14.04.2014

DRAMATIKERHamlet und die Arabellion

Vor 450 Jahren wurde William Shakespeare geboren. In seinen Dramen erklärt er uns noch immer die Welt, wie wir sie kaum zu sehen wagen. Die Ukraine? Richard III. Syrien? Lady Macbeth geht lieber shoppen.
Das Gesicht von Erde gesprenkelt, eine Zirkuskrone über die wirren Haare gestülpt, berstend vor Energie - ein angriffslustiges, altes Kind, so spielt Lars Eidinger den Hamlet in der Berliner Schaubühne. Ein dickes Kind mit Tourette-Syndrom, das durch sein Schicksal stolpert und mit den anderen Schicksal spielt. Verwaist, von Trauer und Wahn gequält und selbst ein Quälgeist seiner Nächsten: Kann schon sein, dass ich paranoid bin, aber vielleicht sind sie trotzdem hinter mir her!
So tobt er seit sechs Jahren immer wieder über die Bühne, improvisierend, interagierend, berserkerhaft und zart, abgrundtief ernst und ironisch. Wie kann man heute noch diese Zirkusnummer mit Anstand hinter sich bringen, den großen Hamlet-Monolog "Sein oder Nichtsein", den Ernst Lubitsch im gleichnamigen, komischsten Anti-Nazi-Film aller Zeiten 1942 schon veralberte? An dieser Frage muss jeder Hamlet-Darsteller verzweifeln; hier schlägt der existentialistische Ernst der Worte in die Tragödie des Schlagers um. Aus Wolfgang Amadeus ist die Mozartkugel geworden, aus Einstein die herausgestreckte Zunge und aus Beethovens Fünfter ein Klingelton: Das ist der Fluch des Klassikers, der zur universellen Leier wird.
Dem Dichter William Shakespeare, vor 450 Jahren geboren, verdanken wir viele dieser geflügelten Worte: Halbsätze, die selbständig über den Erdball fliegen, um sich irgendwo niederzulassen, ein Weltkulturerbe der Pointen. Er ist der einflussreichste Autor aller Zeiten - der allerdings wohl kaum ein Stück ganz aus sich selbst heraus entwickelte, sondern mit selbstverständlicher Unbefangenheit, lange vor der Erfindung des Urheberrechts, umformulierte und umformatierte, was ihm an älteren Stücken, an Legenden und der Geschichtsschreibung interessant und spektakulär genug erschien.
Ob Shakespeare wirklich Shakespeare war, wird immer wieder bezweifelt. Seit über 150 Jahren gibt es wechselnde Hypothesen, wer die 38 weltberühmten Stücke, von "Romeo und Julia" bis zum "Sommernachtstraum", tatsächlich geschrieben hat und wer die 154 Sonette über die Liebe, nach Büchern der Bibel das am häufigsten ins Deutsche übersetzte Werk. Neben Francis Bacon wurden als Anwärter auf den höchsten Posten der Literaturgeschichte der Dramatiker Christopher Marlowe genannt, diverse Aristokraten und schließlich die legendäre Elisabeth selbst, Königin zu Shakespeares Lebzeiten, Antipodin von Maria Stuart und deren Vernichterin.
Für all diese Hypothesen lassen sich jeweils Gründe anführen, die abenteuerlich und doch plausibel genug sind, um selbst die Nebenhandlung für ein Stück William Shakespeares zu liefern, und sie alle beruhen im Praktischen auf dem Umstand, dass kein einziges Dokument Shakespeares Werk zweifelsfrei dem erstgeborenen Sohn eines Täschners aus der Kleinstadt Stratford-upon-Avon namens William Shakespeare zuweist. Und wie konnte ein Mann, der nur eine normale Schule besuchte und dessen Eltern vermutlich nicht einmal schreiben konnten, dieser phänomenale Autor werden, dessen Werk griechische Philosophie, römische Geschichte, poetische Brillanz und tiefe Einsicht in die Weltläufte vereint?
Andererseits lag für Shakespeare Böhmen am Meer; seine Stücke sind voller Irrtümer, wie sie einem wohl unterlaufen konnten, der vermutlich nie eine Universität von innen sah und England nie verließ, aber dessen Umgang und Phantasie weit genug reichten, um kleine und große Leute, Cäsaren und Gauner, Auftragsmörder und Aristokraten, Hofdamen und Prostituierte glaubhaft auf seiner Bühne sprechen zu lassen.
Doch wie konnte ein derart produktives Genie als Mittvierziger auf die Karriere in London verzichten, um in seiner Vaterstadt als Familienmensch, Rentier und Grundstücksspekulant in Trägheit seine Tage zu beschließen?
Psychologisch scheint das in zeitgenössischen Gesellschaften vollkommen rätselhaft, die Kunst vor allem mit dem Impuls gleichsetzen, das Eigenste zum Sprechen zu bringen. Stattdessen hat hier einer von der Welt erzählt, in einem der etwa zwanzig Theater, die es zu seiner Zeit in London gab, der Hauptstadt des entstehenden Empire. Abend für Abend amüsierte er Tausende Menschen, die vergnügungswillig, aber ohne jede Andacht auf kahlen Brettern standen, dicht an dicht, und aßen und tranken und schwatzten, während in Sicht- und Hörweite Könige meuchelmordeten, Männer in Frauenkostümen mit Männern in Eselskostümen sexuelle Erfüllung markierten, in Balkonen von Liebe gewispert wurde und leise, tiefe Sätze fielen wie die Weisheit des Zauberers Prospero aus Shakespeares wahrscheinlich letztem Stück, dem "Sturm": "We are such stuff as dreams are made on."
Sein Personal lebt auf den Bühnen der Welt, vom Jemen bis El Salvador, von der chinesischen Provinz bis zu den Hauptstädten Afrikas: der an allem zweifelnde Hamlet, der die Kunst der Verstellung übt, bis die Wirklichkeit so schwindlig ist wie seine Psyche. Die zauberhafte und selbstmörderische Ophelia. Der verwirrte, einsame Greis König Lear. Der gedemütigte und hasserfüllte Jude Shylock. Der Mohr von Venedig, Othello, gepeinigt von rasender Eifersucht. Die machtbesessene Lady Macbeth, die ihren Mann von Mord zu Mord treibt, bis er fällt. Das Paar der ersten Liebe par excellence, Romeo und Julia, Opfer ihrer verfeindeten Familien.
Seit fast 400 Jahren ist er tot, und doch lassen wir uns immer noch von ihm die Welt erklären, wo die Wohlerzogenheit an ihre Grenzen kommt. Wo sie uns fremd und schauerlich ist, wo sie bizarr und unverständlich erscheint, wo sie Szenarien bildet, die im westlichen Europa längst überwunden sind. Wo sie archaisch und zügellos ist, blutrünstig und unvorhersehbar, wo sie von Leidenschaften lebt, die sich schrankenlos verwirklichen.
Dies alles in rasendem Furor und in moralischer Bedenkenlosigkeit, ohne den zivilisatorischen Fortschritt, den wir in unserer Welt verbuchen: einer Welt der Parlamente und der Behörden, der Arbeitsteilung und der Verträge. Einer Welt, in der man sich gegen Raub und Krankheit versichern kann und in der Hygieneinspektoren durch Restaurantküchen laufen. Einer westlichen Welt, in der mächtige Männer weder Waffen noch Rüstung tragen, in der die Folter verboten ist und eine Hinrichtung kein öffentliches Vergnügen. Einer Welt gebändigter Antagonismen von Arm und Reich, von Elite und Volk. Und einer Welt, in der ständig Informationen kursieren, die jedermann zugänglich sind - von Medien aufbereitet und autorisiert, die ihrerseits autorisiert worden sind durch Beiräte und Parteien, durch demokratische Institutionen. Wo Gerüchte über politischen Mord und Korruption nicht zu spontanen Aufständen führen, sondern zu juristischen Untersuchungen. Wo der sogenannte Pöbel über die Jahrhunderte seit der Renaissance ersetzt wurde durch das Volk, dann durch die Bevölkerung und schließlich durch die Bürgerinnen und Bürger.
In den vergangenen Jahren zumal häufen sich global politische Dramen, wie von Shakespeare erdacht. Allein in der Ukraine wurden in den vergangenen zehn Jahren Szenen aus "König Richard III.", "Antonius und Cleopatra" und "Coriolan" aufgeführt: Ein Tyrann lässt, so wird vermutet, seinen Widersacher, der ihm in der Machtfolge gefährlich werden könnte, vergiften; der überlebt mit entstelltem Gesicht. Das Volk erhebt sich. Der Tyrann wird von der Macht vertrieben, der geschundene Rivale teilt die Macht mit seiner strahlend schönen, vom Volk geliebten Rivalin, die zusammen mit ihm die Aufstände schürte. Der Tyrann erobert die Macht zurück und lässt die Volkstribunin ins Gefängnis werfen. Jahre später erhebt sich das Volk erneut, und während der Tyrann gehetzt durchs Land irrt - "Mein Königreich für ein Pferd!" -, auf der Suche nach einem Versteck, erscheint die Rivalin auf dem Platz des Volkes. Durch die Jahre im Gefängnis ist sie versehrt, sie kann nicht mehr auf den Beinen stehen, aber von ihren Getreuen wird sie wie auf einer Sänfte getragen und hält eine triumphierende Rede vor den aufgebrachten Massen. Jubel, aber auch Hass: "This common body, like to a vagabond flag upon the stream, goes to and back, lackeying the varying tide, to rot itself with motion." "Der Haufe, gleich einer Flagg' umtreibend in der Strömung, schwimmt vor, zurück, die Wechselfluten geißelnd, und ihn zerstört die Reibung."
Oder blicken wir nach Nordkorea: Ein Diktator herrscht über Jahrzehnte und sichert seine Macht durch "Säuberungen". Auch Getreue und Verbündete werden zur Strecke gebracht, am Ende vertraut er wohl nur noch engsten Familienmitgliedern. Mit seiner zweiten Frau herrscht er, bis er stirbt und sein Sohn die Macht übernimmt. Nach dem Tod des Sohnes führt dessen Sohn mit der Beratung eines Onkels das Land; hin und wieder taucht eine Frau an seiner Seite auf, die, schön und jung, seine Volksnähe und Männlichkeit beweisen soll. Seinen Onkel lässt der junge Diktator als Staatsschädling liquidieren, von allen Bildern wird der Onkel entfernt, als hätte er nie gelebt. "The service of the foot being once gangrened, is not then respected for what before it was ... Proceed by process." "Hat uns der Fuß gedient und wird vom Krebs geschädigt, denken wir nicht mehr der vor'gen Dienste ... Drum verfahrt nach Recht."
Der als Demokrat verkleidete türkische Despot Erdogan, der seinen Sohn angeblich per Telefon anweist, illegale Reichtümer beiseitezuschaffen, und der seine Widersacher "bis in ihre Höhlen verfolgen" will; der syrische Tyrann Assad, dessen Lady Macbeth Luxusgüter in London ordert, während er Krieg gegen die Bevölkerung führt; der usbekische Diktator Karimow, der seine schöne und verschwenderische Tochter, selbst vom Format einer der beiden bösen Töchter Lears, zu Hause einsperren lässt: Die Welt ist voller Potentaten, deren Rachsucht und Paranoia, deren Gier und Brutalität, deren Machträusche und Niedertrachten sich zeigen, wie von Shakespeare erzählt.
Doch was uns vertraut erscheint, muss es nicht sein. Die Verwandtschaft von Neffe und Onkel mag in Nordkorea von anderer Bedeutung sein als bei uns, und die Versorgung der Familie durch Korruption und Kleptomanie ruft nicht in allen Gesellschaften dieselbe Empörung hervor; in einigen wird sie sogar erwartet. Die afghanische Ordnung der Welt durch Clans ist uns so weit entfernt wie das zyklische Zeitempfinden Asiens oder die Paradiesvorstellung eines Selbstmordattentäters aus Palästina.
Zeitgenössische Dramen shakespearischer Dimension werden für das westliche Publikum in Serien wie "Die Sopranos" oder "House of Cards" aufbereitet, in den Milieus von Kriminalität und Politik: Niemand dort verfolgt ein höheres Ziel als Macht, Geld oder Ruhm - mit Ausnahme der wenigen Idealisten am Rande, die an so etwas wie Gerechtigkeit glauben und damit natürlich scheitern. Es gibt ausgesprochene Schurken wie den Abgeordneten Francis Underwood, der sogar seine Ex-Geliebte vor die U-Bahn schubst, als sie seine Machenschaften aufdecken will. Doch selbst Underwood oder der Mafia-Boss Tony Soprano wollen nicht Böses tun um des Bösen willen, sie nehmen es nur beiläufig in Kauf. Außerhalb der Sicherheitszone um das eigene Ich gibt es für Menschen wie sie überhaupt nur Kollateralschäden.
Das macht das Zusehen so vertraut, aber auch so spannend und leer zugleich. Es sind drastische Sandkastenspiele. In diesen medial gespiegelten Milieus existiert kein Trost in der Kunst, keine gedankliche Irritation durch eine andere Sicht auf die Welt, kein Sinn jenseits der physischen Befriedigung und der sozialen Bestätigung. Es lassen sich mit Shakespeare allein Geschichten des gottverlassenen, des existentiellen Typus erzählen. In seinem Kosmos spielen weder Märtyrer noch Attentäter aus Überzeugung eine Rolle, weder politische Schwärmer noch Ideologen. Es gibt keine Theorien in seiner Welt, es gibt nur Phänomene. Menschen, die emsig wie Ameisen ihre persönlichen Ziele verfolgen: Liebe, Ansehen, Macht und Besitz.
Und ebendas scheint die universelle Matrize zu sein. Shakespeare, so sagt es der chinesische Publizist Shi Ming, "braucht keine Interpretation. In China versteht man ihn auf Anhieb. Um einen Selbstmörder aus Liebe wie den jungen Werther zu begreifen, muss ein Chinese weite Wege gehen: die Selbstzerfleischung, das Zögern, das romantische Selbstmitleid, das erscheint uns eher lächerlich. Romeo und Julia aber sind ein universelles Paar".
Hamlet vor allem, die grüblerischste der shakespearischen Figuren, passt in seinem Schwanken zwischen Anklage und Selbstbezichtigung, in seiner Verzweiflung am Zynismus der Machtpolitik und seiner sozialen Verlassenheit zu einem Opfer der chinesischen Kulturrevolution wie zu einem Helden der Arabellion. "Hamlet", so die Arabistin Friederike Pannewick, ist das meistzitierte Stück in der arabischen Welt, Shakespeare mit seinen archetypischen Konstellationen Teil des kollektiven Bewusstseins der arabischen Intellektuellen.
Dabei kann sein berühmtester Satz "To be or not to be, that is the question" nur interpretierend übersetzt werden, da es im Arabischen keinen Infinitiv im üblichen Sinne gibt. "Ich bin oder ich bin nicht", "wir sind oder wir sind nicht": Zwischen diesen Formulierungen liegen nicht nur literarische, sondern auch politische Entscheidungen.
"Something is rotten in the state" - dieser Satz funktioniert natürlich weltweit. ◆
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 16/2014
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