19.04.2014

BOXENMaidan beim Stanglwirt

Weltmeister Wladimir Klitschko will sich in seinem nächsten Kampf als ukrainischer Nationalheld präsentieren. Aber die Geschichte holt ihn ein.
Der Champ hat sich gerade mit seinem iPhone in die Sofaecke am Kamin fallen lassen, oben in seiner Hütte im Wald am Wilden Kaiser, frisch geduscht, mit einem T-Shirt und in karierten Bermudashorts, als die "Tagesthemen" beginnen.
Vom Küchentisch aus hat sein Manager Bernd Bönte die Videoleinwand heruntergelassen, auf der nun überlebensgroß die "Tagesthemen"-Sprecherin erscheint und die Schwerpunkte des Abends verkündet. Der erste Bericht ist eine Reportage aus der Ukraine.
"Wladi", ruft Bönte in die Kaminecke herüber, "es geht jetzt los, die Ukraine ist dran."
Für einen Moment nimmt Wladimir Klitschko, Weltmeister im Schwergewicht, das iPhone vom Ohr. "Schau du dir das an", ruft er seinem Manager zu, "und erzähl es mir dann."
Seit acht Wochen bereitet sich Klitschko auf seinen Kampf gegen den australischen Nobody Alex Leapai vor, und die Nachrichten aus der Ukraine verfolgen ihn, zunächst beim Training in Florida, dann im Vorbereitungscamp in Österreich. Der Hotelier des Stanglwirt, eines Sporthotels bei Kitzbühel, das für Weißwurstfeste und Volksmusikabende bekannt ist, hat Klitschko die Tennishalle zu einer Boxarena umgebaut, mit Bierbänken für die Resort-Gäste, die dem Champ beim Training zuschauen. Als vor zehn Jahren in der Ukraine die Orange Revolution ausbrach, unterbrach Wladimir Klitschkos Bruder Vitali seine Boxkarriere, um in Kiew dabei sein zu können. Er aber will antreten, trotz der Wirren in seinem Land. Auf dem Maidan war er seit Ende Februar nicht mehr. "Ich kann vieles gut", sagt Klitschko, "aber Boxen am besten." Man kann es auch als eine Rechtfertigung verstehen.
Er zitiert jetzt häufig Nelson Mandela. "Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern." Sein Heimatland scheint gerade auseinanderzubrechen. Er erinnert daran, wie vor zwei Jahren die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine die Menschen zusammengebracht habe. Kann das auch ein Boxkampf schaffen?
In der Tennishalle des Stanglwirt hat er gleich nach seiner Ankunft die ukrainische Flagge aufhängen lassen. Sein Bruder Vitali wird beim Kampfabend am 26. April wie immer in seiner Ringecke sitzen. Auf den Hallenmonitoren der Arena in Oberhausen werden vor dem Fight Bilder vom Maidan laufen. Klitschko hofft, dass er sich so nicht entscheiden muss zwischen dem Boxen und seinem Land wie sein Bruder, sondern dass er beiden Seiten genügt, mit einem Schlag.
Als er im Februar seinen Gegner bei einem PR-Termin in Oberhausen traf, sah es so aus, als könnte das Projekt gelingen. Er war damals viele Male mit Vitali auf dem Maidan gewesen. Er war ein Teil der Heldengeschichte.
Zwei Monate später haben sich die Grenzen zwischen Gut und Böse verschoben, der Maidan hat seinen Zauber verloren. Der verhasste Präsident Janukowitsch ist nicht mehr im Amt, die Revolutionäre haben Vertreter in die Regierung geschickt, die überfordert scheinen. Vitali Klitschko will nicht mehr ukrainischer Präsident werden, und in Deutschland, dem Land, in dem die treuesten Fans der Klitschkos wohnen, gibt es seit der Krim-Krise immer mehr Menschen, die auch Putin und die Russen verstehen. Je näher der Kampf rückt, desto mehr verblasst der Glanz der Revolution.
Alex Leapai hilft ihm da auch nicht. Ein Boxer, der wie eine gedopte Schildkröte kämpft, vornübergebeugt, steifer Oberkörper, keine Spur von Eleganz. Klitschko sieht ihn immer während des Trainings auf dem Bildschirm über dem Ring im Stanglwirt in einer Endlosschleife, die seine Leute auf DVD gebrannt haben. Er sieht dann auch Leapais Sieg im WM-Ausscheidungskampf gegen den Russen Denis Boizow. Hätte der Australier diesen Kampf verloren, hätte Klitschko jetzt einen Russen vor den Fäusten. Wie das wohl gewesen wäre? Er gegen Putin sozusagen? Ein Traum.
Mit jedem Tag wird ihm Leapai ein bisschen unsympathischer. Vergangene Woche bei einer Pressekonferenz im Stanglwirt nennt er ihn nicht mehr respektvoll den "australischen Rocky", sondern spricht von einem Boxer ohne Technik, der nur für eines stehe, für "pure Gewalt". Die Journalisten haben danach noch viele Fragen, auch über die Ukraine. Am Ende zitiert Klitschko wieder Mandela.
Danach steht er in der Rezeption vor dem Kamin mit einer Klarsichtfolie in der Hand, in der ein Dutzend Sprechzettel stecken. Er muss noch für ein paar Sportkanäle Ansagen aufnehmen, bevor er wieder nach oben auf seine Hütte am Berg fahren kann.
L'Equipe 21 steht auf seinem Zettel, der französische Sportkanal. "I am Wladimir Klitschko", soll er sagen, "watch me fighting on L'Equipe 21." Er schaut ratlos. Er spricht vier Sprachen, aber kein Französisch, und auf dem Zettel steht 21 nur in Zahlen. "Vingt-et-un", sagt der Kameramann und rät ihm, an "Van" zu denken, das englische Wort für Kleinbus, aber es will ihm nicht gelingen. Muss er nun wirklich so lange üben, bis er die Zahl 21 auf Französisch aussprechen kann? Der Kameramann nickt. Er muss.
"I am Wladimir Klitschko", beginnt er zu sagen. Er muss wieder von vorn anfangen.
Von Marc Hujer

DER SPIEGEL 17/2014
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