun im Labor nachbauen - und damit wesentlich reinere Stoffe für Desensibilisierungen gewinnen als die derzeit verwendeten natürlichen Extrakte, bei denen stets das Risiko besteht, dass sie schwere allergische Reaktionen verursachen.
Wer den alljährlichen Qualen des Heuschnupfens entgehen will, der muss sich bislang über Jahre immer wieder langsam zu steigernde Dosen "seines" Allergens spritzen lassen. Inzwischen gibt es für diese sogenannte Desensibilisierung auch Präparate, die täglich als Tropfen oder Tabletten eingenommen werden können. Im Laufe der Zeit lernt der Körper, den allergieauslösenden Stoff zu tolerieren.
Felix aus Bochum versucht auf diese Weise gerade, seine Frühblüher-Allergie loszuwerden. Die kleine Johanna aus Hessen schluckt täglich ein Präparat aus abgeschwächten Birkenpollen.
"Bei der Desensibilisierung weiß man aber nie, wie viele Reizmoleküle man tatsächlich verabreicht", erläutert Valenta. Außerdem ist sie unangenehm und zeitraubend. Viele Patienten halten nicht durch und brechen die Therapie ab.
In Allergiezentren in Berlin, München, Marburg, Wiesbaden, Kopenhagen, Wien, Graz und im slowenischen Golnik lässt Valenta Studienärzte gegenwärtig seine Impfung gegen Gräserpollen an Freiwillige verabreichen. Drei Injektionen vor der Saison und eine Auffrischung während der Blütezeit sollen reichen, um ihrem Immunsystem die fehlende Toleranz beizubringen.
Durch einen eleganten Trick kann Valenta wesentlich höhere Dosen einsetzen als bei der herkömmlichen Desensibilisierung, ohne dass schwere Nebenwirkungen auftreten: Der Forscher hat die Proteine so umgebaut, dass sie mit einer harmlosen Gruppe von Antikörpern reagieren - und nicht mehr mit jenen, die allergische Reaktionen vermitteln. Etwa 2017, hofft Valenta, könnten die ersten dieser Hightech-Impfstoffe zugelassen werden.
Sieht so die Zukunft der Allergiebehandlung aus? Schwangere kriegen Bakterien-Nasenspray und Pflicht-Yoga zur Entspannung. Ihre Kinder erhalten eine Helicobacter-Impfung, den Chip-Test zur Einschulung und Milch, erst keimfrei gekocht und dann mit synthetischen Proteinen aufgehübscht. Und alle löffeln Mikroben-Joghurt, ein Leben lang.
"Sicher wird einiges davon nützen", sagt der Finne Hanski, "aber wollen wir wirklich eine Welt erschaffen, in der wir unsere grundlegende Biologie auf diese Weise kontrollieren müssen?"
Der Ökologe hat einen anderen Vorschlag: "Lasst die Kinder raus in die Natur - so früh wie möglich!"
Von Julia Koch

DER SPIEGEL 16/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 16/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GESUNDHEIT:
Schutz durch Schmutz

Video 03:25

UFO-Berichterstattung "Natürlich sind das UFOs!"

  • Video "Video aus Hongkong: Marsch der Millionen im Zeitraffer" Video 01:02
    Video aus Hongkong: Marsch der Millionen im Zeitraffer
  • Video "Golanhöhen: Siedlung Beruchim heißt jetzt Trump Heights" Video 00:53
    Golanhöhen: Siedlung "Beruchim" heißt jetzt "Trump Heights"
  • Video "Video aus Frankreich: Hagel zerstört Windschutzscheibe" Video 01:02
    Video aus Frankreich: Hagel zerstört Windschutzscheibe
  • Video "Massive Störung: Ganz Argentinien und Uruguay ohne Strom" Video 00:57
    Massive Störung: Ganz Argentinien und Uruguay ohne Strom
  • Video "Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping" Video 00:59
    Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock
  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Videoanalyse zum Iran-Konflikt: Die Gefahr wächst" Video 01:19
    Videoanalyse zum Iran-Konflikt: "Die Gefahr wächst"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "UFO-Berichterstattung: Natürlich sind das UFOs!" Video 03:25
    UFO-Berichterstattung: "Natürlich sind das UFOs!"