28.04.2014

TREIBHAUS BERLINFC Putin 04

Als Fußballfan, der sein Wissen über die Welt nicht allein aus Stadionheften bezieht und dem Politik nicht völlig schnuppe ist, wird es zunehmend schwieriger, sich nicht zu schämen. Ich lebe in ständiger Sorge, ein gelangweilter Öl-Oligarch oder ein vordemokratischer Scheich könnte große Teile des eigenen Herzensvereins kaufen - und dessen Seele gleich mit. Auch die Sponsoren werden in letzter Zeit unangenehmer. Mir wäre es furchtbar peinlich, wenn meine Mannschaft ebenfalls mit dem Namen eines Massenhähnchenherstellers auf der Brust rumrennen müsste wie der SV Wiesenhof Bremen. Aber die Gesetze der Marktwirtschaft haben schon manchen Stolz gebrochen. Geld schieße eben Tore, heißt es, die Räume für Moral werden enger, in dieser Hinsicht ist der Kapitalismus ein ziemlich fieser Möpp, wie man im Rheinland sagt. Und leider bieten sich als Geldgeber bevorzugt jene an, deren Ansehen durchaus Potential nach oben hat.
Mit meiner geliebten Borussia aus Mönchengladbach (Postbank) habe ich es vergleichsweise (noch) gut getroffen. Der gelbe Balken auf der Brust ist zwar ein ästhetisches Verbrechen, weshalb ich seit Jahren kein Trikot mehr gekauft habe, aber wenigstens züchtet die Postbank weder Hähnchen noch annektiert sie Halbinseln. Dafür zahlt sie uns leider auch weit weniger Geld als Gazprom dem FC Schalke 04.
Für Schalke-Fans wird es nun besonders bitter. Sie werden früher oder später wohl ertragen müssen, wie die eigene Mannschaft im Kreml mit Wladimir Putin posiert. Putin hat das Team eingeladen und Aufsichtsratschef Tönnies, der als Fleischproduzent gerade Schweinemastanlagen in Russland bauen lässt, hat die Einladung angenommen. "Die Mannschaft würde gerne einmal den Kreml sehen und interessiert sich für Moskau", erklärte Tönnies. Im Vergleich war Walter Ulbrichts "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen" ein Triumph der Aufrichtigkeit. Man würde dem Schalker Spieler Kevin-Prince Boateng jedenfalls gern die Frage stellen, was ihn am Kreml besonders interessiert. Und warum er in seiner Freizeit bislang statt nach Moskau lieber an den Strand von Dubai geflogen ist. Aber das wäre vielleicht etwas gemein.
"Wir sind Sportsleute und keine Weltpolitiker", sagt Tönnies noch. Aber heißt das, dass Sportsleute nicht mitbekommen dürfen, was in der Weltpolitik geschieht? Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Wäre ich Präsident von Russland, hätte ich die Mannschaft von Schalke 04 ebenfalls eingeladen, das ist ganz normales Despotenbusiness. In Krisenzeiten braucht man Freunde, auch solche, die sich die Freundschaft rund 16 Millionen Euro pro Jahr kosten lassen. So viel zahlt Gazprom dafür, dass Schalke 04 teurere Stürmer kaufen kann als jene Vereine, die mit Postbank oder Wiesenhof auf dem Trikot herumlaufen. Aber als Fan dieser Mannschaft hätte ich keine Lust, Teil dieses unwürdigen Spiels zu sein. Anstand hat eben seinen Preis. Und der bedeutet zur Not, nicht in der Champions League zu spielen, sondern gegen den FC Erzgebirge Aue (Zweite Liga, Trikotsponsor: Eibenstock Elektrowerkzeuge).
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 18/2014
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