05.05.2014

SüdafrikaStadt der Freien

Das alte Soweto war ein Slum, weltweites Symbol für Armut und Apartheid. Das neue Soweto ist eine Metropole, aus der Musik und Mode für eine junge Generation kommen.
Schon wieder fährt ein Reisebus voller Touristen vor, Briten, Amerikaner, Deutsche. Alle wollen das Haus Nelson Mandelas sehen, 8115 Vilakazi Street, Orlando West, Soweto. "Es ist noch nicht lange her, da traute sich kein Weißer hierher", sagt Sibu Sithole. "Jetzt fallen sie scharenweise ein und gaffen uns an wie seltsame Tiere."
Auch Sibu Sithole zieht an diesem Morgen die Blicke der Besucher auf sich: Er trägt ein pinkfarbenes Shirt und eine Cargohose mit Blechapplikationen und Säumen aus Leopardenfell. An seinem Hals baumeln Amulette und Nagelscheren, die Frisur hat er Bart Simpson abgeschaut. Sithole, 30, ist Modeschöpfer. Vor ein paar Jahren hat er es sogar auf die Titelseite eines Lifestyle-Magazins geschafft.
"Die meisten Leute halten unsere Township immer noch für ein Getto, aber das stimmt schon lange nicht mehr", sagt Sithole. Er zeigt hinüber zum Soweto Theatre, einem avantgardistischen Bau aus bunten Riesenwürfeln, weithin sichtbar auf einer Kuppe im Stadtteil Jabulani. Dahinter liegen eine moderne Shoppingmall, eine neue Großklinik und Apartmentblocks in Pastelltönen. "So sieht das neue Soweto aus", sagt Sithole.
Das alte Soweto war Synonym für Armut, Gewalt und Hoffnungslosigkeit in den Zeiten der Apartheid: ein riesiger Slum im Südwesten von Johannesburg, daher der Name SOuth WEstern TOwnships, in dem die schwarzen Arbeiter hausten.
Zwanzig Jahre nach dem Untergang des weißen Rassenregimes ist Soweto nicht wiederzuerkennen: Der einstige Slum hat sich in eine Großstadt mit rund zwei Millionen Einwohnern verwandelt. Vierspurige Autobahnen mit eigenen Fahrstreifen für Schnellbusse verbinden die Viertel, dazwischen liegen neue Wohngebiete mit Banken, Supermärkten, Autosalons. Überall wird gehämmert, gesägt und betoniert, viele der schäbigen Häuschen wurden renoviert, die Rasenflächen in den Vorgärten sind getrimmt.
Der Wert von Häusern und Wohnungen ist in den vergangenen zehn Jahren um 400 Prozent gestiegen. Geschäfte und Kleinunternehmen wurden gegründet, eine wachsende Mittelschicht ist entstanden. Soweto, eine Erfolgsgeschichte?
Die Regierung hat in den Monaten vor den Parlamentswahlen, die in dieser Woche stattfinden, oft mit Soweto geworben, die Township ist ihr Vorzeigeprojekt: Schaut her, hier überwinden wir Armut und Rückständigkeit, hier entsteht das neue Südafrika. Der Staat hat viele Milliarden Rand in die Infrastruktur gepumpt, Stromnetz, Wasserversorgung, Müllabfuhr und kommunale Dienstleistungen funktionieren besser als im Rest des Landes.
"Schwarze, die es zu etwas gebracht haben, ziehen wieder hierher", sagt Modemacher Sithole. Junge Künstler, Musiker und Designer aus Soweto treten stolz und selbstbewusst auf - ihre Herkunft ist nicht mehr Stigma, sondern Markenzeichen. Sie haben den "Soweto Style" erfunden und prägen die Jugendkultur im ganzen Land mit ihrem Stil, ihrer Mode, ihrer Musik. Kwaito, eine Art Hip-Hop aus Soweto, hat ganz Afrika erobert.
Aber es gibt auch die neue schwarze Bourgeoisie, die durch hoch dotierte Posten im Staatsapparat und milliardenschwere Anteile an Großunternehmen über Nacht reich geworden ist. Die meisten der Privilegierten haben Soweto nicht verlassen, sondern sich abgeschottet, sie leben in Vierteln wie Orlando West, das hier nur "Beverly Hills" heißt. Ihre Villen könnten auch in einem der wohlhabenden weißen Vororte Johannesburgs stehen. Die Neureichen fahren in SUV mit abgedunkelten Scheiben herum und feiern Sushi-Partys in teuren Nachtklubs.
Auch die Kaufkraft der weniger begüterten Bewohner Sowetos ist dank staatlicher Sozialleistungen gestiegen, sie beträgt bei ihnen fünf Milliarden Rand (gut 340 Millionen Euro) pro Jahr. In der Maponya Mall sieht man in Boutiquen und Restaurants fast ausschließlich dunkelhäutige Kunden. Nur ein Weißer ist an diesem Tag zu entdecken, er versucht, Gebrauchtwagen zu verkaufen. Hinter seinem Stand erhebt sich eine Bronzestatue, die an das erste Todesopfer des Schüleraufstands von 1976 erinnert, jener Rebellion gegen das Erziehungssystem der Apartheid, die Soweto weltberühmt machte. Die Leute gehen achtlos daran vorbei. "Das ist Geschichte", sagt Sibu Sithole, der nichts mehr wissen will vom Befreiungskampf. Politik findet er langweilig, er war noch nie wählen.
So denken viele Born Frees, die Generation jener, die in Freiheit aufwuchsen und diese für selbstverständlich halten. Hedonistisch sind sie und in ihrem Hedonismus auch ein bisschen kindisch. Da versammeln sich nachts Teenager, um ihre Markenkleider zu zerreißen, Smartphones zu zerschmettern, Geldscheine zu verbrennen oder Junkfood zu vernichten. Eine Art Wohlstandsverwahrlosung nach der Devise: Was kostet die Welt? Wir können uns alles leisten! Die Bewegung nennt sich Izikhothane, das bedeutet "lecken wie eine Schlange" in der Sprache der Zulu.
Andere geben all ihr Geld für Kleidung aus, etwa die "Italians", eine Gruppe Dandys, die ausschließlich italienische Edelmarken trägt, bevorzugt Versace. Molefe Mohale regt sich darüber nicht mehr auf. Sorgen macht ihm etwas anderes: "Das hier ist Wohlstand auf Pump, die Leute sind bis über beide Ohren verschuldet."
Mohale, 40, verdient als Bildmischer und Filmemacher für einen Sportkanal relativ gut, er lebt mit seiner Freundin und vier Kindern in einem geräumigen Backsteinhaus. Alle sind krankenversichert, die Kinder besuchen gute Schulen, in der Einfahrt steht ein Mittelklassewagen. Man schaut Soweto TV und liest den "Sowetan", eine der auflagenstärksten Tageszeitungen des Landes. Gekocht wird nach den Rezepten von Jamie Oliver.
Dennoch fragt sich Mohale, ob seine Existenz krisenfest ist. "Man kann schnell abstürzen. Ungefähr 40 Prozent der Leute haben keine Arbeit." Dass die Regierung Soweto gern als Modell für eine gelungene Entwicklung präsentiert, hält er für Propaganda. "Wir verbrauchen nur und erzeugen nichts. Das ist ein Grundproblem Afrikas, das sich bei uns wiederholt."
Dafür gebe es viele Beispiele, sagt Mohale, eines sei Brot. Die schätzungsweise zwei Millionen Brote, die die Sowetonians jeden Tag essen, lieferten auswärtige Handelsketten, denn es gebe in Soweto keine einzige Bäckerei. "Es fehlt an unternehmerischer Initiative, die Leute haben die nötigen Fachkenntnisse nicht." Ein Marktforschungsinstitut fand heraus, dass von fünf Kleinunternehmen nach fünf Jahren nur noch zwei übrig bleiben. "Man sollte sich vom Boom nicht blenden lassen", sagt Mohale. Doch trotzdem, er hat es geschafft, es geht ihm besser als der Generation seiner Eltern.
Eine Frau wie Lucia Maswanganwi kann von Mohales Lebensstandard nur träumen. Sie hat zwar einen Job in einem Getränkeladen, haust aber nach wie vor in einer wilden Siedlung in Soweto, denn auch die gibt es noch immer. Ihre Hütte mit der Nummer 1432 steht am Rand einer sumpfigen Senke im Stadtviertel Kliptown.
Der Regen hat den Lehmweg vor ihrer Unterkunft in einen Schlammpfad verwandelt. Durch das rostige Blechdach sickert Wasser. Eine Glühbirne leuchtet den Innenraum aus, der Lehmboden wurde mit Teppichfliesen notdürftig abgedeckt. Maswanganwi präsentiert ihre Schätze: Kühlschrank, Fernseher, zwei Herdplatten.
Aber sie kocht mit Paraffin, weil der Strom nicht ausreicht. Das Wasser schleppt sie in Plastikkanistern von einem öffentlichen Wasserhahn herbei, den Hunderte Slumbewohner gemeinsam nutzen. Auch die Toiletten muss ihre Familie mit vielen Nachbarn teilen. Weil es keine Kanalisation gibt, spielen die Kleinkinder in der stinkenden Kloake, werden oft krank.
"Dieser Ort ist schrecklich", schimpft Lucia Maswanganwi, 29 Jahre ist sie alt. "Wir hoffen seit 20 Jahren auf das bessere Leben, das uns die Regierung versprochen hat." Im vergangenen Jahr, sagt sie, seien nur 50 ältere Bewohner aus ihrem Slum in ordentliche Wohnungen umgezogen. Manchmal komme es ihr so vor, als wäre die Zeit seit dem Ende der Apartheid einfach stehen geblieben. Deshalb werde sie bei den Wahlen nicht mehr für Präsident Jacob Zuma und seine Regierungspartei African National Congress (ANC) stimmen. Für wen dann? "Keine Ahnung." Im Wahlkampf ließ sich kein einziger Spitzenfunktionär des ANC im Armenquartier blicken. "Die haben uns vergessen", sagt Maswanganwi.
Die Dämmerung senkt sich auf die Blechhütten von Kliptown, auf dem Hügel gegenüber leuchtet das neue Soweto-Theater in der Abendsonne. Glanz und Elend Sowetos. Die schöne Seite der Stadt beginnt gleich jenseits der Bahntrasse, die Maswanganwis Slum vom Freiheitsplatz trennt. Hübsche Kameldornbäume stehen da, das Soweto Hotel mit vier Sternen, eine moderne Kongresshalle, in der auch Shows stattfinden wie "Idols", Südafrikas Suche nach dem Superstar.
Kliptown ist das Herz Sowetos und der Geburtsort der südafrikanischen Demokratie. Hier wurde im Juni 1955 die Freedom Charta verabschiedet, 2884 Delegierte aus sämtlichen Regionen und Bevölkerungsgruppen des Landes forderten darin Freiheit und Gleichberechtigung für alle Südafrikaner. Es war der Anfang vom Ende der Apartheid. Fast 60 Jahre ist das her, 20 Jahre sind seit dem Ende der Apartheid vergangen. Heute ist die Township ein Mikrokosmos des neuen Südafrika: wohlhabend und bitterarm, in die Zukunft aufbrechend und in der Vergangenheit gefangen.
Hier der Golfplatz, die Privatklinik, das Fitnesscenter und die Villen der Aufsteiger, dort das Heim für Aidswaisen, die Armenküche, die klapprigen Handkarren der Müllsammler. Die Kinder der Reichen besuchen Privatschulen, nehmen Klavierstunden, belegen Ballettkurse. Die Kinder der Armen streifen bettelnd durch die Straßen, gehen hungrig schlafen.
"Ich bin irgendwo dazwischen", sagt Sibu Sithole, der Modeschöpfer. "Wir leben immer noch in zwei Welten, und es läuft verdammt viel schief." Er zählt die Probleme Sowetos auf: Arbeitslosigkeit, schlechte Schulen und Krankenhäuser, Kriminalität.
Der Junggeselle lebt in einem geräumigen Anbau neben dem Haus seiner Mutter, die als Krankenschwester in einer Privatklinik gut verdient. "Für jemanden wie mich ist das Leben definitiv besser geworden", sagt Sithole. Als die Apartheid abgeschafft wurde, war er zehn Jahre alt. Er weiß, dass er damals keine Chance gehabt hätte als freischaffender Künstler. "Ich wäre wahrscheinlich gar nichts geworden. Oder ein Sklave der Weißen, wie unsere Väter und Großväter."
Sithole hat sich umgezogen, er trägt jetzt einen britischen Bowler, eine riesige Sonnenbrille und ein schwarzes Basketballshirt. An seiner linken Hand steckt ein überdimensionaler Ring, den er aus einer Speisegabel zurechtgebogen hat. Sithole trifft gleich seine Kollegen von Smarteez, so heißt die Gruppe, die er mit drei anderen Designern gegründet hat. Sie wollen den Konsumkult parodieren.
Ihre Mode ist eine Mischung aus westlichen Altkleidern und traditionellen südafrikanischen Stilelementen. Sie drücke das Lebensgefühl der skeptischen Jugend aus, erklärt Sithole. "Das Alte stirbt, wir erfinden das Neue." Deswegen haben sie sich Smarteez genannt, eine Anspielung auf Smarties, die Schokolinsen: außen bunt, innen schwarz.
Von Bartholomäus Grill

DER SPIEGEL 19/2014
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