05.05.2014

MedizinFehde der Babymacher

Ein Gynäkologe steht vor Gericht, weil er einem Reproduktionsarzt aus Österreich half, deutschen Frauen ihren Kinderwunsch zu erfüllen.
Manfred Miehe und seine Freundin Nadine hatten sich ihren Julian herbeigesehnt. Sie hatten es auf natürlichem Weg probiert. Vergebens. Sie hatten es bei einem angesehenen Berliner Institut für Reproduktionsmedizin auf künstlichem Weg probiert. Vergebens.
Schließlich riet ihnen ihr Reproduktionsarzt, sie könnten zu Professor Herbert Zech nach Bregenz in Österreich fahren, der habe womöglich mehr Erfolg. Zech entnahm der Frau 14 Eizellen, die er im Reagenzglas befruchtete. Sieben überlebten, nach fünf Tagen waren noch drei übrig, von denen ihr der Mediziner zwei einpflanzte. Aus einer wurde Julian.
Miehe, heute 53, freundete sich mit Zech an. "Ich habe ihn und seine Leistungen schätzen gelernt", sagt Miehe. Weil er selbst Gynäkologe ist, behandelte er fortan auch Frauen, die zur künstlichen Befruchtung nach Österreich fahren.
Und das bringt Miehe jetzt vor Gericht. Der Arzt, inzwischen Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe in einer niedersächsischen Klinik, sollte einen Strafbefehl über 42 000 Euro zahlen, wegen eines Verstoßes gegen das Embryonenschutzgesetz. Miehe hat Einspruch eingelegt, deshalb muss er sich diesen Dienstag vor dem Amtsgericht Tiergarten in Berlin verantworten.
Bei dem Verfahren geht es nicht allein um die Frage, was Ärzte, die Kinderwünsche erfüllen wollen, rechtlich sowie ethisch tun dürfen und was nicht. Der Gerichtsstreit ist der vorläufige Höhepunkt im Kampf um Geschäftsanteile auf dem lukrativen Markt für künstliche Befruchtungen. Allein in Deutschland werden jährlich rund 50 000 Behandlungen vorgenommen, viele Tausend Paare suchen zudem Hilfe in Österreich, Belgien, Tschechien oder Polen. Das Verfahren ist Teil eines heftiger werdenden Wettstreits zwischen deutschen Reproduktionszentren und der ausländischen Konkurrenz.
Für viele deutsche Mediziner ist der Österreicher Zech der größte Feind, weil er offen in Deutschland um Kundschaft wirbt. Wegen seiner angeblich illegalen Methoden zeigte ihn vor fünf Jahren eine Rechtsanwaltskanzlei bei der Staatsanwaltschaft München I an, offenbar im Auftrag eines Reproduktionszentrums. Das Verfahren wurde mangels Tatverdacht eingestellt.
Danach nahmen sich die Staatsanwälte Zechs deutsche Helfer vor. In Österreich findet zwar die Entnahme der Eizellen, deren Befruchtung und das Einpflanzen der befruchteten Zellen statt. Aber üblicherweise werden die Frauen in Deutschland vorbereitet, die Follikel mit den Eizellen werden ausgemessen, der Termin des Eisprungs wird bestimmt, die Medikation überprüft. Auch den Schwangerschaftstest nach der Einpflanzung übernimmt ein deutscher Kollege.
Und deshalb ermittelte die Münchner Staatsanwaltschaft gegen mehrere Dutzend Frauenärzte, bei 36 fanden Durchsuchungen statt, einige wurden in Handschellen abgeführt. Bei Miehe sah die Staatsanwaltschaft eine "Beihilfe zu missbräuchlicher Anwendung von Fortpflanzungstechniken" in 33 Fällen und bot ihm zunächst an, das Verfahren gegen Zahlung von 40 000 Euro einzustellen. Fast alle anderen Ärzte waren eingeschüchtert und zahlten zwischen 2000 und 40 000 Euro. Miehe lehnte ab. "Weil ich mir nichts vorzuwerfen habe", sagt er.
Deutschland hat ein Embryonenschutzgesetz, das zum Teil bis heute restriktiv ausgelegt wird: Danach dürfen nicht mehr als drei Eizellen in einem Zyklus befruchtet und einer Frau eingepflanzt werden. Der Gesetzgeber wollte damit eine "Vorratsbefruchtung" verhindern, aus Sorge, überschüssige Embryonen könnten beispielsweise geklont werden. Auch eine Auswahl darf hierzulande nicht stattfinden - doch dadurch sinken die Chancen, den stärksten Embryo zu erwischen.
Zechs Kliniken dagegen dürfen laut österreichischem Gesetz so viele Eizellen befruchten, wie für "eine aussichtsreiche Fortpflanzung notwendig sind".
Um ihren Patienten bestmöglich helfen zu können, verfahren viele deutsche Reproduktionsmediziner längst ähnlich. Denn das hiesige Gesetz ermöglicht auch eine andere Lesart. Nach dem sogenannten deutschen Mittelweg können Ärzte, abhängig vom jeweiligen Paar, im Einzelfall mehr als drei Eizellen weiterentwickeln, um am Ende zumindest zwei entwicklungsfähige Embryonen zu erhalten.
Der Verdacht, Zech setze Frauen mehr als drei Embryonen ein, war schnell vom Tisch. Denn der Österreicher pflanzt ebenfalls maximal zwei Embryonen ein - auch um die Gefahr von Mehrlingsgeburten zu verringern.
Zum Schluss blieb der Vorwurf, Miehe helfe Zech, Frauen hormonell zu stimulieren, um bis zu 18 befruchtungsfähige Eizellen pro Zyklus zu produzieren. "Nichts anderes machen die deutschen Zentren", sagt Miehe, "aber wir wurden dafür kriminalisiert."
Inzwischen hat Zech als Gegenwehr mehrere deutsche Reproduktionszentren angezeigt, weil diese offen eingestanden hätten, mehr als drei Eizellen zu befruchten. Die Staatsanwaltschaften in Köln und Nürnberg lehnten Ermittlungen ab. Letztere sah kein öffentliches Interesse, zudem sei die Schuld "als gering anzusehen".
Manfred Miehe ist überzeugt: "Hier geht es nicht mehr um ethische Fragen, sondern um den Wettbewerb der Mediziner." Auch wenn er jetzt zwischen die Fronten geraten sei, aufgeben werde er "in keinem Fall".
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 19/2014
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