19.04.2014

KOMMENTAROuting der Mietmäuler

Von Jörg Blech
Ärzte sollten nur dem Wohl des Patienten verpflichtet sein, doch viele von ihnen dienen heimlich noch einem zweiten Herrn: der pharmazeutischen Industrie. Sie halten Vorträge, treten auf Pressekonferenzen auf, arbeiten als Berater und kassieren dafür Honorare, die sich im Laufe der Karriere auf mehr als eine Million Euro summieren können. Arzneimittelfirmen bezahlen diese Meinungsbildner gern, weil die ihren Pillen zusätzliche Märkte erschließen.
Wenn die 37 ordentlichen Mitglieder der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft über die Wirksamkeit von Medikamenten beraten, dann sitzt die pharmazeutische Industrie gleichsam mit am Tisch. Fast jeder zweite Experte hat persönliche Honorare von Arzneimittelherstellern wie AstraZeneca, Bristol-Myers Squibb, GlaxoSmithKline oder Roche angenommen. Diese Dienste für die Industrie vertragen sich nicht mit der Aufgabe der Arzneimittelkommission, die unabhängig sein sollte. Mediziner, die sich von Firmen kaufen lassen, neigen dazu, deren Produkte unkritisch zu empfehlen. Umso wichtiger ist es, dass diese Verstrickungen nun nicht länger geheim gehalten werden. Die Mitglieder der Arzneimittelkommission selbst haben das soeben beschlossen und ihre Interessenkonflikte auf ihrer Website veröffentlicht. In Zukunft wollen die Experten noch die Höhe der Industriehonorare offenlegen. Es ist ein richtiges Signal, auch an alle anderen Ärzte: Wer meint, von der Pharmaindustrie kassieren zu müssen, der darf darüber niemanden täuschen. Das Outing ist überfällig und notwendig, um fremde Interessen in der Medizin zurückzudrängen. Die Transparenz könnte nämlich dazu führen, dass der Meinungsbildner die Lust am Industriejob verliert und aussteigt.
Anstatt sich länger als "Mietmaul" verspotten zu lassen, könnte sich der Arzt lieber um das Wohl des Patienten kümmern.
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 17/2014
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