28.04.2014

ROHSTOFFELandraub für Margarine

Lebensmittelkonzerne nutzen Palmöl aus Indonesien, das mit brutalen Methoden gewonnen wird. Ein Hauptlieferant gelobt Besserung - aber trickst er nur?
Der Tagelöhner Titus wusste nicht, warum ihn die Soldaten verschleppt hatten. Warum sie ihn mit Gewehrkolben traktierten, auspeitschten - und ihn dann sein Blut aufwischen ließen. Den Grund für die Folter erfuhr er erst hinterher: In seinem Dorf Bungku war ein Schild aufgestellt worden. Darauf stand: "Es ist unser Land." Zwei Monate ist das jetzt her.
Bungku liegt im Zentrum der indonesischen Insel Sumatra. Es ist ein Dorf voller Vertriebener und seit Jahren Brennpunkt eines der blutigsten Landkonflikte Indonesiens. Es geht um Palmöl. Fast in jedem zweiten Supermarktprodukt steckt der als "pflanzliches Öl" getarnte Billigrohstoff inzwischen - in Shampoos genauso wie in Margarine, Fertigpizza, Eiscreme und Lippenstift.
Hunderte Landkonflikte mit Palmölkonzernen gibt es in Indonesien, der in Bungku gilt als einer der schlimmsten. Der Wald, der früher die Menschen dort ernährte, fiel Mitte der achtziger Jahre einer riesigen Palmölplantage der Firma Asiatic Persada zum Opfer. Im Lauf der folgenden Jahre fraßen sich Bulldozer der Firma illegal auf weiteren 20 000 Hektar in den Regenwald hinein - insgesamt auf einer Fläche so groß wie die Hälfte Berlins. Darunter waren Gebiete, für die die Nomaden sogar verbriefte Landrechte besaßen. Gegen die Palmölindustrie nutzten die ihnen nichts.
Immer wieder vertrieben angeheuerte Militäreinheiten die Dorfbewohner, als die versuchten, in das "Land unserer Ahnen", wie sie sagen, zurückzukehren - zuletzt vor wenigen Monaten.
Es ist ein ungleicher Kampf: Menschen mit Speeren treffen auf Helfershelfer multinationaler Giganten wie Wilmar.
Der führende Agrarkonzern Asiens beliefert Lebensmittelkonzerne wie den Rama-Produzenten Unilever oder den Schweizer Multi Nestlé, lange Zeit gehörte ihm die Firma Asiatic Persada.
Am 5. März, als der Tagelöhner Titus von Soldaten aus seinem Haus zur Palmölmühle verschleppt wurde, eskalierte der Konflikt: Familienmitglieder und Stammesangehörige forderten seine Freilassung, woraufhin die Militärs sechs von ihnen krankenhausreif schlugen. Einer, Pujiono, 35 Jahre alt, Vater von drei Kindern, überlebte die Tortur nicht.
"Für den Blutzoll des Palmöls ist auch die Weltbank verantwortlich", sagt Feri Irawan. Der Umweltaktivist aus der Stadt Jambi beobachtet den Konflikt in seiner Heimat seit Jahren. Den Wilmar-Konzern päppelte die Weltbank lange mit Krediten, ungeachtet diverser Landkonflikte, in die Wilmar verstrickt war.
Noch im Jahr 2012 begann ein Schlichter der Weltbank in dem Konflikt zu vermitteln. Der Konzern spricht von schwierigen Verhandlungen und bezichtigt die Nomaden des Diebstahls von Palmfrüchten. Bereits die Zwischenberichte des Schlichters zeigten jedoch viele Eigentumsverletzungen durch die Wilmar-Tochter Asiatic Persada. Diese passten ganz schlecht zu dem grünen Mäntelchen, das sich die Konzernmutter anzulegen versuchte, etwa als Partner der Naturschützer des WWF am Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl.
Schließlich entschied der Konzern, sich von der Tochter zu trennen. Die sozialen Konflikte, so eine Sprecherin, hätten zu einer "untragbaren Situation" für das Unternehmen geführt. Im vergangenen Jahr reichte Wilmar Asiatic Persada an die Ganda-Gruppe weiter.
Asiatic bliebe dadurch im Kreis der Familie: Ganda-Eigner Ganda Sitorus ist der jüngere Bruder von Martua Sitorus, dem Mitbegründer von Wilmar International, einem auch bei deutschen Investoren beliebten Konzern. Sowohl die Deutsche Bank als auch die Investmentsparte der Allianz investierten in den Palmöl-Boom. Die Deutsche Bank, die vorgibt, sich gegen Entwaldung einzusetzen, unterstützt über ihre Fonds nicht nur Wilmar, sondern auch dessen Lieferanten Bumitama finanziell - eine Firma, der illegale Rodungen auf Borneo zur Last gelegt werden. Ein Banksprecher verweist auf die "geringe Bedeutung unserer aktuellen Position". Auch der TÜV Rheinland war zu Diensten beim brutalen Geschäft und nickte in einem früheren Gutachten für Wilmar sogar die Räumung von Siedlungen ab - eine Sache, die die Prüfer heute für falsch halten.
Ganda Sitorus jedenfalls, früher selbst bei Wilmar beschäftigt, hat für den Multi mit seiner Gruppe eine Art Recyclinghof für schmuddelige Wilmar-Töchter geschaffen, die den Ruf des börsennotierten Konzerns gefährden könnten.
Das System scheint gut erprobt: Bereits vor einigen Jahren dokumentierte die Nichtregierungsorganisation Friends of the Earth, wie Wilmar-Töchter in Entwaldungsaktionen auf Borneo verwickelt waren. Wilmar bezeichnete sich damals als "verantwortungsvolles" Unternehmen. Wenig später reichte der Konzern die umstrittenen Firmen einfach weiter. Einer der Käufer war Ganda Sitorus.
Im Konflikt um Asiatic Persada vermeidet Ganda Sitorus jeden Anschein von Sozialverträglichkeit: Der neue Eigner, so der Weltbank-Schlichter, zeige "keinen Willen" zum Dialog - im Gegenteil: "Einige Dorfgemeinschaften wurden aus ihren Häusern vertrieben." Vergangenen September kündigte die Firma ihre Teilnahme an der Schlichtung.
Zur selben Zeit präsentierte sich Wilmar als völlig gewandeltes Unternehmen: Am 5. Dezember gab der Multi bekannt, nur noch Palmöl zu liefern, für das keine Bäume gerodet und keine Menschen vertrieben wurden. Offenbar gab es Druck von den Großkunden. Der Nahrungsmittelkonzern Unilever hat unschöne Erinnerungen an den Konflikt auf Sumatra. Ende 2011 hatten vertriebene Dorfbewohner vor der Deutschland-Zentrale in Hamburg demonstriert. "Rama - Landraub zum Frühstück" stand auf ihren Plakaten.
Doch kann es sein, dass Öl der Unrecht-Plantage noch immer über Wilmar in Produkte unseres täglichen Bedarfs gelangt? Unilever verneint das. Wilmar habe bestätigt, nicht von dort beliefert zu werden.
Indonesische Medien berichten allerdings, die Ganda-Gruppe beliefere Wilmar schon lange. Das bestätigt auch Wilmar, allerdings habe man die Lieferungen seit März ausgesetzt. Von Asiatic beziehe man seit dem Verkauf der Firma nichts mehr - weder Früchte noch Palmöl aus deren Mühle in der Nähe von Jambi.
Christiane Zander von der Organisation "Rettet den Regenwald" bezweifelt das. Sie kennt die Gegend und war Ende März vor Ort, um die verschlungenen Lieferwege zu klären. Über Umwege, so ihr Verdacht, landet das Öl von Asiatic Persada noch immer bei Wilmar.
Leute aus Bungku schilderten ihr, wie nach der Gewaltaktion im März "Wilmar"-Schriftzüge auf den Lastern übermalt wurden. Sie verfolgte die Spur von Tankwagen, die die Asiatic-Mühle verließen und am nächsten Morgen im Hafen von Jambi auftauchten - vor einem Palmöllager namens Pelita. "Das Wilmar-Lager war leer, während bei Pelita die Tankwagen Schlange standen. Deren Mitarbeiter haben uns gesagt, sie arbeiteten auch mit Wilmar zusammen."
Eine Sprecherin räumt ein, dass Wilmar diese Tanks bis Januar 2014 tatsächlich genutzt habe - Öl von Asiatic Persada, der größten Mühle weit und breit, sei aber dort nicht eingelagert worden.
Der Konflikt um die Plantage hat inzwischen auch die Regierung in Jakarta erreicht. Vergangenen Oktober drang der Gouverneur von Jambi darauf, die Genehmigung wegen der Rechtsverstöße zu überprüfen. Das Schreiben ging auch an das Justizministerium und den Polizeichef.
Nützen wird es kaum. Die Eignerfamilie Sitorus ist dort bestens vernetzt. In den Aufsichtsgremien ihrer Firmen hat sie etwa einen ehemaligen General, einen Ex-Generalstaatsanwalt und einen ehemaligen Polizeichef untergebracht.
Mitte April berichtete die "Jakarta Post", eine Wilmar-Tochter habe Mangrovenwald auf Borneo für neue Plantagen umgelegt. Wie sich das mit der neuen Politik der "Null Abholzung" verträgt? Die Frage ließ der Nachhaltigkeitsmanager des Unternehmens unbeantwortet.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 18/2014
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