14.04.2014

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ich habe ihn beschützt“

Fünfzig Jahre lang lebte der französische Unternehmer Pierre Bergé an der Seite des Modegenies Yves Saint Laurent und führte die Marke zu einem Welterfolg. Nun erzählt ein Film ihre turbulente Liebesgeschichte.
Es beginnt mit einer traurigen Szene. Die Packer von Christie's kommen in die prächtige Wohnung und räumen die Kunstschätze, die das Paar in Jahrzehnten zusammengetragen hat, in Kisten. Die Auktion im Jahr 2009 wird eine der finanziell erfolgreichsten Versteigerungen der Geschichte. Sie ist auch das späte Ende einer einzigartigen Lovestory. Der Modeschöpfer Yves Saint Laurent und der Kaufmann Pierre Bergé waren rund fünfzig Jahre lang, bis zum Tode Saint Laurents 2008, ein Paar. Der Film "Yves Saint Laurent" von Jalil Lespert, der am 17. April in Deutschland anläuft, erzählt ihre Liebesgeschichte freimütig. Es geht um den Aufstieg eines Genies zum Weltstar der Mode, um Affären, Alkohol und Drogen. Und es geht um das ganz große Geschäft. Als sich der manisch-depressive Saint Laurent (im Film gespielt von Pierre Niney) krank und ausgebrannt 2002 aus der Modewelt zurückzieht, ist die Marke beinahe eine Milliarde Dollar wert. Der Manager Pierre Bergé (Guillaume Gallienne) hatte sie zu einem Konzern ausgebaut. Bergé, 83, lebt heute in Paris und engagiert sich als Unternehmer unter anderem bei der renommierten Tageszeitung "Le Monde".
SPIEGEL: Monsieur Bergé, haben Sie sich in dem Film wiedererkannt?
Bergé: Mehr oder weniger, das ist aber nicht wichtig. In dem Film sind einige Kleinigkeiten nicht korrekt, auf Details kommt es jedoch gar nicht an. Das Ergebnis ist hervorragend.
SPIEGEL: Haben Sie am Drehbuch mitgearbeitet?
Bergé: Überhaupt nicht. Ich habe den Filmleuten nur erlaubt, an Originalorten zu drehen, soweit das möglich war, und ich habe Kleider von Yves Saint Laurent zur Verfügung gestellt.
SPIEGEL: Als Sie 1958 den jungen, schlaksigen und schüchternen Yves Saint Laurent kennenlernten, war das Liebe auf den ersten Blick, ein Coup de Foudre?
Bergé: Aber sicher, definitiv. Nicht von einem Moment auf den anderen, man darf nicht übertreiben, aber binnen kur-
zer Zeit habe ich gemerkt, dass er mein Leben ist. Ich lebte da allerdings noch mit Bernard Buffet zusammen.
SPIEGEL: Dem damals berühmten Maler. Standen Sie vor der Wahl, sich zwischen den beiden so unterschiedlichen Männern entscheiden zu müssen, oder war der Fall für Sie klar?
Bergé: Im Leben ist nichts klar. Eine Wahl zu treffen ist niemals leicht, niemals. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon acht Jahre lang mit Buffet zusammengelebt.
SPIEGEL: War er enttäuscht, als Sie ihn schließlich verlassen haben?
Bergé: Enttäuscht ist ein sehr freundliches Wort für das, was er empfunden hat.
SPIEGEL: Wussten Sie von Anfang an, auf was Sie sich mit Yves Saint Laurent eingelassen haben, mit all seinen Krisen, seinen Süchten und mit seiner sehr zerbrechlichen Psyche? Sie sollen mal gesagt haben, er sei mit einem Nervenzusammenbruch zur Welt gekommen.
Bergé: Ich habe das alles schnell gemerkt. Ich mochte das sogar. Ich bin anders, viel robuster, als Yves es war. Ich trinke nicht, und ich rauche nicht.
SPIEGEL: War es Ihnen denn nicht möglich, ihn von der Drogensucht zu befreien?
Bergé: Na ja, ich hatte einen gewissen Einfluss auf ihn. 1990 hat er eine Entgiftungskur gemacht und seitdem nichts mehr genommen, gar nichts. Man muss ehrlich sein, bis zu einem gewissen Grad erleichtern Alkohol und Drogen die Kreativität. Natürlich verraten sie einen ziemlich schnell. Und dann ist es meist zu spät. Yves' großartige russische Kollektion, die man im Film sieht, die hat er unter Alkoholeinfluss geschaffen. Er trank Whisky, Wodka und rauchte ununterbrochen. Er hat 1967 mit dem Trinken angefangen, zuvor hatte er keinen Alkohol angerührt.
SPIEGEL: Haben Sie sein Genie als Modemacher sofort erkannt?
Bergé: Sofort.
SPIEGEL: Sie haben ihn immer gestützt und abgeschirmt, ihn geschützt, war es das, was Sie angezogen hat? Gebraucht zu werden? Unentbehrlich zu sein?
Bergé: Nein, ich glaube nicht, dass ich ihn in erster Linie schützen wollte, aber ich habe es getan. Wir waren 50 Jahre lang zusammen. Und wir hatten, was der Film ja auch zeigt, viele Probleme miteinander. Aber trotz dieser Probleme habe ich nie aufgehört, ihn zu bewundern und zu respektieren.
SPIEGEL: Die Probleme waren groß, aber sie waren nicht so groß wie Ihre Liebe füreinander?
Bergé: Genauso ist es.
SPIEGEL: War das ein Skandal, dass Sie als Paar offen miteinander lebten?
Bergé: Ehrlich gesagt, war meine Beziehung zu Bernard Buffet damals viel gewagter, wenn Sie so wollen. Die begann 1950, kurz nach Kriegsende. Wir lebten offen acht Jahre lang zusammen, alle Leute wussten es. Aber keine Zeitung schrieb darüber. Schauen Sie, Sie als Journalist hätten mir zu jener Zeit niemals solche Fragen stellen können, wie Sie es jetzt tun. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich sie gern gehört, geschweige denn beantwortet hätte. Ganz ehrlich: Alle haben von unserem Zusammenleben gewusst, niemand hat darüber gesprochen. Das Thema gab es einfach nicht. Nach den acht Jahren mit Bernard ist mir alles sehr viel leichter gefallen.
SPIEGEL: Sie hatten liberale Eltern. Haben Sie mit ihnen sprechen können?
Bergé: Na sicher. Als ich 15 war, hatte ich zu Hause mein Outing. Ich habe von anderen Menschen immer eine Sache gefordert: nicht das Recht darauf, anders sein zu dürfen, sondern das Recht darauf, in Ruhe gelassen zu werden. Also, um es mit französischen Begriffen zu sagen, nicht das Recht auf "la différence", sondern das Recht auf "l'indifférence", auf die Gleichgültigkeit der anderen.
SPIEGEL: Warum kämpfen einige Franzosen derzeit so heftig gegen die Ehe von Lesben und Schwulen?
Bergé: Weil die Hälfte der Franzosen komplett reaktionär ist. Selbst in Paris. Ich verstehe es nicht, aber es ist so.
SPIEGEL: Der Film erzählt auch die Affäre, die Yves Saint Laurent mit Jacques de Bascher, dem damaligen Liebhaber von Karl Lagerfeld, hatte.
Bergé: Seien wir genau: Im Leben hat die Affäre ungefähr ein Jahr gedauert. Das ist nichts. Im Film nimmt sie ziemlich viel Platz ein. Die Dramaturgie eines Kinofilms braucht so etwas wahrscheinlich.
SPIEGEL: Saint Laurent und Lagerfeld waren immerhin einmal befreundet.
Bergé: Das stimmt, sie haben ja ungefähr gleichzeitig angefangen. Es ist für eine Freundschaft immer schwierig, wenn einer von beiden dann aufsteigt. Yves Saint Laurent ist immerhin im Alter von nur 21 Jahren der Nachfolger des legendären Christian Dior geworden.
SPIEGEL: Ist der erotische Konkurrenzkampf von Lagerfeld und Saint Laurent um denselben Mann der Grund für die langjährige Rivalität zwischen den beiden Modemachern?
Bergé: Es gab keine Rivalität. Yves Saint Laurent hat Lagerfeld zu keinem Zeitpunkt als Rivalen wahrgenommen. Yves Saint Laurent hat Karl Lagerfeld für seine Arbeit bei Chanel geschätzt, dafür, wie er die Chanel-Tradition fortgeführt und dem Zeitgeist angepasst hat, aber als Modemacher war er für ihn kein Rivale. Es gibt zwei große Designer, die im 20. Jahrhundert Bedeutung hatten, das waren Mademoiselle Coco Chanel und Yves Saint Laurent. Yves hat das Leben der modernen Frau verändert, das ist ganz klar. Er hat zum Beispiel Klassiker aus der Herrenmode für Frauen entwickelt, wie den berühmten Smoking für Damen. Yves hat die Frauen selbstbewusster gemacht, freier. Viele bedeutende Modemacher haben immer wieder unglaubliche Sachen geschaffen, aber ...
SPIEGEL: Aber?
Bergé: Alle großen Modeschöpfer wie Balenciaga, Madame Grès, Dior, Schiaparelli, Givenchy und so weiter haben ihren Platz in der Geschichte. Aber: Nur zwei, Coco Chanel und Saint Laurent, sind mit ihrer Mode vom Pantheon der Ästhetik herabgestiegen und haben sich auf das Alltagsgelände begeben. Sie sind mit ihrer Mode auf die Straße gegangen, bildlich gesprochen. Chanel hat mit ihren einfachen, praktischen Kleidern und Kostümen sozusagen die Tür geöffnet. Und dann kommt bei Yves noch sein einzigartiger Sinn für Farben hinzu. Wie er mit Farben umgegangen ist, das ist unglaublich. Wissen Sie, Andy Warhol hat mal gesagt, Yves Saint Laurent sei der größte französische Künstler der Gegenwart.
SPIEGEL: Die Welt der Mode ist hysterisch, haben Sie sich fehl am Platze gefühlt?
Bergé: Manchmal ein bisschen. Ich habe mich daran gewöhnt im Laufe der Zeit. Ich bin immer ruhig geblieben. Ich habe einen Pilotenschein für Hubschrauber. Um einen Helikopter zu fliegen, muss man kontrolliert sein, kaltblütig.
SPIEGEL: Haben Sie jemals den Punkt erreicht, an dem Sie die nervösen Zustände von Yves Saint Laurent nicht mehr ertragen konnten?
Bergé: Ich bin ein Mensch, der Verantwortung fühlt. Zum einen war ich für Yves als Person verantwortlich, andererseits für das Haus, die Marke und alle Menschen, die für uns arbeiteten, die Frage stellte sich also nicht.
SPIEGEL: Schon gar nicht, nachdem Sie sich getrennt hatten.
Bergé: Pardon! Wir haben uns nie getrennt, wir haben nur von einem bestimmten Zeitpunkt an in verschiedenen Wohnungen gelebt.
SPIEGEL: Das Leben wurde einfacher.
Bergé: Das Leben wurde einfacher. Wir haben jeden Tag telefoniert, wir haben uns jeden Tag gesehen, wir sind gemeinsam in die Ferien gefahren.
SPIEGEL: Im Film sagen Sie, vielleicht habe ich Yves zu sehr geschützt.
Bergé: Das habe ich tatsächlich so in einem Brief geschrieben.
SPIEGEL: Haben Sie ihn von der Welt ferngehalten?
Bergé: Im Gegenteil, ich habe versucht, ihn in die Welt zu bringen, Yves wollte sich von der Welt fernhalten.
SPIEGEL: Haben Sie sich vor ihrer Beziehung zu Saint Laurent für Mode interessiert? Hatten Sie die "Vogue", "Elle" oder "Harper's Bazaar" abonniert?
Bergé: Gott bewahre! Ich war allerdings mit Christian Dior befreundet. Durch ihn habe ich Yves ja überhaupt erst kennengelernt. Und diese Zeitschriften, von denen Sie sprechen, fand ich immer schon furchtbar. Und heute mehr denn je. Warum? Weil sie redaktionelle Artikel nur veröffentlichen, wenn die Modehäuser auch Anzeigen schalten. Ich bin in diese Welt der Mode nur wegen der Liebe geraten. Das ist der einzige Grund.
SPIEGEL: Sie haben die Pariser Bastille- Oper geleitet, sind bei der Zeitung "Le Monde" engagiert und haben sowohl den Sozialisten François Mitterrand als auch den Konservativen Jacques Chirac in ihren Präsidentschaftswahlkämpfen unterstützt. Das erscheint etwas wahllos.
Bergé: Das kann man nicht vergleichen. Ich war mit Mitterrand wirklich sehr eng befreundet. Ich habe ihn regelmäßig zum Jahreswechsel in seinem Landhaus besucht. Ich war noch acht Tage vor seinem Tod bei ihm. Ich habe viel für ihn getan, aus persönlicher Bewunderung und aus politischer Überzeugung. Mit Chirac war es anders. Damals lief es bei den Gaullisten auf Edouard Balladur hinaus. Ich fand aber, dass Chirac wesentlich besser geeignet war. Ich hätte jeden als Staatspräsidenten ertragen, nur nicht Balladur. Chirac kannte ich gar nicht, ich hatte mit ihm nie zu Mittag gegessen oder auch nur ein Glas Orangensaft getrunken. Ich fand ihn aber sympathisch und habe mich für ihn öffentlich ausgesprochen.
SPIEGEL: Sie haben kein Geld gegeben? Nur deutlich gemacht, dass Sie ihn unterstützen?
Bergé: Ja, bei meinem Bekanntheitsgrad reicht das.
SPIEGEL: Wie leben Sie heute?
Bergé: Ruhiger, ich mag das. Ich gehe noch zu den Modeschauen des Hauses Yves Saint Laurent, aus Anhänglichkeit. Mit der Marke habe ich ansonsten nichts mehr zu tun, ich bin aber sehr froh, dass Hedi Slimane wieder für die Firma als Designer arbeitet, er macht das wunderbar.
SPIEGEL: Haben Sie seit Saint Laurents Tod eine andere Liebe gefunden?
Bergé: Manchmal.
SPIEGEL: Sie haben die großartige Sammlung von Meisterwerken, die Yves Saint Laurent und Sie zusammengetragen haben, 2009 für 374 Millionen Euro in Paris versteigern lassen - hauptsächlich für wohltätige Zwecke. Fehlen Ihnen manchmal der Goya, die Picassos oder die chinesischen Keramiken im Wohnzimmer?
Bergé: Kein bisschen. Ich habe sie ja gehabt, und ich bin sehr froh, sie gehabt zu haben. Ich habe immer gedacht, dass man nicht der Besitzer solcher Meisterwerke ist, sondern dass man sie für eine Weile bei sich hat und dann weitergibt. Deshalb war das keine Katastrophe für mich, als die Möbelpacker kamen. Es war meine Entscheidung. Yves und ich hatten ja unsere Stiftung gegründet, und die brauchte Geld. Mir geht es weiß Gott nicht schlecht, aber wenn ich richtig viel Geld gehabt hätte, man darf ja träumen, hätte ich einen Architekten wie I. M. Pei, Richard Meier oder Norman Foster gebeten, mir ein wunderbares großes Gebäude zu bauen, in dem auf der einen Seite die Kleider von Yves Saint Laurent und auf der anderen unsere Kunstwerke zu sehen gewesen wären. Und der Slogan wäre gewesen: Woher kommt das Geld, und wohin ist es geflossen?
SPIEGEL: Fehlt Ihnen Yves Saint Laurent?
Bergé: Jeden Tag. Besonders, wenn ich etwas Schönes sehe oder erlebe. Und er ist nicht da.
SPIEGEL: Monsieur Bergé, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte der Redakteur Joachim Kronsbein.
Von Joachim Kronsbein

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