14.04.2014

Am Affenfelsen

SHOPPING-KRITIK: Das neue Kaufhaus Bikini Berlin am Zoologischen Garten hat eine neue Idee - Mode wird nicht verkauft, sondern kuratiert.
Berlin, so reden es sich Berliner zumindest gern ein, ist eine Stadt mit zwei Zentren. Da gibt es den Osten, ganz früher arm, dann Hauptstadt der DDR, heute vor allem jung, lebendig und wahnsinnig hip. All die Leute, die zwischen Friedrichstraße und Alexanderplatz einkaufen oder wohnen. Und es gibt den Westen, die Gegend um den Ku'damm. Früher bürgerlich, dann für eine Weile Schaufenster des Westens und heute, nun ja, nicht mehr ganz so lebendig.
Stand man allerdings in der vergangenen Woche vor dem frisch renovierten Bikini Haus, Bikini Berlin, wie es nun heißt, einer sogenannten Concept-Mall in einem ehemaligen Bürohausriegel an der Budapester Straße, der die Gedächtniskirche vom Zoologischen Garten trennt, sah der Westen so jung und so modern aus wie lange nicht mehr.
Jeder, der in den vergangenen 30 Jahren versucht hat, vom Bahnhof Zoo zum KaDeWe zu laufen, kennt dieses Gebäude. Es war der heruntergerockte Kasten neben dem Kino Zoo Palast, den man schon von weitem riechen konnte und der im Erdgeschoss Billigläden für Turnschuhe, Touristennepp und Bücherrestauflagen hatte.
Und jetzt?
Junge Hipster drängeln sich die Freitreppe zur großen Terrasse hinauf. Elegante Frauen stehen vor dem Schild, auf dem die Lage der Boutiquen verzeichnet ist, und denken nach: Zu Murkudis in den ersten Stock? Zu Murkudis in den zweiten Stock? Oder zu Murkudis' Aspesi-Laden?
Andreas Murkudis ist ein in Berlin recht bekannter Einzelhändler, der die Gabe hat, seine Geschäfte aussehen zu lassen wie Galerien - und die Produkte wie Kunstwerke.
Jede Porzellanvase ist so platziert, dass genug Platz für die etwaige Aura bleibt, die Kleiderständer mit den Dries-Van-Noten-Kleidern stehen Skulpturen gleich im Raum.
Irgendwie ist es immer noch Konsum, wenn man hier etwas kauft, aber ein bisschen fühlt es sich an, als hätte all dies die Bestimmung, etwas Höheres, Größeres zu sein.
Murkudis' Geschäfte bilden den Kern von Bikini Berlin. Deshalb sind die Geschäfte nicht einfach ausgewählt, sondern "kuratiert" worden, wie es in der Selbstbeschreibung auf der Homepage heißt. 59 Shops sind es alles in allem.
Im Erdgeschoss ist ein Kaiser's-City-Markt. Der Unterwäschehersteller Schiesser zeigt in einem Raum eine Ausstellung, in der Berliner Künstler das klassische Feinrippunterhemd interpretieren, das heißt, sie haben irgendwas draufgedruckt oder -gemalt. Große Namen sind dabei, Tobias Rehberger, Monica Bonvicini, Marc Brandenburg.
Es ist leicht zu spotten, aber den Charme des Hauses zu sehen heißt auch, ihm zu erliegen.
Denn andererseits ist Bikini Berlin großartig geworden, vor allem die Architektur. Die fünfziger Jahre haben nicht den besten Ruf in Deutschland. Bikini Berlin zeigt, wie elegant diese Zeit sein konnte.
Als die Architekten Paul Schwebes und Hans Schoszberger das Bikini Haus zwischen 1955 und 1957 bauten, suchten sie den Anschluss an die Formensprache der westlichen Moderne. Mit geraden Linien und einer Freietage, dem sogenannten Laubengang, die den Blick zum Zoo zuließ - daher ja auch der Name Bikini Haus: oben wat, unten wat, in der Mitte nischt. Es war ein Gegenentwurf zum Zuckerbäckerstil der Stalinallee in Ost-Berlin, Teil des großen Freiheitsschaufensters West-Berlin.
Zum Glück stand nur die Fassade unter Denkmalschutz, so konnte das Münchner Architekturbüro Hild und K eine Freitreppe einsetzen und eine riesige Terrasse bauen, von der aus man auf den Affenfelsen des Zoos blicken kann.
Nun ist es wieder Schaufenster einer neuen Welt. Berlin sei die erste Stadt, in der sich die Herrschaft der "absoluten Kultur" durchgesetzt habe, hat der italienische Philosoph Francesco Masci in seinem Büchlein "Die Ordnung herrscht in Berlin" geschrieben. Der Autor ist natürlich selbst ein allerdings etwas in die Jahre gekommener Hipster, aber er hat einen scharfen Blick für die neuen Verhältnisse. Die "absolute Kultur" sei die Nachfolgerin der christlichen Kirche, ein umfassendes Herrschaftssystem, in dem Kunst und Konsum ineinanderübergehen würden. Galerien, Technoclubs und Boutiquen sind die neuen Gotteshäuser.
Im alten Westen Berlins sind die Kirchen eigentlich noch immer Kirchen, um in Mascis Terminologie zu bleiben. Der Westen hat den Charme eines kulturellen Subventionsempfängergebiets. Das neue Berlin ist in den östlichen Bezirken entstanden, in Prenzlauer Berg, Mitte, Friedrichshain, auch Kreuzberg, Neukölln. Bikini Berlin hat nun eine Kathedrale dieser neuen Welt in Ku'damm-Nähe errichtet. Sie ist grotesk, schön, mächtig. Etwas unheimlich vielleicht.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 16/2014
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