05.05.2014

Interview„Ein schamloser Angriff“

Der Osteuropa-Erkunder Karl Schlögel über seine Reise in die Ukraine, die Ahnungslosigkeit der Russland-Versteher und die Notwendigkeit eines Künstlerboykotts
SPIEGEL Herr Professor, Sie sind bekannt für eine literarische Form der Geschichtsschreibung. In Ihrem Text nun schildern Sie das Leben in ukrainischen Städten, die sich trotz der Bedrohung um Normalität bemühen. Hat Sie das Ausmaß an Normalität überrascht?
Schlögel Ja. Im Grunde reagieren die Menschen in den Städten so wie Rudolph Giuliani, der damalige Bürgermeister von New York, nach den Attentaten des 11. September 2011, als er sinngemäß sagte: Wir werden unsere souveräne Stadt nicht zur Gefangenen der Angst machen lassen.
SPIEGEL Ob diese gewisse Stabilität erhalten bleibt, ist ungewiss.
Schlögel Mir geht es nicht um die Beschwörung eines Happy Ends, ich möchte aber betonen, dass nicht schon alles gekippt und gelaufen ist. Sorge bereitet mir der Freitag dieser Woche, der 9. Mai. Die Gedenkveranstaltungen zum Sieg der sowjetischen Armee im Mai 1945 könnten von den Provokateuren genutzt werden, um die Lage eskalieren zu lassen.
SPIEGEL Was kann der Westen tun?
Schlögel Die Durchführung der Wahlen unterstützen. Außerdem sollte sich der Westen nicht auf die Sprechweisen des großen Erpressers Putin einlassen. Der Westen kann den Dialog weiterführen, aber muss darin Putins Aggression klar abwehren. Im Moment schwankt der Westen, weil er militärisch nicht eingreifen will und sollte und weil er abhängig ist von russischen Energielieferungen. Und Putin spielt souverän mit der Ohnmacht des Westens. Deswegen wäre ein geschlossenes Auftreten das Wichtigste. Putins größter Triumph neben der Annexion der Krim wäre eine Spaltung des Westens.
SPIEGEL Wie sähe ein geschlossenes Auftreten aus?
Schlögel Der Westen muss sich vor allem unabhängig machen von den Energielieferungen. Dem Westen muss auch klar sein, dass er nicht alles haben kann: Handel wie bisher üblich und zugleich Hinnahme der Aggression. Gleichwohl sehe ich ein, dass es für ein Unternehmen weitaus schwieriger ist, auf Austausch zu verzichten, als für einen einsamen Schreibtischintellektuellen.
SPIEGEL Auch Intellektuelle leben vom Austausch.
Schlögel Mit dem offiziellen Kulturaustausch möchte ich derzeit nichts mehr zu tun haben. Im November vergangenen Jahres habe ich die Puschkin-Medaille zuerkannt bekommen, das ist eine Auszeichnung des russischen Präsidenten für Verdienste im Bereich der Kultur und der Wissenschaften. Ich habe mich gefreut, zu einer Übergabe ist es noch nicht gekommen, nun habe ich dem Botschafter geschrieben, dass ich sie nicht annehmen werde.
SPIEGEL Sollten andere Künstler und Intellektuelle Ihrem Vorbild folgen?
Schlögel Es sollte eine Debatte darüber beginnen. Im Juni wird in der Eremitage in St. Petersburg die Manifesta eröffnet, eine internationale Kunstausstellung. Die Künstler sollten eine Diskussion darüber führen, ob sie in einem Land ausstellen, das Grenzen verletzt und den Bürgerkrieg im Nachbarland schürt.
SPIEGEL Sie haben in 40 Jahren Forschung einen anteilnehmenden Blick auf Osteuropa entwickelt, haben um Respekt geworben für die Anstrengungen der dortigen Bürger, die enormen Umbrüche zu bewältigen. Und nun?
Schlögel Für mich ist es ein Zusammenbruch. Ich habe ja immer eher den Alltag der Bevölkerung beschrieben als das, was die Regierenden tun, habe mich nicht so sehr für die katastrophischen Entwicklungen interessiert, sondern für die positiven Kräfte, die in erstaunlichem Umfang da waren. Dass ein so direkter und schamloser Angriff wie der von Putin auf die Krim stattfindet, darauf war ich nicht gefasst.
SPIEGEL Obwohl Sie so viel von Russland verstehen, würden Sie sich nicht zu den Russland-Verstehern zählen?
Schlögel Etwas verstehen zu können ist eigentlich ein Kompliment. Wir haben aber keine Russland-Versteher hier, im Gegenteil: Leute äußern sich, obwohl sie keine Ahnung haben. Was hat Alice Schwarzer zur Interpretation der heutigen russischen Verhältnisse beizutragen? Oder wieso nimmt ein Exponent der Friedensbewegung wie Erhard Eppler, der doch in den Achtzigerjahren in Mutlangen selbst zivilen Widerstand geleistet und gegen die Stationierung von Raketen protestiert hat, einfach nicht zur Kenntnis, dass sich in Kiew über Monate ein ziviler Widerstand aufgebaut hat, der bewunderungswürdig ist? In Kiew haben Hunderttausende gegen ein banditisches Vorgehen ihrer Regierung protestiert. Und dann kommt Eppler und redet nicht mit den Ukrainern über deren Verhältnisse, sondern äußert sich über deren Kopf hinweg.
SPIEGEL Eppler hat vergangene Woche einen Essay im SPIEGEL veröffentlicht. Woher rührt das Verständnis vieler Deutscher für Putins Politik?
Schlögel Es geht auch um die Kompensation von Schuldgefühlen. Die Deutschen haben in Osteuropa während des Zweiten Weltkriegs schreckliche Verbrechen begangen, überall trifft man noch heute auf die zerstörerische Spur deutscher Präsenz. Dann gab es vor dem Krieg ungemein reiche kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Es ist aber die Frage, ob diese historischen Erfahrungen uns nicht blind machen für das, was gerade vor sich geht.
SPIEGEL Schuldgefühle und Nostalgie versperren den Blick auf die Gegenwart?
Schlögel Wir sind nicht auf der Höhe des Verstehens, nicht nur, was psychologisch im Kopf von Putin vorgeht, sondern sozial und mental im postsowjetischen Russland. Ich würde das auch für mich behaupten. Wir müssen ganz neue analytische Anstrengungen unternehmen, um klarzubekommen, was die Triebkräfte sind. Was zum Beispiel bedeuten bestimmte Begriffsverschiebungen? Putin redet neuerdings von der "russischen Welt", er meint damit alle Russen jenseits der Grenzen der Russischen Föderation. Aber es handelt sich um russischsprachige Staatsbürger Estlands, Lettlands oder der Ukraine, die diese Länder als ihre Heimat ansehen und nicht von Putin vertreten oder gar "gerettet" werden wollen.
Interview: Susanne Beyer
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 19/2014
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