14.04.2014

GESCHICHTEWühlen im Sexuellen

Hypnotiseur, Nervenarzt - und der ärgste Rivale Sigmund Freuds: Historiker entdecken das bizarre Leben des vergessenen Psycho-Pioniers Albert Moll.
Schon äußerlich lagen Welten zwischen den beiden Widersachern: hier der gefällig gescheitelte Gelehrte aus Wien mit dem markanten Gesichtszügen - dort der unkenhaft wirkende Geheime Sanitätsrat aus Berlin, schielend und mit kahlem Haupt.
Der eine, Sigmund Freud, wurde zu einem der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts, weltgewandt, brillant. Den anderen, Albert Moll, hat die Welt längst vergessen - und mit ihm die große Fehde zwischen diesen beiden Pionieren der Psychologie.
Zu Unrecht sei Moll in der Versenkung verschwunden, meinen die Medizinhistoriker Holger Maehle und Lutz Sauerteig von der britischen Durham University. Dutzende Biografien widmeten sich bis heute Freud und seinem Werk, doch eine Würdigung Molls steht noch immer aus. Das wollen die Wissenschaftler nachholen.
Allein schon, um eine Schieflage zu korrigieren: Molls Wirken wird von der Popularität Freuds überschattet. Allerdings beeinflusste der vergessene Arzt aus Berlin den bärtigen Gelehrten aus der Wiener Berggasse 19 wohl weit mehr, als Freud je zugeben mochte.
Schlimmer noch: Es besteht sogar der Verdacht, dass Freud in einer Schrift Molls wilderte und diese für die Ausarbeitung eines wichtigen Teils seiner Sexualtheorie nutzte. Dennoch versagte der Wiener Denker dem Kollegen aus Berlin zeitlebens seine Anerkennung.
Bei ihren Recherchen haben Maehle und Sauerteig rekonstruiert, wie Moll in der medizinischen Fachwelt des wilhelminischen Deutschland zu einer vielgeachteten Kapazität aufstieg. Doch je mehr sich Freud in den akademischen Zirkeln etablierte, desto mehr verblasste der Ruhm Molls.
Anfangs verfolgten die ungleichen Seelenkundler dieselbe Spur: Beide waren in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts davon überzeugt, dass sich die Geheimnisse der menschlichen Psyche mit Hilfe der Hypnose entschlüsseln ließen. Moll baute sein gesamtes Schaffen auf dieser Erkenntnis auf; allerdings hatte er Mühe, sich von fragwürdiger Gesellschaft zu distanzieren.
In Berlin wimmelte es damals von angeblichen Wunderheilern, die in abgedunkelten Salons vor zahlendem Publikum Séancen abhielten. Der Schwindel nahm derart überhand, dass die preußische Polizei bereits 1881 derlei Zusammenkünfte verbot.
Freud wandte sich alsbald von dieser Analysetechnik ab - irritiert durch Patientinnen, die nach dem Erwachen aus der Trance mit ihm anbandeln wollten.
Von da an zimmerte der Urvater der Psychotherapie zielstrebig an seinem Lebenswerk, der Psychoanalyse - und verkündete ungeheuerliche Botschaften: So klärte Freud die verblüffte Öffentlichkeit darüber auf, dass es kein Teufelswerk sei, wenn Minderjährige in ihren Betten masturbierten. Freud deutete die frühe Libido als notwendige Vorbereitung auf das Erwachsensein und feierte sich selbst als Vordenker. Was er verschwieg: Sein Kontrahent Moll hatte das Fachpublikum schon Jahre vor ihm mit einer ähnlichen Theorie überrascht.
Molls Bemühungen, sein eigenes Schaffen ins rechte Licht zu rücken, torpedierte Freud mit rüden Attacken: "Er ist ein kleinlicher, gehässiger, beschränkter Charakter", pöbelte er gegen den Berliner Nervenarzt. Bei anderer Gelegenheit lästerte er, Moll habe "die intellektuelle und moralische Konstitution eines Winkeladvokaten".
Ein Friedensgipfel in Wien im Jahr 1909 führte zu einer weiteren Eskalation. "Er hatte mir das Zimmer verstunken wie der Gottseibeiuns", beschwerte sich Freud anschließend in einem Brief an den Psychiater Carl Gustav Jung.
Der Gescholtene ätzte derweil gegen die freudsche Psychoanalyse und "all das Geschwätz über das Unterbewusste". Traumatisierende Ereignisse würden bei dieser Therapieform regelrecht in den Patienten "hineinsuggestiert", kritisierte Moll hellsichtig. Zudem sei die Therapiedauer mit bis zu drei Jahren bedenklich hoch veranschlagt.
Seinen besonderen Widerwillen erregte Freuds "Wühlen im Sexuellen" - ein irritierender Einwand für einen Wissenschaftler, der sich als einer der ersten mit der menschlichen Sexualität befasste. War Moll tatsächlich so verklemmt, wie es Freud ihm gern vorwarf?
"Die Frage haben wir uns auch gestellt", sagt Historiker Maehle. Die Ausleuchtung des Privatmenschen Albert Moll stellt das Biografenteam vor besondere Herausforderungen. Private Zeugnisse sind rar. Einige Briefe, in denen von einer "Damenbekanntschaft" die Rede ist - das ist alles.
Der Akademiker blieb unverheiratet. "Über seine sexuelle Orientierung kann nur spekuliert werden", meint der Sexualforscher Volkmar Sigusch. Biograf Maehle vermutet: "Er war wohl so etwas wie ein Workaholic."
Moll produzierte Abhandlungen am Fließband. Allerdings ging die dauernde Schreiberei zu Lasten der Qualität. "Die Texte waren nicht besonders gut durchgearbeitet - Freud war konzentrierter und präziser", resümiert Maehle.
Auch im persönlichen Umgang irritierte Moll Kollegen und Mitarbeiter. "Er war kein angenehmer Zeitgenosse", so Maehle. Kritik habe der Verschrobene zumeist "polemisch und rücksichtslos" geäußert.
Die Widersprüche, die der frühe Psychologe in seinem Wirken zeigte, sind verblüffend: 1917 trat der jüdischstämmige Arzt etwa der Deutschen Vaterlandspartei bei - einer offen antisemitischen und rechtsradikalen Gruppierung. Zur gleichen Zeit setzte sich Moll jedoch lautstark für die Abschaffung des berüchtigten Paragrafen 175 ein, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte.
Der Zwickelträger wetterte gegen jene Universitätsärzte, die Prostituierten zu Versuchszwecken Blutserum von Syphiliskranken injizierten, kämpfte für die Rechte hinfälliger Patienten und ermunterte Krankenkassen schon 1919, ihren Versicherten die Kosten für eine Psychotherapie zu erstatten.
Für die Demokratie hingegen konnte sich der Patriot nie erwärmen; selbst nachdem die Nationalsozialisten die Macht ergriffen hatten, blieb Moll im Deutschen Reich - während Freud nach London emigrierte. 1938 wurde Moll die Berufszulassung entzogen; die akademische Welt nahm davon kaum noch Notiz.
Erst im Tode zog der inzwischen Verarmte wieder mit seinem großen Gegner gleich: Albert Moll starb am 23. September 1939 - am selben Tag wie Sigmund Freud.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 16/2014
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