14.04.2014

SATIRE„Linguistisch faszinierend“

Der Blogger Jens Scholz parodiert auf Twitter die Briefkolumne von „Bild“-Autor Franz Josef Wagner. Sein Ziel ist es, die Absurdität des Originals zu übertreffen.
Scholz, 45, schreibt seit 2001 über Netzthemen. Seit November twittert er unter @tweetsvon wagner. Ebenfalls seit 2001 schreibt Franz Josef Wagner, 70, montags bis freitags in "Bild". Der Spitzname des früheren "Bunte"-Chefredakteurs ist "Gossen-Goethe".
SPIEGEL: Herr Scholz, was reizt Sie nur so an Franz Josef Wagner?
Scholz: Seine Sprache ist linguistisch faszinierend. Diese Art, Sätze zu bil-den - oder vielmehr Nichtsätze. Er lässt schon mal ganze Satzteile weg. Wenn er warmgelaufen ist, bildet er Assoziationsketten, wie neulich in seiner Kolumne über Schockbilder gegen das Rauchen: "abgefaulte Füße, schwarze, kaputte Lungen, Luftröhrenschnitte". In seinen paar Zeilen über Uli Hoeneß hat er es geschafft, viermal "Knast" und viermal "Zelle" unterzubringen.
SPIEGEL: Wagner schreibt in "Bild" Briefe an die Kanzlerin, an die streikenden Lufthansa-Piloten oder an die "liebe Torlinien-Technik". Über das "schöne Wetter" dichtete er: "Ohne Sonne wird die Erdbeere nicht rot." Ist das selbst nicht schon Satire?
Scholz: Auf jeden Fall. Umso größer ist meine tägliche Herausforderung, Wagner zu toppen. Meist brauche ich dafür eine Viertelstunde.
SPIEGEL: Wie gehen Sie vor?
Scholz: Ich beginne meine Tweets wie er mit "Lieber" und ende mit "Herzlichst". Dazwischen versuche ich, den Kern der aktuellen "Post von Wagner" herauszuschälen und Denkfehler offenzulegen. Oft weiß Wagner ja vorn nicht, wo er hinten rauskommt. Als er an Putin schrieb, twitterte ich: "Lieber Herr Putin. Ich traue dem Russen nicht. Sie finden Schwule doof? Dann finde ich sie toll. Notgedrungen. Herzl." Ich versuche seine Absurdität zu steigern, hätte aber Skrupel, ihn inhaltlich zu übertreffen.
SPIEGEL: Warum?
Scholz: Noch chauvinistischer und rückwärtsgewandter zu sein als er, wäre billig. Wagners Konservatismus ist schon fies genug.
SPIEGEL: Halten Sie seine Kolumne für gefährlich?
Scholz: Nein, dann würde ich nicht auf sie verlinken. Sie erreicht nur Leute, die ohnehin so denken wie er. Er will die Stimme seiner Generation sein, der um die 70-Jährigen. Manchmal erinnert er mich in dem Wunsch, Dinge zu vereinfachen, an meinen Vater. Wagner pflegt seine Vorurteile, wie ältere Menschen das gern tun: Er schreibt schon mal von "Hartz-IV-Abhängern" und hält das Bild vom edlen Arbeiter hoch. Er mag die Russen nicht und hat noch dieses alte Axel-Springer-Ding mit der Treue zu Amerika in den Knochen.
SPIEGEL: Hat Wagners Arbeitgeber, der Verlag Axel Springer, schon auf Ihre Tweets reagiert?
Scholz: Offiziell nicht. Aber mir folgen rund 30 "Bild"-Redakteure.
SPIEGEL: Haben Sie schon mal einen Shitstorm ausgelöst?
Scholz: Kürzlich gab es diese Debatte um die Zukunft des Journalismus, in der Online-Redakteure als Kapuzenpulli-Träger veralbert wurden. Dazu habe ich getwittert: "Liebe Online-Redakteure. Ich mag Hoodies nicht. Crackdealer tragen das. Autodiebe. Schwarze in den USA. Journalisten tragen Hemd. Herzlichst". Die Antworten reichten von "Vollpfosten" bis "Rassist", was mir fast leidtat. Denn viele hielten mich für den echten Wagner.
Interview: Alexander Kühn
Aus rechtlichen Gründen wurde das Foto aus dem Artikel entfernt.

DER SPIEGEL 16/2014
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