14.04.2014

SCHICKSALDer Tod? Vergiss ihn!

Die vergreisende Gesellschaft verdrängt, dass jedes Leben sein Ende findet. Sterben ist zur Privatsache geworden.
Der Abschied von den Eltern, die letzte Reise des unheilbar kranken Bruders zu den Sterbehelfern nach Zürich, der Völkermord in Ruanda: In dem Buch "Um uns die Toten" (Siedler Verlag, München; 224 Seiten; 19,99 Euro; erscheint in dieser Woche) schildert Bartholomäus Grill, 59, Afrika-Korrespondent des SPIEGEL, seine Begegnungen mit dem Sterben. Dabei thematisiert er die Verdrängung des Todes in unserer vergreisenden Gesellschaft und den Streit um aktive Sterbehilfe.
Unsere Gesellschaft ist besessen vom Wahn immerwährender Jugend. Besonders jenseits der Renteneintrittsgrenze geben sich Menschen sportiv und vital. Verbissen mühen sie sich an den Ertüchtigungsgeräten in Fitnesscentern ab, liefern sich den Skalpellen von Schönheitschirurgen aus, verleiben sich hunderterlei Verjüngungselixiere ein, buchen Tangokurse, schippern auf Kreuzfahrtschiffen durch die Karibik, feiern 70-plus-Partys. Und natürlich haben sie wilden Sex. Der Tod? Vergiss ihn!
Manchmal kommen mir die hyperaktiven Alten vor wie die Struldbrugs, das Geschlecht der Unsterblichen auf einer Insel, auf die es Gulliver auf seinen Reisen verschlagen hat. Diese Fabelwesen verkörpern den Sieg über die Vergänglichkeit, sie vergreisen zwar, bleiben aber unsterblich. Das ist der geheime Wunsch, der sich mit zunehmendem Alter verstärkt und in der Hoffnung auf eine biotechnologische Revolution gipfelt: die Erfindung der Immortalität.
Bis auf weiteres kann nur der Altershedonismus die Selbsttäuschung nähren, dass es kein Ende gibt, mit 66 Jahren fängt schließlich das Leben noch einmal an - vorausgesetzt, man gehört nicht zu den Verlierern, die arm, krank und einsam in dunklen Wohnlöchern und tristen Heimen verwelken.
Mors certa, hora incerta. Der Tod ist gewiss, nur die Stunde wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass jede Sekunde uns der allerletzten näherbringt, dass die Vergangenheit länger und länger wird, während sie wie ein gieriges Feuer die Zukunft verzehrt. Es ist gerade die stetige Verkürzung unserer Lebenszeit, welche die Angst vor dem Tod in uns vergrößert. Bisweilen werden wir der Tatsache gewahr, dass wir unablässig Abschied nehmen. Der schöne Augenblick ist eine Chimäre, wir wünschen uns, dass er verweilen möge, aber schon ist er verflogen.
So rasen wir dahin, Gehetzte auf der Schnellstraße des Lebens, und wenn wir, was selten vorkommt, an einer Raststelle kurz innehalten, empfinden wir die Flüchtigkeit der Zeit. Die Selbstwahrnehmung des pochenden Herzens, des Pulsschlags im Ohr, der unwillkürlichen Atemzüge, die mechanisch wie in einem Uhrwerk arbeitende Unruh unseres Körpers lassen uns existentiell erschaudern. Weiter, nur weiter!, ruft es in uns.
Die Rastlosigkeit ist der permanente Aufstand des Lebens gegen den Tod, des "élan vital" gegen den programmierten Stillstand. Aber, liebe Leute, warum zappelt ihr so? Es gebe doch gar nichts zu befürchten, beruhigen uns spirituelle Ratgeber. Man könne die Unrast durch Meditation, durch Versenkung im Glauben, durch den Liebesbund mit dem Allmächtigen, wahlweise mit einer Göttin oder Naturgottheit oder irgendeinem anderen transzendentalen Phantasma überwinden und jene Seelenruhe erlangen, die uns voller Gelassenheit das Ende erwarten lässt.
Der kühle Rationalist macht sich die Weisheiten der Stoiker zu eigen und übt sich im Gleichmut: Wenn wir sind, ist der Tod nicht, und wenn der Tod ist, sind wir nicht mehr. Der Christ tröstet sich mit der Verheißung des ewigen Lebens in Glückseligkeit. Dem Buddhisten stehen die extremsten Trosttechniken zur Verfügung, man kann sie sogar von YouTube herunterladen. Ein Renner ist Asubha, das Meditieren in Gegenwart stinkender Leichname, bluttriefender Herzen, freigelegter Hirne oder aufgeschnittener Bäuche, aus denen die Eingeweide quellen: "Dies wird deine Bestimmung sein."
Aber was immer wir tun, das Sterben können wir nicht lernen. Die Fuga Mortis, die Scheu vor dem Tod, wird uns immer wieder heimsuchen. Und wenn er schließlich heranschleicht, lösen sich alle Weisheiten im Säurebad der Angst auf - der Angst vor der metaphysischen Verlassenheit im ewigen Nichts.
In unserem Kulturkreis wurde der Tod zur reinen Privatsache. Die moderne Gesellschaft habe ihn ausgebürgert und seines öffentlich-zeremoniellen Charakters entkleidet, befindet der Historiker Philippe Ariès. Die Gemeinschaft fühle sich am Tod eines ihrer Mitglieder immer weniger beteiligt, die Umgebung der Sterbenden werde mitleidlos zum Verstummen gebracht, ein dumpfes Schweigen breite sich über den Tod.
Nur noch die allerengsten Angehörigen begleiten den Sterbenden, und im Regelfall findet der Abschied nicht zu Hause, sondern in Altersheimen, Seniorenresidenzen, Hospizen, Krankenzimmern oder Intensivstationen statt. Der Tod wurde "medikalisiert", das Sterbebett umstellen Apparaturen und Technokraten, die um die Verlängerung des Lebens ringen und um jeden Preis den Tod verzögern, sofern es sich der zum Kunden mutierte Patient leisten kann, und wenn das Leben erlischt, empfinden manche Mediziner das als bittere Niederlage, ja als Scheitern ihrer Heilkunst.
Mit dem Tod ist die Trauer aus dem sozialen Leben verschwunden, sie gilt als unzeitgemäß, nur im ländlichen Raum sieht man noch Hinterbliebene, die ihren Schmerz in aller Öffentlichkeit zeigen. In der Großstadt würde eine Witwe, die ein Jahr lang Schwarz trägt, nur Kopfschütteln ernten. Tod und Trauer werden tabuisiert und mit der gleichen Prüderie behandelt wie die Sexualität in der viktorianischen Ära, stellt der englische Anthropologe Geoffrey Gorer fest. Es werde gerade noch hingenommen, wenn man sich der Trauer "privat und heimlich ergibt wie einer Art von Masturbation". Die Trauer wurde zum pathologischen Verhalten, zu einer Seelenkrankheit.
In meiner Kindheit war es noch üblich, die Toten im offenen Sarg aufzubahren; jeder konnte sie noch einmal anschauen und sich verabschieden, mancher Trauernde berührte ihre kalten Hände oder drückte die Lippen auf ihre Stirn.
Heute werfen nur noch die nächsten Angehörigen einen Blick auf den Verstorbenen, anschließend wird der Sarg verschraubt. Wir sind den Augenschein des Todes nicht mehr gewohnt, einerseits wollen wir die Leiche noch einmal sehen, andererseits ist uns ihr Anblick nicht geheuer, denn er entstellt das Lebensbild, das wir vom Toten bewahren wollen.
Wir würden auch nicht mehr auf die Idee kommen, dem Verstorbenen eine Totenmaske abzunehmen, die dann wie in den Salons des 19. Jahrhunderts auf dem Kaminsims thronte und uns gespensterhaft anglotzte. Der Gips wurde durch Pixel ersetzt, das Kurzvideo ist die zeitgemäße Form, um das Gewesene bildhaft festzuhalten. Allerdings wissen wir noch nicht so recht, wie wir mit der digitalen Totenmaske umgehen sollen.
Ich habe einen dreiminütigen Film von unserer sterbenden Mutter aufgenommen, um ihren Abschied zu dokumentieren, aber meine Schwester lehnte empört ab, als ich ihn ihr vorführen wollte. Keiner will die Bilder sehen, auch ich habe eine gewisse Scheu vor ihrem Anblick entwickelt. Ich will mich ja an die Mutter als gesunde, heitere Frau erinnern, nicht als moribunde Greisin. Ich schaue das Filmchen nicht mehr an, es ist tabu, als wäre ein Bilderverbot verhängt worden. Dennoch wage ich es nicht, die Aufnahmen aus der Datei zu entfernen, das Drücken der Delete-Taste käme mir vor wie ein letzter Akt der Auslöschung der Mutter.
Die digitale Revolution erzeugt ohnehin ganz neue Wahrnehmungsweisen des Todes, die unseren Umgang mit ihm verändern. Obwohl ein Kommunikant längst das Zeitliche gesegnet hat, lebt er im weltweiten Netz fort. Wenn die Hinterbliebenen versäumt haben, seine Profilseite bei Facebook auf Erinnerungsmodus umschalten zu lassen, ist sie ad infinitum aktiv, und die tagesaktuellen Einträge der angeschlossenen User-Gemeinde lassen den Abwesenden noch anwesend erscheinen - er bleibt online. Der Mensch im Cyberspace hat auf der Benutzeroberfläche eine Art Unsterblichkeit erreicht, eine virtuelle Permanenz, die den reellen Tod verschleiert und aus unserer Lebenswelt entrückt.
Doch seltsam: Je mehr wir den Tod verdrängen, je mehr wir die Trauer pathologisieren, desto stärker verspüren wir offenbar den Wunsch, uns mit allerletzten Fragen zu beschäftigen.
Dieses Paradoxon bestätigt eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen vom Sommer 2012: 58 Prozent der Befragten erklärten, unsere Gesellschaft befasse sich zu wenig mit Sterben und Tod. Doch der Bundestag debattiert über Sterbehilfe, Palliativmedizin und Patientenverfügungen, Fernsehanstalten traktieren uns mit Talkshows und Themenabenden, auf den Bestsellerlisten stehen Sterberatgeber.
Sie kreisen um die Fragen, die sich im Rahmen der großen ethischen Kontroversen in einer vergreisenden Gesellschaft stellen. Wie gehen wir mit den Errungenschaften einer Hochleistungsmedizin um, die die Herrschaft über den Tod an sich gerissen hat? Wie weit soll unsere Hilfe für Schwerstkranke gehen? Wer darf wann lebensverlängernde Geräte abschalten, die oft nichts anderes sind als Sterbeverlängerungsmaschinen? Sollen wir Tötung auf Verlangen gesetzlich zulassen? Führt die liberalisierte Sterbehilfe zu einem Dammbruch, gar zu einem von ökonomischen Motiven geleiteten Tötungsprogramm, mit dem wir uns der "nutzlosen" Alten entledigen können?
Mein Bruder Urban empfand es als Beleidigung, dass das verbrecherische Euthanasie-System der Nationalsozialisten oft in einem Atemzug mit der humanen Sterbehilfe genannt wird. Er war unheilbar an Krebs erkrankt und hatte sich 2004 für den assistierten Suizid entschieden; ich habe seine letzte Reise nach Zürich, zu den Sterbehelfern der umstrittenen Organisation Dignitas, aufgezeichnet. Urban hatte mich darum gebeten, um Menschen, die sich in einer ähnlich aussichtslosen Lage befinden, einen Ausweg zu zeigen.
Die überwältigende Mehrheit der Leser und Leserinnen meines Artikels, der in der "Zeit" erschien, befürwortete den Schritt meines Bruders. Sie können nicht verstehen, warum in Deutschland kriminalisiert wird, was in den Niederlanden, Belgien oder der Schweiz in einem streng geregelten Rahmen erlaubt ist. Viele wiesen darauf hin, dass in unseren Krankenhäusern die indirekte Sterbehilfe stillschweigend längst praktiziert werde: die terminale Sedierung. Ärzte verabreichen Schwerstkranken unter Inkaufnahme des Todes extrem erhöhte Dosen schmerzstillender Mittel.
Die schärfste Kritik am assistierten Suizid meines Bruders kam aus kirchlichen Kreisen: Gott habe das Leben gegeben, Gott nehme das Leben, Selbstmord sei eine Todsünde. "Entleibe dich selbst", ruft der Teufel, wer sich umbringt, ist seinen Einflüsterungen erlegen. Für Robert Spaemann, einen der einflussreichsten katholischen Moraltheologen, ist das Wort Sterbehilfe nur ein anderes Wort für Töten. Für meinen Bruder war die Entscheidung, sein Leiden zu beenden, ein ultimativer Akt menschlicher Selbstbestimmung. Er sagte: Es ist mir noch eine einzige Freiheit geblieben, die Freiheit zu sterben. Ich befreie mich aus dem Kerker, der mein Körper ist.
70 Prozent der Deutschen sind laut einer aktuellen Forsa-Umfrage für aktive Sterbehilfe: Wir fürchten uns vor schwerer Krankheit und endlosem Siechtum. Wir wollen nicht auf dem Totenbett entmündigt werden, sondern über unser Schicksal selbst bestimmen können. Unsere Angst vor einem künstlich verlängerten Sterben ist stärker als die Angst vor dem Ende. Das qualvolle Leben entsetzt uns, nicht der Tod. ◆
Von Bartholomäus Grill

DER SPIEGEL 16/2014
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