05.05.2014

Dirk Kurbjuweit: Der WutbürgerBomben und Bier

Was mich ärgert, sind Politiker, die unsere schönsten Wörter verderben, indem sie ahnungslos Gebrauch von ihnen machen. In der vergangenen Woche vergriffen sich Angela Merkel und Horst Seehofer. Opfer sind: Fantasie, Philosophie. Ich nehme noch einen Satz Merkels aus dem Wahlkampf hinzu, weil er mir nicht aus dem Kopf will. Sie sprach über Träume. Es geht also um wirklich schöne, herrliche Wörter.
Vergangene Woche sagte Merkel, ihr fehle die Fantasie, wie der Abbau der kalten Progression finanziert werden solle. Als machte sie ansonsten Politik mit Fantasie. Als hätte sie uns je lebendige Erzählungen von einer besseren Zukunft anbieten können. Der letzte deutsche Spitzenpolitiker, der Fantasie hatte, war Joschka Fischer. Wenn ich mit ihm einen Kaffee trank, begannen seine Erzählungen fast immer mit einer Bombe. Er platzierte eine Terroristenbombe in einer amerikanischen Botschaft im Nahen Osten und ließ sie hochgehen. Bumm, sagte er. Seine Hände flogen nach oben, seine Augen weiteten sich. Dann sprudelten die Wörter: Flächenbrand, Apokalypse. Diese Fantasien waren so lebendig, dass ich hinterher tagelang deprimiert war und unwillkürlich einen großen Sack Kartoffeln kaufte, um in den ersten Monaten des dritten Weltkriegs nicht hungern zu müssen.
Seehofer sagte in der vergangenen Woche, es sei unehrlich, über eine Steuerreform zu "philosophieren". Aber wer soll das getan haben? Welcher Spitzenpolitiker ist dazu in der Lage? Der letzte war Helmut Schmidt, der sich als Bundeskanzler den Ideen von Karl Popper verschrieb. Piecemeal social engineering, die visionslose Politik der kleinen Schritte, führte bei Schmidt mehr oder weniger zum Stillstand. Mit ihm begann der Reformstau, er unterließ die Gesetze, die später der bekennende Nichtphilosoph Gerhard Schröder anpackte.
Merkel sagte den Zuhörern bei einer Kundgebung im Wahlkampf: "Wir wollen helfen, Ihre Träume wahr zu machen." Ich konnte es nicht glauben. Merkel will meine Träume erfüllen? Was stellt sie sich da vor? I have a dream, und das ist eine Datsche? Ein VW Touran? Oder eine Bundeskanzlerin, die Deutschland die Mütterrente beschert? Der letzte Spitzenpolitiker, der einen Traum hatte, war Matthias Platzeck. Als er Bundesvorsitzender der Sozialdemokraten war, sagte er mir, dass er von einer Kneipe in der Uckermark träume. Er würde so gern hinter dem Tresen stehen, Bier zapfen und zusehen, wie sich die Gläser golden füllen. Den Parteivorsitz hielt er nicht lange aus.
Fantasie, Philosophie und Träume sind nicht das Feld der Politiker, die wir haben. Angela Merkel und ihre Große Koalition lassen uns emotional verhungern, verdursten. Es sind Zeiten ohne Transzendenz, ohne Erzählung, ohne Überbau, ohne Schönheit in der Politik. Das ist schlimm genug. Dann sollen sie wenigstens die schönen Wörter in Ruhe lassen. Sie sollen Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz sagen, Nachhaltigkeitsfaktor, Eingliederungsvereinbarung. Und dann ordentliches Handwerk abliefern. Wenigstens das.
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 19/2014
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